Neue Sonderausstellung im Deutschen Musikautomaten-Museum Bruchsal: „Ferner Welten Klang. Musikalische Reisen mit dem Edison Phonographen"

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Badisches Landesmuseum Karlsruhe - Außenstelle Bruchsal 3. April bis 30. Oktober 2011
Montag, 4. April 2011 - 17:32

Karlsruhe, 30. März 2011 (BLM) - Er sollte als Diktiergerät den „modernen" Büroalltag erleichtern - der Apparat, den Thomas Alva Edison 1877 zum Patent anmeldete. Doch schon rasch fand sein Phonograph, der akustische Signale über eine Nadel in wachsbeschichtete Walzen gravierte, noch ganz andere Anwendungsgebiete. Er zog als preisgünstiger Musikapparat in die privaten Haushalte ein. Aber auch die Wissenschaft machte sich das handliche Aufnahmegerät zunutze: Sprachforscher, Ethnologen und Musikwissenschaftler nahmen den Phonographen mit auf Ihre Reisen in die ganze Welt und erstellten Tondokumente von Kulturen, die heute kaum mehr existieren.

Die neue Sonderausstellung „Ferner Welten Klang. Musikalische Reisen mit dem Edison Phonographen" im Deutschen Musikautomaten-Museum Bruchsal macht diese einzigartigen Aufnahmen vom 3. April bis zum 30. Oktober einer breiten Öffentlichkeit zugänglich. In Kooperation mit dem Berliner Phonogramm Archiv, das eine weltweit bedeutende Sammlung von 30.000 historischen EdisonWalzen besitzt, präsentiert die Ausstellung eine medial aufbereitete, interaktive „MusikWeltKarte", die historische Musikbeispiele und heute ausgestorbene Sprachen aus Amerika, Afrika, Asien, Australien, Ozeanien und Europa erklingen lässt. Ergänzt wird dieses „Stimmenmuseum der Völker" durch Phonographen aus der Sammlung des DMM, die die technische Entwicklung des Apparates dokumentieren, sowie durch historische Fotos und Instrumente, die die damaligen Aufnahmesituationen verlebendigen.

Die Ausstellung, die von Andreas Seim M.A. kuratiert wurde, ist dienstags bis sonntags von 10 - 17 Uhr geöffnet. Ab Mai findet jeden ersten Sonntag im Monat um 15 Uhr eine Demonstration der historischen Aufnahmetechnik mit dem Phonographen statt.

 

Rundgang durch die Sonderausstellung „Ferner Welten Klang. Musikalische Reisen mit dem Edison-Phonographen" Badisches Landesmuseum Karlsruhe - Außenstelle Bruchsal 3. April bis 30. Oktober 2011

1. Einführung

Als Teil von Musikwissenschaft und Ethnologie untersucht die Musikethnologie bzw. Vergleichende Musikwissenschaft klangliche, kulturelle wie soziale Aspekte von Musik, Gesang und Tanz. Sie beschäftigt sich mit regionalen musikalischen Praktiken und Strukturen. Bis in die 1950er Jahre lag der musikethnologische Schwerpunkt auf außereuropäischer Musik. Spätere Ansätze schlossen europäische Volksmusik, Popularmusik oder die Musik von Subkulturen (z.B. Fußballgesänge) ein. Neue Musikformen, entstanden durch transkulturelles Zusammenspiel Interpreten verschiedener Kulturen (durch Reisen oder Migration) erweitern die Forschung aktuell.

Da traditionelle Musik meist durch spielerische Praxis überliefert wird, ergab sich zunächst für die musikethnologische Forschung das Problem klanglicher Dokumentation - neben dem Sammeln von Instrumenten oder Texten sowie Notation. Hier schuf der Phonograph Abhilfe. Allein schon wegen der schweren Aufnahmetechnik schied die Grammophontechnik lange Zeit im Forschungsfeld aus. Bis in die 1950er Jahre blieben Wachswalze und Phonograph die erste Wahl der Ethnographen. Die sofortige Aufnahme und Wiedergabe, unabhängig von Strom, leicht transportabel und einfach zu bedienen, machten ihn unschlagbar. Dieser Verquickung spürt die Ausstellung nach, betrachtet die technische Entwicklung des Phonographen sowie seine musikethnologische Nutzung am Beispiel der „MusikWeltKarte" des Phonogramm-Archivs Berlin, welche der Besucher an den Medienstationen nutzen kann.

