Rokoko in Bruchsal

DruckversionPer e-Mail versenden
Die zwölf Figuren im Bruchsaler Schlossgarten
Sonntag, 6. Oktober 2013 - 13:27

Ein Besuch aus Boston, USA

Was macht man, nicht nur in Bruchsal, wenn man Besuch von ganz, ganz weit her bekommt? In diesem Falle aus dem fernen Boston in Massachusetts, an der amerikanischen Ostküste. Richtig. Man zeigt den Besuchern, dieserfalls Paul und Mary, die Schönheiten seiner Heimatstadt. Dies sind, so man in Bruchsal Gäste empfängt, unter anderem neben dem Schloss mit dem Deutschen Musikautomaten Museum der Bruchsaler Schlossgarten mit Schwanenteich und seinen Garten- figuren aus dem Rokoko: Die heute entmilitarisierten Hellebardenträger, die allegorischen Figurengruppen „Vier Elemente“, die da sind Luft, Feuer, Wasser und Erde, sowie die „Vier Jahreszeiten“, Frühling, Sommer, Herbst und Winter.

Nach der Führung durch die Sammlung faszinierender Musikinstrumente schlenderten wir durch den Schlossgarten. Beim Betrachten der Figurengruppe der „Vier Jahreszeiten“ stutzte Paul zunächst, dann sagte er lachend, über die Gläser seiner Sonnenbrille schauend: „Wie kommen denn diese Figuren zu euch nach Bruchsal? Die stehen doch bei uns in Cambridge, im Fogg-Museum!“ Später, bei Kaffee und Kuchen im Schlosscafé erzählte er, wie er vor noch gar nicht so langer Zeit im Fogg-Museum, einem von drei Museen der Bostoner Harvard-Universität, die Originale der Statuen der Bruchsaler „Vier Jahreszeiten“ gesehen habe. Und tatsächlich. Eine spätere Internetsuche bestätigte, was Paul erzählte: die Harvard-Universität in Cambridge (Massachusetts), in der Nähe von Boston liegend, dessen Sammlung europäische Kunst vom Mittelalter bis hin zur Gegenwart umfasst, besitzt seit 1943 bzw. Anfang der 1950er Jahre die Originale der „Vier Jahreszeiten" aus dem Bruchsaler Schlossgarten.

Schlossgarten

Bruchsaler Schlossgarten 1902

Zwölf Gartenfiguren werden im Bruchsaler Schlossgarten aufgestellt

Zwischen 1759 und vermutlich 1763 wurden für den Bruchsal Schlossgarten zwölf mächtige Gartenfiguren angefertigt und dort aufgestellt: Vier Hellebardiere, also mit einer Hellebarde bewaffnete Landsknechte, auch als „Schweizer Gardisten“ bezeichnet, sowie die Allegorien der „Vier Elemente“ und der „Vier Jahreszeiten“. Diese Allegorien verkörpern ein für Gärten des 18. Jahrhunderts typisches Figurenprogramm.

Von den „Vier Elementen“ ist durch erhalten gebliebene Akten bekannt, dass diese 1761 aus grauem Sandstein aus den Sulzfelder Steinbrüchen gehauen wurden. Alle zwölf Gartenfiguren waren ursprünglich weiß gefasst.

Als Urheber für zwei der vier Hellebardenträger ist der seit 1752 (1) in Bruchsal beschäftigte und im Januar 1755 zum Hofbildhauer ernannte Joachim Günther (2) genannt. Den Auftrag zur Erstellung zweier „Schweizer“ erhielt er am 5. August 1758, ein Jahr später wurden diese beiden Figuren aufgestellt. Die Allegorien der „Vier Jahreszeiten“ wurden wahrscheinlich um 1759/1760, die „Vier Elemente“ wohl 1761 an die vorgesehenen Plätze gesetzt. Die beiden anderen Söldner wurden vermutlich 1763 gefertigt und im Schlossgarten platziert. Über den ausführenden Künstler der zwölf Gartenfiguren wurden in der Fachliteratur einige, oftmals widersprüchliche Betrachtungen angestellt, denn nur für den Auftrag zur Fertigung zweier Hellebardiere existieren Unterlagen darüber, dass Günther mit der Herstellung beauftragt wurde: „Nachdeme zufolg [...] der bildhauer Joachim Günther dahier zwey figuren Schweitzer vorstellend aus erden in modell verfertiget und [...] untertänigst vorgezeigct hat, […] also wurde hochfürstlichem bauamt der gdgste befehl dahin erteilet, mit gedachtem bildhauer einen aecord zu treffen, was ihme pro stück nach meisterhaft und modellmäßiger Verfertigung solte zu arbeitslohn bezahlet werden […].“

