Potschamber des Grafen Kuno entdeckt

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Sonntag, 23. Februar 2014 - 18:46

Da war doch vergangenen Donnerstag in der Bruchsaler Rundschau als wichtigste Meldung des Tages zu lesen: „Stadt für Graf Kunos Potschamber unterversichert? OB und Fastnachter auf der Suche nach Ausstellungsmöglichkeit / Vollzugsbeamte als Wächter vorgeschlagen“.

Der Nachttopf und die GroKaGe

Was war passiert? Die Narren der GroKaGe haben in der Baugrube des künftigen ADAC-Hauses in der Bahnstadt gebuddelt und fanden dabei den Potschamber des Grafen Kuno, den sie, ob seines unermesslichen Wertes, Bruchsals Ober- bürgermeisterin Petzold-Schick im Rahmen einer Feierstunde huldvoll überreichten. Nun soll dieses einmalige Zeugnis Bruchsaler Stadtgeschichte (OB Petzold-Schick soll hoch entzückt ausgerufen haben: „Die Geschichte Bruchsals muss neu geschrieben werden!“) in Hinblick auf die Heimattage 2015 einem möglichst großen Publikum zugänglich gemacht werden.

Ein Teil der Leser der Bruchsaler Tagespresse, insbesondere Zugezogene aus nördlichen Gefilden, wird jetzt vielleicht gar nicht wissen, was ein Potschamber ist. Ein Potschamber ist schlicht und einfach ein Nachttopf. Es handelt sich um eine Verballhornung des französischen „pot de chambre“ - Nachttopf halt.

Der Nachttopf und Bruchsal

Der Begriff Potschamber ist alten Bruslern noch geläufig, eher bekannt ist aber das dort so genannte Potschamperl in Österreich und Teilen Bayerns. In ihre Heimat mitgebracht haben sollen die verballhornte Bezeichnung für den Nachttopf Soldaten des Deutsch-Französischen 1870/71 Krieges. Dieser Krieg war eine militärische Auseinandersetzung zwischen Frankreich einerseits und dem Norddeutschen Bund unter der Führung Preußens andererseits. Die süddeutschen Staaten Bayern, Württemberg, Baden und Hessen-Darmstadt nahmen ebenfalls an diesem Krieg teil, da sie mit dem Norddeutschen Bund bzw. Preußen verbündet waren. So haben wohl die Bruchsaler Soldaten, so sie nicht gefallen sind, den so exotisch klingenden Begriff "pot de chambre" mit nach Bruchsal gebracht - bei so einem tollen Begriff fällt das Urinieren und Koten sicher leichter. So nach und nach dürfte sich das Wort dann eingeschliffen haben auf das für hiesige Zungen einfacher auszusprechende "Potschamber". Eine andere Möglichkeit wäre aber auch, dass der Begriff Potschamber viel früher schon Bestandteil der badischen "Sproch" wurde, ist doch Frankreich gar nicht so weit weg.

Der Nachttopf als Nachttopf

Nachttopf

Wenn heute der Begriff Nachttopf (oder in Brusel halt Potschamber) fällt, überzieht das Gesicht des Hörers dieses Ausdruckes gerne ein leichtes Grinsen. Ist dieser Begriff doch im wahrsten Sinne des Wortes mit einer gewissen Anrüchigkeit verbunden, doch war der Nachttopf früher ein von jedem genutzter Alltagsgegenstand.

Der Nachttopf als Allnächtlichkeit

Bevor die Häuser mit Wassertoiletten ausgestattet wurden war der Nachttopf, ärmere Familien nahmen öfters auch nicht mehr zum Küchengebrauch taugliche Kochtöpfe oder Blumentöpfe, ein notwendiges Utensil.

Die Toiletten lagen außerhalb des Hauses und waren nachts nur schwer zu erreichen. So wurde ein Nachttopf meist unter dem Bett, in einem Nachttisch oder einem Nachtschrank neben dem Bett aufbewahrt, in den Nachtstunden benutzt und am frühen Morgen entleert. Man kann sich vorstellen, dass nach der Benutzung des Nachttopfes von diesem eine große Geruchsbelästigung ausging. Der Potschamber war ein sicher nicht zu unterschätzender Infektionsherd, da er oft nur entleert aber nicht gereinigt oder gar desinfiziert wurde.

Der Nachttopf und das Mittelalter

Nachttopf

Im Mittelalter, also lange, bevor aus dem Nachttopf der Potschamber wurde, war es üblich, den Nachttopf aus dem Fenster auf die Gasse zu leeren, da es keine Kanalisation gab. Zuweilen ergoss sich der Inhalt des Nachttopfes über die Köpfe unwillkommener Gäste oder übersehener Passanten. Wer nachts im bewohnten Gebiet spazieren wollte, heuerte sich einen Begleiter an, der vorausging und lautstark rief: "Haltet ein". Das war in allen großen Städten Europas üblich.

Der Nachttopf und Goethe

Nachttopf

Dass früher der Nachttopf oder Pot de Chambre in allen Schichten der Gesellschaft verbreitet war zeigt eine Episode, die zu Johann Wolfgang von Goethes Tod im Jahre 1832 immer wieder zitiert wird. Oft wird die so schön anzuhörende Geschichte erzählt, wie Goethe mit seinen letzten Worten nach seinem Diener Gottlieb Friedrich Krause gerufen habe und übermenschlich-visionär um „mehr Licht“ bat - der Diener solle die Fensterläden öffnen.

Der Zweck der im Todeskampf gehauchten Bitte soll aber ein ganz anderer gewesen sein. Bei genauerer Recherche entpuppt sich die bis 1928 gängige Anekdote, die von Goethes Freunden in die Welt gesetzt worden ist, als Irreführung des geneigten Publikums.

Tatsächlich soll Goethes Diener Gottlieb Friedrich Krause selbst die Situation ganz anders geschildert haben. Knurrend soll er sich so geäußert haben: "Es ist wahr, dass er [Goethe] meinen Namen zuletzt gesagt hat, aber nicht um die Fensterladen auf zu machen, sondern er verlangte zuletzt den Botschamper (pot de chambre), und den nahm er noch selbst und hielt denselben so fest an sich, bis er verschied."

Der Nachttopf und der Fremdenverkehr

Nachttopf

Für Bruchsal ergeben sich nach diesem sensationellen Fund ganz neue, unerwartete fremdenverkehrlich ausschlachtbare Chancen.

Nachdem Bruchsal weltweit neben beispielsweise Solothurn, Salzburg, Ludwigsburg, Linz, Fulda, Ettenheim, Dresden mit dem Alleinstellungsmerkmal „Barockstadt“ im Tourismusmarkt punktet, mittlerweile sogar neben Augsburg, Salzburg und Wien zur Mozartstadt (Mozart übernachtete in Bruchsal!!!) aufstieg UND sich selbst, neben Beelitz, Schrobenhausen, Schwetzingen oder Nienburg, zu DER angesagtesten deutschen Spargelstadt krönte (Spargel aus ganz Deutschland wird in Bruchsal vermarktet), wird sich Bruchsal vielleicht zukünftig auch Botschamber- oder, auf gut bruslerisch, Scheißhaffe-Stadt nennen. Ganz sicher ein Alleinstellungsmerkmal. Der GroKaGe und deren Grabarbeitern sei Dank!

Ein dreifach kräftiges „Brusl ahoi!

© Rolf Schmitt

 

Auch auf bruchsal.org:

http://www.bruchsal.org/story/anmerkungen-zur-hitzigen-diskussion-im-gem...

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