Studioausstellung "Die Titanic-Orgel"

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Eine Legende rückt ins Rampenlicht
Samstag, 31. März 2012 - 23:13

Titelseite Spiegel

Am 15. April jährt sich zum hundertsten mal der Jahrestag des Untergangs. Dementsprechend groß ist auch das Medieninteresse. Spiegel, Stern, fast alle Medien berichten, im Fersehen laufen schon seit Tagen - mit Spielfilmen über Ostern - Berichte über den Untergang des "sichersten" Schiffes der Welt.

Modell der Titanic

Modell der Titanic in Bruchsal

Im Kino kommt der Hit mit Brad Pitt als 3 D-Film erneut in die Vorstellungen, und in Belfast wird ein Titanic-Zentrum eröffnet mit virtuellem Rundgang durch das Schiff, Film über das Wrack in 4000 Metern Tiefe und Blick auf die Werft, in welcher die Titanic gebaut wurde.

Titanic

Werft mit Titanic

Auch das Deutsche Musikautomatenmuseum im Schloss nimmt die Gelegenheit wahr (bruchsal.org berichtete), eine Ausstellung über das "Mysterium Titanic" mit der "Titanic-Orgel" im Mittelpunkt, der Öffentlichkeit zu präsentieren.

Musikrollenlaufwerk

Musikrollenlaufwerk der "Titanic-Orgel"

Kuratorin Brigitte Heck erläuterte, wie im unten angehängten Video ersichtlich, anschaulich, um was es in der Ausstellung geht: Um eben jene Selbstspielorgel, die seinerzeit, von der Firma Welte gebaut, angeblich für die Titanic gefertigt worden sein soll.

Orgel mit Liederrollen

Orgel mit Liederrollen

Die Orgel wurde 1982 vom Baden-Badener Unternehmer Jan Brauer gekauft, in Bruchsal fachgerecht wiederaufgebaut und eingespielt. Davor war sie im Besitz des Aalener "Fleischwolf-Unternehmers" Heinrich Rieger,

Heinrich Rieger

Heinrich Rieger

der sie aus dem Rücklauf des Titanic-Geschäfts im Jahre 1919 von der Firma Welte erwarb.

Fleischwolf der Fa. Rieger

Diese Fleischwölfe machten den Unternehmer Rieger zum Millionär

Rieger erwarb, zusätzlich zu seiner Orgel Typ Philharmonie, Modell II noch insgesamt 127 Musikrollen, wovon sich nun 70 im Besitz des Deutschen Musikautomatenmuseums befinden.

Musikrollen

Musikrollen

Musikrollen

Komponiert und eingespielt wurde die Musik ab 1911 von durchaus bedeutenden Künstlern dieser Zeit, so daß für das Format der Philhermonie II ein breites Angebot an Künstlerrollen vorliegt. Der vorhandene Rollenbestand weist eine breite Mischung aus der klassischen Orgel- und Klavierliteratur auf (Bach, Beethoven, Chopin, Grieg, Reger...), aus symphonischen Kompositionen (Beethoven, Dvorák...), Kirchenchorälen (auf einen kommen wir weiter unten noch), aus Opern und Operetten (Händel, Mozart, Verdi, Rossini, Puccini, Offenbach, Wagner...) sowie beliebten Salonstücken (Strauss, Gillet, Eilenberg...)

Künstler

Zur Freiburger Firma Welte, die diese Orgel hergestellt hat, wäre zu sagen, daß ihr die Entwicklung des Systems zur originalen Wiedergabe des Künstlerspiels auf Klavieren und Orgeln zur Weltgeltung verhalf. Die neue Orgel-Modellreihe nannte man PHILHARMONIE, und sie stellte eines der letzten Spitzenprodukte des Unternehmens dar.

Fa. Welte

 

Von Beginn an zeichneten sich die Produkte des Freiburger Unternehmens durch herausregende Qualität aus und erlangten auf den Gewerbeausstellungen höchste Auszeichnungen. Auch für die Philharmonie wurde das Unternehmen mehrfach prämiert.

