Vom Feuer der Sehnsucht in die Niederungen des Scheiterns

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Sonntag, 16. Oktober 2011 - 22:34

Prolog

Bergfried-Restaurant

Schon lange pfiffen es nicht nur die Spatzen vom Dach des Bürgerzentrums. „Des werd nix midem Bürgerzentrum“ war allenthalben zu hören, wobei die Verpachtung des Bergfried-Restaurants an die Franchise-Gruppe Enchilada gemeint war. Zu lange geisterte die Hockenbergersche Erfolgsmeldung herum (sie ist immer noch im lokalen Privatfernsehen zu sehen), ohne dass die Ankündigung, bei erfolgreicher Verhandlung könnte im Sommer eröffnet werden, wahr gemacht wurde.

1. Akt

Bereits am 18. Mai ging Bürgermeister Ulli Hockenberger mit seiner Erfolgsmeldung an die Presse:. Der Aufsichtsrat habe der städtischen Veranstaltungstochterr BTMV grünes Licht für Verhandlungen mit Enchilada gegeben, denn unter den drei Bewerbern, die Konzepte vorgelegt hätten, sei das Konzept des Franchisgebers Enchilada das überzeugendste gewesen.

 2. Akt

Lange war dann Funkstille, in Hinterstübchen wurde wohl getagt, die ersten Zweifel machten die Runde, ob wohl „täglich das Feuer der Sehnsucht – Sehnsucht nach Italien, nach dem Geschmack des Südens , nach Sonne und Sommer“ auch in Bruchsal Einzug halten würde. Skepsis kam auf, ob das „lodernde Feuer des Steinbackofens, in dem leckere, frische Pizzen zubereitet werden, die ebenso köstlich sind wie in Napoli, Verona oder Roma“ ¹ auch in Bruchsal aufflammen würde.

3. Akt

Die erste Hiobsbotschaft kam Anfang September, als die Geschäftsführerin der BTMV doch etwas kleinlaut eingestehen musste, dass sie zwar immer noch zuversichtlich sei, dass ein geeigneter Franchisenehmer gefunden würde, dieser aber halt noch nicht gefunden sei. Denn, was wohl von den Verantwortlichen im Überschwang der Sehnsucht nach Italien übersehen wurde, nicht der Franchisegeber Enchilada wollte das Bergfried-Restaurant betreiben. Dieser hätte lediglich das Know-how für das Aposto-Modell einem Franchisenehmer zur Verfügung gestellt. Bedingung von der Enchilada-Gruppe war und ist, dass sich ein lokaler Investor und Franchisenehmer findet, der Branchenkenner ist und auch das erforderliche Kapital im sechsstelligen Bereich zur Verfügung hat.

4. Akt

Und dieser fand sich trotz großer Anstrengungen nicht, da der Standort Bruchsal den potentiellen Franchisenehmern im Portefeuille der Enchilada-Gruppe doch etwas zu bescheiden erschien, was Branchenkenner schon vor Beginn der Verhandlungen prophezeiten. Nichtsdestotrotz ließ die BTMV-Geschäftsführerin den Bruchsaler Bürgerinnen und Bürgern über die Bruchsaler Rundschau ausrichten, dass das Geschäft mit Enchilada keinesfalls geplatzt sei. Auch andernorts, im Freudenstadt, hätte die Kommune den Betreiber vermittelt.

Doch nicht nur, dass bisher niemand Interesse daran zeigte oder zeigt, in die Gastronomie im Bruchsaler Bürgerzentrum zu investieren, entdeckte der beratende Jurist der Stadt Bruchsal und der BTMV erst nach monatelangen Verhandlungen, wohl ganz zufällig, dass noch ein anderes Problem zu lösen sei. Der langjährige Pächter der Kegelbahn im Keller des Bergfriedes bietet in seinem Restaurant "Bei Nando" Pizza und Pasta an und hat, dies wurde im Überschwang der Begeisterung wohl übersehen eine Konkurrenzausschlussklausel in seinem Pachtvertrag. Dies bedeutet, dass er nicht ein Restaurant mit dem gleichen Angebot im Bürgerzentrum dulden muss. Wie die Familie Nando auf die schriftliche Aufforderung der BTMV, auf die Konkurrenzausschlussklausel zu verzichten, reagiert hat, ist nicht überliefert. Sicher ist aber wohl, dass sie diesem doch etwas abstrusen, nicht gerade appetitlichen Ansinnen nicht gefolgt ist.

