Stuttgart nach der Schlichtung

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Montag, 13. Dezember 2010 - 12:17

Christa Bauer, "unsere" Bruslerin, die's nach Stuttgart zu de Schwoowe verschlagen hat, war bei der S21-Demonstration letzten Samstag dabei und berichtet exklusiv in Wort und Bild für die bruchsal.org-Leser in ihrer früheren Heimat. Ihre E-Mail an bruchsal.org schließt sie mit folgenden Satz: "Euer "Stuttgart 21! scheint ja diese geplante Stadtahn zu sein, oder?"

Hier ihr Bericht:

Liebe Brusler,

hier ein kurzer Bericht über die Situation in der Widerstandshauptstadt.

Während und nach der Schlichtung hatten manche den Eindruck, nun sei endlich wieder Ruhe eingekehrt im Ländle. Tatsächlich gibt es einige - wenige -, die den Schlichterspruch akzeptierten und sich von den Protesten zurückgezogen haben. Die anderen sind allerdings nach wie vor SEHR aktiv.

Da wird sehr intensiv über die Schlichtung http://www.sueddeutsche.de/kultur/heiner-geissler-und-stuttgart-die-lizenz-zur-vollstreckung-1.1031587 und ihre Folgen diskutiert. So intensiv, dass manche uns schon mit den Galliern aus dem berühmten gallischen Dorf verglichen haben, die sich, wenn die Römer gerade nicht angreifen, zur Abwechslung untereinander verprügeln.

Andererseits erinnert mich unser Widerstand zurzeit an einen Baum, der nach der Blütezeit im Sommer nun mehr "unterirdisch", das heißt äußerlich nicht so wahrnehmbar, im Untergrund Wurzeln treibt.

Äußerlich scheinen die Zahlen der Demoteilnehmer etwas zurückzugehen - abgesehen von der gestrigen Großdemo, auf die ich später noch eingehen will. Aber mehr im Inneren der Bewegung ist ganz schön was los: innerhalb der Stuss 21-Gegner hat sich eine Vielfalt von Initiativen gebildet. Da gibt es die "Architekten gegen S 21" http://www.architektinnen-fuer-k21.de/visionen/vision-stuttgart-22/ , die "Unternehmer gegen S 21", die "Juristen gegen S 21", die "Senioren gegen S 21", die "Behinderten gegen S 21", um nur einige zu nennen. Sogar einen "Parkschützer-Werbespot" gibt es inzwischen: http://www.youtube.com/watch?v=fZ8ffWMFXJc

Gleichzeitig gibt es die Bemühung, unseren Widerstand mehr in die Fläche zu tragen und auch die Menschen im hintersten Dörfchen aufzuklären und zu informieren über das, was hier in Stuttgart gerade passiert. Da gibt es Vorträge und Infostände im ganzen Ländle. Auch bei euch in der Gegend, in Bretten und in Karlsruhe organisiert Michael Kaufmann, zufällig ein alter Schulkamerad von mir, mit einigen anderen regelmäßig Infostände. Also, es kann keine Rede davon sein, dass hier Ruhe eingekehrt wäre!

Mir scheint, dass es Walter Sittler, ganz richtig einschätzt, wenn er sagt, die Schwaben seien duldsam und würden einiges schweigend ertragen. Aber irgendwann wird es auch ihnen zu viel und dann "stehen sie auf und marschieren und hören nicht auf, bis sie ihr Ziel erreicht haben". (In: "Einundzwanzig", Nov. 2010, www.21einundzwanzig.de).

Und so hieß es dann auch gestern auf der Großdemo, zu der nach unseren Zählungen (wir zählen, die Polizei schätzt!!!), über 50.000 Menschen kamen, „Stuttgart 21 Plus braucht einen Widerstand Plus".

Das Besondere an der gestrigen Demo waren die vielen Teilnehmer, die eine wirklich weite Anreise auf sich genommen hatten. Sie kamen aus Bremen, Berlin, Münster (Westfalen), Frankfurt, Freiburg, einige sogar aus Italien (wo es ein ähnlich schwachsinniges Megabahnprojekt gibt) und der Schweiz. Auch dies ein Zeichen, dass die Aufklärungs- und Informationsarbeit der S 21-Gegner erste Früchte zeigt. Und auch die rebellischen Brusler waren wieder mit dabei!

Ausgerechnet die CDU, die aufgrund Teilnehmermangels an den Pro S 21-Demos schon vor Wochen ihre Mitglieder aus dem ländlichen Raum auf Parteikosten mit Bussen nach Stuttgart gekarrt hatte, wo es dann zum Dank für die Demo-Teilnahme Freibier, kostenlose Maultäschle, S 21-Fähnchen und neulich auch gelbe Schäufele gab, beschwerte sich dann auch prompt über den "Demo-Tourismus". "Unsere" Demo-Touristen reisten auf eigene Kosten an. Dafür wurden sie um so herzlicher im Stuttgarter Kopfbahnhof begrüßt und lautstark willkommen geheißen.

Auf der Kundgebung waren alle, die auf unserer Seite an der Schlichtung teilgenommen hatten.

Peter Conradi mahnte, dass es nun ungeheuer wichtig sei, mit den Menschen, gerade auch mit den S 21- Befürwortern, ins Gespräch zu kommen, in der Volkshochschule, im Sportverein, in der Nachbarschaft. Boris Palmer sprach davon, dass Stuttgart 21 Plus an der Nichtmachbarkeit sowohl im technischen wie auch im finanziellen Bereich scheitern wird. Den künstlerischen Teil übernahmen NU SPORTS, Waldo Weathers und der Freiburger Kabarettist Matthias Deutschmann.

Der Demozug zog dann wie üblich bunt, kreativ und laut über den Stuttgarter City-Ring. Auf dem ganzen Weg spielte unsere geniale "Compania Sackbahnhof", unterwegs gab es immer wieder am Straßenrand kleine künstlerische Einlagen, u.a. von singenden Knecht Ruprechts, einer Trommelgruppe und "White Rabbit". Ein Weihnachtsmann mit einem Weihnachtsbaum auf Rollen und ein Weihnachtsengel waren auch zu sehen, daneben die wie immer sehr fantasievollen Plakate.

Fazit: Nach der Schlichtung ist vor der Schlichtung. Nur, dass jetzt Millionen Menschen wissen, dass die Deutsche Bahn in sagenhaft langer Zeit mit sagenhaft viel Geld einen sagenhaften Murks geplant hat!

OBEN BLEIBEN!

 

Ankunft am Hauptbahnhof Stuttgart

Ankunft am Stuttgarter Hauptbahnhof

Baden 21

Baden 21

Compania Sackbahnhof

Compania Sackbahnhof

Geisslerfahrer

Geisslerfahrer

Großstadt zwischen Hängen und Würgen
Die Kleinen waren auch dabei

Die Kleinen waren auch dabei

Geißlein

Stuttgarter Demokratiemodell

Gäste aus Berlin

Gäste aus Berlin

Einer der vielen Zähler der Demo-Teilnehmer

Einer der vielen Zähler der Demo-Teilnehmer

Gönner

Wikileaks lässt grüßen

Ein Weihnachtsbaum auf Rollen

Ein Weihnachtsbaum auf Rollen

 

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