Yin und Yang – Weihrauchfass und Räucherstäbchen

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Donnerstag, 29. August 2013 - 19:21

„Nun habe ich vernommen, dass ihr auch offiziell im Guinness-Buch der Rekorde steht und damit euer Weihrauchfass amtlich dokumentiert das größte Weihrauch- fass der Welt ist“ lässt der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, die Wiesentaler Ministranten wissen und gibt weiter seiner Hoffnung Ausdruck, dass „das Weihrauchfass in vielen Herzen Funken schlägt, wenn es darauf ankommt, unseren christlichen Glauben zu bezeugen."

Dies vermeldet zumindest die Bruchsaler Rundschau in ihrer Ausgabe vom 28. August 2013. Wie dort weiter zu erfahren ist, begutachtete der Philippsburger Notar und Oberjustizrat die oben erwähnte Weihrauchfasskugel und hielt deren wichtigsten Maße wie folgt fest: Die Höhe einschließlich Standfuß beträgt 1,90 Meter, der Durchmesser der Kugel 1,50 Meter und das Gewicht 138 Kilogramm. Und das ohne Standfuß. Mit Standfuß sogar ehrfurchtgebietende 236 Kilogramm. Mit dieser notariellen Urkunde stand nun einem Eintrag im "Guiness-Buch der Rekorde" nichts mehr im Wege. Die jungen Waghäuseler sind jetzt auf immer und ewig in diesem Buch als Inhaber des Rekordes "Größtes Weihrauchfass der Welt" für alle Zeiten verewigt.

Dem Bericht ist weiterhin zu entnehmen, dass dieses besondere Ereignis in die stolze 716-jährige Geschichte der Jodokuspfarrei eingehen wird. Ganz offiziell wurde die englischsprachige Urkunde bei einem Gottesdienst in Wiesental den stolzen Vertretern der Altardiener und des „Vereins der ehemaligen Ministranten“ übergeben.

Fass

Diese Wiesentaler kirchengeschichtliche Erfolgsgeschichte veranlasste jedoch die Süddeutsche Zeitung, in der Kolumne „Das Streiflicht“ auf der Titelseite der heutigen Ausgabe zu einer, nun, sagen wir mal etwas differenzierteren Betrachtung:

„ […] Nun hat in der Nacht zum Mittwoch der New Yorker Ashrita Furman das größte Räucherstäbchen der Welt entzündet und damit einen Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde geschafft.“

Die Süddeutsche berichtet weiter, dass für Furman dies nichts Besonderes sei, denn er habe zuvor schon 163 Weltrekorde aufgestellt, unter anderem mit dem längsten Bleistift der Welt sowie in der Disziplin „Unterwasserjonglieren in Gegenwart von Haien“. Das Rekordstäbchen von Furman ist 9,45 Meter lang, sieht aus wie eine Zigarre und als Raucher der Mega-Zigarre wird Altkanzler Gerhard Schröder vorgeschlagen.

Nach diesem Vorgeplänkel holt die Zeitung jetzt tief Luft (symbolisch) und lenkt das Interesse des Lesers von New York ins badische Wiesental:

„Auffallend ist, dass just an dem Tag, an dem der Weltrekordversuch im Räucherstäbchenschnitzen gelang, auch das weltweit größte Weihrauchfass ins Guinness-Buch kam. Es hängt an der Decke der Pfarrkirche St. Jodokus in Wiesental. Auch wer nicht vom Sandelholzduft benebelt ist, wird darin eine höhere Fügung erkennen. Das größte Räucherstäbchen und das größte Weihrauchfass gehören zusammen wie Yin und Yang. Damit ist nicht gemeint, dass das Wiesentaler Fass als Aschenbecher des New Yorker Stumpens dienen könnte.“

Der Autor verweist darauffolgend auf Zusammenhänge, die nach seiner Ansicht tiefer gründen und lässt diese münden in die Erkenntnis, „dass es egal ist, ob Weihrauch oder exotische Blumen qualmen. Hauptsache Rauch steigt auf und bringt die Menschen zur Besinnung. Mit dem Riesenfass kann man die Gläubigen sogar stets aufs Neue beweihräuchern, während das Räucherstäbchen nach einmaligem Gebrauch nur noch Asche ist.“

Zum Abschluss der Kolumne spekuliert der Autor, dass Furman sicher bereits an der größten Pfeife der Welt bastele. Über die neuesten Ideen der Wiesentaler stellt er allerdings leider keine Mutmaßungen an. Wie wäre es mit dem weltweit grundlosesten Taufbecken (nicht unter 30 Meter) oder dem tiefsten Hochaltar aller Zeiten?

Nach dem Lesen dieses Kommentars kann man sich richtig schön ausmalen, wie der Autor und seine Kollegen wiehernd in ihren Bürostühlen hingen, als  die Pressemitteilung über die zweifache Preisverleihung durch das Guinness-Buch der Rekorde auf ihren Schreibtischen landete. Köstlich!

Hier geht’s zur offiziellen Seite von Guinness World Records: http://www.guinnessworldrecords.de/

Und hier darf das Weltrekordfass in voller Pracht in der Pfarrkirche St. Jodokus bewundert werden. Offizieller Titel dieses youtube-Beitrages: "Fluch der Karibik und das größte Weihrauchfass der Welt". Na ja ...

Wer weiß, zu welchen satirischen Höhenflügen die Redaktion der Süddeutschen Zeitung sich aufgeschwungen hätte, wäre ihr diese Betitelung des Filmchens bekannt gewesen.

 

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Kommentare

Wunderbar

Sehr schöner Artikel. Vielen Dank für die differenzierte Berichterstattung, könnten Sie uns den Artikel der Süddeutschen Zeitung zukommen lassen. Herzlichen Dank!

Klar doch!

Gerne. Ich schicke Ihnen einen Scan des Artikels an die von Ihnen angegebene E-Mail-Adresse. Viele Grüße Rolf Schmitt

Perfekt! Herzlichen Dank! Wir

Perfekt! Herzlichen Dank! Wir haben Ihren Artikel schon per facebook verlinkt.
Die nächste Aktion steht schon in den Startlöchern!Sie dürfen gespannt sein;-)

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Schade. Leider eine geschlossene Gruppe :-(

Nene, jeder ist willkomm, der

Nene, jeder ist willkomm, der gefällt mir klickt: https://www.facebook.com/pages/Das-gr%C3%B6%C3%9Fte-Weihrauchfass-der-We...

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Offen für alle. Auch für die größte Pfeife der Welt;-)

Geschlossene Gruppe...

Schade?!
Dem Himmel sei Dank!
Könnten diese Diener der katholischen Kirche mit dem dafür verwendeten Geld nicht etwas Vernünftiges machen?

Man muss sich schon fragen

Ob da nicht eine Art Aberglauben entsteht, oder die Lust andere mit dieser "Leistung" in den Schatten zu stellen.....

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