Schaffung einer Erinnerungsstätte an die Opfer des Nationalsozialismus

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Gemeinderatsvorlage
Montag, 17. März 2014 - 13:03

Bereits mehrfach wurde bei bruchsal.org darüber berichtet, dass bereits von verschiedenen Seiten bei der Stadtverwaltung beantragt wurde, sogenannte "Stolpersteine" in Bruchsal zu verlegen. Bisher scheiterte dies daran, dass ein entsprechender Gemeinderatsbeschluss noch nicht gefasst war.

Stolpersteine - bald auch in Bruchsal?

Auch über die Umwidmung des Taharahauses beim Bruchsaler jüdischen Friedhof in eine Gedenkstätte wurde bereits auf bruchsal.org berichtet; eine Forderung, die bereits seit einigen Jahren in Bruchsal diskutiert wird.  Eine Maßnahme, die sinnvoll, richtig, aber auch teuer ist. Dieses Projekt steht am kommenden Dienstag, 18. März 2014, wie die "Stolpersteine" auf der Agenda des Bruchsaler Gemeinderates, genauso wie u. a. der Vorschlag von Alt-Stadtrat Gerhard Holler, einen historischen Reichsbahnwagen in Erinnerung an die Deportation nach Gurs in der Viktoria-Anlage beim Bahnhof einzurichten.

Das Bruchsaler Taharahaus als Gedenkstätte ...

Bruchsal.org hat sich entschlossen, diese fundiert ausgearbeitete Gemeinderatsvorlage, die auch auf der Internetseite der Stadt Bruchsal veröffentlich ist, in vollem Wortlaut für die überörtlich an diesem Thema Interessierten, insbesondere die früheren jüdischen Mitbürger bzw. deren Nachfahren, zu publizieren. 



Schaffung einer Erinnerungsstätte an die Opfer des Nationalsozialismus

Beschlussantrag

  1. Der Gemeinderat beauftragt die Verwaltung, ein Konzept zur Sanierung der Tahara-Halle auf dem jüdischen Teil des Bruchsaler Friedhofes auszuarbeiten.

  2. Der Gemeinderat trägt die privaten Initiativen zur Verlegung von „Stolpersteinen“ im öffentlichen Verkehrsraum und damit einer dezentralen Gedenkstätte mit.

I. Sachverhalt und Begründung

In den vergangenen Jahren hat in der öffentlichen Diskussion die Frage des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus verstärkt an Bedeutung gewonnen. Unter den an die Verwaltung und die politischen Gremien herangetragenen Anregungen gehören insgesamt drei Konzepte zu den am häufigsten genannten und eingeforderten Vorschlägen:

a.) die Sanierung und bauliche Wiederherstellung der Tahara-Halle auf dem jüdischenTeil des Bruchsaler Friedhofes,

b.) die Schaffung eines zentralen Denkmals für die Opfer des Nationalsozialismus im innerstädtischen Bereich;

c.) die Verlegung von Stolpersteinen i. d. R. vor den letzten freiwillig gewählten Wohnhäusern von NS-Opfern.

Bislang existieren in Bruchsal verschiedene Gedenkstätten und -orte. So erinnern Mahnmale im Bürgerpark an die Opfer des NS-Staates, am Feuerwehrhaus ruft eine Gedenktafel den Standort der ehemaligen Synagoge ins Bewusstsein, und auf dem Untergrombacher Ignaz-Kling-Platz bewahrt ein Gedenkstein die Namen der in das Internierungslager Gurs deportierten Menschen aus dem heutigen Stadtteil. Ebenso existieren in Bruchsal, Untergrombach und Heidelsheim seit einigen Jahren Gedenksteine, die von Jugendlichen im Rahmen des sogenannten Neckarzimmern-Projektes der Evangelischen Landeskirche gefertigt wurden. Am Bahnhof ist eine historische Erinnerungstafel angebracht, die im Rahmen des Stadtrundgangs an die Deportation der Bruchsaler und Kraichgauer Juden nach Gurs 1940 erinnert. Auf private Initiative geht, ebenfalls in Bahnhofsnähe, ein in Richtung Gurs („968 km“) weisendes gelbes Verkehrsschild zurück. Schließlich ist auf dem israelitischen Friedhof auf dem Eichelberg der Standort der ehemaligen Leichenhalle zur Gedenkstätte ausgestaltet, in die zugleich die letzte noch erhaltene Säule der Bruchsaler Synagoge integriert wurde.

