Die Pogromnacht 1938 in Bruchsal und Mannheim

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Ernst Michel wusste, dass es die Synagoge war, die an diesem kalten Novembermorgen die Dunkelheit erhellte.
Samstag, 9. November 2013 - 0:45

Pogromnacht vor 75 Jahren

Michel

Ernest W. Michel. Foto: UJA, New York

In der Nacht vom 9. auf 10. November 1938 brannten die Synagogen, wurden jüdische Geschäfte geplündert, Wohnungen demoliert. Der 1923 in Mannheim geborene Ernst Michel, heute Ernest W. Michel, war an diesem Tag in Bruchsal, wo er bei einem jüdischen Fabrikanten eine Lehre absolvierte. Er war dabei, als die Bruchsaler Synagoge in Flammen stand, auf seinem Rückweg von der Synagoge in die Zollhallenstraße sah er zerstörte, geplünderte und niedergebrannte jüdische Geschäfte.

Michel überlebte die NS-Vernichtungslager und schrieb seine brutalen Erlebnisse in der NS-Zeit auf. Er berichtet von der Hölle von Auschwitz und dem Verlust vieler geliebter Menschen. Er berichtet aber auch von seiner Befreiung und einer emotionalen Reise 2007 nach Mannheim, in seine Geburtsstadt. Ernest W. Michel lebt heute in New York.

Mit freundlicher Genehmigung des Mannheimer Wellhöfer-Verlages veröffentlicht bruchsal.org Auszüge aus dem ersten Kapitel des gerade erschienenen Buches von Ernest W. Michel, "PROMISES KEPT - Ein Lebensweg gegen alle Wahrscheinlichkeiten".

 

 

REICHSKRISTALLNACHT IN DEUTSCHLAND

Ich wusste, dass es die Synagoge war, die an diesem kalten Novembermorgen des Jahres 1938 die Dunkelheit erhellte. Ich wusste es sofort. Sie war das logische Ziel für das, was die Nazis ihren Gegenangriff nannten. Das war ihre Rache für den Tod eines deutschen Legationssekretärs drei Tage zuvor. Er war in der deutschen Botschaft in Paris aus nächster Nähe von einem jungen Juden namens Herschel Grynszpan erschossen worden.

Vergangene Nacht hatten aus dem Radio die ominösen Worte gedröhnt: „Die internationale jüdische Weltverschwörung wird ein für alle Mal merken, was passiert, wenn sie es wagt, einen unschuldigen deutschen Beamten anzugreifen. Bald wird sie den geballten Zorn des deutschen Volks zu spüren bekommen.“

Jetzt, ein paar Stunden später, brannte unsere Synagoge in Mannheim. Das konnte doch nicht wahr sein … Sie war doch zu weit weg. Mutti und Papi waren jetzt bestimmt auch wach. Sie wüssten, was …

Ich drehte mich um und rannte zur Tür, bevor mir klar wurde, dass ich nicht in meinem Zimmer in Mannheim war. Ich war in meinem gemieteten Zimmer in Bruchsal, ungefähr 35 Kilometer von Mannheim entfernt, wo ich jetzt lebte und arbeitete, als Lehrjunge in einer Kartonagenfabrik (1).

Kaufmann

Jetzt hellwach, kämpfte ich gegen die aufsteigende Angst eines 15-Jährigen, der weit weg von zu Hause sich plötzlich einer großen Gefahr gegenübersieht, vor der er weder sich noch die Menschen, die er liebt, schützen kann. Ich rannte wieder zum Fenster. Leider kam das Licht von rechts – es musste die Bruchsaler Synagoge sein, die in Flammen stand. Ich zog mich schnell an und rannte auf die Straße.

Ich rannte auf die Flammen zu, die sich nun gegen den Himmel erhoben. Es liefen auch Menschen neben mir her, aber ich konnte niemanden erkennen. Ich hatte den Eindruck, dass alle Menschen um mich herum große Augen machten, manche freuten sich, andere waren besorgt. Warum rannten sie denn? Um zu helfen? Oder um zu gaffen? Plötzlich stand ich vor der Synagoge. Das ganze Gebäude war von den Flammen umschlossen. Die Braunhemden der SA hatten die Gebetsbücher, Gebetsschals, die Thorarollen, alles, was sie finden konnten, mitgenommen und auf einen Haufen in der Straße geworfen. Nun trampelten sie laut lachend darauf herum und schienen ihren Spaß zu haben. In ihren Mundwinkeln sah ich kleine Speicheltropfen.

