Sperrmüll-Mafia vs. Wohlstandsgefälle

DruckversionPer e-Mail versenden
oder: Bruchsaler Rundschau vs. Mittelhaardter Rundschau
Montag, 25. März 2013 - 17:29

Früher war es noch recht beliebt, das „Sperrmüllmachen“. An den Abenden, bevor der Sperrmüll abgeholt wurde, ging man durch die Straßen von Bruchsal und „machte Sperrmüll“. Der ganze sperrige Schrott, der entbehrlich schien, wurde von den „Sperrmüllmachern“ von oben nach unten gedreht auf der Suche nach Wertvollem oder vermeintlich Wertvollem. Der Autor dieses Beitrages erinnert sich mit Wehmut an eine Holzkiste mit vorsintflutlichen Coca-Cola-Flaschen, die in der Höhe des damaligen Bertolini zur Abholung auf der Straße standen. Mangels Transportmöglichkeiten ließ er diese Kiste stehen – wie toll hätte sich diese doch in dem (nicht vorhandenen) Party-Keller gemacht.

Oder das Kleinod, das er vor nicht allzu langer Zeit auf dem Weg zum Arbeitsplatz fand. Ein Ölbild, ca. 2 Meter breit und 80 cm hoch. In hochwertigem, mundgeschnitzten Rahmen. Abgebildet waren Schwäne und junge, eher knapp bekleidete Frauen, lasziv lagernd an den Gefilden eines klaren, alpenländischen Bergsees – die jungen Frauen, nicht die Schwäne. Wie hat dem Autor das Herz geblutet, dieses wunderbare Teil auf seinem (Fuß)weg an die Arbeitsstelle nicht hat mitnehmen können. Vielleicht war es auch besser so. Mit eher größerer Wahrscheinlichkeit wäre dieser großformatige Schinken wieder dort gelandet wo er herkam. Nein, nicht in einem plüschigen Schlafzimmer sondern beim Sperrmüll.

Waschmaschine

Handwaschmaschine

Ein anderes beim Sperrmüll gefundenes Highlight war eine manuell zu bedienende Waschmaschine – allerdings ohne Verschlussdeckel. Die Diskussion mit den Mitsammlern ergab, dass diese Waschtrommel doch tatsächlich ein tolles Teil sei – ein echtes Sperrmüll- schnäppchen halt. Man könnte doch einen Deckel dazu basteln und die Handwaschmaschine dann als Lostrommel verwenden. Nun, der Deckel wurde nie gebastelt, nicht nur, weil nie eine Lostrommel gebraucht wurde. Irgendwann ist das Teil dann wieder dort gelandet, wo es auch tatsächlich hingehörte, auf dem Sperrmüll. Mittlerweile werden solche Handwaschmaschinen allerdings bei ebay für zwei Zehner verkauft – allerdings mit Verschlussdeckel.

Heute bückt sich wohl niemand mehr nach quasi „herrenlos“ auf der Straße rumliegendem Sperrmüll, wohl auch deswegen, weil der Reiz verloren ging. In früheren Jahren war es wirklich möglich, das eine oder andere „Schnäppchen“ zu machen. Oftmals wurde vermeintlich Wertloses der Sperrmüllabfuhr anvertraut.

Bücken nach Sperrmüll tun sich wohl nur noch gewerbliche Sperrmüllsammler, meist aus den südosteuropäischen Armutsländern, die durch Sammeln und Verkaufen von Teilen unseres Wohlstands(sperr)mülls sich ein kleines Zubrot für sich und ihre Familien verdienen.

Vor einer der letzten Sperrmüllabfuhren in Bruchsal hielt ein weißer VW-Transporter vor unserem Haus, ein netter junger Mann stieg aus und fragte, ob er denn die Eisenteile vom Sperrmüll mitnehmen könnte. Natürlich erlaubte ich ihm dies, bat ihn jedoch, den verbleibenden Sperrmüll wieder schön zu schichten, was er auch tat. Ein kleiner Wermutstropfen war jedoch, dass er zusätzlich noch das Lieblingsfahrrad unseres Sohnes mitnehmen wollte, das doch gar nicht beim Sperrmüll stand. Der nette Sperrmüllsammler nickte aber verständnisvoll als ich ihm erklärte, dass dieses Fahrrad von ihm doch wohl eher nicht mitgenommen werden sollte.