5. Akt

Mision de Mexico

Doch wie am Wochenende zu vernehmen war, machte die Geschäftsführerin der BTMV aus der Not eine Tugend. "Wenn es Probleme mit der Konkurrenzausschlussklausel gibt, warum setzen wir dann weiterhin auf das von uns favorisierte und das für Bruchsal von uns als erfolgreich angesehene Konzept?" dürfte sie sich wohl gefragt haben. Und flugs setzte die BTMV-Chefin auf ein „Enchilada“-Restaurant der Enchilada-Gruppe. So soll jetzt die „Misión de México“ in Bruchsal Einzug halten: „Begleitet uns auf eine kulinarische Reise nach México - durch die Kultur der Maya und Azteken! Unser Abenteuer führt uns in ein Land, dessen farbenfrohe und phantasievolle Küche Lebensfreude ausstrahlt. Lasst uns das Leben spüren, die Fiestas feiern und die Menschen erleben: Gastfreundlich, herzlich und unbeschreiblich feurig" ¹. Ade du schnöde Welt Italiens, ade die leckeren frischen Pizzen, köstlich wie in Napoli, Verona oder Roma, ade die massiven Holztische, die frisch duftenden Kräutertöpfe und die „allgegenwärtigen heißen Flammen, die zur cucina italiana einladen“ ¹.

Epilog

Man mag dieses hilflose Herumgeeiere zunächst für eine belustigende Schmierenkomödie halten, nicht vergessen sollte man allerdings, dass hier eine unprofessionelle Truppe überforderter Akteure dilettiert – und der Steuerzahler dies ausbaden muss.

Wie schreibt der Lokalredakteur der Bruchsaler Rundschau, Dani Streib, in seinem Kommentar zum Kulturdenkmal Schlachthof und die Bemühungen um dessen Erhaltung: „Auch ein nur minimales Engagement der Stadt wäre angesichts der Sparzwänge politisch derzeit undenkbar.“ Nimmt man dieses Postulat zur Richtschnur, ist unserer Oberbürgermeisterin Petzold-Schick nur zu empfehlen, das Thema Bürgerzentrum zur Chefsache zu machen und schleunigst eine vernünftige Lösung herbeizuführen. Auf allen Ebenen. Es reicht!

¹ Originalzitate aus Veröffentlichungen der Enchilada-Gruppe.

Eigene Bewertung: Keine Durchschnitt: 5 (20 Bewertungen)

Kommentare

Möglicherweise falsches Fazit

Die Theatralik des Artikels harmoniert ganz hervorragend mit diesem Thema. Unschön finde ich die verallgemeinernde Zusammenfassung, in der mal wieder auch die Geschäftsführerin der BTMV als Teil der "unprofessionellen Truppe überforderter Akteure" abgewatscht wird.

Soweit ich es beurteilen kann, werden die Geschicke einer Gesellschaft wie der BTMV nicht unwesentlich von Gremien mitbestimmt, die vom Gemeinderat mit Gemeinderatsmitgliedern besetzt werden. Welche Kriterien hierfür entscheidend sind, blieb mir als Zuschauer der entsprechenden konstituierenden Gemeinderatssitzung verschlossen. Ich habe großen Respekt vor jeder Fachkraft, die bereit ist, unter solchen Umständen zu arbeiten. Noch größer ist mein Respekt, wenn die Fachkraft professionell genug ist, die Entscheidungen, die im Hintergrund getroffen werden, öffentlich zu präsentieren und zu vertreten.

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