2. Ein technisches Dornröschen: der Edison-Phonograph

Edison-Federmotoren-Phonograph Newark, New Jersey, 1897

Edison-Federmotoren-Phonograph Newark, New Jersey, 1897

Mit der Konservierung von Tönen beschäftigte sich 1877 Thomas Alva Edison. Er hatte zuvor schon rund sechzig Patente angemeldet - vorwiegend im Telegrafenwesen. Über den Prozess der Erfindung gibt es viele Legenden. Gesichert ist, dass Edison seinen „Sprech-Telegraphen" bald „Phonographen" nach dem Griechischen für „Ton" und „schreiben" benannte. Er selbst notierte: es war „ [...] eine kleine Maschine mit einem Zylinder, auf dessen Oberfläche Vertiefungen waren. Darüber war Zinnfolie zu ziehen, die mit Leichtigkeit die Bewegungen der Membrane aufnahm und festhielt." Die künftige Verwendung des Gerätes sah Edison mehr im dokumentarischen wie erzieherischen Bereich.

1878 wurde die „Edison Speaking Phonograph Company" gegründet. Anfangs war die Technik zur Kommerzialisierung nur bedingt tauglich, da die Aufzeichnungen oft undeutlich blieben, die Laufzeit des Speichermediums nur eineinhalb Minuten betrug und sich die verwendete Metallfolie schnell abnutzte. Das Produkt verharrte im Status einer „technischen Neuheit". Edison selbst schenkte dem Apparat schließlich kaum mehr Beachtung, ließ Verbesserungen ruhen und wandte sich anderem zu - der Glühlampe. Erst eine Dekade später sollte der Phonograph einen kometenhaften Aufstieg haben.

3. Ein Erfinder-Genie

Emaille-Werbeschild, um 1905 (Replika)

Emaille-Werbeschild, um 1905 (Replika)

Thomas Alva Edison (1847-1931), in Ohio geboren, steht nicht nur als Sinnbild eines „selfmade-man", der 1875 eines der modernsten technischen Entwicklungslabore in Orange (New Jersey) mit vielen Fachkräften bezog. Seine Verdienste gründen besonders auf der Vermarktungsfähigkeit seiner Erfindungen, die er mit Geschick zu einem System von Stromerzeugung, Stromverteilung und technischen Konsumprodukten verband. Edisons Entwicklungen in den Bereichen elektrisches Licht, Telekommunikation sowie Ton- und Bildmedien hatten großen Einfluss auf die technische wie kulturelle Entwicklung der industrialisierten Nationen. Die Art seiner Forschung und deren Vermarktung prägten nicht nur die Entwicklungsarbeit in der Elektro-Technik. Mit dem Phonographen entstand letztlich die noch heute finanzträchtige Musikindustrie, welche den individuellen Musikkonsum auf den Weg brachte.

4. Die Konkurrenz schläft nicht ....

Phonograph-Graphophone New York und London, um 1900

Phonograph-Graphophone New York und London, um 1900

Alexander Graham Bell, Logopäde und einer der Erfinder des Telefons (1877), hatte den Phongraphen von Edison weiterentwickelt. Zusammen mit seinem Vetter Chichester Bell und dem Engländer Charles Summer Tainter präsentierte er 1881 in Washington ein verbessertes Gerät. An Stelle von Metallfolie auf dem Zylinder nutzte er wachsgetränkte Papierrollen. Den starren Metallstift des Tonabnehmers hatte man durch die federnde Glimmermembram mit aufmontiertem Saphir ersetzt. Ein Stichel „schnitt" die Tonschwingungen in den Wachszylinder. Auf Grund dieser „Tiefenschrift" benannte man das Gerät „Graphophone", für das 1886 das Patent erteilt wurde. Die Erfinder suchten eine Zusammenarbeit mit Edison. Doch dieser lehnte ab und widmete sich nun der Verbesserung seiner eigenen Erfindung. Kurz darauf verkauften Bell und Tainter ihre Patentrechte an den Geschäftsmann Jesse H. Lippincott, der die „American Graphophone Company" gründete. In einer kleinen Fabrik in Bridgeport Connecticut wurde mit der Produktion begonnen - vier Exemplare pro Tag. Um 1890 ging die Firma durch Verkauf in die „Columbia Phonograph Company" über.

