Wort zum Montag

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Sonntag, 21. März 2010 - 16:23
01112010 WzM

Die Tigerentenkoalition wird sich auf die Suche nicht machen müssen, denn die publizistischen Rohrkrepierer finden sie dieser Tage offenbar von ganz allein.

Wenn aber Sie mal auf der Suche nach einem garantierten Reinfall sind, etwas das definitiv allein deswegen schiefgehen muss, weil es zu diesem Zweck erfunden ist, so seien Ihnen NS-Vergleiche wärmstens empfohlen. Die gehen verlässlich in die Hose.

Das weiß vermutlich mittlerweile auch der Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller, der glaubte, im Zusammenhang mit dem aktuellen Pressegeschehen angesichts nahezu wöchentlich öffentlich werdender Missbrauchsskandale in der katholischen Kirche eine mit dem NS-Kulturkampf vergleichbare Anti-Kirchen-Kampagne ausmachen zu müssen.

Dabei kann man - halt, richtiger: kann ich - seinen Ärger angesichts der vielerorts unreflektierten Generalisierungen durchaus verstehen. Es ist nämlich bislang kein Skandal "der Kirche", sondern "in" der Kirche. Und zwar deshalb, weil Schuld stets individuell ist - und zwar sowohl diejenige der Personen, die persönlich im Sinne der Vorwürfe gefehlt haben ebenso wie diejenige, die darin bestehen kann, dass Kirchenoberen bekannt gewordene Vorfälle nicht mit Selbstverständlichkeit der Ahndung zugeführt worden sind, die für Kirchenfunktionäre genauso zwangsläufig sein muss wie für jede andere Person, die sich solcher Verfehlungen schuldig macht.

Hierbei sollte nicht vergessen werden, dass jede Organisation sich damit schwertut, öffentlich mit "faulen Fischen" umzugehen, da die Öffentlichkeit in diesem Fall wieder verlässlich beweist, wie sie dem gleichsam Pavlov'schen Reflex aufsitzt und die hier wohl buchstäblich "schwarzen Schafe" mit dem Rest der Herde oder gar deren ideeller Blaupause über einen Kamm schert. Dies gilt bei etwa Schmiergeldzahlungen bei Siemens ebenso wie bei gesponserten Bordellbesuchen im VW-Betriebsrat.

Im aktuellen Fall ist es noch pikanter dadurch, dass der regelmäßig verbal erhobene hohe Moralanspruch der Kirche  mit den bekannt gewordenen Schweinereien sich nicht in Einklang bringen lässt. Der mit der Kritk dieser Tage oft einhergehende sabbernde Voyeurismus, der wohlfeil und besserwisserisch die Verfehlungen mit dem "widernatürlichen Zölibat" als gleichsam zwangsläufig erklärt, steht für meine Begriffe den durch nichts zu entschuldigenden Übergriffen in seiner Unappetitlichkeit in nichts nach.

Daher der - ungebetene - Ratschlag an Herrn Bischof Müller und die unter Umständen ähnlich Denkenden: Wäre es nicht gescheiter, anstatt über die "Pressekampagne" zu lamentieren, durch offensiven und souveränen Umgang den Kritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen? Eine Kirche, die ihre Glaubwürdigkeit daran messen lässt, dass sie selbst als erstes die geschehenen Verbrechen als das bezeichnet, was sie sind und klarmacht, dass kein Täter damit rechnen kann, dass man sich zwischen ihn und seine rechtsstaatliche Bestrafung stellt, braucht eine Kampagne, wie sie der Bischof beklagt, nicht zu fürchten.

Das haben - wenn auch schmerzlich - auch andere Organisationen gelernt und so innewohnende Selbstheilungs- und Erneuerungskräfte mobilisiert.

Anderen hingegen - auch in Bruchsal - muss man dieses noch wünschen.

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