Ein würdiges Gedenken an Ludwig Marum beim Schönborn-Gymnasium wäre angemessen

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Es gibt keine eigene Tafel zum Gedenken an Ludwig Marum. Es ist lediglich unter zahlreichen Namen auch seiner vermerkt.
Donnerstag, 16. Januar 2014 - 23:35

In einem Interview auf bruchsal.org mit Dominique Avery, der Enkeltochter des in Bruchsal aufgewachsenen Reichtagsabgeordneten Dr. Ludwig Marum, berichtet diese über ihre erfolglose Suche nach der Ehrentafel, die für ihren im Konzentrationslager Kislau ermordeten Vater beim Bruchsaler Schönborn-Gymnasium angebracht sein soll. Frau Avery kommentierte ihre vergebliche Suche nach der Gedenktafel mit den Worten: „Wir suchten lange [nach dieser Gedenktafel] und fragten auch nach. Aber niemand wusste etwas von einer Ehrentafel [für Ludwig Marum]. Es gibt keine.

Diese Auskunft wurde auch dem Verfasser dieses Beitrages vor wenigen Wochen gegeben. Auf eine entsprechende Anfrage im Sekretariat des Schönborn-Gymnasiums wurde geantwortet, es gäbe keine Ehrentafel für Ludwig Marum. Eine Rückfrage der Sekretärin im Lehrerkollegium bestätigte diese Aussage: „Es gibt am Schönborn-Gymnasium keine Ehrentafel für Ludwig Marum.“

Es gibt nunmehr tatsächlich im Erdgeschoss des Schönborn-Gymnasiums drei in die Wand eingelassenen Tafeln, und auf einer dieser Gedenktafeln ist in der Tat der Name Ludwig Marum eingraviert. Wie kam es dazu und warum weiß niemand davon?

Umzug in den Stadtgarten im Mai 1950

Bis zur Zerstörung beim Bombenangriff auf die Stadt am 1. März 1945 befand sich das Bruchsaler Humanistische Gymnasium, das damals noch den Namen „Schloss-Gymnasium“ trug, in den Räumen des heutigen Pfarrsaals der Hofkirche. Nach einigen provisorischen Unterkünften im Paulusheim oder dem Justus-Knecht-Gymnasium, erfolgte am 30. Mai 1950 der Umzug in das zum Schulhaus umgebaute ehemalige „Reservegebäude“ im Stadtgarten, das Fürstbischof von Hutten 1750 als Wasserreservoir mit aufgesetztem Lustschloss erbaut hatte. Im März des Jahres 1954 erhielt die Schule auf Vorschlag des Lehrerkollegiums den Namen „Schönborn-Gymnasium“ nach ihrem gleichnamigen Begründer.

Zwei Gedenktafeln werden enthüllt

Im Jahre 1955 wurden im Innenhof des Gymnasiums zwei Gedenktafeln angebracht. Auf der Haupttafel wird der Schüler des Gymnasiums gedacht, die im Ersten und Zweiten Weltkrieg ihr Leben verloren. Von weitem gesehen hat die Gedenktafel die Form eines christlichen Kreuzes (Passionskreuz), wobei man beim näheren Hinschauen erkennt, dass das Kreuz mit den Namen der Verstorbenen visualisiert wird. Dort, wo sich Längs- und Querbalken kreuzen, sind die Jahreszahlen der beiden Weltkriege „1914 – 1918“ sowie „1939 – 1945“ eingemeißelt. Der linke Arm des Querbalkens weist auf die zweite Gedenktafel, auf der in altgriechischer Sprache eingraviert ist:

„Sie litten - sie starben - denket daran“.

Kreuz

Lila Linie: Verlängerung der Kreuzachse

Exkurs: Augenzeugenberichte aus der Zeit des Nationalsozialismus

Ludwig Buxbaum berichtet über seinen erzwungenen Schulaustritt zu Ostern 1936: "Man hat mich damals ins Bureau gerufen und gesagt, es wäre besser, wenn ich nach den Ferien nicht zurückkommen würde. Ich war der einzige Jude in der Klasse, so dass die Klasse nun 'judenrein' war."

