Mathildes Reise

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"Ich wollte meiner Mutter ein kleines Denkmal setzen und ihr eine Freude bereiten."
Dienstag, 20. Dezember 2011 - 20:50

Immer wieder erlebt man Überraschendes im Internet. So bin ich bei youtube zufälligerweise auf einen Kurzfilm gestoßen mit dem Titel „Mathildes Reise“. Beim Anschauen des Filmes stutzte ich plötzlich. War das nicht das Glockenspiel des Bruchsaler Amtsgerichtes? Waren da nicht Aufnahmen des Bruchsaler Schlosses und aus dem Musikautomatenmuseum zu sehen? Wurden nicht Bilder des zerstörten Bruchsaler Schloss an der Kamera vorbei durch das Musikautomatenmuseum getragen?

Eckhaus

Installation im Schloss Bruchsal | © Carmen Oberst

Und dieses Eckhaus auf einem der Schilder – wenn das nicht der im 2. Weltkrieg zerstörte Bahnschlitten war, ein schmales Haus, das in einer Spitze auslief. Der „Bahnschlitten“ war im Oppenloch gelegen, einem Straßenteil zwischen Alte Straße und Stadtgrabenstraße, heute läge dies gegenüber dem Hinterhaus der Firma Foos (Rückseite Kaiserstraße 76) an der John-Bopp-Straße.

Ich schaute den Film zweimal an. Er verunsicherte mich etwas, so dass ich per E-Mail Kontakt zur Filmautorin und Photokünstlerin Carmen Oberst aus Hamburg aufnahm.

Carmen Oberst

Carmen Oberst | © Carmen Oberst

Nach kurzer Zeit erhielt ich eine sympathische E-Mail von Carmen Oberst. Wie sie mir mitteilte, stammt sie aus Bruchsal. Wenn sie auch bereits im Alter von einem Jahr mit ihren Eltern nach Karlsruhe zog, hatte sie über ihre Eltern immer wieder Kontakt nach Bruchsal.

Ich stellte Carmen Oberst ein paar Fragen, die sie mir gerne beantwortete. Die Leser von bruchsal.org möchte ich gerne an dem Gespräch teilhaben lassen.

 

bruchsal.org: Carmen Oberst, zunächst herzlichen Dank, dass Sie sich die Zeit für dieses Interview nehmen. Sie sind eine Bruchsalerin?

Carmen Oberst: Ich bin im Bruchsaler Krankenhaus geboren, zog jedoch mit meinen Eltern, als ich ein Jahr alt war, nach Karlsruhe. Dort bin ich aufgewachsen und zur Schule gegangen. 1979 bin ich dann nach Hamburg gezogen, da meine künstlerischen Ambitionen in einer Metropole wie Hamburg mehr Aussicht auf Weiterentwicklung hatten.

Oberst

Mathilde und Werner Oberst, ca. 1953 | © Carmen Oberst

Auch meine Mutter, Mathilde Oberst, geborene Arnold, ist eine „Bruslerin“. Sie ist in Bruchsal geboren und aufgewachsen. Ebenso mein Großvater, den ich leider nie kennen gelernt habe. Er war einige Jahre Gärtner des Bruchsaler Schlossgartens. Dies ist nicht ganz unwichtig für das Projekt, das Sie bei youtube kennen lernten, denn ich habe Wege meiner Ahnen durchwandert. Mein Vater Werner Oberst ist im nahe gelegenen Unteröwisheim / Kraichtal aufgewachsen.

bruchsal.org: Sie leben derzeit in Hamburg und sind dort, wie ich Ihrer Homepage entnehmen durfte, als Photokünstlerin, Kuratorin und Dozentin tätig. Können Sie mir ein wenig zu Ihrer Kunst sagen?

Carmen Oberst: 1980, als Photographie noch als kreatives Handwerk galt, deren Vorgehensweisen fest verankert waren und das Ringen nach Anerkennung im Bereich der Kunst erst begann, habe ich mit den Mitteln der Photolabortechnik die Photochemische Malerei entwickelt und wurde fortan auf diesem Gebiet Mentorin und Vorbild für Menschen, die eine andere Sicht und Umgangsweise mit der Photographie suchten. Anlässlich einer Ausstellung im Forum Fotografie – Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg und Galerie Condé, Goethe-Institut Paris ist der Katalog „Photochemische Malerei“erschienen, in dem meine Künstlerische Photographie näher beschrieben wird.

Vielfältige Methoden aus den Anfängen der Photographie finden sich in meinen Bildern wieder. Inszenierungen, Photochemische Manipulationen, Mehrfachbelichtungen, Solarisationen und andere geheimnisvoll wirkende Beeinflussungen verleihen den Bildern eine besondere Faszination.

2004, als durch die voranschreitende Digitalisierung analoge Negativ-, Dia- und Bildarchive das Überdenken des eigenen Archivs auf den Plan rief, begann ich mein Negativ-Archiv neu zu überarbeiten und zu zerschneiden.

