Ludwig Marum - Das Verfolgungsschicksal eines Sozialdemokraten - Teil 1

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Donnerstag, 28. November 2013 - 20:36

Ludwig Marum

Ludwig Marum

Vor wenigen Wochen veranstaltete der SPD- Stadtverband Bruchsal eine Buchvorstellung mit Dr. Monika Pohl. Vorgestellt wurde deren neuestes Buch: "Ludwig Marum - Gegner des Nationalsozialismus. Das Verfolgungsschicksal eines Sozialdemokraten jüdischer Herkunft."

Der von Frau Dr. Pohl gehaltene Vortrag hätte wahrlich ein größeres Publikum verdient gehabt. Plastisch erzählte sie aus dem Leben des SPD-Politikers Ludwig Marum, wobei sie vor allem auch über seine Zeit in Bruchsal sowie der Bruchsaler SPD um die Jahrhundertwende sprach.

Dankenswerterweise überließ die profunde Marum-Kennerin Dr. Monika Pohl - sie schrieb auch ihre als Buch veröffentlichte Dissertation zum Thema Ludwig Marum (Ludwig Marum - Ein Sozialdemokrat jüdischer Herkunft und sein Aufstieg in der badischen Arbeiterbewegung | 1882 - 1919) - ihren vor der Bruchsaler SPD gehaltenen Vortrag bruchsal.org zur Veröffentlichung, ebenso wie das Manuskript zur Buchvorstellung am 16. Mai in Karlsruhe -

Pohl

Dr. Monika Pohl

dem Tag, an dem 80 Jahre zuvor sieben sozialdemokratische Politiker in einer entwürdigenden Schaufahrt durch Karlsruhe dem Hohn und Spott der Anhänger der Nationalsozialisten ausgesetzt wurden.

Für diesen Beitrag wurde neben dem Vortragsmanuskriptes von Bruchsal auch das Manuskript zur Buchvorstellung in Karlsruhe verwendet. Aus letzterem Manuskript wurde insbesondere die detaillierte Darstellung der Schaufahrt übernommen sowie die Schilderung von Marums Aufenthalt in Kislau bis zu dessen Tod.

 

 

Das Verfolgungsschicksal eines Sozialdemokraten jüdischer Herkunft

Aufgewachsen in Bruchsal

Im Jahr 1904 - vor knapp 110 Jahren - trat ein junger Rechtsreferendar dem Bruchsaler Ortsverein der SPD bei. Die Partei hatte erst sechs Jahre zuvor, im Jahr 1898, in Bruchsal eine Vertretung gefunden. Die Verfolgungen des Sozialistengesetzes, die bis 1890 andauerten, hatten hier zunächst die Bildung einer eigenständigen Parteizelle verhindert. Der junge Mann war 22 Jahre alt, hatte gerade sein Jura-Studium in Heidelberg und München abgeschlossen und lebte nun bei Mutter und Schwester und absolvierte seine juristische Ausbildung beim Amtsgericht Bruchsal. Es handelte sich um Ludwig Marum, den Spross einer jüdischen Kaufmannsfamilie aus Frankenthal in der Pfalz, dessen Mutter nach dem frühen Tod des Vaters 1889 nach Bruchsal zu begüterten Verwandten, der Familie des Tabakhändlers Katz, gezogen war. Dort besuchte ihr Sohn das Großherzoglich Badische Gymnasium [heute: Schönborn-Gymnasium], an dem der Anteil jüdischer Schüler mit 17,5 % besonders hoch war und damit das Bildungsstreben der jüdischen Minderheit belegte.

Erstes politisches Engagement

Wir wissen nicht genau, ob Marum schon so früh politisches Interesse entwickelte und dort an einem links gerichteten Schülerkreis teilnahm, der heimlich die ihnen verbotenen Reichstagsreden August Bebels las und auf diese Weise bekundete, dass man in der Bruchsaler Schülerschaft die entschiedene politische Opposition des Kaiserreichs durchaus zu schätzen wusste. Marum legte im Jahr 1900 das Abitur als Jüngster seiner Klasse 17-jährig mit der Durchschnittsnote 1,0 ab. In den Jahren seines Studiums wurde er durch den Einfluss aufgeschlossener Hochschullehrer zum Sozialisten. Aber auch die Demokratisierung war ihm wichtig, der junge Mann erinnerte sich an das Engagement seiner Vorfahren, die schon im Jahre 1848/49 für den Liberalismus eingetreten waren. Nicht zuletzt führten aber antisemitische Erfahrungen an der Universität Heidelberg zu seiner Politisierung, die ihm zeigten, dass in den akademischen Eliten die Judenfeindschaft weit verbreitet war. Er trat nicht zuletzt deswegen der SPD bei, weil die Arbeiterpartei den Kampf gegen den Antisemitismus am entschiedensten führte.

