Vorglühen und Nachtanken

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Ale
Freitag, 16. April 2010 - 21:29

Vorglühen und Nachtanken

„Mama, bist du heute Abend daheim?" .„Ja warum, wollt ihr schon wieder vorsaufen bei uns, muss das denn sein?"

Dieses Gespräch wiederholt sich etwa 104 mal jährlich, an jedem Wochenendtag, also Freitag und Samstag Abend. Jedes Mal bin ich es fast schon leid zu fragen, aber noch viel schlimmer, mich Mal für Mal rechtfertigen zu müssen. Ich verstehe einfach nicht wo das Problem liegt sich vor dem Ausgehen mit seinen Freunden in gemütlicher Runde zu treffen. Laut meiner Mutter liegt die Problematik darin: „ihr sauft eh schon genug , des muss net au noch davor anfangen".

Werfen wir doch einen genaueren Blick auf das Ganze. In erster Linie kann man den besorgten Müttern aller Welt nur zustimmen, ihre Argumentationen klingen plausibel.
Die Tatsachen - aus der Sicht eines direkt Involvierten - sehen aber anders aus.

Argument 1:

In erster Linie dient „das Vorsaufen", „das Vorglühen", „das Warm-Up" oder wie man es auch immer nennen mag, dazu, sich in entspannter Atmosphäre mit seinen Freunden zu treffen und in Ruhe Dinge zu besprechen die bei über 100 Dezibel in der Disco nur sehr schwer zu erörtern sind. Daher verläuft das Treffen meist in kleiner, intimer Runde, mit dem „engsten Kreis". Häufig passiert es sogar, dass das Vortrinken zu Hause mehr Spaß bringt als der Abend danach, oder dass der eigentliche Discobesuch wegfällt, weil man sich gerade in dieser kleinen Runde so wohlfühlt. Somit ist es viel mehr als der Run möglichst schnell möglichst betrunken zu werden. Die soziale Komponente ist enorm wichtig. Selbstverständlich würde dies alles auch ohne Alkohol gehen, doch wenn der Blick in Richtung feiern gelenkt ist, gehört der in den meisten Fällen einfach dazu.

Argument 2:

Im Discoplex A5 Karlsdorf kostet ein Alkoholmischgetränk um die 5 Euro, was das schmale Budget eines Schülers natürlich stark in Mitleidenschaft zieht. Daher ist der zweite Grund, neben der sozialen Komponente, die ökonomische. Es wäre auf Dauer viel zu teuer, seinen kompletten Alkoholspiegel aus dem Reservoir der Diskotheken zu beziehen. Falls meine Mutter diesen Text hier lesen sollte, würde sie jetzt stöhnen: „ha, ihr müsst doch net immer soviel trinken. Mensch, man kann doch auch ohne Alkohol Spaß haben." Um mal eines klarzustellen, ich rede hier nicht von totalen Abschüssen jenseits humaner Promillewerte, doch ein gewisses Maß an Alkohol löst, wie wir alle wissen, etwaige Schüchternheit und lockert die allgemeine Stimmung. So gibt es nichts Schöneres als nach einer schönen Runde mit seinen Freunden losgelöst und angeheitert in Richtung seines Zieles, dem Club seines Herzens, zu spazieren.

Ein Problem:

So einfach und problemlos war es bisher, doch jetzt hat die Politik versucht, uns einen Strich durch die Rechnung zu machen. Spontanität ist jetzt nicht mehr möglich, da es ab 22.00 Uhr an allen Kiosken und Tankstellen „Alkoholverkaufsverbot" heißt. Soll nicht heißen, dass diese Regelung das Feiern per se verdirbt, jedoch gibt es mal wieder ein Grund mehr sich zu ärgern, wenn der nette Kioskverkäufer seinen Kopf schüttelt und das Unverständnis über die neue Gesetzgebung mit uns teilt. Doch sind Regeln nicht da um sie zu brechen?

