Pocken, Blattern, Variola

DruckversionPer e-Mail versenden
Wie eine befürchtete Pockenepidemie Bruchsal in Aufruhr brachte
Montag, 8. Juli 2013 - 18:15

Pocken, eine Menschheitsgeißel

Pocken

Pockenerkranktes Kleinkind

Pocken, manchmal auch Blattern bezeichnet, sind eine hochgradig ansteckende, lebensgefährliche Infektionskrankheit, die durch Viren verursacht wird und zu typischen Hautveränderungen führt.

Zunächst sind nur Flecken zu sehen, die dann in Bläschen übergehen, die später vereitern und verkrusten. Die Hauterscheinungen treten an fast dem ganzen Körper auf. Bei weniger schwerem Krankheitsverlauf trocknen die Pusteln etwa zwei Wochen nach Ausbruch der Krankheit nach und nach unter Hinterlassung deutlich erkennbarer Narben ein. In schwereren Fällen können die Infizierten erblinden, ihr Gehör verlieren, gelähmt werden sowie Hirnschäden und Lungenentzündungen davon tragen. Die Tödlichkeit nicht behandelter Pockeninfizierungen liegt bei ca. 30 %.

Als einzige Methode, die Ausbreitung dieser lebensgefährlichen Krankheit zu verhindern gilt bis heute, die Pockenkrankten rigoros zu isolieren. Das Variola-Virus (medizinischer Name der echten Pocken: Variola vera, Variola major) kann nämlich durch winzige Speicheltröpfchen oder Staubartikel, sogar schon beim Berühren der Kleidungsstücke eines Pockenkranken übertragen werden. Selbst Personen, die nicht (oder noch nicht) erkennbar pockenkrank sind, können die Krankheitserreger verschleppen.

Aufgrund dieser extrem hohen Ansteckungskraft breiteten sich die Pocken über die Jahrhunderte immer wieder epidemieartig rasch aus. Daher machte 1967 die Weltgesundheitsorganisation WHO eine Schutzimpfung weltweit zur Pflicht.

Der letzte Pockenfall in Deutschland trat 1972 in Hannover auf, der betroffene jugoslawische Gastarbeiter überlebte. Damals wurden 678 Personen in Quarantäne genommen und 78.528 geimpft.

Die weltweit letzte Pockenerkrankung wurde 1977 bei einem Somalier festgestellt, so dass die WHO1980 die Pocken als auf der ganzen Welt ausgerottet erklärte. Es existieren offiziell nur zwei Forschungszentren, wo noch Pockenviren aufbewahrt werden.

Pockenfälle in Heidelberg, Ansbach und Düsseldorf

Nach Deutschland wurden die Pocken immer wieder eingeschleppt. So reiste ein Arzt der Heidelberger Universitätsklinik nach einem ausgedehnten Urlaubsaufenthalt in Indien im Dezember 1958 wieder in Deutschland ein. Entgegen der ärztlichen Empfehlungen ließ er sich vor Reiseantritt nicht gegen Pocken impfen. Nach der Rückkehr an sein Institut in Heidelberg fielen seinen Mitarbeitern Pusteln in seinem Gesicht auf. Diese diagnostizierte er selbst zunächst als „entzündete Moskitostiche“. Tatsächlich war er jedoch mit Pocken infiziert. Die Fahrlässigkeit des Heidelberger Arztes kostete zwei Menschen das Leben, weitere 18 Personen erkrankten an Pocken, konnten jedoch geheilt werden.

Etwas über zwei Jahre später, im März 1961, wurden erneut die Pocken nach Deutschland eingeschleppt, dieses Mal durch einen Fotografen, wiederum nach einem Indien-Aufenthalt, ins mittelfränkische Ansbach. Von fünf Erkrankungen verliefen zwei tödlich.

Pockentote

Bereits Anfang Januar des Jahres 1962 wurde durch die Presse bekannt - Fernsehen war damals noch nicht so verbreitet, von Internet, SMS und Facebook wurde noch nicht mal geträumt - dass es in England fünf Pockentote gab. Eingeschleppt wurden die Pocken durch ein neun Jahre altes pakistanischen Mädchen. Zum Jahreswechsel 1961/62 wütete in Westpakistan eine Pockenepidemie. Mehrere Menschen starben insbesondere in der Grenzprovinz Belutschistan an dieser hochgefährlichen Infektionskrankheit.

Kurze Zeit nach diesen alarmierenden Nachrichten hatten die Pocken erneut auch Deutschland erreicht.

Pocken

Eingeschleppt wurden die Pocken im Dezember 1961 durch einen in Liberia beschäftigten 37-jährigen Ingenieur, der seinen Urlaub über Weihnachten bei seiner Familie in Düsseldorf verbrachte. Daraufhin wurde Düsseldorf zum "örtlichen Infektionsgebiet" nach den Statuten der WHO erklärt. Es ließen sich in Düsseldorf 100.000 Einwohner an den öffentlichen Impfstellen gegen Pocken impfen, etwa 25.000 Schutzimpfungen wurden in Betrieben vorgenommen. Der Düsseldorfer Ingenieur steckte seinen 5-jährigen Sohn, seine Ehefrau sowie die Stationsschwester der Infektionsstation als auch die der Nachbarstation an, wobei die beiden letzteren verstarben. So verlief für zwei der fünf erkrankten Personen die Krankheit tödlich.