Marum musste seine neu erworbene Parteimitgliedschaft vor den badischen Justizbehörden verheimlichen. Dort, in der meist konservativ eingestellten Beamtenschaft, galt die Sozialdemokratie als Partei der „vaterlandslosen Gesellen“, als eine Vereinigung von Revoluzzern, die den Sturz der herrschenden obrigkeitsstaatlichen Ordnung und des kapitalistischen Wirtschaftssystems anstrebte. Im badischen Obrigkeitsstaat wurde die Arbeiterpartei aus dem politischen System ausgegrenzt. Die SPD wurde wahrgenommen als Verfechterin einer Fundamentalopposition, die für den Klassenkampf, den Sozialismus und den Internationalismus eintrat. Ihre Mitglieder erhielten zu den staatlichen Institutionen der Justiz, der Verwaltung, des Heeres, der Schule und Universitäten keinen Zugang.

Die kleine SPD-Fraktion in der zweiten badischen Kammer hatte kaum politisches Gewicht. Vor diesem Hintergrund muss der Schritt des jungen Akademikers Marum, der zukünftig den Beruf des Rechtsanwalts ausüben wollte, als besonders mutig bewertet werden. Er schloss sich einer Partei an, die im Parteienspektrum nicht integriert war, er isolierte sich mit diesem Schritt auch in den bürgerlichen Kreisen, denen er entstammte, und wechselte die Klassenfronten, indem er sich der jungen Arbeiterbewegung anschloss, deren Forderungen nach Demokratie und sozialer Gerechtigkeit er als aktiver Politiker zukünftig vertreten wollte. Vorläufig jedoch blieb er passives Mitglied in der Bruchsaler SPD, bis er im Jahre 1908 seine juristische Ausbildung abgeschlossen hatte.

Während dieser vier Jahre hatte er ausreichend Gelegenheit, die schwierige Lage der Bruchsaler Sozialdemokratie zu beobachten, die in der vom katholischen Zentrum und den Nationalliberalen beherrschten Stadt einen äußerst schweren Stand hatte.

Die Bruchsaler Sozialdemokratie um die Jahrhundertwende

Bruchsal gehörte nicht zu den Zentren der badischen Arbeiterbewegung, die sich in Mannheim, Karlsruhe und Pforzheim befanden. In diesen Städten gelang es, Vertreter der Arbeiterpartei in das badische Parlament, das Ständehaus in Karlsruhe, zu schicken. In Bruchsal hatte die Sozialdemokratie jedoch keine Chance, die Stimmenmehrheit zu gewinnen; der Zentrumspolitiker Anton Wiedemann vertrat von 1905 bis 1925 den Wahlkreis Bruchsal. Der führende Bruchsaler Sozialdemokrat Girolla fasste die Situation so zusammen: „Bruchsal war zu allen Zeiten ein schwieriges Feld für den Sozialismus, es wird auch noch weiter so bleiben.“ Gründe für die Schwierigkeiten der Bruchsaler SPD, eine starke Anhängerschaft zu gewinnen, lagen in der aufgeschlossenen Haltung der Bruchsaler Unternehmerschaft, der annehmbaren sozialen Lage der Arbeiterschaft und dem christlich geprägten Bewusstsein der Proletarier.

Um die Jahrhundertwende erlebte die Stadt eine ökonomische Blütezeit, in der die metallverarbeitende Industrie, das Nahrungs- und Genussmittelgewerbe, besonders aber die Tabakbranche die Wirtschaft der Stadt prägte. Die führenden Unternehmen der Stadt verzichteten auf die krassesten Formen der Ausbeutung ihrer Belegschaft. Ein Drittel der Bruchsaler Arbeiterschaft war in der „Bruchsaler Maschinenfabrik“ [später Siemens], tätig, einem Betrieb, der auf die Produktion von Eisenbahnzubehör spezialisiert war und keine schlechten Löhne zahlte. Hier fehlte also ein ausreichender materieller Grund für Auflehnung und Empörung gegenüber den Unternehmern. Hinzu kam, dass die Arbeiter oft nebenher noch eine kleine Landwirtschaft betrieben, die ihren Grundnahrungsmittelbedarf sichern half und sie keiner extremen Notlage aussetzte. Da die Religion in der Zeit der Jahrhundertwende auch für Arbeiter noch eine große Rolle spielte, schlossen diese sich lieber den katholischen oder evangelischen Arbeitervereinen an als der als religionsfeindlich geltenden SPD.