Mittlerweile jedoch wird auch für die anderen Figurengruppen der Hofbildhauer Joachim Günther und seine Werkstatt genannt. Die Kunsthistorikerin Dr. Bettina Broxtermann schreibt explizit die anderen Figurengruppen Günther zu: „Warum sollte ihm ein anderer Künstler seine Stellung [als Hofbildhauer] streitig gemacht haben? Andernfalls wäre doch der Name eines anderen Meisters in den Akten genannt worden.“

Bruchsaler Schlossgarten

Bruchsaler Schlossgarten um 1910

Renovierungsbedarf nach 50 Jahren

Weniger als 50 Jahre später, im Frühjahr des Jahres 1806, meldete ein Hauptmann von Laroche (3) seinen Vorgesetzten, „die in dem hiesigen Schlossgarten stehenden Skulpturen seien durch die Länge der Zeit in einen Zustand gekommen, der eine Reparation und einen neuen Anstrich, wenn diese übrigens gut gearbeitete Figuren nicht ganz verderben und unbrauchbar werden sollen, notwendig mache. […] Die Figuren, welche sämtlich sehr beschädigte sind und unter denen manche teils Händt, Füße oder gantze Gewandt verloren haben, auszubeßeren.“ Von Ausgaben für die Reparatur der Figuren riet jedoch der Garteninspektor Johann Michael Zeyher mit Blick auf die Kosten ab, da „die Figuren aber anderseits unter die Classe der schlechteren gehören, so würde es wohl am rätlichsten seyn, diese Arbeit vor der Hand noch zu unterlaßen“. Daraufhin beschloss der badische Hofrat, die Figuren nicht zu restaurieren.

Inwieweit diese Aussage dem veränderten Geschmack in der Gartenarchitektur geschuldet war, ist nicht zu klären. In der Zeit des Fürstbischofs Stirum (4) wurde der französische Geschmack in der Gartenarchitektur durch den romantischen Stil des englischen Gartens abgelöst. Dieser entstand als bewusster Kontrast zum bisher dominierenden Barockgarten französischer Prägung, der die Natur in geometrisch exakte Formen zwang. Im englischen Garten sollte sich das Prinzip einer natürlichen Landschaft widerspiegeln.

Saline

Bruchsaler Saline

Die zwölf Schlossgartenfiguren werden verkauft

Jahre später wurden nach dem Tode von Amalie Friederike von Hessen-Darmstadt, der Markgräfin von Baden (5), die zwölf Schlossgartenfiguren in den Besitz der fürstbischöflichen Bruchsaler Saline (6) überführt. Zwei der vier Hellebardenträger flankierten den Haupteingang zu den Salinen zwischen den Wohnhäusern, die übrigen figuralen Darstellungen schmückten den aufwendig gestalteten Salinengarten, der mit einem chinesischen Gartenhaus und einem gotischen Gartenhäuschen ausgeschmückt war.

Bruchsaler Schlossgarten

Bruchsaler Schlossgarten, ca. 1904

Acht der Figuren kommen zurück in den Schlossgarten

Im Zusammenhang mit der Schlossrenovierung der Jahre 1900 bis 1909 unter der Leitung des Architekten und Bezirksbauinspektors Fritz Hirsch, der für diese Leistung 1922 die Ehrenbürgerwürde der Stadt Bruchsal verliehen bekam, wurden bereits 1898 die „Vier Elemente“ und die Hellebardiere durch die für den Schlossgarten zuständige großherzogliche Domänendirektion erworben. Verkäufer waren die Erben des Salinenbesitzers, des österreichischen Obristen Johannes Andreas von Traitteur. Die acht Statuen wurden an den selben Stellen wieder aufgestellt, an denen sie früher standen. Lediglich die vier „Schweizer Gardisten“, die ehedem die Brüstung zierten, die über Treppenanlagen und Kaskaden den oberen Schlossgarten von dem unteren abschloss, erhielten ihre Stellung an den vier Ecken des oberen Schlossgartens. Doch wo waren die „Vier Jahreszeiten“ geblieben, warum gingen diese nicht auch zurück in den Schlossgarten?

