Man sieht's am Brusler Bierkonsum und sieht's am Rebensaft

DruckversionPer e-Mail versenden
Eine kleine Führung durch Bruchsal, wie sie vielleicht ab 2015 möglich sein wird
Mittwoch, 17. September 2014 - 17:26

Ein fiktiver Rundgang durch Bruchsal auf den Spuren des "Brusler Dorschts", wie er vielleicht ab 2015 zu den Heimattagen möglich sein wird.

Graf Kuno

(Graf Cuno - Held und Graf vom Kraichgauland)

Liebe Gäste der Stadt Bruchsal. Wir stehen jetzt vor einem kleinen Häuschen, am Anfang unseres kleinen Rundgangs mit dem Thema „De Brusler Dorscht“. Diese Führung führt uns nachher die Treppe hinunter zur Huttenstraße und dann zum Otto-Oppenheimer-Platz am oberen Ende der Bruchsaler Fußgängerzone. Als auswärtige Gäste unserer Stadt haben Sie vielleicht noch nichts vom Brusler Dorscht gehört. Ich darf Ihnen aber jetzt schon soviel verraten: „De Brusler Dorscht“ ist legendär in der hiesigen Gegend. Ihm wurde vor nunmehr über 100 Jahren mit dem gleichnamigen Lied ein Denkmal gesetzt und heute noch singen die Bruchsaler gerne, insbesondere in der Fasnachszeit, das Lied vom „Brusler Dorscht“ und dem Grafen Kuno, der, geradeheraus gesagt, alles versoff. Als Erbe hinterließ er seinen Landeskindern nur den „Brusler Dorscht“.

(Andreas Rössler - Bäckermeister, Wengertbesitzer und Woischlotzer)

Die Treppe vor uns, die Andreasstaffel, die hinunter zur Huttenstraße führt, baute 1867 der Bruchsaler Bäckermeister Andreas Rössler, der sich dadurch einen direkten Zugang von der unten liegenden Straße und seinem Wohnhaus zu seinem hier oben liegenden Weinberg, Bruchsaler sagen immer noch „Andreashöhe“, mit dem dazu gehörenden „Wengertheisl“, das weiß getünchte Häuschen vor Ihnen, schuf. Dort saß er dann am Feierabend oder am Wochenende und hat seinen selbst angebauten Wein „geschlotzt“. Denn auch der Bäcker Andreas Rössler war vom Virus des „Brusler Dorscht“ infiziert. Das „Wengertheisl“ war schlicht eingerichtet mit Tisch, Stuhl, Ofen und einem Kanapee, im Keller sollen immer einige Fläschchen Wein oder gar ganze Fässer parat gelegen haben.

Von hier oben haben Sie einen wunderschönen Panoramablick über die Stadt Bruchsal und weit darüber hinaus bis in die Rheinebene. An schönen, klaren Tagen können Sie sogar bis nach Karlsruhe und zu den Pfälzer Berge sehen. Wenn Sie jetzt nach links schauen, sehen Sie die Peterskirche mit den beiden mächtigen Zwiebeltürmen. Die Pläne für die Peterskirche entwarf Balthasar Neumann. Das große Gebäude rechts davon auf der Anhöhe ist das Schulgebäude „Sancta Maria“, das 1908 gebaut wurde. Interessant ist vielleicht noch der Turm mit der zweigliedrigen Dachhaube, den Sie ganz nahe beim Stadtzentrum sehen. Hier handelt es sich um den 1358 erbauten Bergfried, vielleicht das älteste Bauwerk von Bruchsal.

Vor dem Bau des Evangelischen Altenzentrums, der städtebauliche Koloss direkt unterhalb von dieser Aussichtsplattform und weiter nach links bis zum Paulusheim, einem katholischen Gymnasium, reichend, konnte man noch von hier oben direkt runter in die Huttenstraße mit ihren alten Häusern blicken. Jetzt ist der Blick verriegelt. Heute würde man wohl nicht mehr so unsensibel in den alten Baubestand der Stadt eingreifen, wurde Bruchsal doch am 1. März 1945 zu 90 % zerstört, wodurch alles, was den Krieg unbeschadet überdauerte, um so wertvoller für die Überlebenden und deren Nachfahren wurde, ist doch das, was unsere Ahnen geschaffen haben, identitätsstiftend für eine Gemeinde.

