Opa Erwin aus Bruchsal

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Im Dritten Reich war er ein Held
Montag, 30. September 2013 - 11:38

So mancher in Bruchsal Aufgewachsener erinnert sich vielleicht noch an gemeinsame, oftmals unbeliebte Spaziergänge mit seinen Eltern „ins Feld, an die frische Luft“. Wohnte man in der Nähe des Schlosses, führte der Weg ins Grüne oftmals über den Mozartweg, und bereits kurz nach der Gärtnerei Klotz war man in der freien Natur. Der eine oder andere Sprössling wird sich auch daran erinnern, dass seine Eltern angesichts eines etwas zurückgesetzt gebauten, hinter großen Bäumen verborgenen Hauses im Mozartweg sich mit ein klein wenig Nervenkitzel gegenseitig bestätigten: „da wohnt die Barbara Valentin.“

Barbara

Barbara Valentin dürfte vielen auch heute noch ein Begriff sein. Barbara Valentin wurde 1940 als Ursula „Uschi“ Ledersteger in Wien als Tochter des bekannten Filmarchitekten Hans Ledersteger und der Schau- spielerin Irmgard Alberti geboren. Nach Bruchsal kam sie nach der Heirat ihrer Mutter 1948 mit dem aus Berlin gebürtigen Arzt Erwin Valentin. Barbara Valentin besuchte in Bruchsal das Schönborn-Gymnasium und machte nach dem Gymnasialabschluss ein Diplom als Kosmetikerin. Ende der 1950er Jahre nahm sie Schauspielunterricht und war bis Ende der 1960er Jahre in meist reißerischen Unterhaltungsfilmen zu sehen. Von der Presse wurde sie häufig apostrophiert als „Busenwunder“ oder „Skandalnudel“.

Rainer Werner Fassbinder machte Barbara Valentin dann zur Charakterdarstellerin. Für den Autorenfilmer spielte sie unter anderem in der Literaturadaption von Fontanes „Effie Briest“ (1974) oder dem bedrückenden Melodram „Angst essen Seele auf“ aus dem gleichen Jahr. Zu sehen war Barbara Valentin auch in der hochgelobten Fernsehserie „Berlin Alexanderplatz“ nach dem gleichnamigen Roman von Alfred Döblin aus dem Jahre 1929. Sie spielte darüber hinaus in Walter Bockmayers überdrehter Filmkomödie „Geierwally“ (1988) und ihr letzter Kinofilm war „Go Trabi Go“ aus dem Jahre 1991. Danach war sie noch in einigen Fernsehproduktionen zu sehen.

Barbara Valentin war dreimal verheiratet, alle Ehen scheiterten, auch die mit dem Filmregisseur Helmut Dietl. Zuletzt lebte sie mit Freddie Mercury zusammen, dem an Aids erkrankten Sänger der Rockgruppe „Queen“. Nach dessen Tod 1991 zog sie sich fast völlig aus der Öffentlichkeit zurück. Zuletzt war Barbara Valentin an den Rollstuhl gefesselt und starb im Februar 2002 im Alter von 61 Jahren nach langer Krankheit in München.

Barbara Valentin war durchaus eine bekannte Person in Bruchsal, zumindest kannte man sie aus für die damalige Zeit eher anrüchigen Filmen, die im Schloss-Theater (heute C&A) oder dem Europa-Theater, später Casino, heute Cineplex, aufgeführt wurden. Demgegenüber lebten ihr Stiefvater Dr. Erwin Valentin, sowie ihre Mutter Irmgard Alberti ein wohl eher unauffälliges Leben in ihrem Haus am Bruchsaler Mozartweg.

Jetzt hat der Journalist Lars Reichardt, Barbara Valentins Sohn, in einem Beitrag im Magazin der Süddeutschen Zeitung über seinen „Opa Erwin“, einem Marinestabsarzt a. D., der „ein verschrobener Griesgram war“, berichtet. „Er war nicht mein echter Opa, meine Mutter war seine Stieftochter.“ Nur durch einen Zufall ist Lars Reichardt auf die Geschichte seines Großvaters gestoßen. Der Enkel eines Rechtsanwaltes, der bei den Nürnberger Prozessen zu Hermann Görings Pflichtverteidiger bestellt wurde, meldete sich bei ihm und Lars Reichardt erfuhr vieles über seinen Opa Erwin, den er als „einen Mann mit Vergangenheit“ bezeichnet. Erst durch einen achtseitigen, maschinengeschriebenen Brief, den er in Kopie vom Enkel des Rechtsanwaltes Dr. Otto Stahmer persönlich überreicht bekommt, entsteht ein ganz neues Bild von seinem Großvater aus Bruchsal für Lars Reichardt. Jetzt erst wird ihm klar, dass der Großvater, vor dem er immer ein wenig Angst hatte, im Dritten Reich ein Held war, dieser jedoch nie darüber sprach.