Synagoge

Die Bruchsaler Synagoge nach der Zerstörung. Foto: Stadtarchiv Bruchsal

„Verbrennt die Juden!“, sangen sie. „Verbrennt die Juden! Verbrennt die Juden!“ Nach ein paar Minuten traf die Feuerwehr ein, um zu verhindern, dass die Nachbargebäude auch brannten. Sie machten aber keine Anstalten, die Synagoge zu löschen. Kleine Kinder rannten jubelnd durch die Menge, fasziniert vom Feuerschein, und verliehen dem Ganzen eine Volksfeststimmung. Männer und Frauen standen in kleinen Gruppen zusammen, unterhielten sich und schauten in die Flammen. Einige hatten gerötete Wangen und wirkten fast glücklich. Trotz der Hitze des Feuers schauderte ich und drehte mich schnell weg. Niemand machte einen Versuch zu helfen. Oder seine Stimme dagegen zu erheben.

Dann war ein dumpfes Rumpeln zu hören. Die Wände der Synagoge begannen zu bersten. Eltern nahmen ihre Kinder bei der Hand, und wir gingen alle so weit zurück, wie wir konnten, bevor die Synagoge in sich zusammenfiel. Eine große Wolke aus Rauch und Staub, in ihrer Mitte lodernde Flammen, schoss zum Himmel. Langsam wurden die Flammen kleiner und die Rauchwolke ließ Asche auf die schwelende Ruine regnen.

Da das Feuer nur noch schwelte, drang auch die kalte Morgenluft durch meine hastig übergeworfene Kleidung. Die Zuschauer verließen die Straße und in ihren Gesichtern waren teils Freude teils Schrecken zu lesen. Es herrschte Stille. Sogar die Kinder waren ganz ruhig geworden.

Ich kann mich nicht erinnern, wie lange ich da stand. Von der Synagoge war nichts mehr übrig geblieben. Da, wo früher das Eingangstor gewesen war, gähnte nur noch ein Loch. Seltsamerweise stand noch der steinerne Altar mit dem Davidstern. Alles andere lag nun in rauchenden Trümmern. Hier und da sah man noch einzelne Flammen züngeln, die dann auch bald verloschen. Ein graues Morgenlicht warf einen gespenstischen Lichtschein über die Szenerie.

Die SA-Männer standen in einer Gruppe zusammen und unterhielten sich. Ich dachte, sie schauten zu mir und den wenigen anderen herüber, die wir noch immer dort standen. Ich ging weg.

Die Sonne zeigte sich, als ich auf mein Zimmer ging, um mich umzuziehen. Ich wollte zur Kartonagenfabrik. Der Besitzer, Herr Kaufmann, war aschfahl und unrasiert. Dicht neben ihm standen sein Sohn Franz und seine Schwiegertochter Lisa. Die Heizung wärmte das Gebäude noch nicht und sie trugen ihre Mäntel. Man konnte meinen, dass sie so dicht gedrängt standen, weil sie froren, aber in Wirklichkeit standen sie so dicht gedrängt, weil sie Schutz vor etwas Furchtbarem suchten, das vergangene Nacht entfesselt worden war. Wir hatten panische Angst und fragten uns, was als Nächstes geschehen würde. Lange mussten wir nicht warten.

Der Radiosprecher nannte es einen Akt der Gerechtigkeit und Rache. Es fand in Deutschland und Österreich statt und man hatte schon einen Namen für das Ereignis gefunden: Kristallnacht. Die Nacht des zerborstenen Glases.

Die Synagoge war nicht das einzige Gebäude, das „den geballten Zorn des deutschen Volkes zu spüren“ bekam. Die wenigen jüdischen Läden in Bruchsal waren zerstört, geplündert und niedergebrannt. Menschen waren geschlagen und eingesperrt worden oder ihnen widerfuhr Schlimmeres.

Als wir zitternd im kalten Büro standen, beschloss ich, so schnell wie möglich nach Mannheim zu fahren. Ich gab mir viel Mühe, nicht daran zu denken, was ich dort vorfinden würde.