Gehen wir jetzt die Staffel runter.

(Bevor die Gruppe die Huttenstraße betritt, bleibt der/die StadtführerIn vor dem wieder eingebauten Schmuckwappen der Brauerei Denner stehen.)

(Ludwig Denner - Bierbrauer und Start-up Entrepreneur)

Hier sind wir an der der zweiten Station des kleinen Rundgangs zum „Brusler Dorscht“. Hier standen bis 2004 die Produktionsgebäude der Brauerei Denner, deren Werbespruch noch heute in Bruchsal bekannt ist: „Alle Kenner trinken Denner!“.

Dass die Bruchsaler seit Alters her besonders trinkfreudige waren, zeigen die Annalen der Stadt Bruchsal. Diese geben darüber Auskunft, dass bei einer Einwohnerzahl von 8.241 Personen 36 Gastbetriebe in Bruchsal ihre Pforten offen hatten. Je 229 Einwohner - vom Baby bis zum Greis - teilten sich ein Gasthaus.

Der Gründer der Brauerei Denner, der gelernte Bierbrauer Ludwig Denner, kam 1863 aus der Freien Reichsstadt Wimpfen nach Bruchsal. Warum er gerade nach Bruchsal kam ist nicht bekannt, gab es doch zu diesem Zeitpunkt bereits mehr als 15 Brauereien am Ort. Ludwig Denner braute wohl gutes Bier, so dass nach und nach die anderen Brauereien nicht mithalten konnten und verschwanden. Nach dem 2. Weltkrieg war wie große Teile der Stadt auch die Brauerei Denner ausgebombt, aber der Enkel von Ludwig Denner baute zusammen mit seiner Ehefrau die Brauerei wieder auf. Noch größer, noch schöner – und an dieser Stelle wo wir gerade stehen, errichtete er eine moderne Flaschenabfüllanlage, die er mit diesem Wappen, das Sie an der Hauswand vor sich sehen, schmücken ließ. Doch nur wenige Jahre später schloss die Brauerei endgültig ihre Pforten. Der Enkel von Ludwig Denner hatte selbst keine Kinder, die die Brauerei hätten übernehmen können. So verkaufte er die letzte Brauerei von Bruchsal und wenig später wurde der Braubetrieb endgültig eingestellt.

Wir gehen jetzt zur dritten und letzten Station auf unserer Tour zum „Brusler Dorscht“. Wir kommen nun zu der Person, die den Brusler Dorscht unsterblich gemacht hat. Gehen wir jetzt durch den Bürgerpark weiter zum Otto-Oppenheimer-Platz.

(Otto Oppenheimer - Tuchhändler, Freizeitdichter und Philanthrop)

Jetzt befinden wir uns auf dem Otto-Oppenheimer-Platz. Vor uns sehen Sie das Otto-Oppenheimer-Platz-Denkmal, das in diesem Jahr anlässlich der Bruchsaler Heimattage eingeweiht wurde. Otto Oppenheimer, nach dem dieser Platz im Jahre 2011 benannt wurde, war ein jüdischer Tuchhändler und Freizeitdichter aus Bruchsal, der den Text zum Lied „De Brusler Dorscht“ schrieb. Jetzt vor genau 114 Jahren, im Jahre 1901 anlässlich seines Junggesellenabschieds. Das Lied fand so viel Gefallen bei den Bruchsalern, dass noch im gleichen Jahr „De Brusler Dorscht“ im Liederheft der Bruchsaler Karnevalsgesellschaft abgedruckt wurde.

