Unterwegs mit Nelly

DruckversionPer e-Mail versenden
Heute: Das Weingartener Moor
Donnerstag, 1. August 2013 - 11:06

Weingartener Moor Moor

Luftbild: Stadtwiki Karlsruhe, Lothar Neumann, Gernsbach, Mai 2009

Im Mai letzen Jahres wollte ich an einer Exkursion von Förster Michael Durst "Vom Auwald in den Bergwald" teilnehmen (vgl. auch http://www.bruchsal.org/story/vom-auwald-bergwald). Doch dieser Ausflug fiel damals wegen Dauerregen ins Wasser. Da ich nun schon mal in der Gegend war, suchte ich mit meinem Hund das nahe liegende "Weingartener Moor" auf.

Karte Weingartener Moor

Karte: Stadtwiki Karlsruhe, Benutzer: Micha, Juli 2011

Dieses Moor ist, zusammen mit dem Bruchwald Grötzingen und Teilen des Grötzinger Baggersees, das größte noch heute existierende Niedermoor in der ehemaligen Kinzig-Murg-Rinne, Ausdruck eines alten nacheiszeitlichen Flußsystems, das einst alle heutigen Nebenflüsse des Rhein von der Kinzig an abwärts bis zum Kraichbach in sich aufnahm. 

Um das Weingartener Moor vor der völligen Zerstörung durch den Torfabbau zu bewahren, wurden bereits im Jahr 1940 Teilbereiche unter Schutz gestellt. Weitere Teilflächen kamen 1984 mit dem Bruchwald und dem Baggersee Grötzingen hinzu. 

Nachfolgend ein Auszug von der Webseite des Ministeriums für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft Baden-Württemberg:

MTB 6917 und 6916 - 34640/54340 - 145,6 ha

"Das Weingartener Moor besitzt zwei eigenständige Teilgebiete, die Trennungslinie entspricht ziemlich genau der Trasse der Bahnstrecke Karlsruhe-Bruchsal. Zwischen beiden Teilen besteht nur eine schmale, flachgründige Verbindung. In beiden Gebieten konnten im Untergrund Rinnen nachgewiesen werden, die jedoch jeweils nach Südwesten durch zunehmende Überdeckung nicht weiter verfolgt werden konnten. Im östlichen Teil verläuft die Rinne in Ost-West-Richtung (GöTTLICH S. 169), während im westlichen Teil die Rinne, von Süden kommend, im Moor nach Osten umschwenkt (Abb. 34). Die östliche Rinne ist ca. 4 m, die westliche bis zu 6 m eingetieft.

Erlenbruchwald mit Steifseggenried im Weingartener Moor:

Demnach setzte die Verlandung in kleinen Grundwasservorseen mit Bildung von Torf- und Sandmudden ein. Darüber entwickelten sich Schilf-, Schilfseggen- und Seggentorfe mit wechselnden Bruchtorfanteilen. Die Torfe sind im Nordosten und Südwesten von Löß und Lößlehm überdeckt.

Den Aufbau des westlichen Moorgebietes zeigt der Profilschnitt 17. Außerhalb der Rinne über Kies lokal eine Kalkmudde, sonst lehmige Sand- bzw. sandige Lehmmudden, in der Rinne mächtigere Tonmudden. Im ganzen Moor etwa auf gleichem Niveau einsetzende Torfbildung. Meist im ganzen Torfkörper mit vielen Holzresten, unten eher als Grobdetritusmudde, oben eher als sehr stark zersetzter Bruchtorf anzusprechen. Schilf- und Seggenreste sind selten und haben nur im Südosten eine stärkere Verbreitung. Eine Ausnahme von diesem Aufbau am Prallhang der Rinne: hier ist sie bis zum Kies mit organischer Mudde und Torf gefüllt, unterbrochen von einzelnen sandigen Schichten.

In Proben aus dem östlichen Moorgebiet hat /66/ v. WAHL (1988) pollenanalytische Untersuchungen durchgeführt. Demnach setzte die Torfbildung bereits am Übergang zwischen Ältester Tundrenzeit und dem Bölling-Alleröd-Komplex ein. Im Übergang vom Spätglazial zum Holozän (Beginn des Boreals) ist eine Unterbrechung des Moorwachstums feststellbar. Erst im ausgehenden Atlantikum bzw. beginnendem Subboreal ist wieder verstärktes Torfwachstum feststellbar.

Das gesamte Moor ist mit lehmigen Schichten überdeckt, im Süden konnten die Torfe unter dieser zunehmenden Deckschicht (> 100 cm) nicht weiter verfolgt werden. Nach Norden nimmt die Mächtigkeit ab, die Lehme werden humos bis anmoorig.