Im Jahr 1904 umfasste die Partei in Bruchsal 50 bis 60 Mitglieder in einer Stadt, in der an die 5.000 Arbeiter lebten. Die Genossen widmeten sich dem Ausbau der Organisation und dem Gewinn von Wählerstimmen. Sie arbeiteten in einer feindseligen Atmosphäre, von der die folgenden Begebenheiten des 1. Mai im Jahr 1907 Zeugnis ablegen. Als sich die Bruchsaler Sozialdemokraten nach der Festansprache auf den Weg in das benachbarte Dorf Forst begaben, begegnete ihnen unterwegs eine Gruppe national eingestellter Schüler und Studenten, die bei ihrem Anblick sofort das Deutschlandlied anstimmten und damit die Arbeiter als „vaterlandslose Gesellen“ brandmarken wollten. Als die Sozialdemokraten das Ausflugslokal in Forst erreichten, das Gasthaus Krone, fühlten sich die Arbeiter durch zwei maskierte bürgerliche Kinder provoziert, die zur Störung der Arbeiter zwei Haufen Kot vor den Eingang zur Wirtschaft gepflanzt hatten. Dieser Vorfall unterstreicht die vehemente Ablehnung von bürgerlicher Seite, unter der die Bruchsaler Sozialdemokratie zu leiden hatte.

Bedrückende Enge

Als Marum im Jahre 1904, im gleichen Jahr, als er in die SPD eintrat, seine spätere Frau Johanna Benedick kennenlernte, gab ihm dies Anlass zum Spott über die Bruchsaler Bürger. In einem Brief an seine Braut aus dem Jahr 1905 bedauerte er, dass sie ihn in den letzten Monaten nicht habe besuchen können und fügte hinzu: „Ich dachte nun immer, vielleicht kommen Sie den Sommer über einmal hierher und wir können dann wieder einen Spaziergang wagen, über den die Bruchsaler Philister sich grün und blau ärgern.“

Wie sehr ihn der Staatsdienst und die Bruchsaler Enge bedrückt hatte, zeigt auch ein anderer Brief, den er 1908 zu Beginn seines zweiten Staatsexamens an seine Braut schrieb: „Bei mir auch ist der Alltag sehr grau, am kommenden Dienstag beginnt das Examen, das außer der geistigen eine ganz abnorme physische Anspannung der Kräfte erfordert. Mir wäre wohl, wenn diese Tierquälerei schon vorbei wäre. 'Vor den Erfolg setzten die Götter den Schweiß' heißt es bei den alten Griechen. Nachher schaut man dann mit Befriedigung auf den überstiegenen Berg zurück. Und es winkt ja auch ein Siegespreis, der des Schweißes wert ist! Selbstständigkeit und Freiheit von den lästigen Fesseln, die der Staat dem Ausdruck der Gesinnung schmiedete. Wer würde da sich nicht bis aufs Letzte anstrengen wollen.“

Diesen Zustand der Ausgrenzung zu ändern, der Sozialdemokratie in Bruchsal und Baden zu einem anerkannten Status zu verhelfen, hatte sich der junge Marum auf die Fahnen geschrieben. Im Jahre 1904 boten sich dazu günstige Voraus- setzungen, da die Führung der Landes-SPD einen entschiedenen Kurswechsel beschlossen hatten, der auf das schwach ausgeprägte Klassenbewusstsein der Arbeiter und die liberalen Verhältnisse im Großherzogtum Baden zu reagieren versuchte.