Pockenfall in Bruchsal

Dass auch Bruchsal Anfang des Jahres 1962 nur knapp einer Pockenepidemie entgangen ist, wissen viele heute gar nicht mehr.

Donnerstag, 11. Januar 1962 bis Samstag, 13. Januar 1962

Pocken

Die ersten Gerüchte waberten ab späten Donnerstagabend, 11. Januar 1962, durch Bruchsal. Es sei eine Person an Pocken erkrankt. Das staatliche Gesundheitsamt beschwichtigte in der Bruchsaler Rundschau vom Samstag, 13. Januar: In Bruchsal keine Pocken - Glücklicherweise entsprechen die Redereien in keiner Weise den Tatsachen“. Im Verlauf der Ermittlungen bei den Pockenerkrankungen in Düsseldorf und Schaffhausen sei festgestellt worden, dass ein an Pocken Erkrankter Anfang dieses Jahres auf der Durchreise in einer Gaststätte in Bruchsal übernachtet habe. Daraufhin seien Maßnahmen getroffen worden, die zur Isolierung verschiedener mutmaßlicher Kontaktpersonen führten. Darüber hinaus wurde ein weiterer Personenkreis vorbeugend gegen Pocken geimpft. Da die Inkubationszeit bei Pocken zwischen acht und 16 Tagen liegt, müsse die Quarantäne noch bis zum 19. Januar aufrecht erhalten bleiben.

Was war passiert? Ein Autofahrer aus Düsseldorf, der als Kontaktperson verdächtigt war, hatte mit seinem Fahrzeug eine Panne auf der Autobahn bei Bruchsal. Per Anhalter gelangte er nach Bruchsal, sein Fahrzeug wurde von einer Autowerkstatt nach Bruchsal abgeschleppt. Nach einer Übernachtung im "Graf Kuno" in der Württemberger Straße fuhr er in einem Leihwagen weiter bis zum Bodensee, ins schweizerische Schaffhausen. Am nächsten Tag waren sein Gesicht und Körper mit Pusteln übersät, so dass er sofort als Pocken verdächtig isoliert und der Pockenverdacht nach Bruchsal gemeldet wurde. Als Folge wurde im Krankenhaus Bruchsal eine Quarantänestation errichtet. In dieser wurden der Inhaber der Autoreparaturwerkstatt sowie alle seine Mitarbeiter isoliert untergebracht. Die Reparaturwerkstatt blieb bis auf Weiteres geschlossen.

Montag, 15. Januar 1962

Pocken

Die Bruchsaler Bevölkerung war beunruhigt. Trotz aller Beschwichtigungsversuche machten immer mehr und immer dramatischere Gerüchte die Runde. Am Montag ließ das Staatliche Gesundheitsamt Bruchsal, dessen damaliger Leiter Dr. Guldin war, über den Verlauf der über das Wochenende getroffenen Maßnahmen in einem Bulletin über die örtliche Presse, Bruchsaler Rundschau vom 15. Januar 1962, mitteilen: „Zur Sicherung der engeren Umgebung von Kontaktpersonen und der Allgemeinheit wurden im Verlauf des Samstag einige Personen in Isolierung und Beobachtung des Krankenhauses verlegt. Ein mit Pockenproblemen besonders erfahrener Arzt aus Heidelberg (Rudolf-Krehl-Klinik) hat die Betreuung des isolierten Personenkreises übernommen.

Die Untersuchungen, die in der Nacht zum Sonntag, 14. Januar, vorgenommen wurden, haben elektronenmikroskopisch das Vorhandensein pockenähnlicher Viren erbracht. Daraus muss geschlossen werden, dass bei mindestens einer der in Quarantäne stehenden Personen Verdacht auf Pockenerkrankung besteht.

Zum Schutz der Bevölkerung werden auch in dieser Woche täglich Schutzimpfungen gegen Pocken von 9 bis 11 und 14 bis 16 Uhr im Staatlichen Gesundheitsamt [heute Finanzamt, Schönbornstraße 1] durchgeführt.“

Die Katze war aus dem Sack. Ein Pockenfall in Bruchsal. Alarmiert durch die Pockentoten und -kranken in England und Düsseldorf war ganz Bruchsal in heller Aufregung. Vorschub wurde dem noch geleistet durch einen dramatischen Hinweis der Bruchsaler Rundschau in der gleichen Ausgabe vom 15. Januar 1962:

Wie wir am späten Sonntagabend erfuhren, handelt es sich bei dem Pockenverdächtigen nach menschlichem Ermessen um einen echten Pockenfall. Zwar steht das entscheidende Ergebnis noch aus. Doch ist der erwähnte Heidelberger Arzt, der den Pockenverdächtigen gesehen hat, der Auffassung, dass der Ausbruch von Pocken mit 90prozentiger Wahrscheinlichkeit zu befürchten ist.“

Diese Information der Bruchsaler Rundschau öffnete der Angst vor einer Pockeninfektion die letzten Tore. Die Bruchsalerinnen und Bruchsaler standen jetzt vorm Staatlichen Gesundheitsamt in der Schönbornstraße Schlange, um gegen die tödliche Seuche geimpft zu werden.

