Ein Relikt aus "Alt-Bruchsal"

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Das "Schuhmacher-Rill-Häuschen"
Mittwoch, 5. Februar 2014 - 6:26

Rill-Haus

Schuhmacher-Rill-Häuschen, privat

Manch “Alter Brusler” oder “Obervorstädtler” kann sich noch an den Schuhmacher Rill in der “Kloschdergass” erinnern, der im winzigen Häuschen mit der Nummer 37 seine Werkstatt hatte. Auch ich denke, wenn ich an dem Häuschen vorbeikomme, an die halbdunkle Werkstatt, die einen intensiven Geruch nach Leder und Schuhputzmitteln verströmte und aus der ein Hämmern und Klopfen auf die Straße drang.

Schuhmacherfamilie Stadtmüller

Schuhmacherfamilie Stadtmüller, Archiv Stadt Bruchsal

Kaum vorstellbar, dass hier einst bis zu 12 Menschen der früheren Schuhmacherfamilie Stadmüller lebten, ist die Grundfläche doch nicht größer als die einer Garage.

Grundfläche

Grundfläche nicht gößer als eine Garage, Archiv Stadt Bruchsal

Nun soll hier ein Handwerksmuseum eingerichtet werden. Die Schuhmacherwerkstatt im Erdgeschoß soll als Anschauungsraum erhalten bleiben, und in Form einer kleinen Ausstellung soll darüberhinaus das Bruchsaler Handwerkerleben seit dem 19. Jahrhundert dokumentiert werden.

Schuhmacherwerkstatt

Schuhmacherwerkstatt, Archiv Stadt Bruchsal

Insbesondere die Außenfassade zur Klosterstraße hin ist als eines der letzten Relikte von “Alt-Bruchsal” anzusehen.

Außenfassade

Außenfassade, privat

Mit dem Erwerb dieses Hauses im Jahre 2010 auf Initiative von Cornelia Petzold-Schick in ihrer Kompetenz als Oberbürgermeisterin, was nicht ganz unumstritten war, hat die Stadt Bruchsal die Möglichkeit geschaffen, dieses sozial- und baugeschichtlich sehr interessante, charakteristische und für viele Bruchsaler auch emotional positiv besetzte Gebäude zu erhalten und im möglichen gegebenen Maße zu nutzen.

Rill-Haus

Die Oberbürgermeisterin hat dem Gemeinderat beim Erwerb versprochen, zu einem schlüssigen und sinnvollen Nutzungskonzept zu gelangen und auch nach Finanzierungsmöglichkeiten über Partner zu suchen, was offenbar gelungen zu sein scheint, denn die Stiftung der Volksbank Bruchsal-Bretten unterstützt diese Bemühungen maßgeblich nicht nur finanziell, sondern auch personell.

Rill-Haus

Dies deshalb, weil das ehemalige Handwerkerhaus ein bauliches Relikt genau jener Klientel ist, die im 19. Jahrhundert am Anfang des genossenschaftlichen Gedankens stand, wie der Stiftungsvorsitzende der Stiftung der Volksbank Bruchsal-Bretten und Vorstandsvorsitzende der Volksbank Bruchsal-Bretten eG, Roland Schäfer, erläuterte.

Rill-Haus

Die Stiftung hat sich bereit erklärt, das Vorhaben mit mindestens 30.000.- Euro, bei Gesamtkosten von 90.000.- Euro bis 2016 zu unterstützen, die der Sanierung, Erhaltung und Neugestaltung im Inneren des Gebäudes zufließen sollen.

Kosten

Zugleich hat sich eine Gruppe junger Nachwuchskräfte im Rahmen eines internen Volksbank-Projektes zur beruflichen Qualifikation über Monate hin mit dem Anwesen beschäftigt, unabhängig davon, ob es realisiert wird oder nicht, hat den baulichen Zustand, Sanierungsbedarf, Nutzungsmöglichkeiten erfaßt und Vorschläge zur Nutzung unterbreitet.

Sanierungsbedarf

Das Vorgehen der Gruppe entsprach dabei in allen Schritten dem “realen” Weg bei einer Projektentwicklung, d.h. es wurden von Handwerkern Angebote über Gewerke, Kostenschätzungen usw. eingeholt. So entstand ein Kostenplan für die Sanierung, wobei Gesamtkosten von maximal brutto 90.000.- veranschlagt wurden.

Dabei wurde bewusst auf eine möglichst einfache und kostengünstige Sanierung geachtet, z.B. nur Nutzung als “Kalthaus” (ohne Heizung) und Beschränkung der öffentlichen Nutzung auf das Erdgeschoß. Die Vorgehensweise soll die sein, zunächst die absolut dringlichen und notwendigen Sanierungsarbeiten nach jeweils vorhandenen Projektmitteln durchzuführen und dann die weiteren Maßnahmen jeweils mit Blick auf die noch vorhandenen finanziellen Möglichkeiten schrittweise umzusetzen.

