Zigeuner in der Schnecken-Siedlung

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Über die ganz alltäglichen Zigeuner-Klischees
Dienstag, 19. August 2014 - 18:56

Daniel Zuber blickt in einer Reportage, die bei dem in der Schweiz erscheinenden jüdischen Wochenmagazin TACHLES abgedruckt und auch hier bei bruchsal.org veröffentlicht wurde: Vergessener Völkermord an Sinti und Roma - Zwischen Zigeunerromantik und Rassismus, nicht nur zurück in die Zeiten des Nationalsozialismus und die frühen Jahre der Bundesrepublik Deutschland. Er betont, und zeigt dies an einigen drastischen Fällen auf, dass Vorurteile und der Rassismus gegenüber Sinti und Roma bei uns weiter grassieren. So schrieb vor lediglich zwei Jahren, im Jahr 2012, eine Schweizer Zeitschrift: „Sie kommen, klauen und gehen. Osteuropäische Roma-Sippen sind zu einem grossen Teil für den wachsenden Kriminaltourismus verantwortlich. Sie schicken Frauen auf den Strich und Kinder zum Betteln.“ Ein Gedankengut, das auch bei uns im beschaulichen Bruchsal möglich wäre?

Wohl jeder hat es in Bruchsal oder einem unserer schönen Kraichgau-Dörfchen schon zu Ohren bekommen, dieses entrüstet ausgerufene „der Zigeuner!“, womit einer unserer Mitbürger verbal abgestraft werden sollte, weil dieser sich, nach Ansicht des seine Stimme erhebenden Zeitgenossen, nicht gesellschaftskonform verhalten hatte. Auch das manchmal eher in direkter Anrede zu hörende, augenzwinkernd-tadelnde „du Zigeuner“ ist gar nicht so selten zu hören. Mit „du Zigeuner“ soll eine Person mit einer Schlitzohrigkeit oder gar einer kriminellen Handlung in Zusammenhang gebracht werden.

Sicherlich wird „der Zigeuner“ oder „du Zigeuner“ ab und an doch eher gedankenlos verwendet, doch sollten die, die diesen Begriff so abwertend verwenden nicht vergessen, dass die Nationalsozialisten „die Zigeuner“ - heute gilt in Deutschland „Sinti und Roma“ als die gebräuchliche Bezeichnung - ebenso wie beispielsweise Juden verfolgten und ermordeten. Der Begriff „Zigeuner“ ist nicht wertneutral. Diese Bezeichnung ist deutlich verbunden mit extrem negativen Vorurteilen bis hin zu rassistischen Stereotypen – was auch die oben erwähnten Situationen deutlich unterstreichen.

 

Exkurs – systematisch ausgeübter Völkermord

Vermessung

Eine Mitarbeiterin der "Rassenhygienischen Forschungsstelle" bei der Untersuchung einer Sintizza. Foto: Bundesarchiv

Zur planmäßigen Vernichtung dieser Menschen wurde 1938 das „Reichskriminalamt zur Bekämpfung des Zigeunerunwesens“ mit einer so genannten „rassenhygienische Forschungsstelle“ gegründet. Diese erstellte Stammbäume und unterschied in „reinrassige Zigeuner“ und „Zigeunermischlinge“. Alle Sinti und Roma, die nicht in das Bild des „reinen Deutschen“ passten, da sie als rassisch minderwertig eingestuft wurden, wurden in Konzentrationslager gebracht und dort ermordet. Darüber hinaus fielen in den osteuropäischen Ländern Hunderttausende Sinti und Roma den Erschießungskommandos der deutschen Besatzer zum Opfer. Insgesamt verloren geschätzte 220.000 bis 500.000 Sinti und Roma aufgrund des Rassenwahns der Nationalsozialisten und dem an ihnen systematisch ausgeübten Völkermord ihr Leben (Quelle: DHM). Die genaue Zahl der Ermordeten ist bis heute jedoch nicht bekannt.

