Seltsame Vorgänge im Schlachthof

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Ungewohnt nachdenkliche Töne von Rainer Kaufmann
Dienstag, 30. November 2010 - 22:36

Rauner Kaufmann

Rainer Kaufmann wird 60


Wer erwartet hatte, Rainer Kaufmann in gewohnter Form zu erleben, nämlich bissig, spöttisch, kritisch, motzig, mitunter auch laut unbequeme Wahrheiten hinterfragend, der mußte einen anderen Rainer Kaufmann erleben. Nicht daß er bei seinem 60. Geburtstag nicht kritisch und hinterfragend gewesen wäre, jedoch mehr auf eine nachdenkliche Art, ein Rainer Kaufmann der zeitweise eher leisen Töne. Kein Wunder, ging es denn auch nicht in erster Linie um Kabarett, sondern um eine Reflektion und Rückschau auf 60 Jahre Rainer Kaufmann und - offensichtlich untrennbar mit diesem verbunden - Bruchsal. Rainer Kaufmann scheint Bruchsal als seine Heimatstadt regelrecht zu lieben - er sieht sich auch als den "verlorenen Sohn", der nach 20 Jahren "in der Fremde" gerne wieder in die Stadt zurückgekommen ist, in der er seine Wurzeln hat. Also ist ein Rückblick auf sein Leben auch ein Rückblick auf die vergangenen 60 Jahre Bruchsaler Geschichte. Er wuchs in der Nähe des Rathauses auf und brachte als Kind jede Woche die Fleischreste des Ratskellers rüber in den Rathauskeller, zur Fütterung der Hausmeisterhunde. Seitdem hat er eine Vorliebe für die "Leichen im Keller des Rathauses". Nun, er ließ während der letzten Jahrzehnte auch keine Gelegenheit aus, solche auszugraben und er fragt sich nun, ob er wohl auch mit Genugtuung durch die Stadt gehen könne wie der "Herr im Trachtenjanker", in einen solchen er zu Beginn des Abends ebenfalls gewandet war. Er gab dann einige Definitionen des Begriffs "Genugtuung" und überließ es dem Publikum, sich die richtigen für den "Herrn im Trachtenjanker" auszusuchen (Für diejenigen, die es nicht wissen: Unser Alt-OB pflegt im Trachtenjanker durch die Stadt zu spazieren und dabei "Genugtuung zu empfinden"). Rainer Kaufmann und Bruchsal - da ist das immer wiederkehrende Verhältnis zu den noch unbewältigten Altlasten aus der Bruchsaler Nazi-Vergangenheit und die immer noch mangelnde Aufbereitung derselben. Als Beispiel führte er den allen älteren Bruchsalern noch wohlbekannten Kunstmaler Karl Geitz an, der aus seinem Geschäft in der Friedrichstraße heraus die Namen der "Arier" aufschrieb, die bei den gegenüberliegenden jüdischen Geschäften einkauften und der nach 1945 wieder eine Rolle als wichtige Persönlichkeit in der Stadt spielte, unter anderem als Vorsitzender des Kommittees Bruchsaler Sommertagsumzüge, bei denen Rainer Kaufmann und Klassenkameraden hinter der Kutsche von Karl Geitz herlaufen und "Strih, Strah, Stroh..." singen mußten. Er erinnerte auch an die Hinrichtungsstätte in der Psycha und an Bruchsaler, die damit zu tun hatten. Rainer Kaufmann hat ja zu diesem Thema einige Bücher verfaßt, ich denke hier speziell an das "Seilersbahn-Buch". So ließ er viele Begebenheiten und Personen Revue passieren, als Zeitungs-, Rundfunk- und Fernsehjournalist sowie als Buchautor kann der Schlachthofwirt auf einen reichen Erlebnis- und Erfahrungsschatz zurückgreifen. Rainer Kaufmann hinterließ zur Pause ein sehr nachdenkliches Publikum, und vielleicht war es sogar notwendig, daß diese Dinge angesprochen werden mußten, vieles gibt es da noch aufzuarbeiten - und die neue Oberbürgermeisterin weckt die Hoffnung, daß vielleicht doch noch einiges aufgegriffen werden könnte. Nach der Pause dann etwas mehr Kabarett-Stimmung, Rainer Kaufmann bezog sich auf seine Vorstellungen der letzten Jahre und gab daraus einiges zum Besten, vor allen Dingen Gesangsnummern, denn singen kann er auch, und wie gewöhnlich gut unterrichtete Kreise behaupten, auch Gitarre spielen. Diesen Beweis muß er noch antreten, hier wollen wir die Ansprüche nicht so hoch hängen - Geklampfe zu Pfadfinderliedern reicht auch! Nun aber zu den eingangs erwähnten "seltsamen Vorgängen" im Schlachthof. Ja, es mutet seltsam an, wenn ein Bruchsaler Stadtoberhaupt überhaupt den Schlachthof aufsucht, dann dessen Wirt zum Geburtstag gratuliert und ihn auch noch beschenkt - welch Symbolwert! Vielleicht merkt man im Rathaus, daß ein kritischer Geist für Bruchsal nicht negativ sein kann. Auch das Verhältnis zur Pressestelle scheint nicht von den Querelen mit dem Alt-OB getrübt zu sein, erkenntlich an den überschwänglichen Worten und dem Geschenk von Frau Csiky - Aufrißpläne vom Schlachthof. Tja, woher nimmt Kaufmann dann in Zukunft sein "Feindbild". Ich meine, an entsprechenden Ereignissen wird es auch weiterhin nicht mangeln - die Stadtbahn kündigt sich an. Hoffentlich ist Rainer Kaufmann bei bester Gesundheit und macht noch ein paar Jährchen. Zu wünschen wäre es ihm und der Stadt. Nachfolgend drei Video-Clips, welche die Stimmung im Schlachthof wiedergeben sollen. Ich bitte um Verständnis, wenn ich eine Auswahl treffen mußte, die notgedrungen persönlich ist, aber es ist halt nicht leicht, 2 Stunden Programm auf 20 Minuten zu kürzen. So habe ich nicht unbedingt eine chronologische Reihenfolge eingehalten, sondern mehr eine thematische in lockerer Folge, wobei der 2. Clip eher nachdenklichen Töne über die Vergangenheit Bruchsals umfaßt und der dritte dann den Ausklang mit "Congratulations". Zur besten Wiedergabe wie gehabt auf Full HD oder 720/1080p klicken:

Eigene Bewertung: Keine Durchschnitt: 5 (16 Bewertungen)

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Nachtrag...

Nachfolgend noch einige Gesangsnummern Rainer Kaufmann's und Alexandra Nohl's zum 60jährigen im Schlachthof:

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