II. Künftige Formen des Gedenkens

Die drei genannten möglichen Formen des Gedenkens – Tahara-Halle, zentrales Mahnmal und Stolpersteine – sollen im Folgenden hinsichtlich ihrer Intention, Bedeutung und Finanzierung sowie Realisierungsmöglichkeit für Bruchsal dargestellt werden.

1.) Sanierung der Tahara-Halle

Die am südlichen Rand des Bruchsaler Friedhofs gelegene jüdische Begräbnisstätte mit einer Fläche von 0,6 Hektar stellt eine historisch bedeutende und authentische Stätte der Erinnerung an die ehemals starke israelitische Gemeinde der Stadt dar. 1879 wurde dieser Bestattungsplatz als Teil des städtischen Friedhofs eingerichtet. Die rund 370 Grabstätten blieben – anders als auf dem massiv geschändeten Friedhof am Eichelberg – in der NS-Zeit im Wesentlichen unbeschädigt. Die Leichenhalle (Taharahaus) ist ebenfalls noch erhalten, sie besitzt im Innern eine Gedenktafel für Leopold Nöther, den Stifter dieses Gebäudes. Von ihrer Funktion her diente die Tahara-Halle zur Durchführung der rituellen Waschungen an Verstorbenen vor deren Beisetzung.

Kaum ein erhaltenes Baudenkmal in Bruchsal und seinen Stadtteilen ist mit Blick auf den Erinnerungscharakter an die gemeinsame jüdisch-christliche Geschichte in Deutschland vor 1933 authentischer als diese Tahara-Halle. Ihr jetziger baulicher Zustand zeigt jedoch deutlichen Sanierungsbedarf, der – entscheidet sich der Gemeinderat für die Sanierung – in einem ersten Schritt erfasst, bewertet und dokumentiert werden muss. Aus den dabei gewonnenen Erkenntnissen wären sowohl die weiteren erforderlichen Schritte als auch die damit verbundene Finanzierung abzuleiten. Da diese Maßnahmen jedoch aufwändig sind und auch – wegen der großen rituellen Bedeutung von Friedhof und Tahara-Halle – eine permanente enge Abstimmung mit dem Israelitischen Oberrat Baden in Karlsruhe erforderlich machen, bedarf es vor der Durchführung von Sanierungsarbeiten eines entsprechenden zeitlichen Vorlaufes.

Realistischerweise ist mit Blick auf die laufenden und im kommenden Jahr vorgesehenen Projekte der Beginn der Maßnahme nicht vor dem Jahr 2016 zu erwarten. Anzudenken ist neben der eigentlichen Sanierung die Möglichkeit einer dem Raum und seiner Bedeutung angepassten Dokumentation hier jedoch in besonders enger Abstimmung mit dem Oberrat – sowie die Frage einer künftigen Zugänglichkeit bei Führungen, möglichen Vorträgen zu Gedenkanlässen o. ä.

Die Kosten der Sanierung und Ausgestaltung können, da bei einem entsprechenden Beschluss des Gemeinderates erst entsprechende Untersuchungen vorausgehen müssen, zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht näher beziffert werden.

2.) Zentrale Gedenkstätte

Während die Befürworter der Stolpersteine ein dezentrales Mahnmal-Projekt unterstützen, gab und gibt es andererseits zahlreiche Stimmen, die die Schaffung eines zentralen Gedenkortes in Bruchsal anregen.

Anregungen sehen eine Gedenkstätte in der Viktoria-Anlage beim Bahnhof als Symbol der Deportation für notwendig an, z. B. in Form einer Gedenkmauer im Bereich des Saalbachs oder auch durch Einrichtung eines historischen Reichsbahnwagens. Das Stadtplanungsamt hat – auch dies weist in eine vergleichbare Richtung – die Schaffung eines Denkmals „Zerstörung und Verfolgung“ zu den Jahrestagen 1940 (Deportation nach Gurs) und 1945 (Luftangriff auf Bruchsal) vorgeschlagen, das beide Ereignisse gleichermaßen als Ausdruck und Folge der NS-Diktatur erkennbar werden lässt.

Wichtig erscheint den Befürwortern einer Gedenkstätte auch die explizite Nennung aller bekannten Namen von NS-Opfern auf einem Mahnmal.