Über den Schulalltag am Bruchsaler "Schlossgymnasium" - diesen Namen trug die Schule seit 1938 - während des Nationalsozialismus berichtete 1988 Werner Schmidt, der sich bis 1938 an der Schule halten konnte:

„Morgens, bevor der Unterricht begann, war auf dem Schlosshof Flaggenparade und fast alle Schüler kamen in Hitlerjugenduniform […]. Als die Flagge mit dem Hakenkreuz hochgezogen wurde, hat man den Hitlergruß gemacht. Etliche Lehrer […] trugen die SS-Uniform.“

Die teilweise fehlende Distanz der "arischen" Schüler zu den nationalsozialistischen Machthabern zeigt dieses Zitat aus dem Buch „250 Jahre Schönborn-Gymnasium Bruchsal“:

Es kam das Jahr 1944. Im Januar wurden alle Schüler der Klasse des Geburtsjahrgangs 1928 als Luftwaffenhelfer einberufen. Ich erinnere mich daran, wie einige Klassenkameraden des Jahrgangs 1929 weinend am Straßenrand standen, als wir zum Bahnhof marschierten, weil sie nicht mit durften! Das ist heute schwer verständlich. Aber wir Einberufenen waren stolz, dass wir, die fünfzehnjährigen Gymnasiasten, für voll genommen wurden und wie richtige Soldaten in eine Kaserne einrücken durften.“

Im genannten Buch nimmt das Faktum, dass die jüdischen Schüler Repressalien ausgesetzt waren und letztendlich von der Schule verwiesen wurden, bedauerlicherweise nur einen sehr marginalen Raum ein.

Erinnerungskultur in den ersten Jahren nach der Befreiung vom Nationalsozialismus? Leider nein.

1955, als die oben erwähnten Gedenktafeln montiert wurden, war die Erinnerung an die Zeit des Nationalsozialismus und die eigene Verstrickung noch sehr stark. Die Ideologie der Nationalsozialisten war noch in vielen Köpfen, doch die Verfolgung und Vernichtung jüdischer und anderer mißliebiger Mitbürger versuchte man zu verdrängen. Plötzlich wusste niemand mehr von Selektion, Gas und Krematorien oder von Judenstern, Berufsverbot, Synagogenbrand, Enteignung, Deportation, Lager und Zwangsarbeit.

Doch unter den Lehrkräften befanden sich Personen, die mehr als nur Mitläufer waren. Über einen der Studienräte der 1950er, 1960er Jahre wird heute noch erzählt, dieser sei "vor dem Krieg einer der schlimmsten Nazis von Bruchsal“ gewesen. Aufgrund der Knappheit an Lehrkräften, viele Lehren waren gefallen, wurden solch politisch vorbelastete Personen wieder in den Schuldienst übernommen. Nicht selten kam es noch bis in die 60er Jahre vor, dass Lehrer ihren Unterricht mit selbst erlebten Schnurren und Schwänken aus ihrer Wehrmachtszeit würzten.  

Die Erinnerungsarbeit greift Raum

Fast ein Viertel Jahrhundert hingen diese beiden Tafeln mit den Namen der Opfer der beiden Weltkriege im Erdgeschoss des Schönborn-Gymnasiums. Doch allmählich änderte sich das Denken, langsam wagte man, über die Schreckensherrschaft des Nationalsozialismus zu reden. Die vorbelasteten Generationen traten nach und nach ab, neue, unbelastete Lehrer unterrichteten jetzt am Bruchsaler Schönborn-Gymnasium, Lehrer, die einen doch eher unverstellten Blick in die Vergangenheit hatten.

Die Jugendgruppe "Christopher"

Quasi der Einstieg in die Aufarbeitung der Schulgeschichte unter dem Nationalsozialismus war, dass man sich mit dem Geschehen um die katholische Jugendgruppe „Christopher“ beschäftigte. Diese Jugendgruppe wurde als „illegale Weiterführung“ der Bruchsaler „Neudeutschland“-Gruppe verfolgt und zerschlagen. Aufgrund der Aufarbeitung der Verfolgung dieser katholischen Jugendgruppe konnten in Bruchsal die Gräuel des Nationalsozialismus breiter diskutiert werden. Durch diverse Veröffentlichungen wurde das Schicksal des Gruppenführers Wilhelm Eckert, einem Schüler des Gymnasiums, bekannt gemacht. Wilhelm Eckert war, trotz des Verbotes des katholischen Schülerbundes Neudeutschland, weiter für diesen aktiv, wurde 1941 zu einer mehrmonatigen Gefängnisstrafe verurteilt und 1942 des Gymnasiums verwiesen. 1943 ist Wilhelm Eckert auf Sizilien gefallen.

