Marianne-Kirchgessner-Straße

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Der Straßenname im Neubaugebiet Weiherberg erinnert an die aus Bruchsal stammende, bedeutendste Glasharmonikavirtuosin zur Mozartzeit.
Montag, 9. Januar 2012 - 8:33

Am 9. Dezember 1808 starb die seinerzeit weltbeste Glasharmonikavirtuosin Marianne Kirchgessner auf einer Konzerttournee in Schaffhausen an „Brustfieber“. Von der in Bruchsal geborenen Berühmtheit ist weder ein Bildnis noch die genaue Lage der Ruhestätte auf dem Schaffhausener Klosterfriedhof "Paradies" bekannt. Als Zeitgenossin von Mozart und Haydn hat sie nicht nur die beiden großen Komponisten ihres an schöpferischen Musikern reichen Zeitalters kennen lernen, sondern traf zweimal mit Goethe zusammen. Auch Schiller schätzte ihre Kunst. Ihr Leben und europaweites Wirken hat Eingang in die deutschsprachige Musikenzyklopädie „Lexikon für Musik in Geschichte und Gegenwart“ Zugang gefunden.  

Marianne Kirchgessner

Die Glasharmonikavirtuosin wurde 1769 in Bruchsal geboren. Ihre Taufe am Geburtstag ist im Taufbuch der Hofpfarrei festgehalten.

1769 wurde die bisher bedeutendste Musikerin Bruchsals geboren: Maria Anna Kirchgessner (auch: Mariane, Marianne - Kirchgeßner, Kirchgäßner).

Wegen der damals bekanntlich sehr hohen Kindersterblichkeit wurde das Mädchen, wie üblich bei Neugeborenen, noch am Tag ihrer Geburt getauft, um ihrer Kinderseele vorsorglich die ewige Seligkeit zu  sichern. Darüber legt eine handschriftliche Eintragung im Taufbuch der Hofpfarrei der Jahre 1759 bis 1784 Zeugnis ab. Dort ist in lateinischer Sprache als erste Eintragung der Seite 77 ihre Aufnahme in die Gemeinschaft der Gotteskinder durch die Taufe samt Angabe der Geburtsstunde, der Eltern und der Patin  gewissenhaft vermerkt. Übertragen ins Deutsche hat der Gänsekiel damals folgenden Text festgehalten:

"Im Jahr des Herrn tausendsiebenhundertneunundsechzig, am fünften Tag des Monats Juni, habe ich, Johannes Thomas Siben, Pfarrverweser der Hofpfarrkirche zum Heiligen Damian und Hugo in Bruchsal, das eheliche Kind getauft, geboren am gleichen Tag um ein Uhr nachmittags aus der Ehe des hochgeehrten Herrn Joseph Anton Kirchgäßner, Kammerzahlmeister, und seiner Gattin M. Theresia, geborene Waßmuthin, welchem der Name Maria Anna Antonia gegeben wurde: Patin war die hochgeehrte Maria Anna, geborene Zickin, Gattin des hochgeehrten Herrn Martin Grosch, Hofstallmeister.  Dies bescheinigt Siben."

Die vier älteren Schwestern waren alle in Waghäusel, dem Sommer- und Jagdschloss der Speyrer Fürstbischöfe, zur Welt gekommen. Sehr wahrscheinlich handelt es sich bei Mariannes Patin "Zickin" um eine Anverwandte der bayerischen Künstlerfamilie Zick, an die noch die Bruchsaler Zickstraße erinnert. Johannes Zick (1702 -1762) war ab 1750 längere Zeit als Freskomaler in Bruchsal tätig. Er schuf die ursprünglichen Deckengemälde der drei Haupträume im Schloss. Der Sohn Januarius (1730 - 1797) malte die auch am 1. März 1945 zerstörten Bilder im Watteau-Kabinett und einige Supraporten. Vermutlich habe man die Patin standesgemäß aus dem Kreis der Hofbediensteten gewählt, merkte Pfarrer Paul Kallenbach, der Übersetzer des Taufeintrags, an. Auch komme in den Titulaturen sowie in der Formulierung "Praenobilis" (= hochgeehrt) ein ausgeprägtes Standesbewusstsein zum Ausdruck, das andere Geburteneintragungen nicht aufwiesen. Der Vater des Täuflings war jedenfalls Hofbediensteter, ebenso der Ehemann der Patin.