In der Mitte des östlichen Moorgebiets wurde der Torf weitgehend abgestochen, in dem dadurch entstandenen See setzte erneut Verlandung ein. Rund um die alten Torfstiche sind Röhrichte und Gebüsch vorherrschend, während die übrigen Flächen des Moores von großseggenreichen Erlenbruchwäldern bedeckt sind. Das früher auf den Ostteil beschränkte Naturschutzgebiet wurde auf das ganze Moor ausgedehnt."

"Noch heute wird das Gebiet von der Weingartener Bevölkerung als das "Torflager" bezeichnet. Bis kurz nach dem ersten Weltkrieg wurde im Mittelteil des Moores Torf gestochen, wodurch die offenen Wasserflächen erhalten geblieben sind. DerTorfabbau wurde jedoch bald wieder aufgegeben, da das gewonnene Material einen zu niedrigen Brennwert hatte. In den Torfstichen setzte die Verlandung erneut ein und ist bis heute in vollem Gange. So ist hier eine sehr gut ausgebildete Wasser- und Verlandungsvegetation zu finden, die in ihrem Artenreichtum in Südwestdeutschland einmalig ist.

Von der lokalen Bevölkerung wurde das Moor sowohl im Sommer zu Badezwecken als auch im Winter besonders von der Jugend als Gelegenheit zum Schlittschuhlaufen genutzt. Auch neben dem Torfabbau profitierten Gemeinde und Anwohner wirtschaftlich von diesem Gebiet. Im Winter wurden hier Eisstücke für die Kühlung von Bierkellern herausgeschlagen. Aus einem reichhaltigen Vorkommen von Seerosen entwickelte sich zeitweise sogar ein Exportgeschäft in ferne Länder. Ebenso stellte die Ernte von Schilf eine stete Einnahmequelle dar. Das gewonnene Material wurde vielseitig verwendet, wie zum Beispiel für die Herstellung von Rohrmatten für das Gipserhandwerk aber auch zur Gewinnung von "Liesch" zum Abdichten von Weinfässern.

Die offenen Wasserflächen, die dichtbestandenen Röhrichte, Großseggenriede und Bruchwälder des Weingartener Moor ermöglichen eine artenreiche Tier- und Pflanzenwelt. Für insgesamt 14 einheimische Amphibienarten ist dieses Niedermoor ein bedeutender Laichplatz von europäischem Rang. Eine vielfältige Vogelwelt sowie zahlreiche an Gewässer gebundene Tiere wie Libellen und Fische finden hier Lebensräume, die andernorts inzwischen selten geworden sind.

Die Wasser- und Verlandungsvegetation weist eine für unseren Raum einmalige Artenvielfalt auf. Darunter gibt es auch viele seltene Arten wie z. B. die Weiße Seerose, das Quirlblättrige Tausendblatt(Myriophyllum verticillatum) und den Südlichen Wasserschlauch (Utricularia australis). Ein   Großseggenried mit Ufer- und Sumpf-Segge (Carex riparia und Carex acutiformis) begrenzt die Verlandungsvegetation zum Wald hin. Dort findet man vielfältige, teilweise überregional selten gewordene Waldgesellschaften. Auf den nassen anmoorigen Flächen wächst ein Erlen-Bruchwald. Die früher regelmäßig überfluteten, lehm- und mineralhaltigen Torfböden sind mit meist mit Erlen-Eschen-Auenwald bestockt. Frische, sandig-lehmige Böden sind mehr Standorte des Eichen-Hainbuchenwalds. Bis Anfang des letzten Jahrhunderts waren derartige Wälder um Karlsruhe noch häufig.

Im Naturschutzgebiet sind stellenweise noch hohe Grundwasserstände vorhanden. Deshalb sind die ökologischen Verhältnisse hier weitgehend stabil geblieben. Lediglich im Bereich des Grötzinger Baggersees hat der Kiesabbau zu einer Störung des Erlen-Eschen-Auenwaldes geführt. Um die  Bruch- und Sumpfwälder zu erhalten, erfolgt nun eine schonende forstliche Bewirtschaftung mit kleinflächigen Verjüngungshieben. Im Frühjahr finden sich in den Wäldern rund um das Weingartener Moor ausgedehnte Bärlauch-Fluren" (Quelle: Min. für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft BW).

Eigene Bewertung: Keine Durchschnitt: 4.4 (7 Bewertungen)

Kommentare

Spaziergang mit Nelly

wunderbarer Spaziergang durch ein Gebiet, das ich leider garnicht kenne, mir aber für meinen nächsten Besuch bei meinen Eltern in Bruchsal vornehmen werde.
So konnte ich Euch beim Durchwandern wenigstens ein bisschen begleiten. Sehr schön gemacht, schöne Fotos und gute Begleitmusik. Danke!

Inhalt abgleichen Inhalt abgleichen