Zur 225-Jahrfeier des Schönborn-Gymnasiums im Jahre 1979 erschien in der zu diesem Anlass veröffentlichten Festschrift ein Beitrag von Armin Becker mit dem Titel: „Der Bruchsaler Prozess. Widerstand im Dritten Reich“. Becker berichtete über die strafrechtliche Verfolgung der Mitglieder der Gruppe „Christopher“, Franz Schmitt, Wilhelm Eckert und Otto Pfau, die wegen Verstoßes gegen die berüchtigte "Reichtagsbrandverordnung" angeklagt wurden.

Eine dritte Gedenktafel

Ebenfalls im Jahr 1979 wurde im Atrium der Schule eine dritte Gedenktafel angebracht mit dem Text:

„Zum Gedenken an die Lehrer und Schüler unserer Schule, die Opfer der beiden Kriege und der nationalsozialistischen Verfolgung wurden“.

Finanziert wurde diese Gedenktafel vom Verein der Freunde des Schönborn-Gymnasiums.

Gedenken

Erstes Gedenken an Dr. Ludwig Marum

Nur drei Jahre später, im Jahre 1982, wurde am Schönborn-Gymnasium des 100. Geburtstages des ehemaligen Schülers Ludwig Marum, geboren am 5. November 1882, im Rahmen einer Feierstunde gedacht.

Weniger als zwei Jahre später, im März 1984, wurde anlässlich des 50. Todestages des SPD-Politikers und Reichstagsabgeordneten Ludwig Marum im Rahmen einer Gedenkveranstaltung vor ca. 150 Gästen, darunter auch Ludwig Marums Tochter Elisabeth Marum-Lunau, an diesen erinnert. Die Festrede hielt Dr. Joachim Storck vom Deutschen Literaturarchiv. Diese Veranstaltung wurde auf Anregung der Schulleitung des Schönborn-Gymnasiums zusammen mit der Stadt Bruchsal als Schulträger ausgerichtet. Begleitet wurde diese Gedenkveranstaltung von einer Ausstellung zu Leben und Lebenswerk des früheren Schülers Dr. Ludwig Marum.

In Zusammenhang mit diesen Feierlichkeiten wurde der Name von Ludwig Marum zusätzlich auf die bereits 1955 installierte Gedenktafel mit den Namen der Opfer des Ersten und Zweiten Weltkrieges graviert.

Ludwig Marum

Ein „würdiges Denkmal“?

Ob diese karge Erwähnung auf der Gedenktafel für die Toten der beiden Weltkriege der Bedeutung von Dr. Ludwig Marum als Karlsruher Stadtverordneter, Abgeordneter im Badischen Landtag, Vorsitzender der SPD-Landtagsfraktion und schließlich Reichstagsabgeordneter gerecht wird?

Die Enkeltochter von Ludwig Marum, Frau Dominique Avery, spricht ausdrücklich von einem „würdigen Denkmal“ für ihren Großvater, der ein überzeugter Fechter für die Demokratie war. Die Beurteilung darüber, ob es sich bei der Gedenktafel für die Weltkriegstoten um ein in diesem Sinne würdiges Denkmal für Ludwig Marum handelt, sei dem Leser überlassen.

Auch Oberstudiendirektor i. R. Dr. Rudolf Schmich, der von 1973 bis 1996 am Schönborn-Gymnasium als Schulleiter wirkte, spricht sich für eine würdige Ehrung von Ludwig Marum aus. Er schlägt ein Denkmal oder eine Gedenktafel beispielsweise am Wohnhaus der Familie Marum in der Kaiserstraße 29 bzw. Bismarckstraße 2, am Eingang des Schönborn-Gymnasiums oder im Schlosshof, wo sich bis 1945 das Bruchsaler Humanistische Gymnasium befand, vor.