Frühe Jahre

Marianne Kirchgessner wuchs in Bruchsal auf. Ihre musikalische Begabung war ihr schon in die Wiege gelegt. Vater wie Mutter spielten Instrumente. Die Mama war eine Tochter des fürstbischöflichen Würzburger Kapellmeisters Waßmuth. Im Alter von vier Jahren erkrankte ihr Kind an schwarzen Blattern, gefolgt vom schwarzem Star. Letztere Krankheit raubte der Kleinen das Augenlicht. Das erblindete  Mädchen erlernte dennoch das Klavierspiel. Der Speyerer Domkapitular von Beroldingen förderte das erkennbare Talent. Er bezahlte der Zehnjährigen eine Ausbildung auf der Glasharmonika. Unterricht erhielt Marianne bei einem bedeutendenden Virtuosen der Harmonika, dem Karlsruher Kapellmeister und Komponist Joseph Aloys Schmittbaur (geb. 1718 in Bamberg, gest. 24. Oktober 1809 in Karlsruhe). Die junge Bruchsalerin war seine beste Schülerin und sollte später die gefeierte Glasharmonikavirtuosin und eine der großen, reisenden Künstlerinnen der Musikgeschichte werden.

Eine  leichte Besserung des Sehvermögens konnte, laut einem späteren Bericht, der Londoner Augenarzt Dr. Fiedler 1795/96 erreichen. Etwas Linderung brachten seine Augenwässer, sodass die Virtuosin wenigstens Umrisse und Farben von Gegenständen zu unterscheiden vermochte. Dennoch konnte sie beim  Musizieren niemals ein Notenblatt lesen, sondern spielte immer auswendig. Neue Stücke erlernte sie über das Zuhören, Einüben und Wiederholen der Melodie.

Das Musikinstrument der "empfindsamen Epoche"

Die Glasharmonika, das damals wie heute selten zu hörende Instrument der jungen  Virtuosin des 18. Jahrhunderts, Marianne Kirchgessner, hatte just zu deren Lebzeiten seine Blütezeit. "Musical glasses" als ernstzunehmende Instrumente für die Wiedergabe von musikalischen  Werken wurden ab der Mitte des 18. Jahrhunderts meist in Irland und Britannien gefertigt. Das Grundprinzip war und ist, Gläser durch Reiben mit feuchten Fingern zum Schwingen und Klingen zu bringen.

Der Physiker und Staatsmann Benjamin Franklin verbesserte bei seinem Londonaufenthalt 1761/62 das Urinstrumentprinzip, in dem er  viele kleiner werdende Glaskegel auf einer eisernen Spindel befestigte. Diese lagerte er waagerecht und versetzte das  Klanggerät mittels eines Pedals über ein Schwungrad in Rotation. Wasserbenetzte Finger konnten so mehrere Gläser gleichzeitig erklingen lassen, da die Glasränder dicht nebeneinander lagen. Die chromatische Glasharmonika - zunächst im Tonumfang von g bis g'', später c bis f''' und gar noch bis c'''' - war bald konzertreif. Erste Virtuosin auf dem Franklin-Instrument war 1764 die Londonerin Marianne Davies. Franklin, selbst ein guter Spieler, hatte es ihr geschenkt.

Ein vergleichbares Instrument spielten der Karlsruher Kapellmeister Schmittbauer und dessen Tochter Therese. Domkapitular von Beroldingen indes war sich des Erfolges seines Bruchsaler Schützlings gewiss. Von ihrem Lehrmeister ließ der Mäzen für Marianne Kirchgessner eine eigene Konzertharmonika bauen. Er bezahlte jenem die stattliche Summe von 100 Gulden dafür. Allerdings waren die zarten "Äolsharfenklänge" solcher Instrumente durchaus nicht für große Konzertsäle, wohl aber für Kammermusikräume geeignet. Die Erzeugung der Töne und Klänge ist vergleichbar dem Reiben eines Weinglasrandes mit nassen Fingern. Zum Spielen war das Benetzen der Fingerkuppen in einem Wasserbecken unerlässlich. Das Kirchgessner-Instrument erhielt später durch seinen Schöpfer noch eine selbsttätige Befeuchtungseinrichtung der Glasglocken, sodass es wesentlich präziser spielbar war. Damit begeisterte die Glasharmonikavirtuosin nach ihrer gründlichen Ausbildung über ein Jahrzehnt später auch die musikbegeisterten Wiener samt Mozart.