Es gibt Wege und Möglichkeiten, die ich hier nicht näher schildern möchte. Da der Homo sapiens sapiens glücklicherweise zu den lernfähigen Lebewesen zählt, kaufen wir im Normalfall unseren Alkohol eben schon im Voraus, um nicht mit dem Gesetz in Konflikt zu geraten.Wo ein Wille ist, ist bekanntermaßen auch ein Weg. Zu guter Letzt stehen einem die Türen zum elterlichen Weinkeller stets offen.

Sofern alle Hürden überstanden und der Trupp noch einigermaßen vollständig ist, treten wir den Heimweg vom Club mit einem gemeinsamen Ziel, zum sogenannten „Nachtanken" an. Dieser Begriff ist in meinen Augen sehr polemisch gewählt, da, soweit überhaupt etwas getrunken wird, dies nur dazu dient, nicht sofort einzuschlafen sondern mit seinen Freunden über den verbrachten Abend zu plaudern und Erlebtes auszutauschen. Da die 100 Dezibel immer noch in den Ohren dröhnen und man meist zu aufgekratzt zum Schlafen ist, dient diese Option perfekt einen im Idealfall schönen Abend würdig ausklingen zu lassen.

Doch leider muss ich allen Jugendlichen, die diesen Artikel ihren Eltern zum Lesen anempfohlen und deswegen die Hoffnung geschöpft haben, den ewigen Diskussionen ein Ende zu bereiten, enttäuschen, da sich die mütterliche oder väterliche Fürsorge jeglicher rationaler Argumente verschließt. So bleibt uns nur eines:

Nerven bewahren und weiterdiskutieren.

Eigene Bewertung: Keine Durchschnitt: 5 (1 Bewertung)

Kommentare

Anfrage beim Innenministerium

Zum Thema "Alkoholverkaufsverbot in Baden-Württemberg" hat Sleeksorrow eine Anfrage an Innenminister Rech geschickt, die bisher leider nur unvollständig beantwortet wurde: Fragenkatalog zum Alkoholverkaufsverbot

Alkohol an Tankstellen

Wenn es nach mir ginge (und wahrscheinlich bin ich da nicht ganz alleine) würden TANKSTELLEN überhaupt nie Alkohol verkaufen dürfen.
Diese Perversion ärgert mich schon immer.

Von mir aus soll sich jeder

Von mir aus soll sich jeder über 18 soviel von dem Zeug hinter die Binde kippen, wie er möchte. Solange er dann auch die vollständige Verantwortung dafür übernimmt, was er da tut.

Also: Alle Schäden beseitigen, jegliche gesundheitliche Auswirkungen selbst bezahlen und die volle härte des Gesetzes bei jeglichem handeln unter Alkoholeinfluss.

Seltsamerweise habe ich es geschafft in dieser Welt zu überleben, ohne mich vor zu glühen oder nach zu tanken... und wieder erwarten kann ich ausgelassen feiern ohne zuvor für einen entsprechenden Pegel gesorgt zu haben.

Und, sind wir mal ehrlich... wem man es, wie in diesem Fall 104 mal im Jahr gesagt bekommt und immer noch nicht versteht, dem ist auch mit "Gesetzen" nicht zu helfen, den die versteht er ja auch nicht.

Leider muss aber immer noch die Gemeinschaft dafür aufkommen, was diese Leute anrichten. Von mir aus, kann Jeder betrunken vor eine Hauswand fahren, solange dabei er und nur er der Geschädigte ist.

Welche Auswirkungen dieses "Vorglühen" hat, darf ich jedes Wochenende im Stadtpark bewundern.

Anfrage beim Innenministerium

Danke Petersen für die Verlinkung. Es gibt in der Zwischenzeit auch ein kleines Update, bei dem noch ein Quentchen Info rüberkam, aber auch so kann von "Vollständiger Beantwortung" keine Rede sein.

=> Fragenkatalog zum Alkoholverkaufsverbot

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