Die Synagoge

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Projekt zur digitalen Rekonstruktion der Bruchsaler Synagoge - Teil III
Dienstag, 9. November 2010 - 19:55

Im letzten Artikel hatte ich die Vorteile und den zusätzlichen Nutzen von 3D-Rekonstruktionen gegenüber traditioneller Erinnerungsformen erläutert. Nun will ich diese allgemeinen Betrachtungen auf das erwählte Objekt übertragen. Dabei soll aufgezeiget werden auf welche Informationen man hierfür zurück greifen kann bzw. welche Hürden zu überwinden sind.

Säulenfragment

Säulenfragment und Mahnmal auf dem jüdischen Friedhof Obergrombach (J. Schoner)

Säule Abmessungen

Abmessungen und Ausgestaltung der Säule (J. Schoner)

Die Quellen

Um den Blick weiter auf den Kern dieses Projektes - die digitale Rekonstruktion der Bruchsaler Synagoge - zu fokussieren, will ich kurz aufzeigen, welche Quellen hierfür einbezogen werden können. Als originale Fragmente sind nur eine Stiftertafel, welche heute in Besitz der jüdischen Gemeinde in Karlsruhe ist, sowie ein Säulenschaft aus dem tempiettoartigen Vorbau der Synagoge bekannt, welcher inzwischen auf dem jüdischen Friedhof Obergrombach ruht. Dieser konnte wichtige Ausgangsdaten für die Bemaßung weiterer Elemente der Ostfassade liefern.

Dann sei eine im Generallandesarchiv in Karlsruheverwahrte Akte genannt, welche, neben Korrespondenzen zwischen dem Bezirksamt Bruchsal und der Baudirektion Karlsruhe, auch statische Berechnungen inklusive zweier Skizzen mit einigen Maßangaben beinhaltet. Vereinzelt überlieferte Berichte von Zeitzeugen erlauben gewisse Farbzuordnungen und weitere Detailbewertungen. Eine weitere wichtige Quelle sind zeitgenössische Fotografien, die mit den vorgenannten Belegen in Abgleich gebracht werden und ergänzende Informationen liefern können. Hier geben sogar nach der Zerstörung gemachte Aufnahmen hilfreichen Aufschluss über die bauliche Struktur des Gebäudes.

Synagoge SW

Blick aus Südwest auf die ausgebrannte Synagoge (StAB)

Die Ostfassade ist durch mehrere aus unterschiedlichen Jahrzehnten stammende Fotografien überliefert. Diese war beim Umbau in den späten 20er Jahren auch unangetastet geblieben. Die Westfassade hingegen ist nur auf einer um 1928 - und somit nach der getätigten Umgestaltung entstandenen - Luftaufnahme sowie auf einer bereits nach der Brandstiftung gefertigten Fotografie abgebildet. Auf letztgenanntem Bild erschließt sich auch die Südseite des Gebäudes. Eine weitere Fotografie, die frontal auf die Nordfassade gerichtet ist, muss etwas später entstanden sein, da hier bereits das gesamte westliche Gemäuer abgebrochen war.

Innenraum

Durch Leo Kahn ausgemalte Synagoge (StAB)

Aus dem Innenraum der Synagoge sind ebenfalls überwiegend Aufnahmen aus der Zeit nach 1928 bekannt. Eine einzige Fotografie aus dem Generallandesarchiv Karlsruhe zeigt den Innenraum in seiner ursprünglichen Umsetzung. Diese ist, gemeinsam mit einer wohl gleichzeitig entstandenen Außenaufnahme, von einer herausragenden Qualität und sie beide sind Bestandteil einer bemerkenswerten Geschichte: Im Jahr 1896 überreichte eine Abordnung der badischen Judenschaft dem Großherzog Friedrich I. Zu Ehren seines 70. Geburtstages eine Truhe mit 20 großformatigen Fotografien von 13 badischen Synagogen, die während dessen Regentschaft erbaut worden waren. (Es sei hier angemerkt, dass dieses Auswahlkriterium in Wahrheit allerdings nicht auf alle Objekte zutraf!) Dieses Präsent wurde jedoch alsbald nicht mehr weiter beachtet, schließlich vergessen und es fand erst im Jahre 1995, also 99 Jahre später, durch glückliche Umstände wieder seinen Weg in die Öffentlichkeit.