Plötzlich flog die Tür auf und drei Männer, offensichtlich von der Gestapo, traten in den Raum. Sie trugen lange, schwarze Ledertrenchcoats mit Hakenkreuzabzeichen auf dem Kragenaufschlag. Einer der drei war groß, die anderen beiden waren untersetzt und alle waren unrasiert. Einer trat auf Herrn Kaufmann mit gezogener Waffe zu, die Lippen aufeinander gepresst. Seine Augen funkelten.

„Jude Kaufmann, auf Befehl der Gestapo wird dieser Betrieb beschlagnahmt. Sie sind festgenommen!“, bellte er. Seine Stimme klang schon fast euphorisch.

„Kann ich …?“

„Halt’s Maul!“ Er drehte sich zu Franz Kaufmann und bespuckte ihn.

„Du bist auch festgenommen!“

Die beiden anderen Gestapo-Männer reagierten schnell. Einer ergriff Herrn Kaufmanns Arm, der andere nahm sich Franz vor. Sie schubsten die beiden Kaufmanns grob in eine Zimmerecke. Der verbliebene Gestapo-Mann steckte seine Waffe ins Holster und drehte sich zu mir um. Ich stand neben Lisa Kaufmann und zitterte vor Angst.

„Du! Wie alt bist du?“, schrie er.

„15.“

Ohne ein Wort zu sagen, ging er weg.

Franz wollte etwas zu Lisa sagen, doch die Wachen traten zwischen sie und stießen Franz und seinen Vater durch die offene Tür. Wir hörten ihre Schritte, die von zwei Männern, die fest auftraten, und die von zwei Männern, die stolperten und hinunterhasteten. Schritte, die im Treppenhaus widerhallten, bis sie außer Hörweite waren.

Der Gestapo-Mann wandte sich Lisa zu.

„Du Judensau! Her mit den Schlüsseln!“

Lisa wollte etwas sagen, besann sich dann eines Besseren und fasste, ohne ein Wort zu sagen, in die Schreibtischschublade und holte die Schlüssel heraus. Er riss sie Lisa aus der Hand und schlug, die Schlüssel in der geballten Faust, hart auf den Schreibtisch.

„Raus mit euch! Die Fabrik gehört euch nicht mehr! Raus! Ihr könnt von Glück reden, dass ich euch nicht umlege!“

Wir nahmen hastig unsere Mäntel und gingen nach draußen. Wir hatten keine andere Wahl. Lisa presste die Lippen zusammen, denn sie wollte vor mir nicht weinen. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. „Du gehst jetzt besser heim zu deiner Familie“, sagte sie sanft. „Ich gehe in unsere Wohnung.“

Ich versuchte, sie zu trösten, und umarmte sie. Dann verabschiedeten wir uns voneinander. Ich rannte zum Bahnhof und erreichte gerade noch den Zug.

Ich drückte meine Schulter in das Polster meines Sitzes in der Ecke des Waggons. Ich drehte mich weg von dem Durcheinander der Stimmen, die den Waggon füllten wie dicker Rauch.

Flüsternde Stimmen. Laute Stimmen. Hämische Stimmen. Lachende Stimmen. Alle redeten über die Kristallnacht.

„Jetzt haben sie bekommen, was sie verdient haben!“

Was würde ich in Mannheim vorfinden? Ich konnte nicht fünf Jahre von Hitlers Hass auslöschen und mir vorstellen, dass sich nichts verändert hätte. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass es nur ein Albtraum war und ich aufwachen würde und alles wäre gut.

Es war zu real. Und es war gefährlich, nach 1933 unter der Naziherrschaft ein Jude zu sein – lebensgefährlich, oft tödlich.

[...]

Ernest Michel

Ernest Michel als Jugendlicher. Foto: E. Michel

Das waren meine Gedanken während der kurzen Bahnfahrt von Bruchsal heim nach Mannheim. Ich hatte Angst vor dem, was ich dort vorfinden würde. Sobald der Zug langsam genug fuhr, sprang ich hinunter und rannte heimwärts. Auf dem Heimweg sah ich einige der zerstörten jüdischen Geschäfte: überall Glasscherben. Kisten und Schachteln waren geöffnet, durchsucht und geplündert worden. Die Braunhemden waren überall. Die meisten von ihnen hatten gerötete Wangen und grinsten.