Der badische Reformismus

Die badischen Parteiführer Ludwig Frank und Wilhelm Kolb leiteten eine ideologische Kehrtwende ein, sie setzten den Reformismus Eduard Bernsteins in Baden durch. Dieser beinhaltete die Abkehr von der Propagierung der Revolution, des Klassenkampfes und der strikten Opposition gegen den fürstlichen Obrigkeitsstaat und sprach sich für Reformen, die Zusammenarbeit mit bürgerlichen Parteien und die Mitarbeit in den parlamentarischen Institutionen des großherzoglichen Staates aus. Die badischen Sozialdemokraten strebten als Nahziel die Demokratisierung des politischen Systems an, die sie auf parlamentarischem Wege zu erreichen hofften. Die Wahlkämpfe standen nun im Mittelpunkt ihrer Bemühungen, um Stärke und Einflussmöglichkeiten der Partei zu vergrößern und um in der Kooperation mit bürgerlichen Parteien im Parlament Reformen durchsetzen zu können. Es handelte sich um eine Politik der kleinen Schritte, die Konzentration auf den Parlamentarismus, den Weg der Integration in das herrschende politische System. In Baden schlossen sich 1905 SPD und Liberale zu einem Großblock zusammen, um Wahlbündnisse einzugehen und gemeinsam eine liberale Kultur- und Schulpolitik sowie Reformen im Steuerrecht durchzusetzen.

Ludwig Marum verlässt Bruchsal

Der junge Marum wurde zum begeisterten Anhänger des badischen Reformismus, der in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg das wichtigste Reformexperiment in der Politik darstellte und das auf heftige Ablehnung in der weiterhin marxistisch orientierten Berliner Parteiführung stieß und die Exponenten des badischen Reformismus mit dem Parteiausschluss bedrohte.

Ludwig Marum

Ludwig Marum als Trainsoldat in Durlach, 1915; untere Reihe sitzend links außen. Foto: privat

Marum verließ Bruchsal im Jahr 1908 und ließ sich in Karlsruhe nieder, wo er ein Jahr später seine politische Karriere begann, die ihm zunächst ein Mandat in der Stadtverordneten-versammlung und ab 1914 in der zweiten badischen Kammer des Ständehauses brachte.

In Bruchsal machte er nur noch gelegentlich Besuche bei seiner Mutter und nahm immer wieder an dortigen Parteiveranstaltungen teil, wo er als aussichtsreicher Aufsteiger in die Führungsgruppe der badischen SPD ein gern gesehener Vortragsredner war.

Ein angesehener und erfolgreicher Bürger von Karlsruhe

Im Jahre 1910, als Marum bereits in Karlsruhe lebte, heiratete er Johanna Benedick. Aus der Ehe gingen drei Kinder hervor. In den folgenden 23 Jahren gehörte Marum zu den angesehensten und erfolgreichsten Bürgern der badischen Landeshauptstadt. In der Politik stand er in den 1920er Jahren als Fraktions- vorsitzender seiner Partei und als badischer Staatsrat an der Spitze des badischen Staates, wo er alle seine Kraft für den Erhalt, den Ausbau und die Verteidigung der Republik gegen ihre rechten Feinde einsetzte. Als Jurist blieb er weiter tätig und profilierte sich als „Anwalt der Schwachen“, indem er oftmals die Interessen seiner Klienten aus Arbeiterkreisen kostenlos vertrat. Die Universität Freiburg verlieh ihm im Jahr 1926 für seine politischen Verdienste die Ehrendoktorwürde. Als Privatmann verkehrte er unter Literaten und Künstlern und setzt sich als Parlamentarier für die Anerkennung moderner expressionistischer Kunst ein.

Die reformistische Linie setzt sich in der SPD durch

Trotz der anfänglichen Schwierigkeiten stand der reformistischen Linie ein Siegeszug bevor, sie konnte sich nach wenigen Jahren in der Gesamtpartei durchsetzen. Dies kostete allerdings in den Jahren des Ersten Weltkriegs den Preis der Spaltung der Partei. Es kam zur Bildung der USPD und später der KPD. Die reformistisch orientierte SPD, die die Mehrheit der Arbeiterschaft an sich binden konnte, übernahm die Führung in der Novemberrevolution 1918/19 und baute die Republik von Weimar auf. Die SPD trat im Reich und in Baden in die Regierung ein, vereinbarte Koalitionen mit bürgerlichen Parteien und setzte sich für eine liberal-demokratische Verfassung ein. In der Badischen Vorläufigen Volksregierung stellte die MSPD den Ministerpräsidenten Anton Geiß, der auch der erste Staatspräsident der badischen Republik werden sollte, Marum übernahm in der provisorischen Revolutionsregierung das Amt des Justizministers. Marum galt als Architekt des breiten Regierungsbündnisses mit dem Zentrum und den liberalen Parteien, das in Baden bis zum Jahr 1932 währte und das Land neben Preußen zum Bollwerk der Demokratie in der instabilen Zeit der Republik machte. Marum nahm auch entscheidenden Einfluss auf die Ausarbeitung einer republikanischen Verfassung, die sein Parteigenosse Eduard Dietz ausgearbeitet hatte und die als eine der demokratischsten Grundordnungen Deutschlands galt. In den Jahren der Weimarer Republik zählte Marum als Fraktionsvorsitzender und Staatsrat in der badischen Regierung zu den führenden Politikern Badens, ehe er 1928 in die Reichspolitik wechselte und als Reichstagsabgeordneter auf dem Gebiet der Rechtspolitik tätig wurde.

