Der stille Rüdiger aus dem kleinen Dorf bei Bruchsal

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Der Rüdiger war ein ganz stiller, braver Junge, der mit seiner Mutter und seinen vier Geschwistern auf dem stillen Lande wohnte.
Freitag, 27. August 2010 - 20:02

Seine Mutter war gleichfalls eine ganz liebe und stille Frau, die von ihrem Mann unverständlicherweise sitzen gelassen wurde. So stand für mich bald eines fest, nämlich, dass nicht alle Männer liebe Frauen ertragen können und sich lieber eine schlechte Frau suchen. Das Häuschen von Rüdigers Mutter war sehr klein und sehr bescheiden. In der Küche stand ein altes Sofa, worauf immer junge Kätzchen spielten. Meist roch es, ähnlich wie bei Hedwigs Mutter, nach Pellkartoffeln, aber Rüdigers Mutter konnte als Schwäbin auch Schupfnudeln und Spätzle machen.

Der Küchenzettel war so dürftig wie die Kochstätte selbst, und die gute Frau hatte ihre liebe Not, die vier hungrigen Schnäbel zu stopfen. Rüdigers Bruder war ein ganz langer Lulatsch und beide sahen sich sehr ähnlich. Sie hätten ohne weiteres den Schauspieler Klaus Wildbolz ersetzen können, hätten sie nicht gerade im Ringstraßenpalais mitwirken müssen.

Die beiden Schwestern waren sehr verschieden, und Karin, die jüngere, gefiel mir besser in ihrem Wesen und ihrem Äußeren. Die Ältere kämmte sich den lieben langen Tag die schönen langen Haare, und so hätte sie wohl besser auf den Loreleyfelsen gepasst als auf das kleine Dorf. Rüdiger stand meist verloren in dem großen Hof herum und betrachtete, wie ich mein Fahrrad an den Zaun anlehnte. Rüdiger war überhaupt ein Betrachter. Manchmal glaubte ich, dass er den Tomaten im Garten beim Wachsen und Rotwerden zuschauen konnte, und manchmal wurde er auch rot und verlegen, wenn ich ihn ganz unbekümmert studierte. Er war etwa ein Jahr jünger und ungemein schüchtern.

Rüdigers Mutter ging mit mir immer in den lieben Bauerngarten und pflückte ein paar Blumen für Mama, um sich für die mitgebrachten Gaben zu bedanken. Sie war schlank und mittelgroß, hatte liebe braune Augen und zwei Goldeckchen auf den Vorderzähnen. Wenn sie lachte schaute ich fasziniert auf die wertvolle Frau. Rüdiger sprach kaum einen Satz, streichelte die Kätzchen oder holte Zeitungspapier, um Blumen und Kopfsalat einzupacken. Dann war er ganz emsig und lächelte mich beim Übergeben der guten Gaben schüchtern an.

Die Mama von Rüdiger kochte und spülte an meiner Erstkommunion und wollte in ihrer Küchenschürze und in der Küche bleiben. Sie gehörte noch zu jenen Frauen, die von sich aus wussten, wo sie hingehörten, und doch hätte ich es sehr gerne gehabt, wenn sie auch am Esszimmertisch gesessen hätte. Sie hatte einen großen Respekt vor allem Edlen und Schönen, und manchmal lächelte sie fast so schüchtern wie der kleine Rüdiger. Ich entsinne mich noch sehr wohl, wie zart und vorsichtig sie das Porzellan abwusch und das Silber abtrocknete.

Rüdigers Mutter drückte immer sehr kräftig die Hand, aber sie legte nie plump vertraulich die Hand auf Mamas Schulter. Nicht einmal mir fuhr sie über den Haarschopf, aber ihre liebe, herzliche Art war mehr wert als hundert falsche Umarmungen.

Gemüsebeet

Einige Jahre fuhr ich mit dem Rad hinaus zu dem kleinen Häuschen, und an einem heißen Sommertag stand Rüdigers Mutter verweint unter der Treppe. Rüdigers Bruder bevorzugte aus irgend keinem guten Grunde seinen neuen Wohnsitz in Ostberlin, weil er eine Ostberlinerin geheiratet hatte. Das war aber nicht der einzige Fehler. Die Mutter vom Rüdiger fuhr mit mir zurück zu Mama und sie weinte herzzerreißend auf dem Küchenbänkchen. Erst lief der Mann davon, dann fuhr der Sohn davon, und so war ihre einzige Sorge, dass Rüdiger davon nichts Dummes lernte. Rüdiger blieb zu Hause. Er bewachte die Kartoffeln, den Salat und die Tomaten, streichelte die Kätzchen und liebte seine Mutter. An seinem Verhalten mir gegenüber, wenn er mir gegenüberstand, hat sich nie etwas verändert.

Mitten in der Mittagsglut und mitten im Gemüsebeet machte Rüdigers Mutter von mir braungebranntem Mädchen ein Bildchen mit dem Fotoapparat. Da stand ich nun, unbekümmert in weißem Rock und weiß-marinegestreiftem Pulli und blinzelte in die Sonne. Rüdiger pflückte Tomaten und wollte nicht mit auf die Fotografie.

Damals konnte ich den scheuen Buben vom Lande nicht verstehen. Heute weiß ich, dass Rüdiger ein glückloser Junge war. Sicher spürte er die Liebe seiner Mutter, hatte er die Zuneigung der Kätzchen, pflegte er Salat und Gurken, aber er lachte nie wie ein glücklicher kleiner Bub. Es waren wohl die Sorgen, die ihn niederdrückten. Und so drückte er sich lieber an seinem Gartenzaun herum und drückte sich auch nicht so aus, dass man wusste, was ihn beschäftigte.

Manchmal denke ich, vielleicht hätte er gerne einmal mein Rad benutzt, um die Dorfstraße herauf- und herunterzufahren. Vielleicht hätte ich ihm eines meiner Bücher mitbringen sollen, damit er Gedankenausflüge machen konnte. Vielleicht hätte ich ihn zu meinen Brüdern einladen müssen, damit er Stadtbuben kennenlernen konnte. Vielleicht! Dieses vage Wort fällt heute nicht mehr in die Waage, ins Gewicht. Ich kann die Zeit nicht mehr zurückdrehen. Rüdiger wird seinen Weg gemacht haben. Hoffentlich bekam er eine liebe Frau, mit der er glücklich lebt zwischen Rhabarber, Sonnenblumen und Kopfsalat!

© Barbara Mitteis

 

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