Dienstag, 16. Januar 1962

Pocken

In einem neuen Bulletin lässt das Staatliche Gesundheitsamt mitteilen:

Bis zum Sonntag, 14. Januar, wurden elf Personen in Krankenhaus-Quarantäne übernommen. Ihnen folgten am Montag noch weitere vier Kontaktpersonen ersten Grades, die sich erst bei späteren Nachforschungen herausstellten.“ Weiter teilte das Gesundheitsamt mit, dass bei lediglich zwei der isolierten Personen der dringende Verdacht auf Pockenerkrankung aufgetreten sei, auch die häuslich isolierten Kontaktpersonen erster Ordnung befänden sich in gutem Gesundheitszustand. Mangels Betten konnten diese nicht im Krankenhaus untergebracht werden.

Das Bulletin führte weiter aus: „Da sämtliche Kontaktpersonen erster Ordnung rechtzeitig und hervorragend isoliert wurden, besteht für die Bevölkerung – aber auch für den engeren Personenkreis mit den Kontaktpersonen zweiten Grades – keine akute Ansteckungsgefahr. Dass von den Kontaktpersonen zweiter Ordnung überhaupt eine Ansteckung ausgeht, ist zudem mehr als unwahrscheinlich.“

Auch die Bruchsaler Rundschau ruderte zurück. Der dramatische Hinweis, „dass der Ausbruch von Pocken mit 90prozentiger Wahrscheinlichkeit zu befürchten ist“ habe in der Bevölkerung zu einigen Unklarheiten geführt. Daher sei es dazu gekommen, dass an diesem Montag, 15. Januar, dem Tag des Erscheinens des Artikels, über 15.000 Personen sich zur Impfung im Gesundheitsamt einfanden. Die Bruchsaler Rundschau weiter: „Solange die Seuchenlage so übersichtlich wie bisher bleibt, besteht kein Anlass zu irgendeiner Panikstimmung oder gar zur Notwendigkeit von Massenimpfungen. Wäre dies erforderlich, so würde die Bevölkerung sofort darauf aufmerksam gemacht.“ Doch diese Beschwichtigung fruchtete nicht mehr, die Büchse der Pandora war geöffnet, die Bruchsaler standen nach wie vor Schlange.

Mittwoch, 17. Januar 1962

Pocken

Nach dem dramatischen Höhepunkt am Montag beruhigt sich die Angelegenheit so langsam, auch gefördert durch einen Bericht in der Bruchsaler Rundschau vom 17. Januar 1962. Dort wird über eine Mitteilung des Staatlichen Gesundheitsamtes berichtet die beinhaltet, dass keine weiteren Kontaktfälle mehr ermittelt wurden, es bei 23 Kontaktpersonen ersten Grades bliebe, von denen sich 13 in Krankenhaus-Quarantäne und 10 in häuslicher Quarantäne befänden. Lediglich drei der 13 im Krankenhaus isolierten Personen seien in sogenannte engere Isolierung genommen worden, darunter der Monteur, der den Pkw reparierte. Bei diesem sei der Verdacht auf Erkrankung immer noch nicht auszuschließen. Berichtet wird in der Bruchsaler Rundschau auch, dass sich beim Staatlichen Gesundheitsamt wieder zahlreiche Personen aus Stadt und Umgebung zur vorbeugenden Impfung einfanden. Man schätzte die Zahl der insgesamt geimpften Personen bis zum Abend des 17. Januar auf ca. 3.000.

Samstag, 20. Januar 1962

Pocken

Unter der Überschrift „Pockengefahr für Bruchsal beseitigt“ berichtet die Bruchsaler Rundschau am Samstag, 20. Januar 1962, dass die Quarantäne aller isolierter Personen am Nachmittag des Freitag, 19. Januar 1962, aufgehoben worden sei. Sämtliche in Quarantäne befindlichen Personen konnten nach einwöchiger Trennung zu ihren Angehörigen nach Hause zurück kehren, alle seien bester Gesundheit, niemand bedeute für seine Umgebung eine Gefahr. Alle Räumlichkeiten könnten ab sofort wieder benutzt werden, die Desinfektoren seien pausenlos tätig gewesen.

Ende der Gefahr einer Pockenepidemie in Bruchsal

Und was war mit dem jungen Mann, der auf seinem Weg nach Schaffhausen in Bruchsal nächtigte? Nun, bekanntlich wurde auch er als mit Pocken infiziert verdächtigt. Es stellte sich dann jedoch heraus, dass es sich lediglich um Windpocken handelte, ebenfalls eine hochansteckende, durch Viren übertragene Infektionskrankheit, jedoch längst nicht so gefährlich oder tödlich wie die echten Pocken.

 

© Rolf Schmitt

Eigene Bewertung: Keine Durchschnitt: 4.6 (14 Bewertungen)
Inhalt abgleichen Inhalt abgleichen