Ludwig Marum

Die Badische Vorläufige Volksregierung im November 1918, (Ludwig Marum sitzend 2.v.r., neben Ministerpräsident Anton Geiß, Mitte). Foto: privat

Marum war ein Sozialdemokrat, der Höhen und Tiefen seiner Partei im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts miterlebte und mitgestaltete. Nach den schwierigen Anfängen in Bruchsal und Karlsruhe erlebte er eine Phase des Erfolgs reformistischer Politik, der es gelang, Regierungsmacht zu erringen, Einfluss auszuüben und die erste deutsche Republik auszubauen und zu festigen. In der schweren ökonomischen und politischen Krise Ende der 20er Jahre scheiterte allerdings die auf Kompromiss und Ausgleich gerichtete Politik und die SPD konnte trotz größter Bemühungen den Sieg des Faschismus nicht verhindern und erlebte eine tragische politische Niederlage.

Die Nationalsozialisten ergreifen die Macht

Die Nationalsozialisten bedienten sich zweier entscheidender Strategien, um die NS-Diktatur aufzubauen. Während sie einerseits versuchten einen legalen Schein zu wahren, setzten sie andererseits offen auf den umfassenden Einsatz von Terror gegen ihre politischen Gegner, bei dem sie die Maske rechtsstaatlichen Vorgehens völlig fallen ließen. Den Auftakt für die Verfolgungswelle von Sozialdemokraten bildete im Reich der Reichstagsbrand von 28. Februar 1933, in Baden setzte der Terror unmittelbar nach der Reichstagswahl vom 5. März 1933 und der die Ernennung Robert Wagners zum Reichskommissar am 8. März ein.

Das Ende des badischen Parlamentarismus

Am 16. Mai 1933 fand die stolze Tradition des badischen Parlamentarismus ihr klägliches Ende. Ihre Zerstörung fand Ausdruck in einer zynischen Inszenierung einer Landtagssitzung durch die badischen Nationalsozialisten, die an diesem Tag mit der Neueröffnung des gleichgeschalteten Landtags ihren Triumph über die alte republikanische Ordnung feierten und ihren Willen zum Aufbau einer menschen- verachtenden Diktatur zum Ausdruck brachten. Der 16. Mai 1933 war der schwärzeste Tag in der Geschichte des badischen Parlamentarismus. Der Sitzungssaal war im Stil eines NS-Versammlungslokals geschmückt, Hakenkreuzfahnen umgaben die Rednertribüne und die Empore, die NS-Abgeordneten erschienen in Uniform. In dem neuen Landtag beherrschten die Nationalsozialisten mit einer absoluten Mehrheit und einer Fraktionsstärke von 30 Abgeordneten das Parlament. Als Präsident fungierte Herbert Kraft, der berüchtigte, als Randalierer bekannte NS-Abgeordneter des alten Landtags, der sich durch die so genannte „Ohrfeigenaffäre“ einen unrühmlichen Namen gemacht hatte und mit dem tätlichen Angriff auf ein Mitglied des Landtags den bisher gepflegte Ehrenkodex des Parlaments für alle spürbar zerstört hatte. In seiner Eröffnungsansprache kündigte er die Aufhebung der bisherigen Rechte des Landtags an und mokierte sich über das „erschreckend tiefe geistige Niveau“ des alten republikanischen Landtags und brachte damit die antiparlamentarische Haltung seiner Partei, die den Parlamentarismus zutiefst verachtete und der ihr als „entartete Abart des volksfremden Parteienpluralismus von 1918“ galt. In dieser inszenierten Scheinsitzung vom 16. Mai wurde der Landtag herabgestuft zu einem Instrument bloßer Akklamation.