Eine weitere Anregung besteht in der Überlegung, bei Verlegung des Feuerwehrhauses in der Friedrichstraße – dem Standort der ehemaligen Synagoge – die Schaffung eines zentralen Denkmals zur Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus mit in die städteplanerische Konzeption einzubeziehen.

Ein weiterer Anknüpfungspunkt könnte in diesem Kontext die unter Ziffer 1.) vorgeschlagene bauliche Renovation der früheren Leichenhalle auf dem jüdischen Teil des Bruchsaler Friedhofes und ggf. deren entsprechende Widmung als Gedenkstätte sein. Hier ist ebenfalls zu beachten, dass auch die geänderte Nutzung der Halle als Gedenkstätte schon aus religiös-rituellen Gründen (besondere theologische Bedeutung jüdischer Friedhöfe und deren Einrichtungen, Betretungsverbot am Sabbat von Sonnenuntergang freitags bis zum Eintritt der Dunkelheit samstags) nur in äußerst enger Kooperation mit der Israelitischen Religionsgemeinschaft in Baden erfolgen kann und in allen Punkten der Zustimmung sowohl des Landesrabbiners als auch der dortigen Bausachverständigen bedarf.

Für die Realisierung eines Mahnmals oder Gedenkstätte wäre an die Ausschreibung eines Kunstwettbewerbes zu denken, der ein entsprechendes finanzielles Volumen aufweisen muss.

Im Gegensatz zu der auf lange Dauer angelegten Verlegung von Stolpersteinen wäre das Projekt einer zentralen Gedenkstätte – nach kurzzeitig wesentlich höherem Aufwand für die Verwaltung – zeitlich zu einem bestimmten Termin abgeschlossen.

3.) „Stolpersteine“

Die „Stolpersteine“ von Gunter Demnig – kubische Betonsteine mit einer Kantenlänge von zehn Zentimetern, auf deren Oberseite sich eine individuell beschriftete Messingplatte befindet – werden in der Regel vor den letzten frei gewählten Wohnhäusern von NS-Opfern niveaugleich in das Pflaster des Gehweges eingelassen. Sie erinnern auf diese Weise an das Schicksal von Menschen, die im Nationalsozialismus ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden. Denkbar ist darüber hinaus auch die Erinnerung an Todesorte (z. B. Hinrichtungen in der „Psycha“) und auch an Zwangsenteignungen im Rahmen der Arisierungspolitik. So verlegte Demnig 2012 in Köln erstmals einen Stolperstein für ein enteignetes Wohnhaus, in dem die NS-Behörden anschließend zahlreiche jüdische Bürger in beengten Wohnverhältnissen bis zu ihrer Deportation in die Vernichtungslager zwangsuntergebracht haben.

In vielen deutschen Städten und Gemeinden existieren bereits Zehntausende dieser Stolpersteine. Da solche mittlerweile auch in zehn anderen europäischen Ländern verlegt worden sind, hat sich das Projekt zwischenzeitlich zum weltweit größten dezentralen Mahnmal entwickelt. Die Intention des Künstlers ist es, den NS-Opfern ihre Würde wiederzugeben und die Namen der Opfer zurück an die Orte ihres Lebens zu bringen. Das Bücken, um die Texte auf den Stolpersteinen zu lesen, soll auch eine symbolische Verbeugung sein.

Vereinzelt richten sich gegen das Projekt jedoch auch kritische Stimmen, die u. a. dahin argumentieren, auf den Namen ermordeter Menschen könne so mit Füßen „herumgetreten“ werden. Bekanntestes Beispiel ist die Stadt München, die seit mittlerweile über fünf Jahren die Verlegung von Stolpersteinen mit Verweis auf diese Position strikt ablehnt. Gegen diese ablehnende Haltung bringt die „Initiative Stolpersteine für München e.V.“ als Befürworterin das zentrale Argument vor:Wenn jemand Einspruch erheben kann [gegen die Verlegung von Stolpersteinen], dann sind es Angehörige der Ermordeten, aber genau diese sind es, die meist die Steine finanzieren.“

Der Stadtverwaltung liegen private Anträge und Wünsche vor, erste Stolpersteine in Bruchsal zu verlegen und diese auch privat zu finanzieren. Die Verwaltung unterstützt diese privaten Initiativen, die die Möglichkeit eröffnen, sich individuell in das Gedenken einzubringen. Die Zeitschiene bis zum Abschluss des Projekts wird daher letztlich von den privaten Initiativen gesteuert werden.

