Eine Schneise der Verwüstung

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Flugzeugabsturz in Forst am 31. März 1988 - vor 25 Jahren
Sonntag, 31. März 2013 - 23:27

Die Stimmung in unseren Arbeitsräumen war an diesem Vormittag vor genau 25 Jahren gelöst. Es war der 31. März 1988, ein Gründonnerstag, die Belegschaft freute sich auf das verlängerte Osterwochenende - trotzdem der Wetterdienst eher trübes Wetter für die Feiertage vorhersagte. Eine Kollegin ging zum Fenster und schaute über die Dächer von Bruchsal Richtung Forst. Auf einmal rief sie: „in Forst brennt's“. Die Arbeitskollegen gingen ebenfalls ans Fenster und entschieden sich dafür, dass wohl irgendein Hobbygärtner seinen Baumschnitt in einem doch recht umfangreichen Feuer verbrannte und dieses den riesigen Rauchpilz verursachte. Wir gingen wieder an unsere Schreibtische und arbeiteten weiter. Plötzlich klingelte eines der Telefone. Die Kollegin nahm den Hörer ab und wurde blass. Nachdem sie den Hörer wieder aufgelegt hatte sagte sie mit rauher Stimme: „in Forst ist ein Flugzeug abgestürzt.“ Nun dämmerte es uns. Kurz bevor wir die Rauchfahne in Forst sahen, donnerte eine schwere Düsenmaschine im Tiefflug über Bruchsal; nichts Ungewöhnliches in den 1980er Jahren, lebten wir doch im „Kalten Krieg“, wie der Konflikt zwischen den Westmächten unter Führung der Vereinigten Staaten von Amerika und dem Ostblock unter Führung der Sowjetunion genannt wurde.

F-16

F-16C „Fighting Falcon“ der U.S. Air Force

Nach und nach verdichteten sich die Gerüchte und es wurde klar, was tatsächlich passiert war. An diesem Gründonnerstag stürzte um 9.48 Uhr eine amerikanische F 16-C, ein Mehrzweck- kampfjet der US-amerika- nischen Firma General Dynamics (heute Lockheed Martin), in der Forster Hardtstraße ab. Dabei kam nicht nur der Pilot, der 24 Jahre alte US-Leutnant Thomas Doyle aus Oroville in Kalifornien ums Leben, sondern auch der 62-jährige Rentner Theo Huber, ein Bruder des damaligen Forster Bürgermeisters Alex Huber.

15 Minuten vor dem Absturz waren zwei amerikanische F 16-C-Jagdbomber vom NATO-Militärflugplatz Hahn in der Eifel gestartet. Peter Huber schildert die letzten Minuten des US-Piloten Thomas Doyle so: „Im strömenden Regen und bei einer Wolkenuntergrenze von gerade mal 150 Metern über dem Rheintal fliegt er die Linkskurve offenbar zu steil. Sekunden später stößt der Jäger in Kirchturmhöhe über Forst aus der grauen „Wettersuppe“. Der Pilot, der zwar noch Dächer vor sich sieht, versucht seine Maschine noch hochzuziehen. Doch die F-16 reißt die Spannseile einer Amateurfunker-Antenne in einem Garten der Hardtstraße ab und kracht – mit der Schnauze steil nach oben gerichtet – […] im überzogenen Flugzustand in das Dach einer Scheune." Thomas Doyle unternahm keinen Versuch, sich mit dem Schleudersitz zu retten. Seine verkohlte Leiche wurde von Feuerwehrleuten zwischen den Trümmern gefunden. In einem amerikanischen Untersuchungsbericht heißt es, dass alle Systeme des Jagdbombers normal gearbeitet hätten.

Das Flugzeug stürzte in die Hinterhöfe dreier Häuser der Hardtstraße (4, 6 und 8), die mitsamt Garagen und Scheunen durch Kerosin in Brand gesetzt und stark beschädigt wurden. Theo Huber wurde in seinem Haus durch eine einstürzende Wand erschlagen. Die Forster Hardtstraße glich einem Trümmerfeld. Augenzeugen fühlten sich an die Luftangriffe des Zweiten Weltkrieges erinnert.