Ständehaus

Ständehaus Karlsruhe. Um 1930. Foto: privat

Der neue Landtag war nicht demokratisch legitimiert, er war nach den Ergebnissen der Reichstagswahl vom 5. März umgebildet worden, die KPD-Abgeordneten waren von der Teilnahme ausgeschlossen, ihre Partei verboten, rechtmäßige Mandatsträger der KPD, aber auch der SPD wurden bereits verfolgt, befanden sich in „Schutzhaft“ und wurden dort schikaniert und drangsaliert. Ihre parlamentarische Immunität wurde ebenso missachtet wie die der Reichstagsabgeordneten Marum und Remmele, die sich unter den früh Verhafteten befanden. Die Rechte des Landtags auf Mitgestaltung des staatlichen Lebens waren weitgehend aufgehoben, alle Macht konzentrierte sich bei dem Reichsstatthalter Robert Wagner, der nur noch zwei weitere Sitzungen des Landtags zulassen sollte, ehe sowohl der Landtag endgültig aufgelöst als auch die Eigenstaatlichkeit Badens beseitigt wurde.

Gewalt und Terror

Während man sich im Ständehaus am 16. Mai 1933 in der pompösen Eröffnungsfeier bemühte eine scheinlegale Fassade aufrechtzuerhalten, sich als rechtmäßigen Erben der Republik darzustellen, ließen die badischen Nationalsozialisten auf den Straßen der Stadt diese Maske vollständig fallen und zeigten, dass Gewalt und Terror der wahre Kern ihres politischen Herrschaft waren.

Sie kosteten auf den Straßen der Stadt ihren Triumph über die badische Arbeiterbewegung aus, die die volle Wucht des NS-Terrors bereits in den vorher gegangenen Tagen und Wochen getroffen hatte. Nun wurde ein vorläufiger Höhepunkt erreicht, als die badischen NS-Führer für den 16. Mai eine Schaufahrt ansetzten, in der die prominentesten politischen Gefangenen der Sozialdemokratie in einer öffentlichen Überführung in das neu errichte KZ Kislau gebracht wurden. Auf den Straßen der Stadt bot sich ein Spektakel, das eine illegal erscheinende SPD-Zeitung mit den Worten kommentierte: „Die Vorgänge in Karlsruhe übersteigen alles, was man bisher in einem Kulturstaat erlebt hat.“

Die Führer der Arbeiterbewegung werden verhaftet

Schon seit ihrem Machtantritt waren die Nationalsozialisten darauf bedacht gewesen, die in der Novemberrevolution errungenen Rechte und die tradierten Institutionen der Arbeiterbewegung zu zerschlagen. Dies gelang ihnen in Baden früher als im Reich. Eine der ersten Maßnahmen des am 8. März 1933 ernannten Reichskommissars Wagner war die Anordnung einer Verhaftungswelle, die vornehmlich die Führer der Arbeiterbewegung traf, unter denen sich auch Ludwig Marum befand. Als wenige Tage später, am 17. März 1933 der psychisch kranke SPD-Abgeordnete Daniel Nussbaum mit zwei Schüssen auf Polizeibeamte gegen seine Verhaftung zur Wehr setzte, nahm Wagner dies zum Anlass zum entscheidenden Schlag gegen die badische Arbeiterbewegung auszuholen. Alle noch in Freiheit befindlichen Landtags- und Reichstagsabgeordneten wurden in „Schutzhaft“ genommen, die Arbeiterpresse wurde verboten, das Vermögen der Partei wurde beschlagnahmt, die lebendige Arbeitersubkultur mit ihren Gesangs-Sport- und Kulturvereinen sowie den Naturfreunden wurden sofort unterdrückt. Der noch nicht verbotenen SPD - das offizielle Verbot erfolgte erst am 22. Juni desselben Jahren - waren damit alle politischen Handlungsmöglichkeiten genommen.

Schlusspunkt dieser repressiven Politik war die Zerschlagung der Gewerkschaften am 2. Mai 1933, deren Häuser von der SA gestürmt, deren Funktionäre verhaftet und deren Vermögen beschlagnahmt wurde. Fortan war der deutschen Arbeiterschaft eine autonome Interessenvertretung unmöglich gemacht worden, ihre Eingliederung in die „Deutsche Arbeitsfront“ unterwarf sie dem Willen und den Interessen der Unternehmerschaft und dem Dirigismus der NSDAP.

Damit hatte die Entwicklung der sozialen Demokratie, die 1918 ihren Anfang genommen hatte mit der Gewährung des uneingeschränkten Koalitionsrechts, der Tarifautonomie, des Acht-Stunden-Tages, der Ausweitung der Mitspracherechte der Arbeitervertretungen ihr Ende gefunden und war einem arbeiterfeindlichen System gewichen, in dem die Rüstungsindustrie und kriegsvorbereitende Produktionsbereiche florierten.

