Pilgern auf dem Jakobsweg

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Interview mit Jürgen Bannholzer aus Ubstadt
Donnerstag, 12. August 2010 - 22:30
Jürgen Bannholzer auf dem Camino Francés

Jürgen Bannholzer auf dem Camino Francés

BRUCHSAL.ORG: Leser konnten auf BRUCHSAL.ORG dank der Bilder, die Sie während Ihres Marsches beinahe täglich von unterwegs hochluden, quasi in Echtzeit Ihre Pilgerfahrt miterleben. Wie kommt man auf die Idee, in seinem Urlaub 800 Kilometer zu Fuß zurückzulegen?

JÜRGEN BANNHOLZER: Gründe gibt es genügend für eine solche Unternehmung: Zum Einen ist Pilgern ein bewusstes Loslassen des Alltags und damit von Routinen und Dingen, ohne die man glaubt gar nicht leben zu können. Es erlaubt einen Abstand zum gewohnten Leben wie kaum eine andere Form des Reisens. Zum anderen hat eine Pilgerfahrt natürlich auch eine religiöse Dimension. Man denke nur an den Ablass, die Vergebung von Sünden, den die Ankunft in Santiago de Compostela in der Vergangenheit bedeutete. Darüber hinaus gibt es Menschen, die den Jakobsweg aus Dank für eine erlebte Gnade zurücklegen.

BRUCHSAL.ORG: Welche Vorbereitung ist für so einen Marsch empfehlenswert?

JÜRGEN BANNHOLZER: Man muss ganz deutlich sagen, eine Pilgerfahrt ist kein Urlaub. Eine gewisse Fitness sollte man schon mitbringen. Ich persönlich jogge regelmäßig und verfüge von daher über die körperlichen Voraussetzungen für die Strapazen. Immerhin sprechen wir hier über 27 Tagesetappen zwischen 20 und 40 km. Die Auswahl der richtigen Jahreszeit ist ebenfalls von Bedeutung. Ich hatte mich für Mitte Mai entschieden, da zu dieser Zeit bereits viel Sonnenschein jedoch noch ohne die sommerliche Hitze zu erwarten ist. Wichtig ist außerdem die richtige Ausrüstung. Ich hatte darauf im Vorfeld ein besonderes Augenmerk gerichtet und so brachte mein komplettes Gepäck gerade mal 6,5 kg auf die Waage. Sehr viele Pilger schleppen jedoch locker das Doppelte mit sich herum. Eine Briefwaage zur Bestimmung des Inhaltes des Rucksacks ist unerlässlich. Konkret hatte ich im Rucksack 2 Hemden, 1 T-Shirt, 2 Hosen, Kulturbeutel (150g), Seife in Blättchenform, ein Weinglas (78g), Regenjacke, Regenhose, Isomatte (460g), Schlafsack.

BRUCHSAL.ORG: Hat unterwegs trotz akribischer Vorbereitung etwas gefehlt? Gab es umgekehrt Dinge, die Sie beim nächsten Mal zuhause lassen würden?

JÜRGEN BANNHOLZER: Beim nächsten Mal würde ich unbedingt einen Regenschirm (120g) einpacken, da er praktischer ist als die Kapuze der Regenjacke, die nach ein paar Stunden einen Tunnelblick führt. Dagegen sind Isomatte, Trinkbecher und Jogginghose verzichtbar.

BRUCHSAL.ORG: Seit Hape Kerkelings „Ich bin dann mal weg" weiß man, dass die Unterkünfte entlang des Camino sehr gewöhnungsbedürftig sind. Es sind in der Regel Hostels, die für kleines Geld (EUR 5,-) ein Dach über dem Kopf für eine Nacht bieten.

Jürgen Bannholzer auf dem Camino Francés

Der Jakobsweg: mehr als nur Staub

JÜRGEN BANNHOLZER: Man muss sich so ein Alberge etwa so vorstellen: Man teilt sich einen Schlafsaal mit 4 bis 120 anderen Pilgern, Männlein und Weiblein ohne Unterschied, und es geht entsprechend eng zu. Es sind einige wenige Duschen und Toiletten für alle vorhanden und geschlafen wird in Stockbetten. Ohne Ohrenstöpsel ist Einschafen ein schwieriges Unterfangen. Hier sind übrigens unbedingt die Stöpsel aus Wachs zu empfehlen, die sehr viel effektiver sind als ihre Pendants aus Plastik. Nach dem fast überall angebotenen Pilgermenü, das inklusive Wein und Wasser für EUR 10,- zu haben ist, geht meistenes um 22 Uhr, spätestens jedoch um 23 Uhr das Licht aus und die Nachtruhe beginnt. Nichts also für Nachtmenschen, die ohnehin das Problem haben, dass das Leben in der Frühe sehr zeitig wieder beginnt und die damit sehr schnell ein Schafdefizit bekommen. Die ersten Pilger stehen oft schon um 5 Uhr auf, packen und ziehen los. Die Übernachtung in Alberge ist sicher eine der Hauptherausforderungen auf einer Pilgerfahrt und fraglos sehr kräftezehrend. Wie schon bei Hape Kerkeling beschrieben, wird man ab und an auf eine der zahlreichen Pensionen ausweichen müssen, wenn man mehr als einen Tag in einer Stadt verweilt beispielsweise für Besichtigungen oder Ausruhen. Bei ständiger Übernachtung in Pensionen könnte man das Tagespensum wohl locker um 10 km hochsetzen.