Auf der Suche nach den „Vier Jahreszeiten“

Die Originale der „Vier Jahreszeiten“ wurden schon vor 1898 von den Traitteur'schen Erben, vermutlich der Freifrau von Glaubitz, an einen Angehörigen der großen Familie derer von Bismarck verkauft und auf dessen Hofgut Lilienhof bei Ihringen am Kaiserstuhl aufgestellt. So konnten diese nicht zur Aufstellung im Bruchsaler Schlossgarten von den Traitteur'schen Erben zurück erworben werden. Daher wurden sie durch Kopien ersetzt, die der Karlsruher Bildhauer Heinrich Weltring (7) anfertigte. Doch nicht nur, dass die Originale der „Vier Jahreszeiten“ nun das Bismarck'sche Trabergestüt im fernen Ihringen zierten, 30 Jahre später sollten die „Vier Jahreszeiten“ auf ihre größte Reise gehen – eine Fahrt über den Großen Teich.

Frühling

"Der Frühling" im Fogg-Museum

Weitgereiste Allegorien: Bruchsal – Ihringen – Pomfret - Cambridge

Wie die „Vier Jahreszeiten“ nach Cambridge bei Boston gekommen sind, erzählt unter anderem ein Bericht aus einer Publikation (8) des Fogg-Museums. Danach verkaufte im Jahre 1928 ein Erbe des August Wilhelm Julius von Bismarck (9) die „Vier Jahreszeiten“ an den amerikanischen Porträtmaler Edward Morris Murray (10). Dieser stellte sie im Park seiner Mutter Eleanor Vinton, geb. Clark, der Ehefrau des Arztes Thomas Morris Murray, in Pomfret (Connecticut) auf. Nach dem Umzug der Eheleute Morris Murray nach Abingdon, Connecticut, und dem Tod von Thomas Morris Murray wurden im Jahre 1943 die Schlossgarten-Figuren an das Busch-Reisinger-Museums in Cambridge verkauft. Dieses Museum ist übrigens das einzige Nordamerikas, das Studien von Kunst aus deutschsprachigen Ländern betreibt. Von dort wurde die Figurengruppe durch den Alpheus Hyatt Fund für das Fogg-Kunstmuseum erworben, wo sie seit Anfang der 1950er Jahre öffentlich ausgestellt ist.

Bruchsaler Schlossgarten

Bruchsaler Schlossgarten 1976

Die zwölf Gartenfiguren im Zweiten Weltkrieg

Seit der Schlossrenovierung um die Jahrhundertwende standen die zwölf Statuen, davon die „Vier Jahreszeiten“ als Kopien, über 40 Jahre wohlbehalten im Schlossgarten. Auch den verheerenden Fliegerangriff auf Bruchsal am 1. März 1945 überstanden die Figuren noch nahezu unversehrt. Nach dem Einmarsch der französischen Truppen in die Stadt am 2. April 1945 mussten die Skulpturen jedoch einige nicht unbeträchtliche Blessuren erleiden. Angehörige der französischen Besatzungstruppen benutzten die Statuen als Zielscheiben für Schießübungen und beschädigten diese schwer. Einige der Figuren wurden auch umgestürzt. Im Jahre 1953 waren die Statuen wieder hergestellt, wobei mit größeren Ergänzungen gearbeitet werden musste. Die Originale der „Vier Elemente“ stehen heute im Gartensaal des Bruchsaler Schlosses.

Gehören die Figuren „unter die Klasse der Schlechteren“?

Rokoko in Bruchsal

Allegorie "Sommer". Aus einem Prospekt nach 1933.

Erinnern wir uns an die Meinung des Garteninspektors Zeyher, der 1806 konstatierte, die Gartenfiguren gehörten „unter die Klasse der Schlechteren“.