5. Wachsweich zum Erfolg ...

Werbebroschüre USA, 1908

Werbebroschüre USA, 1908

Entscheidend für den Erfolg des Phonographen war ebenso die Verbesserung seiner „software". Schon die Einführung der Wachswalze 1886 durch BellTainter anstelle der ursprünglichen Zinnfolie bei Edison, hatte die Ton-wiedergabe maßgeblich beeinflusst. Entscheidend für den Einsatz des Phonographen zur Kommerzialisierung von Musik war 1903 die Möglichkeit, Walzen zu vervielfältigen. Zuvor war jede ein handwerkliches Unikat. Eine Vervielfältigung war nur durch die Aufstellung möglichst vieler Aufnahmegeräte um die Musikinterpreten machbar. Es gelang dann die Aufnahmewalze elektrostatisch zu vergolden und daraus eine galvanoplastische Form herzustellen. Nun konnte man aus einer Negativ-Matrize beliebig viele Spielwalzen aus Wachs gießen. Die „Edison Goldguss-Walze" eroberte den Markt. Ab 1912 erfolgte die Umstellung auf die „Blue Amberols", Walzen aus einer bruchsicheren Zelluloid-Masse, deren Farbe den Produktnamen vorgab. Selbstredend entwickelten auch die anderen Phonographen-Hersteller eigene Walzenprodukte. Doch um 1929 kam auch Edison um die Entwicklung eines eigenen Schallplattenformates nicht herum. Danach wurde der Phonograph mit Walze nur noch als Diktiergerät vermarktet.

6. Diner for one (Phonograph)

Für die Popularisierung des Phonographen in Europa erhielt Edison Hilfe durch Colonel George Edward Gouraud (1841-1912), ein Veteran des Amerikanischen Bürgerkrieges mit einem Faible für Technik. Jener organisierte 1888 nicht nur die erste Präsentation des Phonographen in London. Er entwickelte auch eine clevere Marketingstrategie: Prominente des viktorianischen Königreiches wurden mittels des Phonographen bei einem Dinner interviewt. Neben dem Hochadel und Politikern zielte dies ebenso auf Künstler: etwa den Schauspielagenten Henry Irving oder Schriftsteller wie Oskar Wilde. Von Gouraud geladen zu sein, wurde chic in der englischen Elite. Bis zu seinem Tode trug Gourard rund 400 Tondokumente - einschließlich Edward Prince of Wales mit unverkennbar hannoveranischem Akzent - auf Wachs zusammen. Durch die ‚VIP-Aufzeichnungen' gewann der Phonograph immens an Popularität.

7. Büro, Büro...

Diktat in den Phonographen Werbegrafik, um 1905

Diktat in den Phonographen. Werbegrafik, um 1905

Anfangs war Edison davon überzeugt, dass die Walzen des Phonographen die Funktion von „Tonbriefen" übernehmen würden. Dem standen postalischlogistische Probleme im Wege. Aber Edison offerierte dem Markt bis in die 1930er Jahre den „Edison Business Phonographen" bzw. „Ediphone". Auch Alexander Graham Bell erfand parallel Vergleichbares: das „Dictaphone". Dies wurde in den USA ab 1907 nicht nur ein Markenname, sondern Synonym für Textverarbeitung durch Sprachaufzeichnung generell. Es revolutionierte die Büroabläufe.

Durch das Diktiergerät wurden ‚Formulieren' und ‚Schreiben' getrennt. Die Apparate waren mit speziellen Einrichtungen wie einem Start-Stop-Schalter per Fußbetrieb und Hörschläuchen für Schreibmaschinen-Säle ausgerüstet. Gelöscht wurden die Wachswalzen mit Hilfe spezieller Geräte (engl:.shaver), die jeweils eine dünne Schicht der Walze „rasierten". Auch der in Berlin lebende schwedische Konstrukteur und Pionier der Grammophon- und Schallplattentechnik Carl Lindström produzierte zunächst Diktiergeräte unter der Marke „Parlograph". Erst nach 1945 wurde die Wachswalze bei „Dictaphone" durch das „Dictabelt" - ein Plastikband - als Vorläufer des Magnettonbandes ausgetauscht.

8. Vom Knaben Wunderhorn zum verlorenen Paradies...


Wiedergabe eines aufgenommenen Eingeborenenliedes durch den Phonographen. Lithographie aus Karl Weule: Negerleben in Ostafrika , Leipzig 1909

Das traditionelle Lied war bereits in der deutschen Romantik von Interesse. Nicht zuletzt in Bezug zur nationalen Identitätsfindung: so die 1805/08 von Clemens Brentano und Achim von Arnim in Heidelberg erschienene Sammlung von Liebes-, Soldaten-, Wander-, und Kinderliedern vom Mittelalter bis ins 18. Jahrhundert" (Des Knaben Wunderhorn). Im späten 19. Jahrhundert fand in Europa die Kunst der ‚Naturvölker' Beachtung: Zunächst als Anschauung zum kolonial überlegenen Umgang mit den ‚Primitiven'. Diese Denkart wurde um 1900 von der bildenden Kunst Europas in Frage gestellt.