Wie bereits erwähnt, Otto Oppenheimer war Jude und musste mit seiner Familie 1938 Deutschland Richtung Amerika verlassen, wo er verarmt wenige Jahre später verarmt starb. Auf dem Platz-Denkmal sehen Sie einige Stationen aus dem Leben von Otto Oppenheimer und dessen Frau Emma, wobei sich Entwerfer dieses Denkmals stark vom bekannten Künstler Karl Hubbuch aus Kraichtal inspirieren ließ. Denn Karl Hubbuch war ein Freund von Otto Oppenheimer. Dieser finanzierte ihm einen Studienaufenthalt in Berlin, wo er mit allen wichtigen bildenden Künstlern der 1920er Jahre zusammentraf, wie beispielsweise Otto Dix oder George Grosz.

Hier sehen Sie zum Beispiel den besoffenen Graf Kuno, gerade so, wie ihn Karl Hubbuch in einem Gemälde zu Oppenheimers 60. Geburtstag illustrierte. Darüber, ebenfalls ein Hubbuch-Zitat, Otto Oppenheimer, wie er Tochter und Schwiegersohn nach deren Hochzeit zu Hause begrüßt.

Wir gehen jetzt zur Rückseite des Denkmals. In der Mitte sehen Sie einen Schiffsschornstein, es könnte aber auch ein Kamin sein. Der Schiffsschornstein könnte die Flucht der Familie Oppenheimer in die USA symbolisieren, die Dame davor könnte, so man einen Kamin interpretiert, die Angehörigen von Otto Oppenheimer allegorisch darstellen, die im Dritten Reich umgebracht wurden. Und ganz rechts sehen Sie Otto Oppenheimer, bedrängt von Narren und Totenköpfen, die die Nazis und deren Schreckensregime versinnbildlichen sollen, vor denen er aus Deutschland fliehen musste.

Wer sich mit Otto Oppenheimer näher beschäftigen möchte, dem sei das Buch „Oppenheimer – eine jüdische Familie aus Bruchsal“ ans Herz gelegt. Auf 328 Seiten finden Sie noch viel mehr über die Familie und den „Brusler Dorscht“.

Hier ist jetzt unsere kleine Tour zum "Brusler Dorscht" zu Ende. Wer noch ein wenig bleiben will, kann sich gerne der Kneipp'schen Wasseranwendungen bedienen. Das Gefäß links ist für Armbäder und in dem Bächle vor dem Denkmal dürfen Sie gerne barfuß Wasser treten.

Ich möchte mich jetzt bei Ihnen verabschieden, Sie sind tolle Gäste unserer schönen Stadt. Zwei Tipps möchte ich Ihnen aber noch mit auf den Weg geben. Besuchen Sie unbedingt noch das Musikautomatenmuseum im Bruchsaler Schloss. Dort gibt es eine Bildtafel zum Brusler Dorscht, die ein Bänkelsänger, natürlich von der CD, singend erklärt. Und wenn Sie dann noch das Städtische Museum im Schloss besuchen, können Sie dort die einzige noch erhaltene Schallplatte mit einer Aufnahme vom „Brusler Dorscht“ hören, die noch zu Lebzeiten von Otto Oppenheimers Freund Hans Ebbecke, einem blinden Sänger, besungen wurde. Darüber hinaus können sie dort noch den silbernen Preis-Pokal besichtigen, den Otto Oppenheimer von der Bruchsaler Fasnachtsgesellschaft erhielt.

Ich bedanke mich ganz herzlich für Ihre Aufmerksamkeit. Und weiterhin viel Spaß in der dorschtigen Stadt Bruchsal.

Eigene Bewertung: Keine Durchschnitt: 4.9 (9 Bewertungen)

Kommentare

Das Lesen hat mir Spass gemacht

Schoene kleine Fuehrung durch mein Brusl mit seinen mehr oder weniger bekannten Protagonisten .Die Einfuehrung bzw. das Angebot einer solchen Fuehrung waehrend und nach den Heimattagen waere wuenschenswert.

Inhalt abgleichen Inhalt abgleichen