Verhandelt vor dem Amtsgericht Bruchsal: Pornografische Aufführungen im Forster Kino "Capitol"

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Sonntag, 16. Januar 2011 - 11:41
Die Tänzerin

Lang, lang ist die Zeit her, dass es in der Bruchsaler Nachbargemeinde Forst noch ein Kino gab. Ältere Forster werden sich vielleicht noch erinnern an das „Capitol".

Zumindest ein Grund für den Niedergang und das Sterben des Forster Lichtspielhauses war eine Provinzposse aus dem Jahre 1950/1951, die in ihrer Köstlichkeit an die besten Händeleien von „Don Camillo und Peppone" oder „Clochemerle" erinnert.

Pfarrverweser Löhle

Die Besucherzahlen des Kinos schrumpfen drastisch, nachdem die streng katholische Gemeinde Forst einen neuen Pfarrer bekommen hat. Der Pfarrer erklärt, dass er in Forst selber entscheide, was der Seele Schaden zufüge. So schreibt er an den Kinobetreiber: "Im Interesse der öffentlichen Sittlichkeit ... ersuche ich Sie höflichst ... zu entfernen die Darstellung mit dem 'feschen Badeanzug' aus der kommenden Wochenschau ... wir wollen dafür keine Propaganda. Es geht um das Reich Gottes und der Seelen". Der Kinobetreiber schreibt zurück: "Meine Geduld ist zu Ende. Ich mache Sie vor aller Oeffentlichkeit des erlittenen Schadens verantwortlich" und pappt einen Zettel über die beanstandete Bikini-Nixe im Schaukasten: "Dieses Bild wurde auf Wunsch von Herrn Pfarrer zugeklebt. Es stellt dar: Fesche Badenixen am Isarstrand."

Der Kinobesitzer

Der Kinobesitzer kann eine einstweilige Verfügung gegen den Pfarrer erwirken, doch dieser gibt nicht auf und schreibt am 15. Januar 1951 an das Amtsgericht, dass im Kinosaal ein Preismaskenball stattfinden soll, bei dem "ein siebzehnjähriges Mädchen, das bei mir in die Christenlehre geht" gebeten wurde „einen Tanz vorzuführen, nur mit Büstenhalter und kurzem Höschen bekleidet". Später schreibt er in einem weiteren Brief, dass die Frau des Kinobetreibers dieses Mädchen am Leibe bronzieren wolle und „Wo bleibt hier die Sorge für die Jugend! Jugendschutz! Wo Verantwortung!! Kulturträger des Bolschewismus!"

Doch lesen Sie selbst den göttlichen Bericht über diese Provinzposse aus Bruchsals Nachbargemeinde im SPIEGEL vom 18. April 1951:

Bronzieren am Leibe

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Kommentare

Hildegard Knef als "Die Sünderin"

Kommunalgeschichte

Lieber Rolf,

vielen Dank für diesen AKT Kommunalgeschichte aus dem Raum Bruchsal. Habe mich köstlich amüsiert. In der Heimatkunde, damals in der Schule, wurden solche Themen natürlich nicht behandelt.

Lustig die Unterschrift beim Bild vom Pfarrer

Lustig die Unterschrift beim Bild vom Pfarrer

Gerichtspräsident Dr. Ernst...

Isch des vielleicht der Vadda vum Friedhelm?

Immer wieder die gleichen Namen...

Na klar!
MAN trifft sich immer wieder.
Aber sein Sohn vertritt heute in diesen Dingen wohl eine etwas liberalere Auffassung.

Vadda vum Friedhelm...

...ja, des wara. Dä Friedhelm isch ganz aus dä Art gschlage: Dä Vadda het's halt gean gseh' wenna a Jurischt worre wea. Wea waiß, was dann aus'm worre wea!

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