Die fortschrittlichsten  Instrumente  erhielten schließlich zur Klangverstärkung einen Resonanzboden. Damit konnten die feinen Klänge auch in größeren Konzertsälen gehört werden. Auch das Schmittbauer-Instrument der Kirchgessner wurde wärend ihres zweijährigen Londonaufenthaltes (1794 bis 1796) dort durch den deutschstämmigen Fröschel entweder auf den neuesten Stand gebracht oder der Mechaniker baute ihr ganz neu eine klangstärkere Resonanzbodenharmonika. Dieses Spitzeninstrument begleitete die "beste Virtuosin ihrer Zeit" auf ihren weiteren Kulturreisen.

Beliebtes "Hofinstrument“

Die Glasharfe  - als Neuerung auf dem boomenden Musikmarkt - war vor allen bei Konzerten in Residenzstädten anzutreffen. Schiller schrieb in einem Brief darüber: "Die Wirkung dieses Instruments kann in gewissen Situationen mächtig werden; ich verspreche mir hohe Inspirationen von ihr." Und Johann Wolfgang von Goethe hörte angeblich aus den gehaltenen Akkorden der Harmonika "das Herzblut der Welt klingen".

Die Malerin Angelica Kaufmann, bekannt als Goethe-Freundin

Die Malerin Angelica Kaufmann, bekannt als Goethe-Freundin bei dessen Romaufenthalt, spielt eine Glasharmonika (um 1819). So etw

Gesichert ist, dass die Bruchsaler Künstlerin beim Kuraufenthalt 1808 mit Goethe in Karlsbad zusammentraf. Sie spielte ihm am 29. Juni auf der Harmonika vor, und er speiste bei ihr am 28. Juli. Dies erfahren wir aus seinen Tagebüchern. Mehr aber auch nicht. Ihre Kunst brachte die Kirchgessner mit zeitgenössischen Musikgrößen wie Clementi, Fasch, Salieri, Haydn (in London), Naumann, Reichardt und Hoffmeister in Berührung. Manche komponierten für sie und begleiteten sie so lange am Klavier, bis sie die neuen Kompositionen auswendig kannte und auf ihrem Glasinstrument beherrschte. Dies war die übliche Prozedur der Künstlerin zur Erweiterung ihres Repertoires. Längst nicht alle Kompositionen wurden folglich schriftlich festgehalten.

Kurioses 

Ein zeitgenössisches, frühes Zeugnis von gezielter Musiktherapie verbindet sich mit dem Instrument, das die Demoiselle Kirchgessner so vollendet beherrschte. Der Wiener Psychiater Dr. Franz Anton Mesmer spielte eine Glasharmonika und verwendete ihre  unwirklichen Klänge als hypnotisches Mittel bei magnetopathischen Kuren. Andernorts wurden die sphärischen Klänge des Musikinstrument als dünn und dürftig angefeindet oder gar das Spielen wegen - nicht nachweisbaren - gesundheitlichen Schädigungen des Gehirns polizeilich verboten. Etliche Virtuosen, die das Instrument spielten, verzichteten aus Sorge um ihre Geistesgesundheit gänzlich auf das Spiel.

Glasharmonikas wurden zur leichteren Spielbarkeit zeitweilig auch mit Klaviertastatur versehen. Doch das Handspiel erwies sich qualitativ als weitaus besser. Auch wegen ihres Augenleidens lehnte die fingerfertige Künstlerin Marianne Kirchgessner die Tastaturinstrumente ab. Wenige Jahre nach ihrem Tod, bereits um 1830, endete die kurze Epoche der Empfindsamkeit und der Glasharmonika. Das Harmonium und die Mundharmonika gewannen den Verdrängungswettbewerb.    

