Vergessener 
Völkermord an 
Sinti und Roma

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Zwischen Zigeunerromantik und Rassismus
Sonntag, 17. August 2014 - 22:42

Welch rassistisches Gedankengut und auch Feindbilder heute noch in Zusammenhang mit den Roma transportiert werden, zeigt nachstehender Beitrag “Vergessener Völkermord bei Sinti und Roma“, der in dem in der Schweiz erscheinenden jüdischen Wochenmagazin TACHLES* letzte Woche veröffentlicht wurde. Bruchsal.org dankt dem Chefredaktor des Wochenmagazins, Yves Kugelmann, für die Zustimmung zur Veröffentlichung dieses Beitrages bei bruchsal.org.

* Tach(e)les reden bedeutet im Jiddischen, dass man offen miteinander diskutiert und die Meinung zur Sache sagt.

 

Vergessener 
Völkermord an 
Sinti und Roma

Zwischen Zigeunerromantik und Rassismus

von Daniel Zuber

23 000 Sinti und Roma aus elf Ländern Europas wurden ab 1942 unter dem nationalsozialistischen Regime in das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau deportiert, über 20 000 wurden dort ermordet – die letzten 2900 von ihnen am 2. August 1944, vor genau 70 Jahren, in den Gaskammern des sogenannten Zigeunerlagers. Schätzungen sprechen von bis zu 500 000 von den Nazis ermordeten Angehörigen dieser grössten ethnischen Minderheit Europas.

Asperg

Südwestdeutsche Roma werden am 22. Mai 1940  am hellen Tag durch Asperg zur Deportation geführt. (Bild der RHF)

Erst am 17. März 1982 sprach der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt das Wort «Völkermord» aus. «Zuvor waren die Verbrechen, der Vernichtungswille der Nationalsozialisten und die Dimension des Völkermordes sowohl in der historischen Wissenschaft als auch in Politik und Gesellschaft vielfach verharmlost, relativiert und teilweise geleugnet worden. So zum Beispiel durch den Bundesgerichtshof, der 1956 in einem Urteil mit rassistischer Begründung die Entschädigungsansprüche von NS-verfolgten Sinti und Roma verneinte», erklärt Romani Rose, Vorsitzender des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma. Das oberste deutsche Gericht äusserte 1956 zur Begründung der Ablehnung von Entschädigungsansprüchen NS-verfolgter Sinti und Roma: «Zigeuner neigen zur Kriminalität, besonders zu Diebstählen und zu Betrügereien. Es fehlen ihnen vielfach die sittlichen Antriebe zur Achtung vor fremdem Eigentum, weil ihnen wie primitiven Urmenschen ein ungehemmter Okkupationstrieb eigen ist.» Nominell seien auch die Völkermord-Überlebenden der Sinti und Roma unter die Entschädigungsgesetzgebung gefallen. «Sie wurden aber durch eine systematische Ausschlusspraxis von Behörden und Gerichten bei der sogenannten Wiedergutmachung bis Anfang der 1980er Jahre ausgeschlossen. Erst die Selbstorganisationen der Minderheit (Zentralrat und Landesverbände) ermöglichten in den letzten Jahrzehnten eine Korrektur früherer Unrechtsentscheidungen – soweit die Betroffenen noch lebten», führt Rose aus.

 

Mahnmal in Berlin

Mahnmal

Mahnmal für Sinti und Roma in Berlin.

Nach 1982 dauerte es weitere 30 Jahre, bis 2012 in Berlin schliesslich auch ein Mahnmal für die in Europa ermordeten Sinti und Roma errichtet wurde. Massgeblich an dieser späten Anerkennung beteiligt war Rose. 13 seiner Angehörigen wurden in den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten umgebracht. Schon 1980 hat Rose einen Hungerstreik begonnen, um Aufmerksamkeit für seine Anliegen zu erhalten. Sein grösster Erfolg war schliesslich die Errichtung des Berliner Mahnmahls.

Vorurteile und der Rassismus gegenüber Sinti und Roma grassieren aber weiter. Zwischen November 2008 und August 2009 beispielsweise ermordeten Rechtsterroristen in Ungarn sechs willkürlich ausgewählte Roma. Mit der Personenfreizügigkeit schürt man auch hierzulande wieder vermehrt die Angst vor ihnen, jenen stereotypen «Fremden». Die «Weltwoche» etwa titelte 2012 «Die Roma kommen», begleitet von einem Foto eines Romakindes mit einer Pistole in den Händen. Dafür verurteilte der Schweizer Presserat das Blatt, das einige Monate später herabsetzend schrieb: «Sie kommen, klauen und gehen. Osteuropäische Roma-Sippen sind zu einem grossen Teil für den wachsenden Kriminaltourismus verantwortlich. Sie schicken Frauen auf den Strich und Kinder zum Betteln.» 2013 brachte die NPD ein Wahlplakat mit der Aufschrift «Geld für die Oma statt für Sinti und Roma». In Ungarn und Rumänien ist Romafeindlichkeit alltäglicher Teil der Politik.