Ich hatte Angst, unsere Wohnung zu betreten. Auf dem Gehweg vor unserem Haus lagen überall kaputte Möbel und das Pflaster war übersät mit den Glassplittern zerstörter Fensterscheiben. Die Tür zu unserer Wohnung war eingeschlagen. Ich sah mich um, konnte aber niemanden sehen.

„Mutti! Wo bist du?“ Mein Herz pochte wild. Ich hörte Schluchzen aus dem Schlafzimmer. Meine Mutter lag mit geschwollenem Gesicht auf dem Bett und hielt meine Großmutter im Arm, die unaufhörlich schluchzte.

„Mutti, geht’s dir gut? Was ist passiert?“ Sie setzte sich auf und legte ihre Arme um mich. Sie blutete und ihr Kleid war zerrissen. Außerdem zitterte sie.

„Ernst, Ernst.“ Sie sah mich an, mit so einem traurigen und fassungslosen Blick, wie ich ihn noch nie in ihren Augen gesehen hatte. „Sie kamen heute Morgen, sind hier eingedrungen. Bürkel (2) schlug die Tür ein.“

„Wo ist Papi?“

„Sie haben ihn mitgenommen. Ich weiß nicht, wohin.“ Sie zitterte nicht mehr, aber jetzt wurde ihre Stimme brüchig. „Bevor sie ihn mitgenommen haben, zwangen sie ihn, den Tresor zu öffnen, wo er seine Briefmarken aufbewahrte. Sie holten die ganze Sammlung aus dem Tresor, warfen sie auf die Straße und verbrannten sie. Papi konnte sie nicht daran hindern, weil ihn zwei große SA-Männer festhielten. Ich versuchte, sie aufzuhalten, und einer der Männer schlug mir ins Gesicht. Dann nahmen sie Papi mit. Oma war außer sich und ich musste sie festhalten. Bürkel, der SA-Mann, der bei uns im Haus lebte, holte noch andere SA-Männer mit Knüppeln und Schusswaffen. Sie gingen durch die Wohnung und zerstörten alles Stück für Stück.“

Ihre Stimme war nur noch ein Wispern. Plötzlich übermannte sie die Müdigkeit und sie sank auf ihr Bett. Oma stöhnte.

[...]

Ich stolperte durch das, was einmal unsere Wohnung gewesen war. Überall auf dem Boden lagen Scherben von Geschirr, Bilder und Silberbesteck. Die Stühle waren kaputt, Spiegel zerschlagen. Sie hatten nichts ausgelassen. In der Wohnung herrschte ein wüstes Durcheinander.

„Mutti – die Synagoge?“

Sie schüttelte den Kopf. „Da waren sie zuerst. Ich habe im Radio gehört, dass letzte Nacht die meisten Synagogen in Deutschland zerstört wurden. Es ist ein Pogrom wie in Russland und Polen. Und wir dachten, das könnte hier nicht passieren.“

Mutti beruhigte sich allmählich. Oma, die ganz erschöpft war, fiel in einen unruhigen Schlaf. Mutti hielt den Zeigefinger senkrecht an die Lippen und stand auf. Wir verließen das Schlafzimmer auf Zehenspitzen. Als ich ihr zusah, wie sie unsere verwüstete Wohnung anschaute und sich bückte, um die zerstörten Gegenstände vom Boden aufzuheben, wusste ich, sie würde damit irgendwie zurechtkommen.

[...]

Die Kristallnacht am 09./10. November 1938 leitete den Holocaust ein. Mit 15 Jahren war mein Leben zum Stillstand gekommen.

[...]

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Promises Kept - Versprechen gehalten

Das überaus lesenswerte Buch "PROMISES KEPT - Ein Lebensweg gegen alle Wahrscheinlichkeiten" ist im Mannheimer Wellhöfer-Verlag erschienen. Aus dem Verlagstext:  "Ernest W. Michels Erzählung ist schockierend und bewegend, aber ebenso faszinierend und optimistisch. Seine Lebensbeschreibung wurde in englischer Sprache mehrfach aufgelegt. Die Übersetzung wurde mit fachhistorischen Erläuterungen und zum Teil unveröffentlichtem Bildermaterial versehen. Ernest W. Michel hat sein Versprechen gehalten: Promises Kept berührt, verstört, aber gibt vor allem auch Hoffnung."

Mit einem Vorwort von Leon Uris und einem Beitrag von Mannheims Oberbürgermeister Peter Kurz.

