Ein Schandfleck wird Touristenziel

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oder: Was unterscheidet die Bronx von Bruchsal?
Donnerstag, 3. Juli 2014 - 13:09

Böse Zungen behaupten, "do hinne beim Bürgerzentrum siehts aus wie in de Bronx". Wer die Bronx kennt weiß jedoch, dass dies eine böse Unterstellung ist - DAS hat die Bronx nicht verdient! Punktet und brilliert doch die Bronx, nach Staten Island der zweitkleinste der fünf New Yorker Stadtbezirke, beispielsweise mit seinem schön angelegten Franz-Sigel-Park, dem aus weißem Marmor gestalteten Heinrich-Heine-Denkmal (Lorelei Fountain), dem größten und artenreichsten Zoo

Sigel

Schild Franz-Sigel-Park in der Bronx. Foto: privat

von New York sowie mit dem absolut sehenswerten Botanischen Garten (New York Botanical Garden), der einer der größten Botanischen Gärten der USA ist mit einem uralten Baumbestand. Die Bronx ist kein sozialer Brennpunkt mit hoher Kriminalitätsrate mehr.

Doch was ist geschehen, dass Lästermäuler so überzogen einen innerstädtischen Bereich Bruchsals dermaßen versuchen zu diskreditieren?

btmv

Wir müssen hier raus. Foto: privat

In der letzten Gemeinderatssitzung wurde unter anderem auch der Jahresabschluss 2013 der BTMV vorgestellt. Der Zuschussbedarf 2013 durch die Stadt belief sich danach auf insgesamt 800.000 Euro und "für 2013 ist ein erhöhter Zuschussbedarf für die Investition in die Sicherheitsbeleuchtung der Tiefgarage Bürgerzentrum und den Ersatz der Lichtsteueranlage im Rechbergsaal geplant". Anläslich ihres Vortrages wurde von der Geschäftsführerin der BTMV angekündigt, dass die Touristinformation in Kürze vom bisherigen Standort neben der Stadtbibliothek verlegt werden soll zum Verwaltungssitz der BTMV in der Dr.-Karl-Meiste-Straße, links vom Haupteingang des Bürgerzentrums. Dadurch soll es Synergieeffekte sowohl in der Kostenstruktur allgemein, als auch insbesondere im Personalbereich geben. Eigentlich eine gute Idee. Wenn da nicht das Thema "Bronx" wäre.

Wie die Bezeichnung "Touristinformation" schon nachdrücklich vermittelt, sollen sich bei dieser Dienststelle Touristen informieren können; über Bruchsal allgemein und im Besonderen: Übernachtungs-, Köstlich-Essen- oder Ausflugs- und Besichtigungsmöglichkeiten. Soweit so gut. Aber jetzt kommt "die Bruchsaler Bronx", so die Lästerzungen, ins Spiel.

Geht beispielsweise ein Tourist vom Marktplatz kommend in die Straße am Alten Schloss und biegt gleich nach rechts ab in die Dr.-Karl-Meister-Straße, empfängt ihn zunächst linker Hand ein etwas versiffter überdimensionaler Tonkrug, der eine etwas heruntergekommene Verkaufsbude flankiert. Der Tonkrug und das Büdchen werden geziert von jeder Menge Ruderalpflanzen, wie beispielsweise dem Stachellattich. Diese originelle Bepflanzung erfolgte wohl sicher nicht durch liebevolle Hände.

Ton

Antiker Tonkrug (minoisch?) und Büdchen. Foto: privat

Geht der doch eigentlich so hoch willkommene Tourist weiter, dürfen sich seine Augen rechter Hand erfreuen an einer Brandmauer, die seit ihrer Errichtung vor etwa 60 Jahren nie verputzt wurde, davor ein eingeschossiger Lagerschuppen mit ausbruchssicher vergittertem Fenster und eingeschlagener Scheibe - blind. Eine Reminiszenz an den 1. März 1945? Dann doch bitte nur mit Gedenktafel.

Brandmauer

Urzustand von 1954? Foto: privat

Lagerschuppen

Mülltonnen, Lagerschuppen und rechte Brandmauer. Foto: privat

Dass auch dieser Flachbau wohl seit über 60 Jahren keinen frischen Anstrich gesehen haben dürfte, erübrigt sich wohl zu erwähnen.

Wie es sich in innerstädtischen Bereichen wohl gehört, stehen Mülleimer sowie Blaue und Grüne Tonnen - fein säuberlich nach Farbe und Größe sortiert - rund um die Uhr in der Dr.-Karl-Meister-Straße und bereichern mit ihrer gerade in Sommermonaten festzustellenden Duftigkeit den restlichen Fußweg des Gastes unserer Stadt bis zur Touristeninformation.

Tonnen

Dass in diesem Bereich auch gerne tagsüber geparkt wird, um in der nahen Fußgängerzone lecker Essen und topaktuelle Mode zu kaufen, versteht sich wohl von selbst.

Farbenpracht

Die Idee der BTMV GmbH, die Synergieeffekte aus der Zusammenlegung von BTMV-Verwaltung und Touristeninformation zu nutzen,  ist sicher richtig. Ob man jedoch den Gästen der Stadt Bruchsal - und zu den Heimattagen 2015 werden sicher nicht wenige Besucher kommen - in der Innenstadt, direkt bei der Touristeninformation, vorgeblich Bronx'sche Verhältnisse zumuten soll?