Nachzulesen und zu Betrachten in: Badische Synagogen aus der Zeit von Großherzog Friedrich I. in zeitgenössischen Photographien. Hg. von Franz-Josef Ziwes. Karlsruhe 1997. 96 Seiten. ISBN 3-7650-8177-9 [€ 25,50].

 

Erschwerte Bedingungen

Insgesamt ist leider zu konstatieren, dass die Faktendecke, die zur Rekonstruktion der Synagoge herangezogen werden kann, sehr dünn ist. Tatsache ist auch, dass manch Grundlegendes und viele Details wohl nicht mehr ermittelt werden können. So fehlt beispielsweise jeglicher Hinweis auf die Ausgestaltung der Westseite des Innenraumes. Dort muss sich auch die Orgel befunden haben, über die leider auch keine Bild- oder näheren Schriftbelege vorliegen. Hinzu kommt, dass die wenigen erhaltenen Fotografien natürlich alle in Schwarzweiß gehalten sind. Die farbige Ausmalung durch Leo Kahn, aber auch das ursprüngliche Dekor vor dem Umbau, sind somit nur über zeitgenössische Beschreibungen zu erahnen. Doch hier treten wieder die Vorteile der digitalen Technologie hervor. Sie erlaubt es, die monochrome wie die mutmaßlich farbige Ausführung nebeneinander zu stellen und Lücken bewusst auszusparen oder als Interpretation zu kennzeichnen. Auch die Unterschiede der ursprünglichen und späteren Ausgestaltung könnten theoretisch visualisiert werden. Verschiedenartige Auslegungen nicht belegter Details oder neue Erkenntnisse können zudem jederzeit ergänzt oder aktualisiert werden, ohne das Vorherige zu berühren.

Säulenkapitell

Links: Erstes Detailmodell (J. Schoner) Rechts: Fotografie – Ausschnitt (GLA 69 Baden Sammlung 1995 F1 Nr. 230) Das zunächst falsch interpretierte Ornament (Davidstern) konnte auf einem hochauflösenden Foto als Palmblatt identifiziert werden.

So sei an dieser Stelle beispielhaft auf die oben dargestellte Säule verwiesen. Dieses Detailmodell entstand bereits während der noch laufenden Recherche zu den verfügbaren Quellen. Das Ornament am Säulenkapitell hatte ich anhand der bislang verfügbaren Fotos als Davidstern interpretiert. Erst durch den Erhalt hochauflösender Scans der beiden einst dem Großherzog überreichten Fotografien erwies sich, dass es sich hierbei tatsächlich um ein Blattornament handelt. Die Qualität dieser Aufnahmen erschließt somit für die beabsichtigte Rekonstruktion ungeahnte Details.

Photogrammetrie

Photogrammetrische Vermessung (J. Schoner) anhand eines zeitgenössischen Fotos (GLA 69 Baden Sammlung 1995 F1 Nr. 230)

Die ansonsten allerdings lückenhafte Datengrundlage erfordert selbstverständlich Expertenwissen um die Leerstellen plausibel zu ergänzen. Ich darf hier glücklicherweise auf fachkundige Hilfe der profundesten Kennerin der Materie bauen, der Kunsthistorikerin Frau Dr. Dagmar Hartmann, welche ein vitales Interesse an der Durchführung dieses Unternehmens hat. Sie hat im Zuge ihrer Dissertation über die Architekten Henkenhaf und Ebert Grund- und Aufriss der Synagoge rekonstruiert sowie eine umfassende kunst- und bauhistorische Betrachtung verfasst. Darauf aufbauend ist es möglich anhand der überlieferten Fotografien - und hier kommt wieder den beiden hochwertigen Aufnahmen aus dem Generallandesarchiv eine Schlüsselrolle zu - mittels photogrammetrischem Verfahren die fehlenden Abmessungen zu ermitteln. Hierbei werden durch eine spezielle Software die damaligen Aufnahmebedingungen wie Standort und Brennweite der Kamera ermittelt, die für die perspektivische Verzerrung entscheidend sind. Daraus können die Größenverhältnisse der sichtbaren Elemente errechnet und unbekannte Maße mit den bekannten in Bezug gesetzt werden.