ISBN 978-3-95428-118-3, 400 Seiten, 17,90 Euro

 

 

 

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(1) Die Kartonagenfabrik David Kaufmann GmbH befand sich in der Zollhallenstraße 4 in Bruchsal. Ihr Eigentümer war David Kaufmann, der mit Sofie Kaufmann verheiratet war. Ihr Sohn hieß Franz Kaufmann, dessen Ehefrau Lisa. David Kaufmann und sein Sohn Franz wurden beide nach Dachau deportiert. Franz und Lisa Kaufmann konnten in die USA emigrieren, nachdem Franz aus Dachau entlassen wurde. Sie wohnten dann in Atlanta. Franz Kaufmann erblindete bedingt durch seinen Aufenthalt in Dachau. Er starb 1986, seine Frau 1992.

(2) Richard Ernst Bürgel (1899-1973) war Hauptlehrer in Mannheim und wohnte im gleichen Haus wie die Familie Michel. Michel: "Er stolzierte immer in seiner SA-Uniform umher und schnüffelte überall herum." Nach dem Krieg war Bürgel in Heidelberg als Hauptschullehrer und Kunstmaler tätig, ab 1956 als Konrektor, später als Mittelschuloberlehrer.

Eigene Bewertung: Keine Durchschnitt: 5 (10 Bewertungen)

Kommentare

"Shoah" - Dokument gegen das Vergessen; Claude Lanzmann; TV

Zur Thematik:

"Shoah"
Dokumentarfilm von Claude Lanzmann; F 1974-85 (!); Teil 1 und 2; ARTE
Dienstag, 12.11.13, ab 20.15 Uhr - 9 Std.
(hoffentlich dann auch als Video bei ARTE/Mediathek zu sehen - und dann auch nach möglicher individueller Zeiteinteilung !)

Kommentar zur Sendung in der TV-Beilage des "Stern":

"Arte zeigt das gesamte neunstündige Dokument gegen das Vergessen.
Keine Bilder von Leichenbergen, nur bohrende Fragen und bedrückende Antworten.
Claude Lanzmann verzichtete auf Archivbilder oder Spielszenen, als er 1974 bis 1985 diese Studie über die NS-Judenvernichtung drehte.
Aus 350 Stunden Material rekonstruiert er das Grauen mittels Interviews, die er in 14 Ländern mit Opfern, Tätern und Augenzeugen führte.
Dabei ging es Lanzmann nicht nur um die Vergangenheit:
"Mein Film ist eine Untersuchung über das Gegenwärtige des Holocaust, dessen Narben unverheilt sind".
Im Februar 2013 erhielt Lanzmann den Goldenen Ehrenbären der Berlinale."

Lanzmann hat auch eine Autobiographie geschrieben:

"Der patagonische Hase" - Erinnerungen; rororo-TB 62619, Rowohlt-Verlag 2010

Ein wunderbares, interessantes und humorvolles Buch bzw. auch Zeit-Dokument -
in dem er auch viel über die Entstehungsgeschichte des Films, seine Motivation und Intention berichtet.

Ich kann jedem Interessierten nur dringend empfehlen, in der eigenen Familie, Verwandtschaft, im Bekanntenkreis mit den letzten Zeitzeugen zu sprechen und einfach mal zu fragen: Wie war denn das; wie hat du es erlebt; wie war diese Zeit ... ? - ganz zwanglos bei Kaffee und Kuchen oder einem Glas Wein.
Es wird jeder staunen, was es da zu erzählen gibt, wie gern und offen erzählt wird und wie sehr sich die Leute über das gezeigte Interesse an ihrem Leben und ihren Erfahrungen freuen.
Und auch darüber, wie viele Parallelen es zur heutigen Zeit gibt ...!

Zitat: "Ich kann jedem Interessierten nur dringend empfehlen,...

... in der eigenen Familie, Verwandtschaft, im Bekanntenkreis mit den letzten Zeitzeugen zu sprechen[...]

Mein Großvater war bei der Kriegsmarine und ist torpediert worden. Er hat mir sehr wenig von dieser Zeit erzählt, sicher hatte er seine Gründe. Meine Großmutter hatte eine Landwirtschaft während des Krieges am Laufen zu halten. Sie hatte polnische Landarbeiter zur Unterstützung, die sehr dankbar dafür waren. Ihr Mann war Sanitäter und ist nicht mehr aus russischer Gefangenschaft zurückgekommen. Auch sie hat nicht viel aus dieser Zeit berichtet.
In ein paar Jahren wird niemand mehr über diese Zeit berichten können und dann sollte man es dabei auch mal beruhen lassen. Wer kann sich mit diesen Zeiten noch indentifizieren? Ich jedenfalls nicht. Lasst die Toten endlich ruhen!