 

Zurück nach Bruchsal

Noch in den frühen 1960er Jahren wurde den braven Bürgerkinder in den „besseren“ innerstädtischen Wohngegenden Bruchsals eingebläut, sich von den Siedlungen im Süden der Stadt Bruchsal fernzuhalten – zumindest aber tunlichst vorsichtig zu sein, wenn sich ein Kontakt nicht vermeiden ließe. Insbesondere der Reitweg mit seinen zweistöckigen Notunterkünften wurde von den Eltern als eine Gegend ausgemacht, die Kinder unbedingt meiden sollten. Wohten dort doch Menschen, deren Lebensauffassungen doch so anders sein sollen als die der sogenannten „normalen“ Bürger. Und dort sollen, so wurde erzählt, eben auch „Zigeuner“ gewohnt haben. Vielleicht hatten die Eltern, aufgewachsen zur Zeit des Nationalsozialismus und von dessen Indoktrinationen geprägt, sogar Angst, dass ihre Kinder von „den Zigeunern“ geklaut würden? Sogar noch heute wird das Gerücht in Umlauf gesetzt, dass Zigeuner Kinder klauen, wie ein zehntausenfach verteiltes Posting bei Facebook belegt: Die moderne Legende von den Kinderdieben.

Koma

Korbmacher

Tatsächlich lebte in der Joß-Fritz-Siedlung, im Volksmund auch „Schnecken-Siedlung“ genannt, eine Roma-Familie. Bereits seit den 1920er Jahren war die Roma-Familie Schneck in Bruchsal ansässig. Der Älteste der Familie, Franz Schneck, war als Pferdepfleger bei den Gelben Dragonern beschäftigt gewesen und siedelte sich nach seinem Ausscheiden aus dem Militärdienst in Bruchsal an. Er arbeitete in seinem Beruf als Korbflechter und Siebmacher und reiste durch die nähere und weitere Umgebung, um seine Körbe und Siebe insbesondere an die Bauern der Gegend zu verkaufen. Ein anderes Mitglied der großen Schneck-Familie war Karl Schneck, bekannt als „Zweigeli“.

Sogar noch in den 1970er Jahren gab es im Bruchsaler Bürgertum beträchtliche Aufregung, als das Skandalon kolportiert wurde, ein angesehener Bruchsaler Geschäftsmann „poussiert“ mit einer „Zigeunerin von do unne“, also aus der „Schnecken-Siedlung“.

Wie bereits erwähnt, ist die Verwendung des negativ belegten Begriffes „Zigeuner“, gerne in Verbindung mit „du“, „der“ oder „die“, nicht nur hier bei uns in Bruchsal immer noch gang und gäbe.

Angesichts der fremdländisch anmutenden Bettler oder meist Ziehharmonika spielender Musiker in der Bruchsaler Fußgängerzone wird von Passanten nicht selten der Verdacht geäußert, dass dies nur „Zigeuner“ sein könnten, die von mächtigen Clans im Hintergrund auf die Straße geschickt und brutal ausgenutzt würden.

Fasnwt

"Zigeuner". Foto: privat

Und auch aus der Bruchsaler Fastnacht scheint der Begriff „Zigeuner“ nicht wegzudenken sein. Das Zugprogramm des Bruchsaler Fastnachtsumzuges von 2012 nennt insgesamt drei „Zigeuner“-Gruppen. „Närrische Zigeuner“ vom HCC Hambrücken, die Schöll-Hau Zigeuner aus Wolfschlugen und eine Gruppe, die sich „Zigeuner sagen Proscht, wir nemme alles was nix koscht!“, präsentiert von „Kurz vor Knapp“ aus Kirrlach. Zugegeben, „Närrische Zigeuner“ hört sich wahrlich prickelnder an als „Närrische Sinti und Roma“, eine Gruppe jedoch, die sich „Zigeuner sagen Proscht, wir nemme alles was nix koscht!“ spielt vielleicht doch ein klein wenig zuviel mit den wohlbekannten „Zigeuner“-Klischees.

 

Zurück ins Bruchsal der frühen 1950er Jahre

Autor Daniel Zuber schreibt des Weiteren in seinem Beitrag bei TACHLES, dass noch in den 1950er Jahren „der Vernichtungswille der Nationalsozialisten und die Dimension des Völkermordes [...] vielfach verharmlost, relativiert und teilweise geleugnet wurde.“ Um dies bestätigt zu sehen, muss man unsere schöne Kleinstadt nicht verlassen, befindet sich in Bruchsal doch seit 1848 ein Zuchthaus, heute offiziell Justizvollzugsanstalt genannt, bei den Einheimischen bekannt als „Café Achteck“.

Zuchthaus

Justizvollzugsanstalt Bruchsal. Foto: privat

Der gebürtige Schwarzwälder Dr. Imanuel Baumann, der an der Martin-Luther-Universität in Halle-Wittenberg am Institut für Geschichte Zeitgeschichte lehrt, schildert in seinem lesenwerten Buch „Dem Verbrechen auf der Spur: Eine Geschichte der Kriminologie und Kriminalpolitik in Deutschland 1880 bis 1980“, wie die Beamtenschaft des Bruchsaler Zuchthauses Stereotype des Dritten Reiches in die 1950er Jahre der Nachkriegszeit fortschreibt.