Auch der derzeitige Schulleiter des Schönborn-Gymnasiums, Oberstudiendirektor Jürgen Mittag, kann sich eine Ehrentafel für Dr. Ludwig Marum an seiner Schule sehr gut vorstellen. Allerdings verweist er richtigerweise darauf, dass dies die Aufgabe der Stadt Bruchsal als Schulträger sei.

Kartusche

Leere Kartusche im Eingangsbereich zum Schönborn-Gymnasium

Ab etwa Mitte April 2014 soll zum 80. Todestag von Ludwig Marum im Bruchsaler Rathaus die Ausstellung „Ludwig Marum - Mensch. Politiker. Opfer“ gezeigt werden. Vielleicht könnte der 80. Todestag von Ludwig Marum zum Anlass genommen werden, diesem in Bruchsal ein würdiges Denkmal zu geben?


Film: Stefanie Erich und Wolfgang Sinz (Ludwig-Marum-Gymnasium Pfinztal)

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Kommentare

Umbenennung?

Während derzeitige Leiter vom Autor als "Schulleiter des Schönborn-Gymnasiums" bezeichnet wird, ist auf einem der Bilder in Großbuchstaben "Ludwig-Marum-Gymnasium" zu lesen.

Warum nun gerade Bruchsal ein Marum-Denkmal braucht, wurde bislang nicht erklärt. Er war nicht wirklich Widerstandskämpfer, er hat als Politiker scheinbar noch nicht einmal die Zeit verstanden und immer noch an die Rechtsstaatlichkeit des Systems geglaubt, so wird es zumindest dargestellt.

War ihm als Reichstagsabgeordneter nicht bewußt, was das Ermächtigungsgesetz vom März 33 bedeutete?

Nun ist es nicht so, dass mich ein würdiges Denkmal stören würde, aber ich frage dann schon, wo bleiben die Denkmale für all die anderen, die unter der NS-Herrschaft gelitten haben oder getötet wurden? Wo bleiben die Denkmale für die "Kinder", die von der Schule weg in den Tod geschickt wurden?

Braucht Bruchsal vielleicht ein würdiges Denkmal weil es insgesamt zu braun war? Von der Lehrerschaft über die Polizei und die Stadtverwaltung bis zu den Gerichten?

Braucht Bruchsal eine Rechtfertigung: Seht her, bei uns hat auch einmal jemand während des Kaiserreichs und während der ersten Republick gewohnt, der als Karlsruher Bürger während der NS-Zeit umgebracht wurde?
Dann stellt Scham-Male auf an allen Plätzen mit den Namen der Schergen und berichtet über ihre Untaten.
Diese Synagoge wurde von Bruchsaler Bürgern niedergebrannt.
Diese Deportationen haben Bruchsaler Bürger nicht verhindert.

Aber nein, es waren ja nirgends die Bürger, all diese Verbrechen haben die Nazi's gemacht, die aus einem fernen Land gekommen sind.
Ja, wir müssen erkennen, unsere Eltern und Großeltern haben sich schuldig gemacht und ihre Kinder haben nach dem Krieg die Botschaft der "guten Taten der Deutschen in der Hitlerzeit" erzählt bekommen. Führende Nationalsozialisten waren in der jungen Republik Richter, Lehrer, Politiker. Kein Wort davon, dass die hochdekorierten Generäle die Menschen in Stalingrad "verheizt" haben. Überzeugte Mitläufer haben Fahnenflüchtige Tage vor der Kapitulation noch "zu Recht" aufgehängt.

Wieviele würdige Denkmale müssen aufgestellt werden, um an all dieses Unrecht zu erinnern?

Berichtigung

Berichtigung. Die dritte Gedenktafel wurde nicht 1979 angebracht, sondern 1984, anlässlich der Gedenkfeier zum 50. Jahrestag der Ermordung Ludwig Marums.

SBG

Von links: OB Dr. Adolf Bieringer, unbekannt, Elizabeth Marum-Lunau, unbekannt. © Dominique Avery

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