Nicht „Vision“, sondern fundiertes Wissen lag literarischer Vorwegnahme zugrunde

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Roman von 1898 schildert spätere Titanic-Katastrophe fast bis in die Einzelheiten / Entzauberung statt weiterer Mystifizierungen
Donnerstag, 3. Mai 2012 - 17:56

Bruchsal (pa.). Die Geschichte scheint bekannt: Das größte Schiff seiner Zeit – ein wahrer Luxusliner mit allem Komfort, als unsinkbar gefeiert – kollidiert in einer eisigen Aprilnacht im Nordatlantik nächtens mit einem Eisberg, reißt sich an der Steuerbordseite den Rumpf auf und sinkt binnen kurzer Zeit. Eine große Zahl an Passagieren und Besatzungsmitgliedern kommt ums Leben, weil zu wenige Rettungsboote an Bord sind. Eine Beschreibung der Titanic-Katastrophe von 1912? Auch. Aber zugleich der Inhalt des Romans „Titan“, den der US-Autor Morgan Robertson bereits 1898 vorlegte. Die Ähnlichkeiten der Katastrophendarstellung sind so verblüffend, dass Robertson später in den Ruf eines hellseherischen Visionärs gelangte.

Titanic

Thomas Adam (links) und Manfred Rieger (rechts). Foto: Klaus Biber

Dass selbst die Namen beider Schiffe praktisch identisch sind, ist freilich ein bemerkenswerter Zufall. Viele scheinbar unbegreifliche Übereinstimmungen jedoch sind vor allem dem fundierten nautischen Wissen des Autors geschuldet, der selbst jahrelang zur See gefahren war. Diese Überzeugung stand im Mittelpunkt einer Lesung und Vortragsveranstaltung, die gemeinsam von Koralle-Schauspieler Manfred Rieger und dem Bruchsaler Museumsleiter Thomas Adam im Rahmen des diesjährigen Titanic-Gedenkens gestaltet wurde. In der vollbesetzten Historischen Wirtschaft des Deutschen Musikautomaten-Museums las Rieger zentrale Passagen des Romans, die Adam durch Erläuterungen begleitete.

Immer im Mittelpunkt: Die verblüffende und dennoch bis zu einem gewissen Grad erklärliche Fülle an Parallelen zwischen Robertsons literarischer „Titan“ und der realen „Titanic“. Etwa die vielen Details zu Größe, Fassungsvermögen und angeblicher „Unsinkbarkeit“ der Schiffe: Die entsprachen dem aktuellen Stand des seinerzeit technisch Möglichen und Machbaren. Dann die Kollision mit dem Eisberg: Gehörte damals zu den häufigeren Formen von Schiffsunglücken. Dass es im Roman wie in der Realität viel zu wenige Rettungsboote gab, rührte von den um 1900 rechtlich geltenden Normen her. Ebenso sind Zeit und Ort beider Schiffsuntergänge, eine Aprilnacht im Nordatlantik, für Kenner der gefährlichen Eisdriften durchaus berechenbar. Bleibt die verblüffende Namensähnlichkeit: Doch gab es bereits 1880 ein eisernes Dampfschiff namens „Titania“, das nach der Kollision mit einem Eisberg im Nordatlantik innerhalb von drei Stunden sank – wohl eine der wichtigsten realen Vorlagen für Robertsons Roman. Insoweit also eher eine Entzauberung statt weiterer Mystifizierungen, an denen es in der „Titanic“-Geschichtsschreibung der letzten hundert Jahre nie gemangelt hat.

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