Paul Senger – der Mesner der kath. St. Josefspfarrei Bruchsal

DruckversionPer e-Mail versenden
Dienstag, 22. Mai 2012 - 19:42

Paul Senger – der Mesner der kath. St. Josefspfarrei Bruchsal

Es war etwa im Jahr 1955, da besuchte ich unseren Mesner Paul Senger, weil er als Schneider selbständig arbeitete. Ich wollte mir eine Jacke von ihm schneidern lassen, so suchte ich ihn zu Hause auf.. Er war ein Mann in den mittleren Jahren, sah jovial und gemütlich aus. Seine Figur war etwas untersetzt, daher wirkte er angenehm ruhig und eher behäbig. Er versah seinen Dienst als Mesner mit Umsicht und ging seinem Pfarrer, Dekan Alfons Beil, sehr zu Hand und war ihm daher mehr als nützlich. Er versorgte seinen Geistlichen auch mit allerlei Informationen aus der Kirchengemeinde, im guten Sinne natürlich. Ich erinnere mich noch genau daran, wie dieser gemütliche Mesner mit einem kleinen Korb während des Gottesdienstes nach der Predigt durch alle Bankreihen ging und jedem Gottesdienstbesucher den Klingelbeutel für eine Spende vorhielt.

Eine Begebenheit prägte sich bei mir besonders ein, die mir zeigte, dass dieser vortreffliche Mann auch ein Mensch von hoher Moral war. Unsere Pfarrei veranstaltete einmal ein Sommerfest im „Prinz Max“, welches aus meiner Sicht gesehen Gelegenheit bot, im Rahmen der angebotenen Tanzmusik Körperkontakt zwischen den Geschlechtern aufzunehmen. Damals in jener etwas prüden Zeit gleich nach dem Krieg war das an sich von der Kirche nicht so gern gesehen, weil das Tanzen lt. dem Reglement des Beichtspiegels leicht zur Unzucht führen konnte. Und tatsächlich bemerkte ich zur fortgeschrittenen Stunde, dass ein älterer Mann von etwas proletarischem und ungebildetem Aussehen seiner Tänzerin an ihren Busen griff. Unser Mesner bemerkte diese Ungebührlichkeit und verwarnte diesen taktlosen Tänzer sofort mit einem mahnenden Blick und einer entsprechenden Handbewegung.

Als eifriger Besucher der „Amerikanischen Leihbibliothek“ hatte ich damals gerade das interessante Buch „Der Wall“ von John Hersey gelesen gehabt. Hier wurde das entseetzliche Leben und das dramatische Geschehen im Ghetto von Warschau beschrieben. Ich weiß heute nicht mehr, aus welchem Anlass ich im Gespräch mit meinem Schneider auf diese Lektüre zu sprechen kam. Aber es war bei mir so zur Angewohnheit geworden, automatisch beim Zusammentreffen mit älteren Menschen über ihr Leben und ihre Vergangenheit zu sprechen und um etwas darüber zu erfahren.

Ergriffen von den grauenhaften Vorgängen in diesem Warschauer Ghetto schilderte ich einige Begebenheiten, die mir gerade so einfielen. So hatte ich z.B. auf Grund der Lektüre des Buches vor Augen, wie das mehr als zusammengepferchte Ghetto durch den täglichen Abtransport zunehmend leerer wurde. Den zuletzt verbliebenen verzweifelten Menschen stand das zu erwartende Los der Transporte klar vor Augen. So war gerade den jüngeren und politisch denkenden Ghettoinsassen klar, dass ihr Tod unausweichlich war. So begannen diese an einen quasi militärischen Aufstand und an eine Gegenwehr zu denken. Sie bastelten kleine Brandsätze aus Benzinflaschen, beschafften sich auf dem Schwarzmarkt, den sie über die unterirdischen Abwasserkanäle in den polnischen Stadtteilen erreichten, Waffen kleineren Kalibers etc. Die Aufständischen verbarrikadierten sich in den Häusern und bildeten kleine Kampfeinheiten, welche eine einheitliche Kommandostruktur aufwiesen. Vor allen Dingen weigerten sich jetzt die bis dahin gefügigen Opfer, den Aufrufen ihrer Schlächter zu folgen und sich willenlos an öffentlichen Plätzen zum Abtransport einzufinden.

Ein dramatischer Aufstand begann, wie er bis dahin noch nie stattgefunden hatte. Die zum Tode Verurteilten wehrten sich von nun an. Sie empfingen die SS-Einheiten, welche in die Straßen des Ghettos kamen, um ihre Opfer abzuholen, mit einer Salve von Gewehr- und Pistolenschüssen. Brennende Benzinflaschen flogen auf die Köpfe der deutschen Mörder. Es war ein Kampf von todesmutigen Menschen, die nichts mehr zu verlieren hatten. Ihr bevorstehender Tod war unausweichlich, daher wollte sie sich nicht ohne eine Gegenwehr zur Schlachtbank führen lassen.