Sofort nach dem Absturz wurden die Feuerwehren der umliegenden Gemeinden alarmiert, binnen kurzer Zeit waren 150 Einsatzkräfte der Feuerwehr vor Ort. Berichtet wird, dass beherzte Passanten den Mut aufbrachten, den anfangs wenigen Feuerwehrleuten beim Löschen zu helfen. Bereits nach kurzer Zeit waren auch die Rettungsdienste von DRK, Johanniter-Unfallhilfe, Malteser-Hilfsdienst und Arbeiter-Samaratiterbund mit insgesamt 60 Helfern vor Ort und übernahmen die Erstversorgung und Evakuierung der 31 Anwohner der Hardtstraße.

Dieses Unglück mobilisierte die hiesige Bevölkerung und die Politiker, gegen militärische Tiefflüge zu protestierten. Der damalige Bruchsaler Oberbürgermeister Bernd Doll schrieb an den Verteidigungsminister Wörner: „Ich bitte Sie […] die Tiefflüge bis auf weiteres im gesamten Spektrum der NATO einstellen zu lassen und diese militärische Übungen neu zu überdenken. […] Die Bevölkerung ist empört und nicht gewillt, die von den Tiefflügen ausgehenden Gefahren weiter hinzunehmen.“

Ich bin gegen Tiefflieger

In einer Aktionswoche gegen Fluglärm protestierten im September 1988 Bürger mit einer Ballonaktion unter anderem in Bad Schönborn-Langenbrücken, in Forst wurde gleichzeitig die Aktionsgemeinschaft „Forster Bürger gegen Tiefflieger“ aktiv. In Forst wie in Bad Schönborn wurden 20 Fesselballone in über 100 Meter Höhe aufgelassen. Eine Zählbogenaktion, die vom 1. Juli 1988 bis zum 31. August 1988 von der Aktionsgemeinschaft "Tiefflieger über Forst" durchgeführt wurde verzeichnete insgesamt 950 Flugbewegungen militärischer Art, von denen, so die Meinung der Beobachter, 1/3 unter 150 Metern statt fanden.

Im Zusammenhang mit dem Flugzeugabsturz in Forst verabschiedete der Gemeinderat Philippsburg eine Resolution, in der ein sofortiges Überflugverbot für militärische Düsenmaschinen im Raum Philippsburg gefordert wurde. Begründet wurde diese Resolution unter anderem mit den zwei in Philippsburg befindlichen „kerntechnischen Anlagen“: „Beim Absturz einer Düsenmaschine in diese Anlagen ist ein kerntechnischer Unfall trotz aller vorhandenen Sicherheitsmaßnahmen nicht auszuschließen.“

Mit der Auflösung des Ostblocks und der deutschen Wiedervereinigung endete auch der „Kalte Krieg“. Viele amerikanische Streitkräfte wurden seither aus Deutschland abgezogen, nur noch selten ist ein tieffliegendes Militärflugzeug zu hören.

Dass eine solche Tragödie in der örtlichen Presse in Leserbriefen ihren Niederschlag findet, ist naheliegend. So schrieb ein Bruchsaler Bürger  in einem in der Bruchsaler Rundschau abgedruckten Leserbrief zum Flugzeugabsturz in Forst und die daran anschließenden Aktionen gegen den Fluglärm:

„ … Wenn ich ganz ehrlich bin, mich haben die vorübergehenden Geräusche der Tiefflieger noch nie gestört, was ich bei dem Lärm des Straßenverkehrs und auch der Kirchenglocken – besonders an schönen Nachmittagen, wenn bei Beerdigungen das ganze Stadtgebiet für viele lange Minuten leiden muss – leider feststellen muss.“

 

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Kommentare

Im Jahr 1988...

verlor die US-Airforce weltweit 30 F 16 C Jagdbomber, einer davon der über Forst. Ich befand mich damals auf der Autobahn querab Forst Richtung Heidelberg und wunderte mich noch darüber, daß bei diesen marginalen Wetterbedingungen Tiefflüge stattfanden, denn ich sah eine F 16 bei Regen sehr tief unter einer tief hängenden Wolkendecke kurven, in den Wolken verschwinden und dachte noch bei mir, daß ich jetzt nicht in einer solch mißlichen Lage stecken möchte, in der ich mich Jahre zuvor bei ähnlichem Wetter und fast an gleicher Stelle ebenfalls einmal befand, aber aufgrund von Ortskenntnissen heil wieder herauskam, Wie sich aus dem Unfallbericht der USAF ergab, war eine Rotte von zwei F 16 unterwegs.

