Migranten in Bruchsal. Das Café Bellosa und der Herr Bellosa

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Freitag, 7. Januar 2011 - 17:09

Der Begriff „Migrant" ist spätestens seit der Diskussion um das Buch „Deutschland schafft sich ab" von Thilo Sarrazin überall in unserer Gesellschaft angekommen. Doch Migranten gab es in Deutschland schon immer und die Geschichte zeigt, dass diese bzw. deren Nachfahren sich letztendlich problemlos in „unsere" Gesellschaft einfügten. Eines der besten Beispiele ist Thilo Sarrazin selbst, dessen Vorfahren Hugenotten (französische Protestanten) waren und aus Südfrankreich im 16. oder 17. Jahrhundert nach Deutschland auswanderten. Vergegenwärtigt man sich, dass die Sarrazins nach einem Bericht des Stern aus einer sabäischen (Südarabien, Jemen) Familie stammt, die über Nordafrika und Spanien nach Frankreich gelangte und sich dort mit Hugenotten "vermischte", sind Spekulationen Tür und Tor geöffnet. Das französische Wort Sarrazin oder Sarrasin bezeichnet eine Person, die zur muslimischen Bevölkerung des Mittelalters gehörte.

Comer See

Jedoch auch Bruchsal hat seine Migranten. Im Bruchsaler Wochenblatt vom 5. April 1797 war zu lesen, dass der Handelsmann und Konditor Adam Bellosa die „Concession eines öffentlichen Kaffee-Hauses mit Haltung von Billard und Aussteckung eines Schildes" erhalten habe. Bereits vier Monate später übergab Adam Bellosa sein Kaffeehaus an seinen Sohn Georg Andreas Bellosa, der am 9. August 1797 im Bruchsaler Wochenblatt inserierte: „Der hiesige Bürger und Conditor Andreas Bellosa gibt dem verehrlichten Publikum bekannt, dass bei ihm alle Sorten von eingemachten Früchten, sowohl Zucker, Branntwein und Essig, Syrop, alles Gefrorene und was zur Stärkung des Magens dient, zu haben ist."

Die Vorfahren von Adam Bellosa kamen aus Sala am Comer See und übersiedelten gegen Ende des 17. Jahrhunderts nach Bruchsal. Baptist Bellos (der Nachname wurde später um ein A ergänzt) heiratete am 20. Juni 1701 Anna Maria Fergen; er ist der Stammvater der Bruchsaler Bellosas.

Bellosa

Das erste Café Bruchsals war zunächst an der Ecke Huttenstraße / Friedrichstraße gelegen, später wurde das Café verlegt in die Friedrichstraße 5, wo es bis 1992 unter diesem Namen, zum Schluss von der Witwe des letzten Namensträgers Karl Bellosa betrieben wurde. Karl Bellosa war ebenso wie sein Vater, Karl Jakob Bellosa, lange Jahre Bruchsaler Gemeinderat. Karl Bellosa starb im Jahre 1987. Er war der letzte der Konditorfamilie Bellosa.

Heute befindet sich in der Friedrichstraße 5 die „Bar Rocco", Treffpunkt der Bruchsaler Schülerschaft.

 

Auch der Bruchsaler Kaufmann und Freizeitdichter Otto Oppenheimer berichtet über das Café Bellosa. So beschreibt er in seinem Büchlein „Louis Oppenheimer - ein Brief an dessen Urenkel" die folgende Episode, die sich 1859 oder 1860 zugetragen haben dürfte:

Ob der gute Ruf dieser Berta Bär (die spätere Ehefrau von Louis Oppenheimer) der Grund war, dass unser Louis Oppenheimer ausgerechnet gerade nach Bruchsal kam, weiß ich nicht. Ich will es mal vermuten. Jedenfalls die Liebe zu dieser Berta Bär war die unzertrennliche. Die über den Tod hinaus. Sie wurde schon in der Brautzeit auf eine harte Probe gestellt.

Vis à vis vom Erbprinzen und von den Bärs (die "Leder"-Bären), wo heute noch die Bären "hausen", ist heute noch und war damals schon, der Konditor Bellosa. Und der machte als eine besonders feine Schleckerei "Mohrenköpfe" oder "Indianer" genannt, das Stück zu drei Kreuzer. Gern hätte die überglückliche Braut in ihrem jugendlichen Leichtsinn mal so einen Indianer gegessen. Aber der liebende Bräutigam war der Ansicht, dass die Kreuzer nicht mehr da sind, wenn sie verschleckt sind, und - erfüllte den Wunsch seiner Braut nicht. Und sie? - - Sie hat es oft später strahlend erzählt. Daher weiß ich es. Gibt es etwas, was diese beiden Menschen treffender charakterisieren könnte? Er, der strenge, sparsame Kaufmann - Sie, die kluge, lachende Frau. Das waren meine Eltern."