Die Verwaltung sieht bei einer Realisierung des Projektes „Stolpersteine“ ihre Aufgabe in folgenden Bereichen:

a.) Öffentliche Information und Sensibilisierung der Bevölkerung, insbesondere auch von Hausbesitzern. Nach Presseberichten gibt es bundesweit unterschiedliche Herangehensweisen bei der Verlegung von Stolpersteinen vor privaten Gebäuden, da teilweise auch Kritik von Hausbesitzern oder Mietern, vor deren Häusern die Stolpersteine verlegt werden, zumindest denkbar ist. Information und Einbezug erscheinen daher als wichtig.

b.) Prüfung, Organisation und technische Realisierung der Steinverlegungen. An letzterem nimmt der Künstler oder ein Vertreter teil; üblich ist es, zunächst eine größere Zahl an Steinen vorzubereiten, die an einem Tag durch den Künstler in der Stadt verlegt werden. Erforderlich sind hierzu natürlich in jedem Fall vorbereitende Maßnahmen durch das Bau- und Vermessungsamt und Leistungen des Bauhofes.

Zur organisatorischen Durchführung der Stolperstein-Idee in Bruchsal ist von großer Bedeutung, dass sich die Bürgerstiftung Bruchsal, namentlich Herr Dr. Jörg Friedmann, in einem Gespräch bereit erklärt hat, die finanzielle Seite des Projekts durch Einwerbung, Einnahme und Bescheinigung von zweckgebundenen Zuwendungen zu übernehmen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass vor allem für historische Recherchen, Öffentlichkeitsarbeit, Gespräche mit Hausbesitzern sowie für die Verlegungen selbst (organisatorisch und baulich) merklicher zusätzlicher Arbeitsaufwand für die Verwaltung einzukalkulieren ist. Da das Projekt auf lange Sicht angelegt ist, wird es regelmäßig fortgeschrieben werden, sobald neue Steine durch private Spenden finanziert sind – weshalb auch die erforderliche Betreuung durch die Verwaltung eine dauerhafte und kontinuierliche sein muss.

III. Fazit

Die Tahara-Halle ist ein historisch bedeutsames Bauwerk und Erinnerungsstätte in der Unterhaltungsbaulast der Stadt Bruchsal. Ein akuter Sicherungsbedarf am Gebäude im Sinne einer Verkehrssicherungspflicht besteht nicht, gleichwohl ist die umfassende Sanierung des Gebäudes eine mittelfristige Aufgabe der Stadt und sollte in der genannten Zeitplanung angegangen werden. Eine Entscheidung über eine Sanierung ist grundsätzlich losgelöst von Überlegungen zu einer Gedenkstätte.

Die Formen einer weiteren Gedenkstätte lassen sich im Kern in folgende mögliche Alternativen fassen, über die grundsätzlich zu entscheiden ist:

Einerseits dezentrale Erinnerungsformen, insbesondere die bundes- und europaweit verbreiteten „Stolpersteine“ des Künstlers Gunter Demnig, andererseits eine zentrale und entsprechend dimensionierte Gedenkstätte, die sichtbar im öffentlichen Raum die Erinnerung wachhält.

Die Verwaltung schlägt nach Vorberatung im Verwaltungs- und Finanzausschuss vor, die Privatinitiativen für das Projekt Stolpersteine“ zu unterstützen.

IV. Nachhaltigkeit und finanzielle Auswirkungen

Es ist folgende Produktgruppe betroffen: 28.10.

Die finanziellen Aufwendungen sind abhängig vom Ergebnis der Ermittlung des Sanierungsbedarfs der Leichenhalle und der gemeinderätlichen Entscheidung über die Art und Gestaltung einer Erinnerungsstätte. Bei einer Entscheidung für die Privatinitiative „Stolpersteine“ entstehen Aufwendungen für die organisatorische Unterstützung, die zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht festgelegt werden können.

Eigene Bewertung: Keine Durchschnitt: 4.9 (7 Bewertungen)

Kommentare

Virtuelle Stolpersteine

Es soll zwar kein wirklicher Ersatz für Stolpersteine sein aber zwei Villinger Schüler haben auf den diesbezüglichen ablehnenden Beschluss ihres Gemeinderates mit einem Kunstprojekt der "Virtuellen Stolpersteine" reagiert. Man kann sich diese auch durchaus in Ergänzung zu den realen Steinen vorstellen, wie ich finde.

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