Als Gegenbild der nun oft negativ gesehenen Industriegesellschaft entwarf man ein fiktives Paradies. Der ‚Primitive' schien diesem nahe, in Harmonie zwischen Ich und Außenwelt. Dies rückte exotische wie europäische „Volksmusik" in den Blickpunkt: Bela Bartok sammelte ab 1904 ethnische Musik in Ungarn, Rumänien, der Slowakei und Anatolien. Er hoffte auch auf Inspiration fern akademischer Lehre. Ebenso trieb das Wissen um die Wandlung der idealisierten Refugien zur Dokumentation an. Auch in den beliebten „Völkerschauen", den Tourneen von Vertretern exotischer Volksgruppen in Europa, stellten Musik, Gesang und Tanz einen wichtigen Bestandteil dar. All dies gibt Zeugnis von der westlichen Faszination für fremde Musik, die als Form einer nonverbalen Kommunikation Gefühle wie Freude, Trauer und Ergriffenheit von Kulturen unbekannter Sprache vermittelt.

9. Ein Pfarrer sammelt Volkslieder...

Pfarrer Louis Pinck (1873-1940), in Lemberg (Lothringen) geboren, war katholischer Priester und Domprediger in Metz. 1908 wurde er wegen seiner Kritik am deutschen Kaiserhaus und der preußischen Politik in Lothringen als Pfarrer nach Hambach bei Saargemünd strafversetzt. Hier begann ab 1914 seine Sammeltätigkeit. Er traf auf Jean Pierre Gerné (1831-1923), der viele Volkslieder kannte. Zwischen 1926 und 1939 publizierte Pinck „Verklingende Weisen. Lothringer Volksweisen". 1932 gab er „Volkslieder von Goethe im Elsass gesammelt. Mit Melodien und Varianten aus Lothringen" heraus.

Er besuchte rund 150 Orte, zu Fuß, mit dem Fahrrad, Pferdefuhrwerken - später dem Auto. Da Pinck keine Noten schreiben konnte, war er zunächst auf die Hilfe von Musikern angewiesen. Dann arbeitete er mit dem Phonographen. Sein Nachlass wird im Deutschen Volksliedarchiv Freiburg bewahrt. Ein Großteil der Wachswalzen wurde bereits in den 1930er Jahren im Berliner Phonogramm-Archiv durch „Galvanos" gesichert.

10. Phonogramm Archiv

Phonograph Deutschland, um 1910

Phonograph, Deutschland, um 1910

In Berlin wurde die Musikethnologie durch Carl Stumpf initiiert. Sein 1893 an der Friedrich-Wilhelms-Universität installiertes Psychologisches Institut beschäftigte sich auch mit außereuropäischer Musik. Eine der frühesten musikethno-logischen Aufzeichnungen ist die Aufnahme eines in Berlin gastierenden thailändischen Ensembles von Theatermusikern. Stumpfs Assistent, der Musikethnolgie Erich von Hornbostel (1877-1935) sowie der Psychologe Otto Abraham (1872-1926) wurden mit dem Aufbau einer Sammlung von Tondokumenten und begleitendem Material (z. B. Instrumenten) betraut.

Daraus entwickelte sich ab 1905 das „Berliner Phonogramm Archiv". Hier wurde gesammelt und ausgewertet, was andere zusammentrugen. Mit Unterstützung von Ethnologen, Kolonialbeamten, Ärzten, Missionaren, Sprachforschern, Musikwissenschaftlern etc. entstanden Klangdokumente in Afrika, Amerika, Asien, Australien/Ozeanien und Europa. Während des Ersten Weltkrieges eröffneten sich zudem andere Quellen. Man sammelte in den Kriegsgefangenenlagern Klangdokumente aus Nordafrika, Osteuropa und Zentralasien.

1923 ging das Archiv in die Verwaltung der Musikhochschule Berlin-Charlottenburg über. Nach der Emigration von Hornbostels im Dritten Reich wurde es 1934 dem Museum für Völkerkunde überstellt. Durch Kriegswirren gelangte es nach Leningrad, kehrte dann aber wieder zur Ost-Berliner Akademie der Wissenschaften zurück. Parallel wurde in West-Berlin eine neue Sammlung aufgebaut. 1991 vereinigte man alle Bestände in der Sektion Musikethnologe des Ethnologischen Museums in Berlin-Dahlem. Es gelang bisher einen Teil der Tonträger zu digitalisieren.