Meine Schilderungen beeindruckten den Mesner allerdings nicht besonders. Er gab jetzt ohne weiteres zu, dass er Angehöriger der SS und in Warschau stationiert gewesen war. (In diese Elitetruppe des Naziregimes war er wie viele andere seiner Bruchsaler Freunde deshalb eingetreten, weil durch den Abschluss des Reichskonkordates mit dem Vatikan auch für Katholiken kein Hinderungsgrund mehr bestand).

Im leichten Plauderton schilderte er mir seine persönlichen Erinnerungen und zeigte wider Erwarten dabei keine Emotionen irgendwelcher Art.

Wir waren anfänglich natürlich völlig überrascht, dass die Masse der verelendeten und halb verhungerten Zivilisten, die ja vornehmlich aus alten Menschen, Frauen und Kinder sowie Kranken bestanden, plötzlich nicht mehr gehorchten und sich nicht mehr mit ihrem Schicksal abfinden wollten. Auf einmal standen uns echte Kämpfer gegenüber. Wir zogen uns nach dieser überraschenden Gegenwehr zunächst zurück, um selbst keine größeren Verluste zu haben. Wir holten uns jetzt tschechische Beutepanzer, welche uns zur Reserve standen, und fuhren mit diesen in die Straßen des Ghettos hinein. Wir feuerten aus allen Kanonen in die umliegenden Häuser und setzten alles in Brand. Zusätzlich gebrauchten wir noch Flammenwerfer, um die Hausgänge und andere Schlupfwinkel systematisch auszuräuchern. Nach diesem konzentrierten Angriff hatten die jüdischen Kämpfer keine Chance mehr. Sie starben alle oder mussten sich ergeben“.

Auf meine weitere Frage, wohin der tägliche Abtransport der deportierten Juden aus dem Ghetto gegangen war, erhielt ich die Antwort, dass hier eine Art Pendelverkehr vom Ghetto Warschau zum KZ Treblinka und zurück in Zusammenarbeit mit der Reichsbahn eingerichtet worden war. Die Begleitmannschaften der SS fuhren mit den Zügen mit. Angekommen am Bestimmungsort wurden die Güterwagen entladen. Das Personal der Güterzüge übernachtete in speziellen Unterkünften der Reichsbahn und die begleitenden SS-Männer kamen zu ihren Kameraden bei den Wachmannschaften. Nach dem gemeinsamen Essen in den Kantinen saß man bei Alkohol und Spiel zusammen, um sich von der getanen Arbeit zu erholen. Natürlich konnte jedermann von dem Geschehen auf der Rampe, in den Gaskammern und den Verbrennungsöfen sehen oder durch Berichte erfahren. Geheimnisse habe es hier nicht gegeben. Wer einen Fotoapparat hatte, konnte sogar Aufnahmen machen. Allerdings waren die wenigsten daran interessiert. Von seinen Kameraden erfuhr Mesner, dass man besonders auf Transporte aus der CSR und Frankreich wartete.

Von dort wurden verhältnismäßig wohlhabende Juden gebracht, welche in ihrer Kleidung Banknoten und auch Schmuck eingenäht hatten. Fernerhin hatten sie noch kleinere Mengen Lebensmittel mitnehmen können. Nach dem Aussteigen aus den Waggons oder Viehwagen mussten sich die gequälten Opfer sofort völlig entkleiden. Auf dem Boden lagen dann Geldscheine aus fast ganz Europa verstreut, die sofort von den ukrainischen SS-Mannschaften eingesammelt wurden.

Sogenannte Funktionshäftlinge hatten die angefallenen Kleiderberge zu sortieren, welche für das Deutsche Reich zu versenden waren. Die SS-Männer ließen sich wiederum von den Funktionshäftlingen, welche in der Regel gelernte Schneider waren, und auch für ihre Familienangehörigen Anzüge und Pelzmäntel nach Maß herstellen. Ebenso Reitstiefel aus feinstem Leder.

Wie mir der Mesner weiterhin berichtete, war das Verhältnis zwischen seinen SS-Einheiten zu den Kameraden der Wehrmacht in Warschau ebenfalls sehr kameradschaftlich.

Ich habe mich damals nach diesen überraschenden Erzählungen unseres Mesners nicht gefragt, ob unser Dekan Beil von der Zugehörigkeit seines Mesners zur SS jemals Kenntnis gehabt hat oder nicht. Auszuschließen ist es nicht. Jedenfalls war dies anscheinend kein Hinderungsgrund für eine kirchliche Tätigkeit.

Eigene Bewertung: Keine Durchschnitt: 5 (5 Bewertungen)
Inhalt abgleichen Inhalt abgleichen