BRUCHSAL.ORG: Wie orientiert man sich unterwegs? Gibt es Wegweiser?

JÜRGEN BANNHOLZER: Es gibt spezielle Karten bzw. Reiseführer und eine recht ausführliche Beschilderung gekennzeichnet mit dem Symbol des Jakobswegs, der Jakobsmuschel. Zudem sind die Einheimischen immer sehr hilfsbereit. Die Jakobsmuschel, die fast alle Pilger am Rucksack tragen, ist eine Art Carte blanche für Unterstützung. Es genügt schon, dass man irgendwo anhält und zögert. Sofort wird man von hilfsbereiten Einheimischen angesprochen, die einem den Weg zeigen. Für viele Spanier ist die Pilgerfahrt nach Santiago de Compostela so wichtig, dass sie es oft sogar bei Bewerbungen um eine Arbeitsstelle angeben, wenn sie den Camino auf sich genommen haben. Zur Orientierung hatte ich zusätzlich ein iPhone mit einer Navigationssoftware bei mir, die auch ohne Datenroaming funktionierte, d.h. es war GPS-Navigation möglich ohne die hohen Kosten für aktivierte Datendienste im Ausland. Manchmal war auch der im Smartphone eingebaute Kompass hilfreich.

BRUCHSAL.ORG: Das klingt alles sehr anstrengend. Gab es Momente, in denen Sie an Aufgeben dachten?

Jürgen Bannholzer in Santiago de Compostela

Am Ziel: Santiago de Compostela

JÜRGEN BANNHOLZER: Es ist ganz klar so, dass viele unterwegs mit Schmerzmitteln und allerlei Geheimrezepten hantieren. Hier ist Voltaren-Salbe der Renner. Man muss sich das so vorstellen: Die Anstrengung ist nicht etwa nach den ersten zwei, drei Tagen vorüber, sondern sie nimmt nach 10 bis 15 Tagen Marsch weiter zu. Wenn dazu Probleme mit Schuhen oder etwa Wetterprobleme kommen, erreicht man unter Umständen schon seine Grenzen. Ich hatte mir sehr viel Zeit gelassen bei der Auswahl meiner Schuhe und diese auch vor Beginn der Pilgerfahrt eingelaufen, sodass ich diese Probleme nicht hatte. Allerdings nagen andere Umstände wie z.B. drei Tage Regen am Stück ebenfalls an den Nerven. Hier gilt dann der Spruch „no pain no gain". Immerhin ist der Weg ja eine Metapher auf die Härten des Lebens und aufgeben will hier wie da niemand.

BRUCHSAL.ORG: Wie muss man sich den typischen Tagesablauf auf so einer Pilgerfahrt vorstellen?

JÜRGEN BANNHOLZER: Ich persönlich stand gegen 6.30 Uhr in der Frühe auf. Da hatten viele Pilger die Herberge bereits verlassen und ich konnte relativ ungestört packen und mich marschbereit machen. Abmarsch war dann gegen 7.30 Uhr. Unterwegs gab es irgendwo ein kleines Frühstück mit Croissant und Kaffee und dann ging es an die Tagesetappe, teils alleine, teils zusammen mit Leuten, die man unterwegs kennengelernt hatte. Ein Vesper für die Mittagszeit kaufte man unterwegs in einer der Ortschaften ein und nahm es irgendwo auf dem Weg ein. Gegen 15 bis 16 Uhr war die Ankunft am Tagesziel und nach einer Dusche sowie  dem Waschen  der Kleider begann das Sightseeing bis zum Abendessen, wo dies möglich war.

BRUCHSAL.ORG: Welche Gefühle hat man, wenn man nach all den Strapazen in Santiago de Compostela, also am Ziel ankommt?

JÜRGEN BANNHOLZER: Ein Pilger, der die knapp 800 km in 17 Tagen gelaufen ist, schrieb mir nach dem Einlaufen in Santiago de Compostella: „11 Uhr da, Du wirst es auch nicht ohne Tränen schaffen".

(Das Interview mit Jürgen Bannholzer führte Christian Kretz für BRUCHSAL.ORG)

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Der Jakobsweg beim ZDF

Hier finden sich weitere Infos zum Jakobsweg vom Erfahrungsbericht bis hin zur Packhilfe für den Pilger: http://sonntags.zdf.de/ZDFde/inhalt/9/0,1872,5581737,00.html

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