Ein Leser dieser Reportage schreibt im Internet: „Wenn man das gelesen hat und einem vor Rührung nicht die Tränen in die Augen gestiegen sind, dann hat man nichts, aber gar nichts vom Dritten Reich verstanden. Ich bin übrigens Jahrgang 1964.“

Am Ende der Geschichte ist ein Link zum vollständigen Brief von Erwin Valentin; man sollte diesen unbedingt lesen.

Wenn der eigene Opa im Nationalsozialismus ein Held war

Eigene Bewertung: Keine Durchschnitt: 4.8 (15 Bewertungen)

Kommentare

Habe sie mal

Im damaligen Cafe am Markt getroffen, ich damals vielleicht 15, meine Schwester 8. Sie hatte damals in einer bekannten Fernsehserie mitgespielt. Meine Schwester ist hin und wollte sich ein Autogramm geben lassen. Die Diva stellte sich so blöd an, als ob sie noch nie eins gegeben hätte und unterschrieb meiner Schwester ins Hausaufgabenheft mitten auf den Stundenplan.

Der Bedienung liess sie auch alles zurückgehen, bis es ihr recht war, also persönlich war ich damals enttäuscht wie sie sich gegeben hatte...

Charakterdarstellerin? Ich

Charakterdarstellerin?

Ich lach mir einen Ast!

Ja, Charakterdarstellerin !!

Frau oder Herr Frieda, kennen Sie eigentlich die erwähnten Filme von R.W. Faßbinder und noch so andere, bei denen Barbara Valentin als reife Frau mitwirkte? - Offenbar nicht, sonst hätten Sie sich des hämischen Kommentars enthalten. Wenn man alle Menschen an ihren Kinder- und Jugenddummheiten messen würde, sähe es doch wirklich trist aus auf dieser Welt. Also, betrachten Sie doch die späteren Rollen der ehemaligen "Ulknudel".

Ah ja... was war noch gleich

Ah ja... was war noch gleich das Thema?

:/

Auch wenn Rolf Schmitt aus naheliegenden Gründen die Brücke über B. Valentin geschlagen hat, war nicht sie das Thema. Das dürfte eigentlich jeder verstanden haben, der den verlinkten Artikel oder gar den zitierten Brief gelesen hat.

Ja, das Thema.....

Recht hat er, der Jürgen Schoner, aber im Bruchsal der ersten Nachkriegsjahrzehnte hatte man leider nichts oder nicht viel übrig für Schicksale wie das des Dr. Valentin. Man bedauerte allein die verheerende Zerstörung, die noch kurz vor Kriegsende der eigenen Stadt widerfahren war. Im keuschen Adenauerland und in der Heiligen Stadt Bruchsal war da der (wirkliche oder angebliche) Lebenswandel der B.V. ein besserer Kontrast. Zur gleichen Zeit wurden Mittäter und eifrige Mitläufer der "Großen Zeit" mit Hilfe der "Wegschauer" und "Nichtswissenwoller" rehabilitiert und gnädig wieder eingereiht. Für aktive Widerständler und Anhänger des linken Parteienspektrums, die wegen ihrer "Volksschädlichkeit" schreckliches Leid erfuhren, hatte man fast nur Verachtung übrig. Insofern ist es jetzt sehr zu begrüßen, dass über das grauenhafte Erleben des Dr. Valentin endlich auch in Bruchsal etwas bekannt wird. Dieser war ja bisher, zumindest in meiner Generation (Jahrgang 1946) "nur" als Stiefvater der Uschi Ledersteger vs. Barbara Valentin bekannt.
Ich hoffe, sehr geehrter Herr Schoner, dass damit wieder ein Bogen zum Thema gespannt wurde.

Innenansichten von biederen Massenmördern

ZEIT ONLINE: Selbstzeugnisse eines „Euthanasie“-Arztes, eines Anatomieprofessors und eines Diplomaten / Ausgewählt und kommentiert von Gabriele Goettle:

http://www.zeit.de/1988/01/innenansichten-vom-biederen-massenmoerder/seite-1

kann ich bestätigen...

ich habe lange jahre im "cafe am markt" gearbeitet.
sie war ein paar mal zu gast als ich bedient habe.
auch ich hätte eigentlich ein autogramm von ihr gewollt.
aber da sie schon bei der bestellung so sehr introvertiert,
und ich da ja am arbeiten war, habe ich dann davon abgesehen,
sie um eines zu bitten....
als eine andere frau sie aber mal direkt (sehr höflich)t um ein autogramm
bat, reagierte sie äußerst pikiert, wie diese sie "so einfach
anquatschen könne".....sie wolle "nicht gestört werden"..."frechheit"...
das fand ich extremst unfreundlich und arrogant....
das war nicht gerade sehr sympatisch... :/

ja, lange ist es her.....

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