(Neuer) Rechtsextremismus

Rechtsextremismus HEUTE:

http://www.zeit.de/serie/neue-deutsche-nazis

http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2010-09/todesopfer-rechte-...

http://www.zeit.de/politik/2013-11/Antisemitismus-Deutschland-Gedenktag :

"ANTISEMITISMUS
Judenfeindlichkeit ist gesellschaftsfähig geworden
Antisemitismus ist in allen Bevölkerungsgruppen präsent und wird offen gezeigt, warnen Experten. Judenfeindliche Klischees gehörten mittlerweile zum Alltag.
..."

Leider

Oder Gott sei Dank sterben die Zeitzeugen aus jenen Tagen aus. Dies ist durchaus so gemeint von mir, weil wer hätte schon gerne den eigenen Vater, Onkel oder Opa einen "Liegebeitl" nennen wollen, jetzt wo man vieles besser weiss als noch zu deren Lebzeiten vor 20 Jahren. Mein Grossvater wollte nach eigener Aussage sogar mal eine Hinrichtung von polnischen Juden gegen einen Offizier verhindert haben, mit den Worten:"Jetzt reichts aber" - und die Pistole habe er diesem im Ringkampf abgenommen....

Schlimmer ist nur noch die Nachkriegsgeneration, welche die eigenen verstorbenen Eltern nun unverhohlen Täter nennt, aber das Experimentieren mit übrig gebliebenen und gefundenen Kriegswaffen in Feld und Flur als notwendige Erziehungsmassnahme darstellt....

Wenn es so einfach wäre

mit den letzten Zeitzeugen zu sprechen. Da muss man lange und viele fragen bevor man Antworten bekommt, die von den nachfolgenden abweichen: 

- Davon haben wir nichts gewusst
- Beim Hitler ist es uns gut gegangen
- Damals konnte man ungefährdet auf die Straße gehen
- Da hatten wir alle Arbeit
- Es war nicht der Hitler, es waren die Hitler

Und alle Antworten sind aus der damaligen Zeit und ihrem damaligen Leben verständlich. Denn subjektiv haben die meisten Menschen das so erlebt.

Nein "verhört" nicht eure Eltern und Großeltern, es wird keine neuen Erkenntnisse  geben. Nur Enttäuschung auf beiden Seiten.

Es waren/sind nicht alle "so" ... !

@ Filou

Wenn Sie jedes Gespräch mit den letzten Zeitzeugen als "Verhör" sehen bzw. verunglimpfen, missachten Sie die Biographien und Lebenserfahrungen einer ganzen Generation - und zwar ganz erheblich und überheblich.
Und scheren alle über einen Kamm; das ist m. E. sträflich.

Ich habe mit vielen alten Leuten gesprochen und habe festgestellt, dass es unter ihnen auch etliche gab/gibt, die Zivilcourage, Rückgrat und einen wachen Verstand hatten und denen durchaus aufgefallen ist, dass Vieles in der NS-Zeit nicht gestimmt hat.
Und die es z. T. zur schieren Verzweiflung bis hin zum Selbstmord getrieben hat - gerade auch junge Soldaten, denen bewusst wurde, dass sie gnadenlos verheizt wurden in einem verbrecherischen Krieg und es nicht mehr ertragen haben.

Ein persönliches Gespräch ist immer viel eindrücklicher und berührender als jedes Buch. Ich wüsste Vieles nicht und könnte es mir nicht so gut vorstellen, wenn ich nicht gefragt hätte.
Es IST einfach - man muss sich nur Zeit nehmen, unvoreingenommen sein und nicht als "Ankläger" auftreten.

Im Übrigen sollte man von dieser Generation kein durchgehendes "Heldentum" im Sinne von "Widerstandskämpfertum" erwartet haben, wenn man bei der eigenen Generation nicht mal erwartet, dass sie z. B. bestehende, viel bessere Informationsmöglichkeiten nutzt und sie für zu dämlich für demokratische Staatsformen hält.

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