F 16 C

Leutnant Doyle verlor den Sichtkontakt zu seinem Mitflieger und daraufhin auch noch die Orientierung, die er anhand von markanten Bodenmerkmalen (Städte, Dörfer, Siedlungen, Eisenbahnlinien, Straßen, Wälder, Seen usw.) wieder zu erlangen suchte. Bei einem dieser Manöver kam er kurzzeitig in die Wolken, bei Austritt aus diesen versuchte er noch, bei strömendem Regen und schlechter Sicht, über Forst hinweg zu kommen, was ihm aber nicht mehr gelang. Einen Ausstieg mit dem Schleudersitz hat er nicht versucht.

Schleudersitzausstieg, F 16

Schleudersitzausstieg aus der F 16, Millisekunden vor dem Aufschlag

 

Lt. Thomas Doyle

Nachfolgend ein Auszug aus dem "Hahn Hawk", der Geschwaderzeitung des 50. Taktischen Kampfgeschaders Hahn:

Memorial Day honors fallen comrades

Hahn Hawk: May 27th 1988

1st Lt. Thomas Doyle was "watchman of world freedom"

Editor´s note: The following was the memorial service sermon for 1st Lt. Tom Doyle, who died in a plane crash in March. The sermon was delivered by Chap.(Capt.)Harrell L. Cobb, Hahn protestant chaplain. In the conclusion of his speech scheduled for Dallas in 1963, President John F. Kennedy wrote, " We, in this country, in this generatin, are by destiny rather than choice, the watchmen on the walls of world freedom. We ask, therefore, that we may be worthy of our power and responsibility; that we excercise our strength with wisdom and restraint. And that we may achieve in our time and for all time the ancient vision of peace on earth and good will toward men. That must always be our goal, and the righteousness of our cause must underlie our strength. As it was written long ago, "Except the Lord keep the city, the watchmen waketh by in vain". " Tom Doyle was a watchman on the walls of world freedom. His walls were the sky, soaring high above the meager stone walls of the ancient fortress. Yet in his small space in the sky, he flew to protect the freedom that we all cherish so much. The prophet, Isaiah, wrote, "They shall rise on wings as eagles." Tom´s sacrifice for peace serves as an example for all - that duty, honor and country are not some forgotten parts of patriotism - but duty, honor, and country were daily inspirations in the life of Tom Doyle. Kate Clark wrote, "That by 1918, the decline of the American hero-patriot had already begun."If that was tru, we are here to proclaim that the hero-patriot has risen again in the sacrifice of Tom Doyle. Isaiah also said, "But those who trust in the Lord for help will find their strength renewed. Tom Doyle´s service to his country calls us to renew our commitment to stand on the walls of freedom, to draw strength from his sacrifice, to rise on wings like eagles, defending freedom wherever it is threatened. Tom Doyle´s fight for freedom is over, but not forgotten. He is at rest with his creator. Gen. Dan Butterfield, in 1862, wanted something less harsh than lights out at the end of the day. He wanted something that would convey lights out and lying down to rest in the silence of the night. To convey this, he composed what we now know as Taps. As Taps is played on Memorial Day, it will proclaim to the world that Tom Doyle and all those who made the supreme sacrifice for their country are at rest. But it also proclaims that we stand vigilantly in their memory, as watchmen on the walls of world freedom.

Grabmal

Grabmal in Arlington, Washington


Das 50. Taktische Kampfgeschwader in Hahn verlor von 1976 bis zur Rückverlegung in die USA im Jahre 1995 29 Piloten durch Phantom und F 16-Abstürze.