 

«Zigeuner» und «Juden»

Die Feindbilder «Roma» oder vielmehr «Zigeuner» und «Juden» weisen dabei durch die Geschichte viele Ähnlichkeiten auf: «Beide Minderheiten werden seit Jahrhunderten stigmatisiert und ausgegrenzt und werden immer wieder in pauschal diskriminierender Weise zu Verantwortlichen und zu Sündenböcken für Krisen und Notlagen gemacht», weiß Rose. Thomas Meier, Historiker an der Universität Zürich dazu: «Ihre Geschichte ist wie jene der Juden von Verfolgungen geprägt. Aufgrund ihrer Andersartigkeit, aber auch Widerständigkeit gegenüber staatlichen Assimilationsversuchen wurden beide Gruppen zu Projektionsflächen für Bedrohungsszenarien und entsprechend wiederholt Opfer xenophober [fremdenfeindlicher] Ausbrüche.»

Autor Klaus-Michael Bogdal unterstrich in einem Interview mit «Zeit Online» vergangenes Jahr einen weiteren Punkt: Zwei Typen des «Anderen» hätten die europäischen Gesellschaften der Neuzeit hervorgebracht. «Zum einen den Feind, der einem in Gestalt anderer Nationen gegenübertritt und mit dem man um territoriale, wirtschaftliche und kulturelle Hegemonie ringt.» Dann gäbe es den Fremden, der bleibe und weder Freund noch Feind ist. «Dieser Dritte ist an keinem Ort zu Hause, er ist die gesichtslose Verkörperung des Anderen, ein Nichts.» Sowohl «Zigeuner» als auch «Juden» fallen gemäss Bogdal in diese Kategorie als stereotype Figuren.

Komparatistin Mona Körte vom Alfried Krupp Wissenschaftskolleg Greifswald beschäftigt sich mit den Figurationen von «Zigeunern» und «Juden», wie sie in der Literatur gespiegelt werden, und nimmt folgende Unterschiede bei der literarischen Darstellung der beiden Minderheiten wahr: «Der Jude» sei zumindest «in der deutschsprachigen Literatur nach 1945 oft das prädestinierte Opfer, Leid und Überleben haben ihn in der dort greifenden perfiden Logik weise, klug, unanfechtbar gemacht», während Sinti und Roma oft für die Kinder- und Jugendliteratur reserviert seien, wo Zigeunerromantik, Freiheitsliebe und negative wie positive Stereotypen greifen, die lange Zeit kaum an den Kontext der Verfolgung gebunden wurden.

 

Kampf gegen Ausgrenzung

Ölbild

"Rassige Zigeunerin" Ölbild um 1960.

Zigeunerromantik auf der einen Seite also und Hass und Ablehnung gegenüber «realen» Roma auf der anderen. Dabei ist bei «Sinti und Roma» stets die Rede von einer Minderheit, welche weder eine Religion noch eine Sprache oder eine Schriftkultur teilt. Ihre einzige wirkliche Gemeinsamkeit scheint auch nicht eine vermeintliche Abstammung aus Indien zu sein, sondern einzig die Erfahrung der Ausgrenzung.

Ein Anliegen von Romani Rose und seinem Zentralrat ist daher auch die Aufklärung und der Kampf gegen Vorurteile und Stigmatisierung. «Es geht darum, die traditionellen negativen Bilder zu überwinden und konsequent gegen jede Form der Diskriminierung und Ausgrenzung vorzugehen. Diese Ächtung des Rassismus ist eine unabdingbare Voraussetzung für jede weitere Initiative zu Verbesserung der gegenwärtigen Lebenssituationen, die bei vielen Angehörigen der Minderheit von Not und Benachteiligung gekennzeichnet sind.»

Mit einer Delegation von über 60 Personen nahm Rose am 2. August an einer Gedenkveranstaltung in Auschwitz, Polen, zum 70. Jahrestag der Vernichtungsaktion durch die SS teil und mahnte dabei: «Unsere Identität als Minderheit wurde durch die existentielle Erfahrung nachhaltig geprägt, zuerst in die absolute Rechtlosigkeit gestossen zu werden, um schliesslich zu Objekten des Völkermordes allein aufgrund unserer physischen Existenz gemacht zu werden. Um so bedrückender ist es, dass Sinti und Roma in immer stärkerem Ausmass gesellschaftlicher Ausgrenzung und rassistischer Gewalt ausgesetzt sind.»

© tachles - Das jüdische Wochenmagazin

Illustration des Beitrages durch bruchsal.org

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