Dass diese Sperrmüllsammler aus Südosteuropa nicht legal handeln, ist nicht erst seit einem Artikel in der Bruchsaler Rundschau „“Schlag gegen die 'Sperrmüll-Mafia'“ bekannt. Die Bruchsaler Rundschau beschreibt in einem Beitrag vom 27. Februar 2013 genüsslich, wie den hiesigen Ordnungshütern 17 Fahrzeuge und 32 illegale Sperrmüllsammler ins Netz gegangen sind. Geradezu euphorisch wird über die Aktion gegen die „Sperrmüll-Mafia“ (Originalton Bruchsaler Rundschau), zu der neben einem Polizeihauptkommissar 38 Polizisten und vier Mitarbeiter des Abfallwirtschaftsamtes eingesetzt waren, berichtet. Nicht mitgeteilt wird allerdings, wie hoch die Personalkosten waren für die insgesamt 43 sicher nicht unterbezahlten Beamten, die bei diesem „bedeutenden Schlag gegen die 'Sperrmüll-Mafia'“ eingesetzt waren und „illegalen Sammlern in Bruchsal das Handwerk“ legten.

Selbstverständlich ist es nicht gesetzeskonform, was die Sperrmüllsammler (früher bezeichnete man diese Personen als Lumpensammler) aus Südosteuropa tun. Selbstverständlich gelten die Gesetze auch für diese Menschen, die in ihrer Heimat oft in Armut leben und für die das Sammeln von Sperrmüll, insbesondere von Metallen, ein wichtiges Zubrot ist, um ihre Familien finanziell über Wasser zu halten. Allerdings ist es, wie ich meine, nicht angebracht, diese Menschen dadurch herabwürdigt, indem man sie als „Sperrmüll-Mafia“ und ihr Tun damit als mafiös beschimpft. Geradezu perfide ist der letzte Satz des Artikels, in dem der Artikelschreiber an die nieder(st)en Instinkte der Zeitungsleser zu appellieren scheint: „Besonderes Pech übrigens hatte ein ungarischer Sperrmüllsammler, denn kurz vor der Kontrolle hatte er einen Verkehrsunfall und musste von der Polizei verwarnt werden. Danach wurde er kontrolliert, verlor sein Sammelgut sowie sein Bargeld als Bußgeld. Schließlich wurde sein Fahrzeug wegen technischer Mängel beschlagnahmt, so dass der Mann zu Fuß von dannen ziehen musste.“ Eine für den ungarischen Sperrmüllsammler vielleicht tragische, existenzbedrohende Situation, wurde hier zum Stammtisch-Lacher hochgejazzt.

Dass zum Thema illegales Sperrmüllsammeln auch ganz anders berichtet werden kann, beweist ein nur wenig später (1. März 2013) veröffentlichter Beitrag in der Neustadter Lokalausgabe der in Ludwigshafen erscheinenden Rheinpfalz. Wo in der Bruchsaler Rundschau mit unverhohlener Begeisterung über die Polizeiaktion gegen die Sperrmüllsammler aus den Armenhäusern Europas berichtet wird, schreibt die Rheinpfalz, dass gegen Sammler aus Südost-Europa, die keine Genehmigung haben, die Stadt (Neustadt) noch nicht allzu streng vorgehe, denn „man kann daran (am Sammeln von Sperrmüll) das zunehmende Wohlstandsgefälle in Europa ablesen“. Die Rheinpfalz resümiert nachdenklich, nicht die Stammtische bedienend: „Der Sperrmüll enthält Werte.die die Kommunen für sich, sprich: für ihre Bürger, beanspruchen. Andern wird dadurch allerdings die Geschäftsgrundlage entzogen: Schrotthändlern und Sammlern aus Südosteuropa. Man wird das in Kauf nehmen (müssen). Sollte sich aber auch im Klaren darüber sein, dass auch die Armut Südosteuropas uns angeht.“

Hier die beiden Artikel im Vergleich:

 

AnhangGröße
20130307083515779.pdf960.49 KB
Eigene Bewertung: Keine Durchschnitt: 4.1 (10 Bewertungen)

Kommentare

Richtig oder Falsch und Sammler-Zeltplatz

Der erste Teil Ihres Artikel, hat mich ebenfalls an meine Sperrmüllsammler-Zeit erinnert, allerdings war ich da noch kindlichen Alters. Wir hatten an vielem eine Menge Spaß, sei es Seifenkisten aus alten Kettcar´s bauen oder alles was noch halbwegs fuhr, auf der Ortsinternen Ralleystrecke zu testen. Vielen Dank für die Anregung Herr Schmitt. Das waren tolle Zeiten...

