Trauerstätten der Erinnerung in Bruchsal

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Freitag, 15. Juni 2012 - 14:16

Herrn Pfarrer Neidinger
Herrn Dekan Wolfgang Brjanzew
Hofpfarrei und Luther-Gemeinde

 

Sehr geehrte Herren,

als unser Oberbürgermeister Bernd Doll vor geraumer Zeit wegen ungerecht-fertigter Vorteilsannahme in die Schlagzeilen der „Bruchsaler Rundschau“ kam, haben Sie beide ohne zwingende Not für den Politiker ungefragt eine Ehren- erklärung mit der Autorität Ihres Amtes abgegeben. Das hat vielen Mitbürgern nicht gefallen.

1934 als Sohn einer gut katholischen polnischen Mutter in Bruchsal geboren, habe ich viele schlimme Dinge hautnah miterleben müssen, zu welchen die Vertreter der Geistlichkeit bis heute geschwiegen haben. Ihre Stimme wäre aber gefordert gewesen. Der Gemeinderat Bruchsal hat – wie Sie sicherlich wissen -  unter Zustimmung des Oberbürgermeisters Bernd Doll den Beschluss gefasst, dass über die Nazizeit keine systematische und erhellende Dokumentation erstellt wird.
 
1940 kamen die ersten polnischen und ukrainischen Zwangsarbeiter hilfesuchend in unser Haus. Weil meine Mutter der jüdischen Nachbarfamilie Rosenberg ein Suppenhuhn kaufte, kam sie für eine Nacht in Gestapohaft.

In Helmsheim wurde ein junger Pole wegen Rassenschande zuerst ins KZ Dachau gebracht und dann öffentlich auf dem Dorfplatz gehenkt. Alle Zwangsarbeiter des Landkreises mussten dieser schrecklichen Exekution beiwohnen. Für jeden gläubigen Katholiken ist ein Grab oder eine Erinnerung an sein Leben eine Verpflichtung. Der katholischen Geistlichkeit war das auch nach Kriegsende kein Gebot.

In der Kriegszeit besuchte ich zusammen mit meinem protestantisch getauften Vater, einem einfachen Hilfsarbeiter aus Gochsheim, einen Gottesdienst in der Bruchsaler Lutherkirche. Hier hielt der damalige Vikar Kramer folgende Ansprache: „Lasset uns zu unserem Herrn Jesus Christus, dem Sohn Gottes, beten, dass dieser unserem geliebten Führer Adolf Hitler in seinem Kampf gegen den jüdischen Bolschewismus beistehen möge“.

Auf Grund dieses Aufrufes eines Vertreters und Verkünders des Wort Gottes, welcher Theologie studiert hatte und von seinem Bischof gesalbt worden war, hat der kleine und ungebildete Hilfsarbeiter seine Lutherkirche nie mehr betreten. Den Brand am 1. März sah er als „Strafe Gottes“ an.  Der famose Bruder Kramer ist dann nach Kriegsende aus Bruchsal verschwunden. Aber eine Distanzierung seiner Äußerungen haben wir Bruchsaler auch nicht von Stadtpfarrer Dr. Scheuerpflug nie gehört.

Heute wollen deutsche Politiker in Berlin eine „Dokumentationsstelle der Vertreibung der Deutschen aus den Ostgebieten“ errichten, um ausgerechnet von dem Ort aus, von wo aus die größtem Verbrechen der Menschheitsgeschichte organisiert worden sind, mit dem Zeigefinger nach Osten zu weisen.

Ich kenne selbst noch viele brave Bruchsaler Bürger, welche aus moralischen und christlichen Motiven gegen das Naziregime eingestellt gewesen waren. Viele hatten dies mit gravierenden Folgen zu tragen. Ihr Schicksal soll aber vergessen sein, weil der Täterschutz dem Opferschutz vorgeht.

Es sind heute ganz wenige Menschen in unserer Stadt welche so denken wie ich, wir stehen alleine da. 

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Kommentare

Auch hier: Antwort Fehlanzeige?

Wäre wohl nicht überraschend - ist es so, Herr Dr. Geckler?

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