Dr. Baumann berichtet über einen Rom, der 1953 einen Händler um etwa 80 DM geschädigt hatte, da er für ein getätigtes Geschäft lediglich eine Anzahlung machte, darüber hinaus den Kaufpreis jedoch nicht entrichtete. Das Gericht verurteilte den Rom Jonas Dietrich, von Beruf Korbmacher, wegen Diebstahls und Betrugs, jeweils im Rückfall zu einem Jahr und sechs Monaten Zuchthaus. Diese Strafe hatte er im Bruchsaler Zuchthaus zu verbüßen, wo er bei Antritt seiner Haftstrafe von Anstaltsarzt und Oberlehrer, dem katholischen Pfarrer und einem Fürsorgepraktikanten beurteilt wurde.

Dr. Baumann schreibt: „Das Eingangsgutachten vom April 1954 war durchweg von antiziganistischen Stereotypen dominiert. Jonas Dietrich nähme 'es mit der Wahrheit nicht so genau', meinte der Geistliche und begründete dies mit der Bemerkung: 'Zigeunertyp u. -leben'. Mit der gleichen Argumentation erklärte der Praktikant den 'verwahrlosten Eindruck' des Gefangenen. Für den Lehrer war er ein 'Gewohnheitsverbrecher, den auch die härteste Strafe nicht mehr ändern wird'. Die Bemerkung des Anstaltsarztes im Eingangsgutachten lautete: 'missmutig, […] typisch jenischer Zigeuner, u. bagatellisiert, straf- anstalts- u. KZ. erfahren'.“

Anfang 1955 bündelte die Landesstrafanstalt Bruchsal anlässlich eines Gnadengesuchs des Korbmachers die Einschätzung ihrer Beamten und formulierte diese pessimistische Prognose für den Rom Jonas Dietrich:

Sicherungsverwahrung und Konzentrationslager konnten ihn nicht davon abhalten, bereits vom Jahre 1946 an, erneut [...] straffällig zu werden […]. [Er bleibt] auch für die Zukunft weiterhin stark gefährdet, so dass die Strafe ihm gegenüber in erster Linie sichernden und abschreckenden Charakter tragen muss.“

Imanuel Baumann beurteilt diese misserfolgsorientierte Voraussage folgendermaßen: „Die Deportation von 'Zigeunern' in Konzentrationslager, das geht aus dieser Passage hervor, wurde also als kriminalpolitische Maßnahme betrachtet, die gleichsam von den Betroffenen selbst 'verschuldet' worden war.“ Weiter schreibt der Geschichtswissenschaftler, „die Argumentationsfigur, mit dem Rückbezug auf eine KZ-Haft die 'Unverbesserlichkeit' eines Gefangenen respektive Verwahrten zu belegen, stellte dabei keinen Sonderfall dar.“ So habe der damalige Anstaltsleiter des Bruchsaler Zuchthauses, Oberregierungsrat Dr. Otto Rudolph, einen Bericht verfaßt, in dem er u. a. seine Sichtweise zum „Bestand an Sicherungsverwahrten und ihre charakteristischen Merkmale“ erläutert. In diesem Manuskript betont er die Wirkungslosigkeit des Vollzugs bei jenen „Insassen, die wie es hier der Fall ist – zu 20-35 % jahrelang in KZ's unter eiserner Disziplin eingesessen sind“.

© Rolf Schmitt

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Kommentare

Herr Rolf Schmitt...

Zitat: [...]"Sicherlich wird „der Zigeuner“ oder „du Zigeuner“ ab und an doch eher gedankenlos verwendet, doch sollten die, die diesen Begriff so abwertend verwenden nicht vergessen, dass die Nationalsozialisten „die Zigeuner“ - heute gilt in Deutschland „Sinti und Roma“ als die gebräuchliche Bezeichnung.[...]

Sehr geehrter Herr Schmitt, woher wollen Sie wissen, ob der Begriff vom Aussprechenden abwertend verwendet wird? Wollen Sie alle Personen, die mit der Bezeichnung und Zuordnung des Zigeuners aufgewachsen sind als "Rassisten" abstempeln? Dann sind Sie genau nicht besser als Diejenigen, die Sie als Solche bezeichnen. Wer möchte sich schon gerne vorschreiben lassen, wann er wo und wie zu Sprechen hat? Ich jedenfalls nicht. Lassen Sie die Menschen sprechen, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Sie sind lange genug, vom Kindergarten über Schule und Lehre, bevormundet worden.