Was die heutige Situation anbetrifft, so betrachte ich das ganze mit gemischten Gefühlen. Auf der einen Seite sehe ich den Sperrmüll von den Bürgern als entsorgt und somit "herrenlos" an. Wenn die osteurpäischen Sammler sich an diesem bedienen, machen diese eigentlich nichts anderes, als wir früher. (Mit dem einzigen Hintergrund, dass wir alles genommen haben was uns brauchbar erschien und nicht nur das Eisen). Auf der anderen Seite schmälern diese den Gewinn der Firmen welche für den Abtransport unseres Mülls zuständig sind und die verwertbaren Stoffe ebenfalls verkaufen. Dieser Gewinn trägt wohl, laut mehreren Internetseiten, zu stabilen Müllgebühren mit bei und sichert Arbeitsplätze. (Eine Quelle: http://www.mainz.de/WGAPublisher/online/html/default/EKOG-8PSKKN.DE.0 ) Außerdem wird wohl vermehrt beobachtet, dass sich die Müllsammler nicht immer so verhalten, wie das Beispiel welches Sie angesprochen haben Herr Schmitt. Teilweise werden vor Ort Elektrogeräte geöffnet und dabei wird wenig Rücksicht auf Glas, Splitter und andere gefährlichen Sachen genommen.

Es hat, wie fast immer, alles seine 2 Seiten...

Um auf den 2. Punkt meines Betreffs einzugehen. Die Sammlergemeinde ist teilweise mehrere Tage vor Ort und bildet illegale Zelt-Plätze von denen aus in die Gemeinden gefahren wird. Wir im Ort hatten ebenfalls einen solchen. Da die Damen und Herren meistens in Kleintransporter unterwegs sind, welche nicht als Wohnmobil ausgebaut sind, können sich nun die Leser meines Kommentars ausmalen welche menschlichen Konsequenzen dieses hat. Nämlich eine enorme Verunreinigung der Büsche, Hecken und Sträucher im Umkreis von mehreren Metern rund um den Zeltplatz, auf welche ich nicht näher eingehen möchte. Ebenfalls werden die "gesammelten Werke" dort noch einmal sondiert und sollte doch unbrauchbares dabei sein, so wird dieses nicht ordnungsgemäß entsorgt.

Fazit: Wird der Sperrmül mit dem gleichen Hintergrund gesammelt wie wir ihn damals hatten, so freue ich mich sogar daran, wenn die Kids im Haufen wühlen anstatt zu Hause an der Playstation zu hängen. Jedoch die osteuropäischen Sammler, werde ich nicht mehr an den Müll lassen, denn die Begleiterscheinungen möchte ich nicht haben.

Ich hatte auch schon das

Ich hatte auch schon das Vergnügen, dass mich aufgrund einer Haushaltsauflösung ein illegaler Sammler angesprochen hat, was wir denn noch so hätten. Hierbei habe ich ihm einige Sachen gegeben, die man wohl bei Ebay gut und gerne noch für ein paar Euros losgeworden wäre - einfach dass es halt weg ist, weil ich auch gemerkt habe eine alte PS kann in Ungarn noch einen Wert haben und der Sammler sich sehr drüber gefreut hat. Was mit dem Zeug tatsächlich passiert, war mir dann ehrlich gesagt egal.

Es kann aber auch sein, dass sich danach in Ungarn heftig drum gestritten wird, kann aber auch sein, es fliegt in München wieder aus dem Auto raus, weil die Stereo-Anlage die dafür wieder eingepackt wird einen viel höheren Wert hat etc. pp. Ich habe auch schon erlebt, dass ein illegaler Sammler bei mir wieder was ausladen wollte, weil das Auto dann schon zu voll war. Da bin ich nicht so begeistert gewesen....

Alles hat ein für und wider....

Inhalt abgleichen Inhalt abgleichen