Wahlzeit

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Der Traum von einem Bruchsal der gelebten Gleichberechtigung
Sonntag, 11. Mai 2014 - 23:17

Es ist mal wieder Wahl-Zeit in Bruchsal. Es ist mal wieder Zeit, sich von den verschiedenen politischen Gruppierungen vorträumen zu lassen was künftig alles besser sein wird.

Ich erlaube mir, auch wenn ich nicht kandidiere, heute auch etwas zu träumen.

Ich träume davon, dass Beiträge wie dieser in nicht all zu ferner Zukunft überflüssig werden, weil alles, was getan werden muss, getan ist und neue Missstände nicht mehr auftreten.

Ich träume davon dass der Grundsatz "Alle Menschen sind gleich" nicht nur auf dem Papier und in den Köpfen besteht, sondern sichtbare Tatsache geworden ist.

Sie mögen denken ich überziehe maßlos, aber dem möchte ich mit einem aktuellen Beispiel kontern.

Da gibt es eine Studentin an einer Universität, die seit Geburt auf den Rollstuhl angewiesen ist. Um ins Gebäude zu gelangen, war sie auf Freunde angewiesen, die sie die Treppen hochtrugen. Bis sie bei den paralympischen Spielen Gold und Silber holt. Als sie anschließend zurück an die Uni kommt, ist plötzlich ein Fahrstuhl da.

Das sei der Sportlerin gegönnt, sie profitiert davon genauso wie künftige Studenten dieser Universität, aber das zeigt dass der Satz "Alle Menschen sind gleich, nur manche sind gleicher als die anderen" immer noch traurige Wahrheit hat.

Denn wer in dieser Gesellschaft immer noch nicht gleich den anderen ist, das ist der Mensch mit körperlichem oder geistigem Handicap.

Das fängt bei alltäglichen Dingen wie dem Überqueren einer Ampel an, wo bauliche Unachtsamkeiten dazu führen, dass entweder Rollstuhlfahrer oder sehbeschränkte Menschen kein geeignetes Umfeld vorfinden.

Oder die hinlänglich bekannten und gerne ignorierten Hindernisse beim Zugang eines Ladengeschäftes, einer Arztpraxis oder Gasthauses.

Es geht aber auch subtiler: Wie sieht es denn mit dem Zugang zu verständlichen Informationen aus? Hand aufs Herz: Es sieht da leider gar nicht aus.

Bei den Parteien, die sich für die Kommunalwahlen präsentieren, findet man die Belange der betroffenen Menschen größtenteils überhaupt nicht. In einem Fall ist ihnen immerhin ein kleinerer, wenn auch veralteter, Abschnitt gewidmet. Eine andere Gruppe lässt sich wenigstens zu einem Nebensatz herab. Keine der im Internet zu findenden Präsentationen ist durchgehend so geschrieben, dass sie leicht verständlich wären.

Und nebenbei: Den Begriff "Inklusion" sucht man bei allen Parteien fast vergeblich. (Er taucht nur einmal in der landläufig gebrauchten, aber zu kurz gefassten Definition auf das Schulwesen bezogen auf)

Aber die Stimme der betroffenen Menschen, die will man trotzdem haben? Dann sollte man auch etwas dafür tun.

Wenn man nun bei denen, die aktiv etwas für das faire Zusammenleben von Menschen mit und ohne Handicap tun können, nachfragt, erhält man in der Regel wohlklingende Worte zur Antwort. Worte, von denen ich sicher bin dass sie auch so gemeint sind wie sie gesprochen wurden, zumindest in dem Moment, da sie gesagt werden. Aber von Worten allein ist noch nie etwas entstanden. Wohl aber ist durch das Wort schon etwas verhindert worden, wie wir im letzten Jahr gesehen haben.

Ein guter Start wäre das Mitdenken und Handeln bei den aktuellen Bauprojekten in Bruchsal. Ein Beitrag im Deutschlandfunk brachte es vor einigen Wochen auf den Punkt: Wo auch immer Wohnsiedlungen für junge Familien entstehen, wird übersehen, dass diese älter werden und sich deren Bedürfnisse im Alter wandeln. Und so wird durch das reine "vergessen" von barrierefreiem Bauen das Thema auch weitere Jahrzehnte akut bleiben.

Fazit: Die Gleichberechtigung in den Köpfen taugt absolut nichts, solange aus ihr heraus nicht die notwendigen und nachhaltigen Handlungen folgen.  Und solange dies der Regelzustand ist, solange träume ich weiter....

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Kommentare

Inklusion

Und nebenbei: Den Begriff "Inklusion" sucht man bei allen Parteien fast vergeblich. (Er taucht nur einmal in der landläufig gebrauchten, aber zu kurz gefassten Definition auf das Schulwesen bezogen auf)

Naja, also das stimmt zumindest für die Piraten nicht. Und soweit ich weiß, auch für die Linke nicht, die mit dem Thema Pflege sogar derzeit in den Wahlkampf zieht und entsprechend plakatiert hat.

Natürlich können diese Parteien ihre Ideen nur umsetzen, wenn sie von einer Mehrheit auch gewählt werden. Dieser Mehrheit ist es aber ziemlich wurscht, ob man Rollstuhlfahrer die Treppe hochtragen muss oder nicht. Fairerweise muss ich sagen, dass einem als gesundem Menschen auch überhaupt nicht bewusst wird, welche Barrieren sich tagtäglich auftun.

Vor Kurzem waren wir selbst betroffen: An der Uni Mannheim, wo meine Tochter Medizin studiert, gibt es zwar einen Lift, dieser ist aber schon länger außer Betrieb. Als sie nun wegen der Verletzungen durch einen Verkehrsunfall auf den Rollstuhl angewiesen war, hätte sie o.e. Lift benötigt.

Es mussten Kommilitonen helfen, um sie die Stufen zu den Hörsälen zu transportieren.

Bei den Linken heißt es "Auch

Bei den Linken heißt es "Auch die Planung für die Integration behinderter Kinder (Inklusion) in die Regelschulen bis zur 5 Klasse, soll vorangetrieben werden." Mehr ist dort zur Inklusion nicht zufinden.

Bei den anderen Parteien, auch bei den Piraten, habe ich zu diesem Stichwort nichts gefunden. Entscheidend sind für mich weniger die Wahlplakate sondern die ausformulierten Programme.

betr.: Inklusion - Video vom Europatag in Erfurt

Video

(vom 5.Mai 2014, also ganz aktuell)

Danke

Das ist nur leider nicht Bruchsalpezifisch;) ich habe mich in meinem Text auf die Kommunalwahl bezogen, nicht auf die Europawahl. Aber danke für den Link.

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