 

Ziele des Projektes

Angesichts des Umfangs und der Komplexität dieses Projektes, darf man sicherlich zu Recht von einem verwegenen Ansinnen sprechen, die Synagoge in Ihrer Gesamtheit rekonstruieren zu wollen. Doch gilt es für den Autor zunächst den Anstoß hierfür zu leisten. Ziel ist es, die dann geschaffenen Resultate unter eine freie Lizenz zu stellen und Interessierten zugänglich zu machen. Und zwar nicht beschränkt auf die Sekundärergebnisse in Form von Bildern, Animationen usw. sondern inklusive aller Quelldaten. Das beinhaltet dann sämtliche Konstruktionsdaten, Texturen usw. Dabei spielt die Wahl der eingesetzten Software eine untergeordnete Rolle, da es auch bei 3D-Daten durchaus gängige Austauschformate und zuverlässige Export- und Importfunktionen gibt.

Vase Eckpfeiler

Detailmodell mit Texturvarianten der kugelförmigen Vasen auf den Eckpfeilern (J. Schoner) anhand eines zeitgenössischen Fotos (GLA 69 Baden Sammlung 1995 F1 Nr. 230)

Aber auch die Urquellen sollen soweit möglich zentral erfasst werden. Wenn diese aus rechtlichen Gründen schon nicht in Gänze archiviert und vorgehalten werden können, sollen sie zumindest registriert, beschrieben und nach Relevanz bewertet werden. Dies alles soll ermöglichen, dass das Projekt jederzeit von interessierten, möglicherweise gar qualifizierteren Personen fortgesetzt, ergänzt oder korrigiert werden kann, ohne dass diese wieder bei Null beginnen müssten. Damit wäre das Vorankommen des Unternehmens nicht an eine Person gekoppelt und könnte unabhängig vom Initiator vervollständigt werden.

Es ist auch eine leise Hoffnung des Autors, dass, angeregt durch dieses Projekt und die Publikation erster Bilder, sich womöglich noch ergänzendes Material aus Privatbesitz herausstellen könne oder sich neue Erkenntnisse durch Zeitzeugenberichte ergeben. Diese Hoffnung wird dadurch gestärkt, dass gerade jüngst eine sehr schöne Detailfotografie eines der beiden von Benno Elkan gestalteten Leuchter in der Akademie der Künste in Berlin ausfindig gemacht werden konnte.

Frauenportal

Portal zur Frauenempore - noch ohne Texturen (J. Schoner)

Jedoch muss man die Erkenntnis akzeptieren, dass, je besser die Rekonstruktion gelingen mag, der Verlust des realen Gebäudes umso schmerzlicher bewußt werden wird. So bliebe allenfalls die Hoffnung, dass sich die Vision des Aron Kahn, der wie viele seine Glaubensbrüder im Oktober 1940 nach Gurs deportiert wurde und auch dort verstorben ist, in gewisser Weise doch ein wenig erfüllt und die Bruchsaler Synagoge und die Geschichte ihrer Erbauer vor dem Vergessen bewahrt werden.

Im nächsten Teil meiner Dokumentation werde ich weitere Details enthüllen und einen ersten Blick auf die gesamte Fassade wagen.

Für Kritik, Anregungen oder sonstige Hilfe wenden Sie sich bitte über nachfolgende Adresse an den Autor dieser Zeilen: 1881-1938 [at] see3 [dot] de (subject: Synagoge Bruchsal)

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