Aus dem allgeneinen Sprachgebrauch

sind Ableitungen von dem Wort "Zigeuner" noch nicht verschwunden. Selbst im Duden ist bis heute der Begriff "herumzigeunern" noch mit der Bedeutung von: "herumziehen, ohne festen Wohnsitz [und richtigen Beruf] sein und ein ungeordnetes, unstetes Leben führen"  erklärt.

Wie man mit Liedertexten umgehen will, bei dieser Sprachlage...?
Komm Zigan (Gräfin Mariza)
Spiel Zigan, sonst bist du als Zigeuner nur ein Dieb (Udo Jürgens)
Zigeunerjunge (Alexandra)
um nur ein paar aus einer großen Auswahl zu nennen.

Es ist ziemlich wiedersprüchlich, wenn man das Wort "Zigeuner" nicht mehr verwenden soll, aber genau die Wortbedeutung im Duden von "herumzigeunern" das Negativ-Image beibehält.

Ich bin der Auffassung, dass ein Wort allein nicht diskriminierend sein kann. Es ist der Kontext, in dem es gebraucht wird, der aussagt, ob ein Begriff diskriminiert oder nicht. Und es kann nicht davon abhängig sein, ob im Dritten Reich das Wort benutzt wurde oder nicht.

Sonst müsste man, um nur einige zu nennen, beispielsweise die Worte "ausradieren", "vernichten", "auslöschen" und "dezimieren" ebenfalls in der öffentlichen Verwendung vermeiden, besonders, wenn sie in einem solchen Kontext verwendet werden wie "wenn nötig mit der Auslöschung und Vernichtung solcher Terrorgruppen" (in dem Zusammenhang ging es um einige hunderttausend Menschen).

Wobei man eine Kerze durchaus auslöschen, Benzin vergasen und Akten vernichten kann, aber diese Worte auf Menschengruppen anzuwenden, ist sehr, sehr grenzwertig.

Wortwahl

Nein, es ging eben nicht um die Vernichtung oder Auslöschung Hunderttausender, sondern um deren Rettung vor den Terrorgruppen der IS.

Ich schrieb, "wenn nötig" auslöschen und das ist auch so, wie es immer mit Terroristen ist, wenn sie Wehrlose in ihrer Macht haben.

Was ist daran so unverständlich?

Sie verdrehen es natürlich wieder.

In dieser IS "kämpfen" die Radikalsten der Radikalen, sie gehen absolut barbarisch vor. Die werden in ihrer überwiegenden Mehrzahl nicht aufgeben, das sind Fanatiker. Und da gibt es eben eine logische Konsequenz, dann nennen sie es eben "über die Regenbogenbrücke geleiten" oder "den Weg ins Paradies ebnen", wenn ihnen das politisch korrekter erscheint, ich nenne die Dinge beim Namen.

 

 

@Morticia

Zitat: [...]"den Weg ins Paradies ebnen"(Anm. der Gotteskrieger der getötet wird, kommt sowieso dahin, zu seinen 72 Jungfrauen)
...der war gut.

SWR-Beitrag "Ich bin ein deutscher Sinto"

aus der Reihe SWR2 Tandem vom 1. September 2014:

Ich bin ein deutscher Sinto
Marco und seine Tante FroschaVon Monika Kursawe

@Gabe

Eben, mit dieser Lösung wären alle glücklich, die bedrohten Unschuldigen, die Mitglieder der "Endzeitsekte" IS, vielleicht sogar die 72 Jungfrauen, obwohl ich bei Letzteren meine Zweifel habe, aber man weiß ja nicht, weshalb das überhaupt noch Jungfrauen sind, vielleicht sind die nicht so anspruchsvoll ;-)

Ich glaube übrigens, daß die Denkweise dieser Menschen (der Fanatiker) hier einfach verkannt wird, denen geht es nicht um ein diesseitiges Leben, die sind vollständig auf ein Jenseits ausgerichtet, das hat mit unserer Weltsicht nichts zu tun. "Gotteskrieger" eben. Ich hab da schon unzählige Dokus gesehen, diesen Menschen sind auch zB ihre Kinder egal, es geht nur um das Opfer für Allah, da kann man nichts, aber auch wirklich null ausrichten.

Das Schlimme ist, daß Kinder tagtäglich dieser Gehirnwäsche ausgesetzt werden und solange sich das nicht ändert wird auch der Terrorismus nicht verschwinden. Meine Meinung.

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