Begeisterung für das Glasglockeninstrument

"Ihr Spiel ist zum Bezaubern schön, es weckt nicht Traurigkeit, sondern sanftes, stilles Wonnegefühl, Ahnungen einer höheren Harmonie, wie sie wie sie die guten Seelen in einer schönen Sommermondnacht durchzittern. Unter ihren Fingern reift der Glaston zu seiner vollen, schönen Zeitigung und stirbt so lieblich dahin wie Nachtigallenton, der mitternachts in einer schönen Gegend verhallt." So schwelgte  der Publizist und Schriftsteller Christian Friedrich Daniel Schubart in der Stuttgarter "Schwäbischen Chronik" vom 22. Februar 1791 über ein Glasharmonikakonzert der Bruchsalerin. Diese wohlwollende Kritik muss verwundern, da sich der Kritiker andernorts gegen das von ihr gespielte Instrument voreingenommen zeigte. Doch schreibt er: "Jetzt habe ich aber ein Instrument dieser Art, von Kapellmeister Schmittbauer in Karlsruhe verfertigt, gesehen und gehört, aus dem dies unangenehme Heulen ganz weggebannt ist. Die Spielerin dieses Instruments war Demoiselle Marianne Kirchgäßner von Bruchsal...".

Die vollendete Kunst der Glasharmonikaspielerin bewunderte einige Wochen später auch Wolfgang Amadeus Mozart. Denn im April traf sie, von München über Salzburg und Linz kommend, in der Musikhochburg Wien ein, um dort zu konzertieren. Ja  mehr noch, der bereits kranke Komponist  - 1791 sollte sein Todesjahr werden - schrieb der knapp 22jährigen Berufsvirtuosin eigens zwei Kompositionen: ein "Adagio-Solo C" und das Quintett "Adagio und Rondo für Glasharmonika, Flöte, Oboe, Viola und Violoncello". Nach eigenen Angaben schrieb, beziehungsweise vollendete er letzteres Werk am 23. Mai. Die Stücke werden im Köchelverzeichnis der Werke  Mozarts als Nummer KV 617 a und KV 617 geführt.

Die erblindete Künstlerin hatte den Tonkünstler wohl bei einem Privatkonzert mit ihrem seelenvollen Spiel so beeindruckt, dass er ihren Wunsch nach einer eigenen Komposition nicht abschlagen konnte. Ihr erstes öffentliches Konzert in Wien erfolgte am 16. Juni. Die Uraufführung des Quintetts fand allerdings erst am 19. August im Wiener Kärtnertortheater, ohne den nach Prag abgereisten Komponisten statt. Mozarts Quintettkomposition KV 617 wurde Mariannes Lieblingsstück. Doch neben Mozart oder ihrem Lehrer Schmittbauer schrieben auch andere für sie. So spielte die "Demoiselle Kirchgeßner" laut Theaterzettel vom 1. April 1806 bei ihrem zweiten Wienbesuch anlässlich einer Wohltätigkeitsakademie im Burgtheater von Anton Reicha komponierte  Musik. Er hatte seine melodramatische Orchestermusik zu Schillers "Jungfrau von Orleans" eigens mit einem Harmonikasolo für sie versehen.

Konzertreisen

Nach der Wiener Begegnung mit Mozart bereiste die Glasharmonikaspielerin zehn Jahre lang ganz Europa. Sie gab hochgelobte Konzerte in Österreich, Deutschland, Polen, den baltischen Ländern, Russland, Dänemark, England und den Niederlanden. Unter anderem spielte sie viermal in Berlin am Preußischen Hofe vor König Friedrich Wilhelm II. 1799 setzte sie sich zusammen mit der Familie Bossler in Gohlis bei Leipzig, wo sie sich aus Konzerterlösen ihres Londoner Aufenthaltes einen Landsitz erworben hatte, (vorläufig) zur Ruhe. Eine Konzertreise im kalten Winter des Jahres 1808 sollte Marianne Kirchgeßner erstmals in die Schweiz führen. Es wurde ihre letzte. Wie immer fuhr sie in Begleitung von Rat Bossler am 2. Dezember zunächst nach Schaffhausen. Die Stadt am Rheinfall aber wurde zur frühen Endstation für die großartige Karriere. Ein „Brutfieber“ raffte sie nach wenigen Tagen dahin. Das Tonstück des Tschechen Wenzel Johann Tomaschek (1744 - 1850) mit dem blumigen Titel "Fantasie für die Harmonika am Grabe der um dieses Instrument so sehr verdienten D(emoise)lle Kirchgessner" ist ihr gewidmet und erklingt hie und da noch.                                             

© Stefan Schuhmacher

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