Nach vorne geht nicht, ohne von seiner Herkunft zu wissen

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Samstag, 18. August 2012 - 17:49

Nicht irgendeine Besucherin wurde am vergangenen Donnerstag im Sitzungssaal des Bruchsaler Rathauses von der Oberbürgermeisterin Cornelia Petzold-Schick begrüßt. Zu Besuch war in Bruchsal Babette Ballinger aus New York mit ihrer Tochter Rebecca (25), auf der Suche nach ihren deutschen Wurzeln.

Berthold Rosenthal

Berthold Rosenthal

Babette Ballinger ist die Großnichte des 1875 in Liedolsheim geborenen Berthold Rosenthal, der in Mannheim als Gymnasiallehrer beschäftigt war, bis er 1933, er war Jude, aus dem Schuldienst entfernt wurde. Bekannt ist Berthold Rosenthal bei allen, die sich insbesondere mit der jüdischen Geschichte im südwestdeutschen Raumes beschäftigen, durch seine von ihm zeitlebens betriebenen Forschungen, die er auch nach seiner Emigration 1940 in die USA fortsetzte. Das Standardwerk für Heimatforscher ist das von ihm 1927 veröffentlichte Buch „Heimatgeschichte der badischen Juden“, in dem er auf 532 Seiten die jüdische Geschichte im südwestdeutschen Raum beschreibt; von den ersten Juden am Rhein um 300 bis zu der inneren Entwicklung in Baden im 19. und 20. Jahrhundert – vom Schutzjuden zum Vollbürger. Berthold Rosenthal verstarb 1957 in Omaha/Nebraska.

Die Oberbürgermeisterin wies in ihrer Ansprache darauf hin, dass in Bruchsal die letzten Jahre große Anstrengungen gemacht wurden, um an die ehemals hier lebenden Juden zu erinnern. Vor der Machtübertragung an die Nationalsozialisten „mit ihrem Rassenwahn“ lebten in Bruchsal über 500 Juden, in den Stadtteilen betrug der Anteil an Einwohnern jüdischen Glaubens teilweise fast 10 %.

Babette Ballinger

Babette Ballinger

In ihrer kleinen Dankesrede sagte Frau Ballinger, wie sehr sich freue über diese herzliche Begrüßung, mit der sie überhaupt nicht gerechnet habe. Sie sei zum ersten Mal in Deutschland auf der Suche nach ihren Wurzeln, denn „nach vorne geht nicht, ohne von seiner Herkunft zu wissen.“ Die 69-Jährige führte weiter aus, sie habe vor ihrer Reise nach Deutschland viele Jahre die Geschichte ihrer Familie erforscht und sie erinnere sich noch an Berthold Rosenthal, als sie noch ein kleines Kind war, und an sein Bärtchen… Vor ihren Forschungen habe sie nichts von der Bedeutung Rosenthals für die Erforschung der Geschichte der südwestdeutschen Juden gewusst.

Nach dem kleinen Empfang besuchte Frau Ballinger den Obergrombacher jüdischen Verbandsfriedhof, wo die Gräber von acht ihrer Vorfahren zu finden sind, wie Dietmar Konanz vom Heimatverein Untergrombach in akribischer Suche herausfand.

Friedhof

V.l.n.r.: Dietmar Konanz, Babette Ballinger, Rebecca Ballinger, Thomas Adam

Darunter auch das Grab von Emanuel Rosenthal (1836-1900) und dessen Ehefrau Babette, geb. Weil (1835-1919), ihren Urgroßeltern. Nach eben dieser Babette erhielt Frau Ballinger ihren Vornamen. Lächelnd erwähnte sie, dass dies zumindest in den USA ein seltener Name sei – immer wieder würde sie auf diesen ungewöhnlichen Vornamen angesprochen.

Grabstein Rosenthal

Grabstein Rosenthal

In den nächsten Tagen wird bei bruchsal.org von Waldemar Zimmermann ein kleiner Filmbericht zum Besuch von Frau Ballinger und ihrer Tochter in Bruchsal veröffentlicht.

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Kommentare

Eine bessere Überschrift

Das Leben kann nur in der Schau nach rückwärts verstanden, aber nur in der Schau nach vorwärts gelebt werden.

Sören Kierkegaard
(1813 - 1855)

Hieß der Satz nicht:

"Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts vertanden."?

Diese knappe Formulierung hat etwas Überraschendes, ist keine übliche Formulierung in der deutschen Sprache. Sie regt zum Nachdenken an. Das "rückwärts verstanden" verlangt nach Interpretation, wie sie auch im Satz von "Gast" bereits vorgenommen ist. Im Rückblick sein eigenes Leben zu verstehen, hat dies der Autor gemeint? Oder sollte es der Blick auf die Abstammung sein, wie in der Interpretation der Artikelüberschrift? Ist nur das eigene Leben gemeint oder auch die Gesellschaft?

Auch das "vorwärts zu leben" ist so knapp formuliert, dass damit alles Mögliche gemeint sein kann. Lebe in der Hoffnung, schau nicht zurück - hier wird genau der zuvor angesprochene Rückblick verwehrt. Wer sich vorwärts bewegt, sieht nicht, was hinten passiert.

Auf den ersten Blick ein einfacher Satz und doch steckt viel in der knappen Formulierung

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