Vielleicht wäre eine Lösung des Problems, was Feldmarschall Reichsfürst Grigori Alexandrowitsch Potjomkin erfolgreich praktiziert haben soll.  Der Legende nach soll 1787 der Günstling und Geliebte der russischen Zarin Katharina II. vor dem Besuch seiner Herrscherin im neu eroberten Neurussland entlang der Wegstrecke Dörfer aus bemalten Kulissen zum Schein errichtet haben, um das wahre Gesicht der Gegend zu verbergen. Liebe Musik- und Kunstschule Bruchsal: übernehmen Sie! Leinwand, Farbe und Pinsel bekommen sie sicher von der BTMV spendiert.

Anmerkung. Wildkräuter sind etwas Schönes; wenn es sich um Neophyten handelt, sind sie allerdings bei Naturschützern weniger beliebt. Sei's drum. Wenn jedoch, so wie bei den Treppen hoch zur Gaststätte Enchilada, Neophyten sich einen lustigen Verdrängungswettbewerb mit einheimischen Pflanzen liefern, ist dies sowohl aus naturschützlerischen als auch ästhetischen Gründen weniger erstrebenswert. Vielleicht könnte Enchilada für 34,-- Euro (vier Stunden zum Mindestlohn von 8,50 Euro) eine gärtnerisch begabte Hilfskraft beauftragen, hier ein wenig Ordnung zu schaffen. Die Gäste von Bruchsal - und wohl auch die der Gaststätte - werden diese Großtat sicher zu würdigen wissen.

Enchilada

Pflanzen sind nicht lieb zueinander. Foto: privat

Eigene Bewertung: Keine Durchschnitt: 5 (11 Bewertungen)

Kommentare

Spannung

Mal sehen, welche Reaktionen das bei "der Verwaltung" auslöst.
Und welche Kommentare.
Aber so spannend wie "Straßenstrich" und "Engel" ist das Thema ja nicht.
Oder doch?

Frage

Was genau kann jetzt die BTMV dafür, dass Hauseigentümer ihre Häuser nicht verputzen, ihre Mülltonnen nicht anderweitig unterbringen oder Pächter ihre Außenanlagen nicht in Schuss halten ?
Warum interessiert es keinen Bürger, dass diese Strasse als Fußgängerzone ausgewiesen ist ?

Biotope!

Herr Schmitt, das sind zentrumsnahe Biotope!

Diesen aushäusigen Verkaufsstand hat mal ein Pächter des Restaurants dort errichtet und meines Wissens nie oder nur sehr sporadisch genutzt.

So alt ist der noch gar nicht (der Stand natürlich)!

Ich vermute, dass die griechische Vase gleich für Gäste belassen wurde, die ein bisschen zu tief ins Glas geschaut oder das Essen nicht vertragen haben.

Und die unverputzte Brandmauer..., da kann ich nur sagen: Es ist halt hinten wie vorne! Alles halbgar und gewollt, aber nichts gekonnt.

@Augur

Mir ist der "Engel" tatsächlich lieber, vor allem der Biergarten.

Verantwortung

Der Autor hat doch sehr wohl nicht geschrieben, dass die BTMV verantwortlich für Mülleimer und unverputzt belassene Hauswände ist. Er hat sehr wohl geschrieben, dass es von der BTMV richtig war und ist, Synergieeffekte zu nutzen und die beiden Büros zusammen zu legen. Für die Mülleiner und die unverputzten Hauswände sind die Bewohner bzw. Hauseigentümer verantwortlich. Soweit Schwarzparker für sich selbst keine Verantwortung übernehmen können, sind die Stadtsheriffs in der Verantwortung. Und der Wildwuchs ums Enchilada dürfte wohl in der Verantwortung des Pächters liegen.

Nein, so spannend ist das nicht

werter Augur. Das einzig Spannende ist, wie lange das hoffentlich noch so bleibt. Es ist doch für jeden Touristen tröstlich, wie es in der Dr.-Karl-Meister-Straße aussieht:

Hat er zuhause eine "saubere, verputzte" Stadt, sagt er, ach wie schön ist es doch bei uns.
Kennt er zuhause dieselben Verhältnisse, dann tröstet es ihn, dass es woanders auch nicht besser aussieht.

Es wird oft vergessen

Dass Gastwirte oder Gewerbetreibende durchaus ihren Kunden Hinweise geben dürfen, wo geparkt werden darf und wo nicht - es tut nur fast keiner.... Da braucht man sich nicht wundern, wenn zugeparkte Gehwege unwichtig sind, der Rubel rollt ja gerade deswegen weil die Kunden direkt vor dem Laden halten können...

Wandel

Die Fussgängerzone, die Parkzone war, welche aus einer Fussgängerzone gemacht wurde, die eine Parkzone war...

Da schon die paar Euro zu viel sind, die notwendig wäre um eine Absperrung, die es zum Wochenmarkt hin ja schon gibt, um ein paar Meter zu versetzen, wird für den "Rest" erst recht kein Geld da sein. Es ist ja nicht mal das Geld da um den Marktplatz endlich vollständig zu teeren, damit dieses "Flickwerk" nicht ganz so schlimm ins Auge sticht.

Hopfen und Malz verloren...

unattraktive und versiffte Ecke....ähnlich unattraktiv wie aktuell der Marienplatz mit seinen Belagerern, von denen neulich einer in die Ecke gepinkelt hat....einfach ein touristisches Highlight unser Bruchsal....am besten man lässt es an der Autobahn links liegen....

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