P.S. Die damalige Aktion des OB war m. E. reiner Aktionismus, um bei der Bevölkerung gut dazustehen. Als CDU-ler war er natürlich mit der Verteidigungspolitik Manfred Wörners einverstanden.

Auf vielfachen Wunsch eine Übersetzung der obigen Gedenkpredigt:

Bemerkung des Verfassers: Folgendes war die Gedenkpredigt für Leutnant Tom Doyle, der im März bei einem Flugzeugunglück umkam. Die Predigt wurde vom Feldgeistlichen (Hauptmann) Harrell L. Cobb, evangelischer Kaplan, Hahn gehalten.

In der Zusammenfassung seiner Rede, die 1963 in Dallas gehalten werden sollte (Kennedy wurde vorher erschossen, d. Verf.), schrieb Präsident John F. Kennedy: “Wir, in diesem Land, in dieser Generation, sind, eher durch das Schicksal als durch eigene Wahl, die Wächter auf den Mauern der Freien Welt. Wir fragen deshalb, ob wir unserer Macht und unserer Verantwortung gerecht werden, ob wir unsere Stärke mit Weisheit und Zurückhaltung ausüben. Und ob wir zu unserer Zeit und für alle Zeiten die alte Vision des Friedens auf Erden und guten Willens unter den Menschen verwirklichen können. Dieses muß immer unser Ziel sein, und unserer Macht muß die Rechtschaffenheit unserer Sache zugrunde liegen".

Wie es vor langer Zeit geschrieben steht: “Wenn der Herr nicht die Stadt bewacht, wachet der Wächter umsonst”. Tom Doyle war ein Wächter auf den Mauern der Freien Welt. Seine Mauer war der Himmel, er schwang sich hoch auf über die schwachen Steinmauern der uralten Festung. Er flog in seinem engen Platz am Himmel um den Frieden zu bewahren, den wir alle so sehr schätzen. Der Prophet Jesaja schrieb: “Sie werden auffahren mit Flügeln wie Adler”.

Tom’s Opfer für den Frieden dient als Beispiel für uns alle, nämlich dass Pflicht, Ehre und (Vater-) Land kein vergessener Patriotismus ist, sondern dass Pflicht, Ehre und Vaterland tägliche Inspirationen im Leben Tom Doyles waren.

Kate Clark schrieb, “ daß schon um das Jahr 1918 herum der Niedergang des amerikanischen Helden/Patrioten einsetzte”. Wenn das wahr sein sollte, sind wir heute hier, um zu verkünden, dass der Held/Patriot im Opfer Tom Doyles wieder auferstanden ist.

Jesaja sagte auch: “Aber diejenigen, die dem Herrn vertrauen, schöpfen neue Kraft”. Tom Doyles Dienst für sein Land ermahnt uns, unsere Verpflichtung, als Wächter auf den Mauern der Freien Welt zu stehen, zu erneuern, Stärke aus seinem Opfer zu gewinnen, sich mit Adlerschwingen zu erheben und die Freiheit zu verteidigen, wo immer sie bedroht ist. Tom Doyles Einsatz für die Freiheit ist vorbei, doch nicht vergessen. Er ruht bei seinem Schöpfer.

Im Jahre 1862 wollte General Dan Butterfield für seine Soldaten am Ende des Tages etwas anderes als nur den schroffen Befehl “Licht aus”. Er wollte etwas, was “Licht aus” und "Niederlegen, um in der Stille der Nacht zu ruhen" seinen Soldaten entsprechend vermittelte. Um das zu erreichen, komponierte er, was wir heute als “Taps” kennen (eigentlich ein “Zapfenstreich”, d. Verf.). Wenn Taps am Gedenktag (zu Ehren der Gefallenen, jeden letzten Montag im Mai, d. Verf.) gespielt wird
(http://www.armystudyguide.com/downloads/Taps.mp3),
verkündet es der Welt, dass Tom Doyle und alle, die das höchste Opfer für ihr Land erbracht haben, in Frieden ruhen. Aber es verkündet auch, dass wir als wachsame Wächter der Freien Welt, in ihrer Verpflichtung stehen.

Das war die Einstellung der Amerikaner zu Zeiten des Kalten Krieges...

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