Das „Berliner Phonogramm Archiv" ist heute eine der international bedeutenden Institutionen, die Dokumente traditioneller Musik rund um den Erdball bewahrt: mit rund 150.000 Aufnahmen. Über ihren historischen Wert hinaus dokumentieren diese Musik von Kulturen, die sich seitdem stark veränderten oder heute kaum mehr existieren. Die Sammlung der frühen Wachswalzen und ihrer galvanischen Repliken wurde 1999 dafür sogar in die UNESCOListe „Memory of the world" aufgenommen.

11. Rendezvous mit Sarah Bernard

1895 brachte Thomas Alva Edison sein „Kinetophone" auf den Markt. Es war eine Kombination seines Kineskop (1892) zum Betrachten von Filmstreifen und des Phonographen. Dass Film-Ton-Gerät war als Münzapparat angelegt, von dem aber nur rund fünfzig Exemplare in den Handel gingen. In dem „Guckkasten" konnte eine Person durch ein Okular einen 35 mm Film in einer Endlosschleife sehen, der gleichzeitig durch die durch Hörschläuche zu empfangenden Klänge einer Phonographenwalze ‚synchronisiert' wurde. Auch Sarah Bernhardt erschien so 1900 als Hamlet in einen zweiminütigen Film „Le Duel d'Hamlet". Die Aufnahme auf Wachs, bei der sie aus Jean Racines „Phèdre" rezitierte (einer ihrer Bühnenerfolge) wurde zu einem beliebten „Klangprodukt" im häuslichen Phonographen-Gebrauch.

12. Ethnologische Musikinstrumente

Jeder Gegenstand, der Geräusche hervorbringt, kann ein Musikinstrument sein. Meist sind es aber Objekte, die eigens dafür gefertigt oder zugerichtet sind. Es gibt viele Möglichkeiten, Musikinstrumente in Gruppen einzuteilen. In Ost-Asien geschieht dies etwa durch das beim Bau verwendete Material wie Metall, Bambus, Leder, Holz etc. Im Westen erfolgt es basierend auf einem 1914 in der „Zeitschrift für Ethnologie" von Erich von Hornbostel und Curt Sachs erstellten Schema:

  • 1. Idiophone (Selbstklinger): etwa Rasseln, Schellen, Glocken etc.
  • 2. Membraphone (Fellklinger): mit Fell und Leder bespannte Trommeln
  • 3. Chordophone (Saitenklinger): z.B. Zither, Harfen, Geige oder das Klavier
  • 4. Aerophone (Luftklinger): Flöten, Hörner, Trompeten aus Holz, Metall etc.

Es erlaubt, neben Instrumenten des klassischen Konzertwesens, auch historische, regionale wie außereuropäische Musikinstrumente aufzunehmen.

13. Ethnische Musik: Tradition und Moderne

Viele Kolonialherren verboten die Ausübung traditioneller Musik - besonders wenn sie in Verbindung mit rituellen Handlungen stand. In Schulen wurde die Musik der westlichen Welt gelehrt, das Traditionelle oft unverstanden beargwöhnt. Einige Missionare versuchten aber auch, indigene Musikkultur in ihre Arbeit zu integrieren. Seit Ende des Kolonialismus Mitte des 20. Jahrhunderts und auch im Zeichen des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962/65) - das die Verwendung der Landessprache und die Ökumene einforderte - erfolgte eine Rückbesinnung auf kulturelle Wurzeln in vielen der ehemaligen Kolonialländer.

	Südamerikanische Indianer lauschen dem Phonographen Zeitungsgrafik, um 1905

Südamerikanische Indianer lauschen dem Phonographen. Zeitungsgrafik, um 1905

Musiktraditionen, welche die Zeiten überdauerten, wurden im Zuge eigener Identitätsfindung wieder bewusst aufgegriffen. Dies nicht nur in Lateinamerika, Afrika, Asien etc. sondern ebenso bei europäischen Minderheiten wie etwa den Basken, Bretonen, Samen, Sorben, Flamen oder in den multiethnischen Staatengebilden Osteuropas (z.B. Jugoslawien). Aber auch seit der Auflösung der traditionellen ländlichen Gesellschaft nach 1945 und einer zunehmenden Globalisierung, werden traditionelle bzw. regionale Klänge als ‚Folklore' in den industrialisierten Ländern als positiver Gegenpol zu einem immer mehr in Frage gestellten „Fortschrittsglauben" aufgebaut.

Ethnische bzw. volkstümliche Musik mag zunächst folkloristisch pittoresk oder touristisch werbewirksam scheinen. Sie ist aber  ebenso Baustein von Identität und emotionaler Heimat. Fortbestand und Weiterentwicklung ist ihr vielerorts gewiss.

© Andreas Seim M.A., Kurator der Ausstellung

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