Künftige Nutzung des Rill-Hauses

Das Projektziel soll sein:

- Die Sicherung der Immobilie (bauliche Substanzerhaltung) - Erhaltung der Schuhmacherwerkstatt im Erdgeschoß als Anschauungs- und Vorführraum

- Die Dokumentation (in Form einer kleinen Ausstellung) vom Handwerkerleben in Bruchsal und der genossenschaftlichen Idee seit dem 19. Jahrhundert (thematisch nicht nur unter Einbeziehung der Volksbanken, sondern z.B. auch der OGA, Winzergenossenschaften, ZG Raiffeisen u.ä.)

- Die Eröffnung des sanierten Objekts während der Heimattage 2015 am “Tag des Denkmals” mit Einbeziehung in die Stadtführungen ab diesem Zeitpunkt - Überführung in eine Bürgerverantwortung (Ehrenamtliche Helfer etc.)

Thomas Adam, Leiter des Kulturamts der Stadt Bruchsal, stellte zum Schluß begeistert fest, daß das Rill-Häuschen und die Klostergasse sehr wohl mit der weltberühmten "Goldenen Gasse" in Prag zu vergleichen seien:

Goldene Gasse, Prag

Und Oberbürgermeisterin Petzold-Schick hoffte, daß der Gemeinderat diesem Projekt zustimmen wird.

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Kommentare

Stolzer Preis

Noch vor ein paar Jahren hat man sich von Seiten der Kommune vom Schlachthof getrennt bzw. diesen hergeschenkt. Von der gemeindegeschichtlichen Bedeutung sicher nicht hinter dem Rill-Häuschen anstehend.

90.000 EUR Renovierungskosten, unabhänging davon, von wem sie getragen werden, sind kein Pappenstiel. Von der Höhe der Erwerbkosten der Stadt wird erst garnicht gesprochen.

Das muss man nicht verstehen!

Wenn man schon

mit dem Goldenen Gässchen in Prag vergleicht, warum nicht gleich Eintritt für die Klostergass verlangen? :-))

Schlachthof versus Rill

Lieber Klostergässler,

die Verscherbelung des Schlachthofs war ein Fehler - allerdings begangen vom Amtsvorgänger der OB und der damaligen Gemeinderatsmehrheit. Der Kauf des Schuhmacher-Rill-Hauses für 20.000 € und dessen Renovierung mit Hilfe der Volksbank und wohl auch von engagierten Handwerkern ist eine kleine Wiedergutmachung der Amtsnachfolgerin.  Die Obervorstadt verdient Aufmerksamkeit, auch wenn sie leider spät kommt.

Ich selbst habe als Gründer einer Bürgerinitiative vor über 30 Jahren vergeblich gegen den Abriss des "Türmchens" in der Badgasse gekämpft und freue mich als Gemeinderat über erwachtes Geschichtsbewusstsein.

 

 

 

Der histotische Fehler steht außer Frage

Die historische Fehlentscheidung zum Schlachthof, steht außer Frage, Herr Schmitt. Jedoch sollte man vielleicht überlegen, diesen Fehler zu korrigieren.

Ich weiß wohl um die Vorbehalte vieler Gemeinderäte, die nur bei dem Wort "Schlachthof" schon die Augen verdrehen. Man muss jedoch zu Kenntnis nehmen, dass der Ausfall des Schlachthofes als Kulturstätte, dem Kulturtreiben in erheblichem Umfang geschadet hat. Den letzten Kulturversuch in der Nach-Kaufmann-Era nehme ich da mal aus, da dieser nach nur einem Jahr zwangsweise eingestellt wurde.

Nichts gegen dass Rill-Häuschen. Aber das Geld, egal wer es locker macht, wäre an anderer Stelle besser aufgehoben gewesen. Bruchsal kann mehr als Mozart- und Spargel-Events, wenn man Willens ist, den Rahmen dafür zu schaffen.

Wo steht das Haus?

Wo steht denn das Haus? Ich arbeite zwar nur in Bruchsal und wohne nicht hier, aber ein bisschen Kultur schadet ja nie :-)

Schlachthof-Schaden ist nicht reparierbar

Leider. Die enge Umbauung des Schlachthofs lässt eine Nutzung als "Vergnügungsstätte" nicht zu. Zu deutsch: Es gibt Nutzungsrestriktionen. Der ursprüngliche Grünbereich am Saalbach ist zugebaut - es wäre ein idealer Ort für Außengastronomie. Verschwunden ist der Gutshof und Nebengebäude des Schlachthofs. Hinter den Kulissen haben viele Akteure, auch leitende Mitarbeiter der Stadt versucht, eine tragfähige attraktive Nutzung im Schlachthof unterzubringen. Leider nicht mehr möglich. Heute wissen alle, nicht nur die damaligen Gegner, dass der Verkauf des Schlachthofgebäudes für 1 € ein gravierender Fehler war. Im Grunde hat es die damals politisch Verantwortlichen nicht interessiert. Jetzt kann es nur noch darum gehen, das, was von der Obervorstadt geblieben ist, angemessen zu würdigen, auch aufzuwerten. Das ist kein Fehler.

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