Die Synagoge

DruckversionPer e-Mail versenden
Projekt zur digitalen Rekonstruktion der Bruchsaler Synagoge – Teil II
Samstag, 6. November 2010 - 13:49

Im vorangegangenen Artikel wurde auf vergleichbare Projekte verwiesen, welche zerstörte Architektur durch digitale Rekonstruktionen wieder erfahrbar machen. Nachfolgend möchte ich den Nutzen einer solchen 3D-Rekonstruktion beleuchten und aufzeigen welche Chancen sich daraus ergeben.

Synagogen-Modell 1:40

Haptisches Modell der Synagoge, Maßstab 1:40 (St. Paulusheim / R. Oberbeck)

Die Vorteile virtueller Modelle sind vielfältig, ohne dass sie eine der traditionellen Erinnerungsformen obsolet machen müssten. Sie können diese aber veritabel ergänzen. Während alle vorgenannten Lösungen auf einem festen Maßstab beruhen, ist diese Limitation bei digitalen Modellen nicht gegeben, was einen theoretisch unbegrenzten Detaillierungsgrad einräumt. Dies wiederum erweitert das Maß an Anschaulichkeit enorm.

Als Vergleich stelle man sich ein haptisches Modell vor, wie das von der Projektgruppe des St. Paulusheim geschaffene. Der Baukörper ist zwar ohne jegliche Hilfsmittel in seiner Gesamtheit dreidimensional zu erfassen, allerdings ist der Grad an Detailgestaltung technisch bedingten Grenzen unterworfen. Und selbst wenn die Detaildichte realistisch wiedergegeben werden könnte, bliebe sie doch maßstabsbedingt dem Betrachter verborgen oder nur durch weitere Hilfsmittel zu erschließen. Ebenso ist die Beschaffenheit von Oberflächen nur unter immensem Aufwand nachzubilden, in der Praxis allerdings niemals naturgetreu zu imitieren. Hinzu kommt, dass das Innere der Architektur praktisch unerschlossen bleibt. Es gibt zwar vereinzelt sehr aufwendig gearbeitete haptische Modelle, welche auch dieses abbilden, doch bleibt das Erfassen und die Erkundung dieser Räume durch und die Wirkung auf den Betrachter systembedingt beschränkt.

Gerade haptische Modelle sind zudem in aller Regel empfindlich und als Unikat noch dazu ortsgebunden. Sie sind somit praktisch nur im Rahmen einer öffentlichen Ausstellung zugänglich.

 

Festsaal Wilhema

3D-Rekonstruktion des maurischen Festsaals in der Stuttgarter Wilhelma (A. Werner). Nach kriegsbedingter Zerstörung blieb nur ein kleiner Teil der Originalfassade erhalten.

 

Das Potenzial von 3D

Digitale Rekonstruktionen bieten die Chance ein Objekt von der Gesamtansicht stufenlos bis hin auf feinste Details abzubilden. Dabei können Oberflächen und Lichtverhältnisse überzeugend realitätsnah bis authentisch nachgebildet werden. Dies erschließt über die architektonische und funktionale Gestaltung eines Gebäudes hinaus auch dessen emotionale Wahrnehmung. Auch die Einbindung in das damalige Stadtbild kann unter Umständen gesondert betrachtet werden und vor allem auch wie es sich in der Gegenwart einfügen würde, hätte die Zerstörung nicht statt gefunden.

Hierfür stehen dann sämtliche verfügbaren Medienformen zur Verfügung. Von Stills, also 2D-Visualisierungen aus allen gewünschten Perspektiven, über virtuelle Panoramaansichten, Videosequenzen bis hin zu virtuell begehbaren Räumen, welche dann interaktiv in funktionaler und inhaltlicher Hinsicht veranschaulicht und mit dynamischen Informationen verknüpft werden können. Selbstredend kann die dreidimensionale Erfassung hierbei zunächst nur simuliert werden. Moderne VR-Anwendungen erlauben aber ein ein nahezu realistisches Eintauchen in die simulierte Projektion. Ein zusätzlicher Vorteil geht aber mit diesen Präsentationsformen noch einher. Sie sind zumindest teilweise universell einsetzbar und praktisch überall zugänglich zu machen. Sei es über klassische Printprodukte, digitale Trägermedien oder über Internetseiten.

Weiterhin besteht zudem die Möglichkeit aus den generierten 3D-Daten mittels Rapid Prototyping haptische Gesamt- oder Detailmodelle zu fertigen. Diese sind je nach eingesetztem Verfahren von unterschiedlicher Güte und können individuell nach gewünschtem Maßstab produziert werden. Einige dieser Verfahren erlauben es gar die Farbgestaltung einer 3D-Rekonstruktion im Entstehungsprozess direkt zu übetragen. Alle diese Faktoren beeinflussen natürlich entscheidend die Kosten für ein solches Modell, sie erreichen aber sicher kaum die Aufwandshöhe eines in Handarbeit geschaffenen Einzelmodells. Die so erzeugten Modelle lassen sich zudem nahezu beliebig reproduzieren, um dann an unterschiedlichen Orten, z.B. in verschiedenen Informations- und Bildungseinrichtungen, vorgehalten und präsentiert zu werden.

Zusätzlich kann man aber auch - wie es Andreas Werner mit seiner Rekonstruktion des Festsaals in der Stuttgarter Wilhelma getan hat - einen Schnittbogen erzeugen, der dann tatsächlich zu geringsten Kosten, wenn auch einhergehend mit einer drastischen Detailminderung, vervielfältigt und so als aktives Instrument in die Wissensvermittlung eingebunden werden kann. So kann die haptische Architektur-Rekonstruktion als Faltmodell den Weg in jedes Kinderzimmer finden.

 

Der nächste Atikel wird sich mit den verfügbaren Quellen zur Bruchsaler Synagoge befassen und damit, welche konkreten Möglichkeiten aber auch Schwierigkeiten sich daraus für die Rekonstruktion ergeben.

Eigene Bewertung: Keine Durchschnitt: 4.3 (6 Bewertungen)
Inhalt abgleichen Inhalt abgleichen