Die Zerschlagung der Organisationen der badischen Arbeiterbewegung genügte den Nationalsozialisten nicht. Ihre Aggression richtete sich besonders auf die Führer der Bewegung, die sie gnadenlos verfolgten und denen sie neben dem Verlust der Freiheit, körperliche Misshandlung und auch psychische Demütigung zugedacht hatten. Die Nationalsozialisten entwickelten ein perfektes, ausgeklügeltes System des Terrors, der zur entscheidenden Grundlage ihrer Herrschaft wurde. Am Tag der Eröffnung des gleichgeschalteten Landtags fand diese Herrschaftstechnik ihren öffentlichen Ausdruck in der Karlsruher Schaufahrt.

Die Schaufahrt durch Karlsruhe über Bruchsal nach Kislau

Die politischen Gefangenen wurden mit einer besonders infamen Form des Terrors konfrontiert, ihnen wurde psychische Gewalt angetan, indem man sie öffentlich demütigte und herabsetzte. Dieses An-den-Pranger-Stellen war nur eine Form im vielfältigen Spektrum der Gewalt, deren sich die Nationalsozialisten bedienten, um ihre Gegner einzuschüchtern und zu lähmen und ihre eigene Herrschaft zu stabilisieren und abzusichern. Die Nationalsozialisten griffen bekanntermaßen auf Formen physischer Gewalt zurück, wenn die politischen Gegner in die Hände der SA fielen oder wurden sie von den Häschern der Gestapo gefoltert und geschlagen. Subtilere Formen der Gewalt wurden im Rückgriff auf scheinlegale Möglichkeiten angewandt, die die Gefangennahme und Festsetzung der politischen Gegner ermöglichte. Hier kam das Instrument der „Schutzhaft“ zum Einsatz, das als außerordentliche Polizeimaßnahme die Verhaftung bisher unbescholtener Personen vorsah, bei denen man vorgab, sie stellten eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit und Ordnung dar. Die „Schutzhäftlinge“ konnten keinerlei Rechtsschutz beanspruchen, sie hatten keinen Anspruch auf ein ordentliches Verfahren, Verteidigung und Berufung. Ihre Haftdauer galt für unbestimmte Zeit und konnte allein durch die willkürliche Entscheidung des zuständigen Polizeipräsidenten beendet werden.

Auf dem offenen Wagen: Symbolfiguren der badischen Sozialdemokratie

Wagen

Schaufahrt durch Karlsruhe.

Auf dem Polizeimann-schaftswagen saßen nun sieben sorgfältig ausge- wählte Repräsentanten der Karlsruher Arbeiter-bewegung, die sich für die Hebung des Lebensstandards, der Bildung und der politischer Partizipation der Industriearbeiterschaft jahrzehntelang eingesetzt hatten. Sie waren deswegen in „Schutzhaft“ genommen worden, weil sie am entschiedensten den Abwehrkampf gegen den Aufstieg der Nationalsozialisten geführt hatten. Sie hatte dies in der badischen Regierung, im Parlament, in der republiktreuen Polizei, in den sozialdemokratischen Wehrverbänden, in der SPD-Presse versucht und mussten nun einen hohen Preis für ihr politisches Engagement zahlen.

Auf dem Wagen saß August Furrer, ehemaliger Kriminalsekretär der politischen Polizei, dessen Aufgabe die Überwachung der NSDAP und ihrer verfassungswidrigen Umtriebe war. Furrer wurde bei seiner Verhaftung schwer misshandelt und im Gestapo-Keller des Polizeipräsidiums gefoltert. Auf dem Wagen saßen Erwin Sammet und Gustav Heller, Repräsentanten der republiktreuen Wehrverbände „Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold“ und „Eiserne Front“, die mit der Organisation und Durchführung von Demonstrationen und Kundgebungen die Mobilisierung breiter Bevölkerungsschichten für die Verteidigung der Republik erreichen wollten und zugleich den Schutz von Veranstaltungen republiktreuer Parteien gegen die Übergriffe der Nationalsozialisten übernahmen.

