Schule: Hitzefrei statt Klimaanlage

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Was sind uns unsere Kinder wert?
Donnerstag, 27. August 2009 - 2:00

Schule in Deutschland 2009

Klassenzimmer auf dem Stand der 1970er, fehlende Sicherheitseinrichtungen, chronisch mangelhafte Ausstattung von Unterrichtsräumen, Klassenstärken um die 30 Schülerinnen und Schüler. Lehrer, die bei aller Fähigkeit und Bemühung an der Diskrepanz zwischen diesen Rahmenbedingungen und den (großenteils berechtigten) Forderungen von SchülerInnen und deren Eltern scheitern, jedoch durch das Bildungsmonopol des Staates manifestiert in Staatsexamen und Beamtenstatus nicht einmal dann aussteigen können, wenn es für alle Beteiligten besser wäre. 8-jähriges Gymnasium, Qualitätsmanagement genannt Evaluation, Ganztagesschule. Wer kann wollen, dass Kinder und Jugendliche mehr Zeit als unbedingt notwendig an unseren Schulen verbringen? Statt die mehr als offensichtlichen und seit langem bekannten Schwachstellen unseres Bildungssystems anzupacken, ergeht sich die Politik seit PISA verstärkt in publikumswirksamen Scheinmanövern, denen allesamt eines gemeinsam ist: Sie sind "kostenneutral". Und genau deshalb können sie auch nicht funktionieren. Wer beim Schielen in die Töpfe der bei PISA erfolgreicheren Mit-Europäer nur die Sparbrille aufhat und dort von einseitigem Sparzwang gelenkten Eklektizismus pflegt, tut Keinem einen Gefallen. Den Unterricht auf den ganzen Tag ausdehnen und zur Mittagszeit ein Kantinenessen aus der Caritas-Feldküche herankarren und in eilig errichteten Mensen sevieren, das ist nicht Ganztagesschule. Moderne projektorientierte Unterrichtsformen in einer Gruppe von 30 Schülern durchpeitschen, das ist nicht moderne Pädagogik. Von der sogenannten Evaluation, einem lauwarmen Aufguss des in Betrieben üblichen Qualitätsmanagements, der sich ohnehin kaum auf die von ihren  Strukturen her eher an VEB in der DDR erinnernde Schule übertragen lassen dürfte, soll hier gar nicht weiter die Rede sein.

Will die Schule ihre Schüler den ganzen Tag in Beschlag nehmen, bitte sehr! Dann möge sie aber neben qualifizierter Hausaufgabenbetreuung auch für die im Schulgesetz garantierte Vielfalt in der Bildung sorgen, indem sie sportliche, musische und weitere Angebote an die Schule holt, ehe sie von Ganztagesschule spricht.

Das andere Zauberwort heißt Klassenstärke. Wer je als Unterrichtender den Unterschied zwischen einer Gruppe von 30 und einer von 20 Schülerinnen und Schülern erfahren hat, weiß, dass sich viele der Probleme, die Schule heute hat, alleine über diesen Parameter lösen lassen.

Dicke Luft im Klassenzimmer

Wenn von mangelnder Ausstattung unserer Schulen die Rede ist, geht es nicht nur um den Computerraum oder um noch einen Taglichtprojektor, sondern um Forderungen, die in eindrucksvoller Weise belegen, dass unsere Kinder und damit automatisch auch alles, was mit Bildung zusammenhängt, in Deutschland keine Lobby hat, wie Manfred G. Schmidt es in seiner Abhandlung über Ausgaben für Bildung im internationalen Vergleich darstellt. So ist beispielsweise die ausreichende Belüftung eines Klassenzimmers, für jeden Arbeitsplatz ein gesetzlich geregeltes Muss, an unseren Schulen durchaus keine Selbstverständlichkeit. Luftschadstoffkonzentrationen vom bis zu 10-fachen des sogenannten Pettenkofer-Wertes wird mit archaisch anmutenden Lüftungsregeln für die Pausen begegnet. Wer dies nicht glaubt, der möge einfach einmal gegen Ende einer Unterrichtsstunde ein volles Klassenzimmer betreten und vorsichtig einatmen. Wenn angesichts der Schweinegrippehysterie die Gesundheitsämter an den Schulen Berlins und vermutlich nicht nur dort dafür sorgen sollen, dass ausreichend Seife und Einmalhandtücher vorhanden sind, fragt man sich schon, womit sich die Kinder bisher die Hände gewaschen haben.