Doch auch der Schreiber dieser Zeilen hat Erinnerungen an das Café Bellosa. Er war (und ist) befreundet mit dem Neffen des Karl Bellosa. Insofern konnte es nicht ausbleiben, dass er des Öfteren mit „zum Onkel" ging. Im Café stand eine Kühltruhe mit Eis, nicht mehr als vier Sorten: Zitrone, Schokolade, Erdbeere und Vanille. Ob es so war oder ob es nur Einbildung war, weiß ich nicht mehr. Auf jeden Fall war ich als Kind der tiefsten Überzeugung, dass das Eis vom Bellosa viel, viel besser sei als das Eis vom Bertolini, der seine Eisdiele auf der gegenüberliegenden Seite der Friedrichstraße hatte und der viel, viel mehr Eissorten anbot und viel italienischer war.

 

Die Erinnerungen von Barbara Mitteis an das Café Bellosa:

Das Café Bellosa war klein aber fein, und an den Tischchen saßen die Großen und Vornehmen der Stadt.

Der Herr Bellosa war eine Doppelausgabe von Theo Lingen, und mit dem Vergleich wird mir seine Personenbeschreibung am besten gelingen.

Seine Frau war füllig und zurechtgemacht und lächelte wie für die nächste Filmaufnahme.

Manchmal gingen Mama und ich nach den Einkäufen in das kleine Cafe, und dann kam der Herr Bellosa an unseren Tisch und verbeugte sich und erkundigte sich nach den Wünschen. Er erzählte die ganze Kuchentheke, nahm die Tortenwünsche in seinem Gedächtnis auf, fragte nach Tee oder Kaffee, verbeugte sich, und schickte die Bedienung mit weißem Häubchen und weißem Schürzchen und dem vollen Silbertablett an unser Tischchen,Seine Frau saß meist an einem Tisch mit den Damen der Stadt, und sie kümmerte sich kaum, was vor und hinter der Theke passierte. Ihre einzige große Aufgabe schien zu lächeln.

Der kleine Raum hatte entzückende Blümchentapeten, weiße duftige Vorhänge, Stilmöbelchen und ein ganz altmodisch dekoriertes Schaufenster, Biskuitmohrenköpfe, Windbeutel und Punschkringel lagen auf Papierspitzendeckchen, Apfelstrudel ruhten auf Silbertablettchen und feiner Mokkaduft durchzog den Raum.

Selbst die Rauchkringelchen drehten sieh vornehm und edel nach oben, und oben an der Decke hingen erlesene Lampen nach unten.

In diesem Cafe gefiel es mir besonders gut, es hatte nur einen Fehler: Es war stets und immer überfüllt. Herr Beilosa war sehr besorgt, dass die Cafébesucher gut bedient wurden, und so fragte er nach dem Verzehr nicht mehr nach den Wünschen, sondern nach dem Wohlbehagen. Herr Beilosa kassierte nicht. Oh nein, das tat die Bedienung, er machte zuletzt nur einen formvollendeten Diener, und ich bewunderte seinen kerzengeraden Mittelscheitel und seinen schwarzen Anzug, dessen Hose am Äußeren jeweils ein schwarzglänzendes Band aufgenäht hatte. Manchmal denke ich noch an Herrn Bellosa, der Theo Lingen so ähnelte. Er hätte ihn doubeln können, aber er konnte nicht näseln. So war er eben damals doch seine eigene Person.

© Barbara Mitteis

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Kommentare

Moritz Bellosa war einer

Moritz Bellosa war einer derjenigen, der in der 48-revolution die politischen gefangenen im bruchsaler gefängnis, u.a. struwe, befreite. dies nur als kleine historische ergänzung. ein migranten-sohn als patriotischer revolutionär.....

Ein kleines Fehlerchen und zwei Fotos

Karl Bellosa wurde am 21.09.1907 in Bruchsal geboren und starb am 13.12.1986 ebenda.

 

Karl Bellosa und Wilhelmine, seine 2. Frau, am Tage ihrer Hochzeit 1974

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die zugehörige Hochzeitstorte

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