Eiserne Front

Wahlplakat Sozialdemokraten

Auf dem Wagen saß Sally Grünebaum, Redakteurs des „Volksfreund“, des Karlsruher SPD-Organs, der in der Parteipresse sowohl über das Wesen des Nationalsozialismus aufklärte als auch über NS-Führer und ihre illegalen Machenschaften berichtete. Auf dem Wagen saß Hermann Stenz, politischer Beamter im Innenministerium, der sich für der Aufbau einer republiktreuen Polizei in Baden eingesetzt hatte. Auf dem Wagen saßen schließlich - in vorderster Front positioniert - die Symbolfiguren der badischen Sozialdemokratie, vehemente Verfechter von Demokratie und Rechtsstaat: Adam Remmele und Ludwig Marum. Hier handelte es sich um Spitzenpolitiker, die in der Republik höchste Ämter besetzt hatten. Marum als Staatsrat und langjähriger Fraktionsvorsitzender seiner Partei, Remmele als ehemalige badischer Staatspräsident, zeitweiliger Innen-, Kultur- und Justizminister.

Marum und Remmele waren seit Jahren aus der badischen Politik ausgeschieden und wirkten nun als Reichstagsabgeordnete. Wegen der über sie verhängte „Schutzhaft“ war es ihnen nicht möglich an der Reichstagssitzung teilzunehmen, in der die SPD als einzige Partei gegen das Ermächtigungsgesetz stimmte (1) und in der der SPD-Vorsitzende Otto Wels die mutigen Worte sprach: „Wir deutschen Sozialdemokraten bekennen uns in dieser geschichtlichen Stunde feierlich zu den Grundsätzen der Menschlichkeit und der Gerechtigkeit, der Freiheit und des Sozialismus. Kein Ermächtigungsgesetz gibt Ihnen die Macht, Ideen, die ewig und unzerstörbar sind, zu vernichten. Das Sozialistengesetz hat die Sozialdemokratie nicht vernichtet. Auch aus neuen Verfolgungen kann die deutsche Sozialdemokratie neue Kraft schöpfen.“

Die Spaltung der Arbeiterbewegung als Grund für die Niederlage vorm Faschismus?

Diese wenige Wochen vor der Schaufahrt gesprochenen Worte machten den politischen Häftlingen im Karlsruher Bezirksgefängnis Mut, gaben ihrem Leiden einen Sinn und stärkten sie in der von der Partei vertretenen Annahme, dass die NS-Herrschaft nur von kurzer Dauer sein werde. Die badische Sozialdemokratie hatte sich in ihrem politischen Kampf seit Jahrzehnten auf eine gemäßigte, strikt legale Linie verpflichtet, die Gewalt ablehnte und außerparlamentarische Kampfformen wie den Generalstreik verurteilte. Diese Positionen trennten sie von dem radikaleren Teil der Arbeiterbewegung, den Kommunisten, mit denen sie sich auch in den Jahren der Krise der Republik nicht auf einen gemeinsamen Abwehrkampf gegen die Nationalsozialisten einigen konnte. Sozialdemokraten und Kommunisten erlebten in der NS-Herrschaft das gemeinsamen Schicksal der Verfolgung und mussten sich fragen, ob die Spaltung der Arbeiterbewegung nicht entscheidender Grund für die Niederlage vor dem Faschismus war.

Im Schritttempo durch die Kaiserstraße

Doch zurück zur Schaufahrt vom 16. Mai 1933. In der Presse hatte man das Ereignis angekündigt und aufgefordert, sich an der Verhöhnung und Verunglimpfung der Sozialdemokraten zu beteiligen. Etwa 10.000 fanatisierte Nazi-Anhänger säumten die Straßen Karlsruhes, als in einem offenen Polizeimannschaftswagen, auf dem die Häftlinge eingerahmt von SA- und SS-Männern saßen, im Schritttempo durch die Kaiserstraße und vorbei an den wichtigsten politischen Stationen wie dem Ständehaus und dem Rathaus fuhren. Akustisch untermalten Musikkapellen und ein Chor grölender Stimmen, die das Müllerlied intonierten, um Adam Remmele, der gelernter Müller war, zu verhöhnen. Nach einem kurzen Halt vor dem Polizeipräsidium bewegte sich der Zug weiter durch die Arbeiterhochburg Durlach, die angrenzenden Dörfer, die Stadt Bruchsal, ehe man Kislau erreichte.

© Dr. Monika Pohl

Teil 2 folgt.


(1) Die Mandate der bei der Reichtagswahl vom 5. März 1933 gewählten 81 kommunistischen Abgeordneten wurden auf Grundlage der Reichtagsbrandverordnung am 8. März 1933 annulliert.

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