Ganz anders ist die Bewertung heute. Hans Rott, Herausgeber der für Bruchsal bedeutsamen Werke „Die Kunstdenk- mäler des Amtsbezirks Bruchsal“ und „Quellen zur Kunstgeschichte des [Bruchsaler] Schlosses und der bischöflichen Residenzstadt“, bezeichnet in den 1920er Jahren die Figuren als reizvolle Dekorationsstücke der Gartenkunst, sinnenfrohe und sinnlich-heitere Gestalten einer etwas lockeren Zeit.

In einem Beitrag der Badischen Neuesten Nachrichten von 1948 schreibt ein Autor mit dem Kürzel -eiche-: „Das ist es, was hier zu uns spricht: Sinnlich-heiteres, schwerelos beschwingtes Rokoko, das zusammen mit dem Barock wie keine andere Zeit die figurale Allegorie liebte“.

Und auch das Fogg-Museum hebt im Jahre 1955 auf die hohe künstlerische Qualität dieser Figuren ab und schreibt [...] diese Statuen werden ihren Platz als Meisterwerke der deutschen Rokoko-Zeit behalten. Frankreichs Nähe ist in ihrer Eleganz und Ausschmückung fühlbar. […] Der Meister der 'Vier Jahreszeiten' […] zeigt Vitalität sowohl als auch Gleichgewicht und seine ansteckende Fröhlichkeit kommt mit hohem künstlerischen Genuss zum Ausdruck.“

Paul und Mary haben mich übrigens zu sich nach Connecticut eingeladen. Dieser Einladung werde ich nachkommen und „unseren“ Gartenfiguren auch einen Besuch abstatten.

 

 

Verwendete Literatur

Broxtermann, Bettina: Seminararbeit, Universität Karlsruhe, Institut für Kunstgeschichte, Hauptseminar „Barock in Baden-Württemberg“, Karlsruhe 1981.

Eiche (?): in Badische Neueste Nachrichten: Ausgabe Nummer 123, 1948, Seite 5.

Greder, Werner: D' Brusler Dorscht. Die Geschichte der Bruchsaler Gaststätten und Brauereien. Ubstadt-Weiher 1997.

Greder, Werner: Heiteres Bruchsal. Geschichte der Fastnacht in Bruchsal. Begebenheiten und heitere Erlebnisse in Bruchsal aus Vergangenheit und Gegenwart. Hrsg. Von der Großen Karnevalsgesellschaft e.V. 1879. Bruchsal 1990.

Harvard Art Museums / Fogg Museum: The Bulletin of the Fogg Museum of Art, Vol. X, 4, Cambridge, Massachusetts, USA 1955.

Jäckel, Karin: Forschungsergebnisse zum Leben des Bruchsaler Hofbildhauers und Stuckateurs Joachim Günther. Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins, 127. Band, Stuttgart 1979.

Megerle, Robert (Hrsg.): Heimatlexikon Bruchsal. Ubstadt-Weiher 1996.

Rott, Hans: Bruchsal: Quellen zur Kunstgeschichte des Schlosses und der bischöflichen Residenzstadt. Heidelberg 1914.

Wiedemann, Alfred: in Badische Neueste Nachrichten, Ausgabe 14. Mai 1955, Seite 13.


Anmerkungen:

(1) Fester Vertrag mit Günther erst am 11. Oktober 1752

(2) 03. März 1720 Tritschenkreuth – 02. Juli 1789 Bruchsal. Verheiratet mit Anna Maria Miller aus Zusmarshausen (Hochzeit 1749 in Zusmarshausen)

(3) Rott, Hans: Bruchsal, Quellen zur Kunstgeschichte des Schlosses, Seite 144 ff.

(4) 1721 - 1797

(5) 1754 - 1832

(6) Heute steht dort das Kinderheim St. Raphael

(7) 1847 Baccum/Emsland – 1917 Thuine/Emsland

(8) The Bulletin of the Fogg Museum of Art, Vol. X, 4

(9) 1849 - 1920

(10) 1902 Manchester, Massachusetts – 1946 Miami, Florida

© Rolf Schmitt

Eigene Bewertung: Keine Durchschnitt: 4.7 (15 Bewertungen)
Inhalt abgleichen Inhalt abgleichen