Auszeichnung

Auszeichnungen

 

Beschreibung

 

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Werbeanzeige für die "Titanic-Orgel"

Fabrikgebäude der Fa. Welte

Kommen wir nun noch zum Schiff selbst:

Ausstellung

Die Titanic wurde von der Werft "Harland & Wolff" in Belfast gebaut. Sie war das zweite Schiff der "Olympic-Klasse" für die Reederei "White-Star-Line" mit Sitz in Southampton. Das erste Schiff dieser Klasse war die "Olympic" (daher der Name "Olympic-Klasse"), 1915 folgte dann die "Britannic". Bei diesen Schiffen setzte die Reederei auf Luxus als herausragendes Merkmal, auch für das Massenpublikum der Dritten Klasse.

Titanic

Treppe Titanic

In der Unglücksnacht wurden mehrere Eisbergwarnungen von anderen Schiffen abgegeben, unter anderem von der "Baltic", die später von der Titanic verzweifelt angefunkt wurde: "Sinken, benötigen sofortige Unterstützung":

Notruf der Titanic an die Baltic

Notruf der Titanic an die Baltic

In jener Nacht herrschte auf dem Nordatlantik reger Schiffsverkehr, wie man anhand einer Funk-Telegraphenkarte ersehen kann, auf der die Schiffe mit ihren Routen und Funkstandorten eingezeichnet sind. Daraus können die genauen Enfernungen der Schiffe voneinander abgelesen werden.

Funkstandortkarte

Funkstandortkarte Schiffsverkehr Nordatlantik

Außer der "Orgel"-Legende hat sich noch eine andere Legende herausgebildet, nämlich, daß die Bord-Kapelle bis zum Untergang, quasi das Wasser schon bis zum Hals, einen Choral spielte, und zwar das bekannte amerikanische Kirchenlied "Nearer my God to Thee" - "Näher mein Gott zu Dir". Überliefert ist, daß sie beliebte Salonstücke spielte, um die Moral zu stärken. Dieser Choral kann von der "Titanic-Orgel" natürlich ebenfalls gespielt werden,

Lied
wenn Sie mal reinhören wollen, klicken sie einfach auf das nachfolgende Video:

Dieses Kirchenlied dürfte jedem Western-Fan bekannt sein, denn immer, wenn auf einsamer Prärie jemand beerdigt wird, wird dieser Choral gesungen oder ein anderer, nämlich "Shall we gather at the River" oder beide zusammen (übrigens meine beiden liebsten Kirchenlieder). Wer mal reinhören möchte, bitte auf die Links klicken: http://www.youtube.com/watch?v=414J9NAJ9fs http://www.youtube.com/watch?v=Y-pf-Jx19Lc

Wie entstand die Legende? Weil im ersten Stummfilm, der schon 4 Monate nach dem Untergang gedreht wurde, dies so dargestellt wurde und alle nachfolgenden Filme dies übernommen haben, da es für viele Zeitgenossen tatsächlich "tränentreibend" wirkt. Schauen sie mal rein ins nächste Video, in welchem, ausgehend vom ersten Stummfilm über einen Film aus den 50er Jahren bis hin zum Spektakel mit Brad Pitt (das jetzt als 3 D-Film neu in die Kinos kommt), diese Szene kolportiert wird.

Zum Schluß noch einen Einblick in den Vortrag von Kuratorin Brigitte Heck. Wenn Sie den gesamten, sehr interessanten Vortrag sehen wollen, müssen Sie auf den zweiten Teil des Videos warten, der in den nächsten Tagen gepostet wird. Soviel sei verraten: Brigitte Heck hat die Spuren der Orgel akribisch verfolgt und deren Herkunft erforscht. Sie fand viele Indizien, aber keine Beweise dafür, dass die Orgel für die Titanic gebaut worden sein soll. Diese bleibt aber trotzdem ein schönes Stück und spielt phantastisch.

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