Zur Thema Ausstattung gehört allerdings auch die personelle Situation an den Schulen, die ebenfalls deutliche Mangelerscheinungen aufweist. Wie ist es möglich, dass regelmäßig Unterricht ausfällt, wenn Lehrer z.B. krankheitsbedingt fehlen? Lässt sich diese Situation wenn nicht im Einzelfall so doch zumindest statistisch vorhersagen und damit durch eine gewisse personelle Redundanz auffangen, die gewährleistet, dass in solchen Fällen Klassen nicht nur "beschäftigt" werden, sondern planmäßiger Unterricht stattfindet? Gibt es nicht Horden arbeitssuchender Junglehrer, die das Land für teures Steuergeld ausgebildet hat um sie später umzuschulen? Die Praxis an unseren Schulen sieht jedenfalls anders aus: Bereits bei der Erstellung von Lehrerstundenplänen werden systematisch Hohlstunden eingeplant, die nicht etwa als Verschnaufpause im hektischen, für Lehrer durch Zusatzverpflichtungen wie Pausenaufsicht, Besprechungen, Telefonate oft pausenlosen Schulalltag gedacht sind, sondern für Vertretungen und Aufsichten zur Verfügung stehen. Auf diese Weise werden Schüler wohl im Zuge der Verlässlichkeit der Schule zunehmend auch an Randstunden festgehalten, ohne dass regulärer Unterricht stattfindet.

Wem klar ist, dass Bildung "im harten Wettbewerb mit anderen Aufgaben der Länder um knappe steuerfinanzierte Haushaltsmittel" steht wie Polizei und Sicherheit, Landwirtschaft, regionaler Wirtschaftsförderung, sozialpolitischen Aufgaben der Länder und Kommunen, Personalkosten und nicht zuletzt den Finanzmitteln, die für Zins und Tilgung der Staatsschulden anfallen, der versteht, warum die Wirtschaftskrise mit ihren Konjunkturprogrammen nötig ist, um notorische Schimmelflecken durch nicht erst jetzt undichte Schuldächer zu sanieren oder die Schweingrippe, um für Seife und Handtücher in den Schultoiletten zu sorgen.

Die Feuerzangenbowle

Auf den ersten Blick weniger verständlich ist, warum Eltern angesichts solcher teils an Drittweltländer anmutenden Zustände nicht längst klare Forderungen an die Verantwortlichen stellen. Bekannt sind die meisten Probleme ja seit langem. Woran liegt es aber dann? Ist es am Ende so etwas wie der nostalgische Charme der Feuerzangenbowle, den wir unseren Kindern wie ein "so war es schon immer in der Schule" weitergeben wollen in einer Welt, die sich immer schneller wandelt und dem Einzelnen immer mehr abverlangt? Ist es gar der Versuch, einen Abschnitt unserer eigenen Jugend im Museum Schule zu konservieren? Dies wäre zwar geradezu absurd, würde jedoch erklären, was uns Eltern den fehlenden Druck wirklicher Reformen in der Schule schon so gleichgültig akzeptieren lässt.

Da SchülerInnen ohne Lobby und Wahlrecht kaum Einfluss darauf haben, was täglich massiv auf sie Einfluss nimmt und in hohem Maße ihre Zukunftschancen prägt, liegt es umso mehr in der Verantwortung von uns Erwachsenen, allen voran der Eltern, für unsere Kinder aktiv zu werden und klare Fragen und Forderungen an die Parteien zu stellen, die sich den Wahlen stellen.

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