Carmen Oberst 2011

Carmen Oberst 2011 | © Carmen Oberst

Eine im wahrsten Sinne des Wortes einschneidende Herausforderung liegt im Prozess der Formen-umwandlung, bedingt durch die Bereitschaft, Vergangenheit beweisende Dokumente loszulassen, unwiederbringlich zu verwandeln und damit den daraus entstammenden Formen einen anderen Sinn und sich selbst eine neue Perspektive zu geben.

Außerdem hat mein Interesse mich immer wieder dazu gebracht, Ausstellungen auf die Beine stellen zu wollen und vor allem gern mit anderen Menschen zusammen zu wirken und Netzwerke herstellen zu wollen. Gleichzeitig fiel auf, dass ich über ein Organisationstalent verfüge, das meinen Projekten auf vielen Ebenen zuträglich ist.

bruchsal.org: Sie waren schon öfters als „Experimentelle Filmemacherin“ tätig. Ihre anderen Filme sind recht kurz, zwei bis drei Minuten. Dies ist der erste längere Film. Was war ihre Intention für diesen Film?

Oberst

Carmen Oberst mit ihrer Mutter Mathilde, ca. 1955 | © Carmen Oberst

Carmen Oberst: Meine Mutter ist mittlerweile 82 Jahre alt. Ich wollte mit diesem Film meiner Mutter ein kleines Denkmal setzen und ihr eine Freude bereiten. Mit meinen Aktivitäten und auch meinen Filmen durchwandere ich noch einmal gelebte Ereignisse und versuche auf spielerische Weise dem normalen Leben etwas Phantastisches anzueignen. Vor allem wünsche ich mir über meine persönlichen Belange hinaus, Vorbild für andere Menschen zu sein, mit alltäglichen Dingen, Ereignissen oder Schicksalsschlägen nachträglich humorvoll und spielerisch umzugehen, um dadurch auch für andere Menschen etwas Interessantes und Märchenhaftes auf den Weg zu hinterlassen.

Beim Bombenangriff am 1. März 1945 war meine Mutter bei Siemens tätig. Als die Bomben fielen rannte sie über die Bahngleise und durch den Schlossgarten zum Stadtgarten davon. Wie sie mir erzählte, fielen um sie herum Brand- und Stabbomben wie ausgestreute Streichholzschachteln herunter. Die ganze Stadt wurde in Schutt und Asche versetzt, sie hat dies glücklicherweise unbeschadet überstanden. Das Schloss wurde bei dem Luftangriff zerstört. Daher habe ich das Foto des zerstörten Schlosses in meinem Film als „Wander-Kulisse“ dazu gefügt.

bruchsal.org: Und warum wird auf einem der Schilder der „Wander-Kulisse“ ein Photo des „Bahnschlittens“ gezeigt?

Installation Schloss Bruchsal

Installation Schloss Bruchsal | © Carmen Oberst

Carmen Oberst: Die Bewandtnis ist, dass eine Freundin meiner Mutter dort im Oppenloch wohnte und die Architektur auffällig und verwunschen aussah.

bruchsal.org: Produktion, Videoschnitt und Musik sind von Wittwulf Y Malik. Können Sie uns etwas zu Herrn Malik erzählen?

Carmen Oberst: Wittwulf Y Malik hat meine Filme musikalisch bearbeitet. Er studierte Musik an den Hochschulen in Hamburg und Detmold und ist seitdem tätig als Komponist, Violoncellist, bildender und Performance-Künstler. Mehr über ihn können Sie auf seiner Homepage www.wittwulf-y-malik.com erfahren.

bruchsal.org: Werden wir Sie wieder einmal in Bruchsal sehen?

Carmen Oberst: Ja, die Planungen hierzu laufen auf Hochtouren. Ich bin gerade dabei Menschen aus Hamburg und Norddeutschland dazu zu bewegen, einmal eine Reise nach Baden-Württemberg und zum Schloss Bruchsal zu tun. „Mathildes Reise“ ist mit dem Kurzfilm noch nicht zu Ende. Nächstes Jahr, ab 1. Juni 2012, findet im Bruchsaler Schloss die Ausstellung „Wo die Prinzessin schläft? Eine Retrospektive.“ statt, eine Ausstellung mit 15 Künstlerinnen und Künstlern in Zusammenarbeit mit Staatliche Schlösser und Gärten Baden-Württemberg. Daneben wird die 16. PHOTOKUNST SOMMERAKADEMIE HAMBURG 2012 erstmals in Bruchsal durchgeführt. Im Rahmen dieser Sommerakademie können Interessierte einwöchige Kurse in künstlerischer Photographie und experimentellem Zeichnen belegen. Aber lassen Sie sich überraschen.

bruchsal.org: Vielen Dank für das nette Gespräch. Ich bin gespannt auf die Ausstellung im Bruchsaler Schloss.

 

Wer sich näher mit dem künstlerischen Werk von Carmen Oberst beschäftigen möchte, findet auf ihrer sehr schön gestalteten Homepage viele Beispiele ihrer Kunst und weitere Informationen zu ihrem Werk: www.carmenoberst.de.

© Rolf Schmitt

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Kommentare

Faszinierend

und ein wunderschönes Cello - danke an die KünstlerInnen und an Rolf Schmitt für die Veröffentlichung hier auf bruchsal.org.

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