Der Kuhhandel

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Kommentar
Freitag, 15. April 2011 - 14:50
Menorah

Ein Oppenheimer Platz auf dem neu geschaffenen und historisch unbelasteten Areal zwischen SEPA und Sparkasse scheint vom Tisch. Stattdessen hat man sich, so ist zu hören, auf den Holzmarkt geeinigt, der in Folge möglichst rasch und vor allem kostenneutral für seine neue Bestimmung aufbereitet werden soll.

Eigentlich ist doch alles in bester Ordnung, sollte man denken, wenn alle an diesem Prozess Beteiligten, Narren wie Stadtverwaltung und nicht zuletzt der Kirchengemeinderat mit dem gefundenen Kompromiss zufrieden sind und nur noch der Gemeinderat am nächsten Dienstag sein Plazet geben muss. Leicht hatte man es sich nicht gemacht und im Rathaus gibt es prall gefüllte Ordner, die von harter Arbeit im Vorfeld zeugen. Verschiedene Plätze waren im Angebot, zuletzt auch der Rendezvousplatz und gar die Bahnhofstraße. Sogar für die nachträglich aufgetauchte Pikantesse, dass just der schlussendlich ausgehandelte Holzmarkt in seiner wechselhaften Geschichte auch schon einmal Adolf-Hitler Platz hieß, ein Umstand, der den fertigen Kompromiss noch in letzter Minute platzen zu lassen drohte, wurde von der jüdischen Gemeinde in Karlsruhe eine Unbedenklichkeitsbescheinigung eingeholt.

Dennoch hat dieser Prozess einer scheinbar harmlosen Platzbenennung eine weitere Dimension, die zwar nicht auf den ersten Blick sichtbar ist, die jedoch umso erwähnenswerter erscheint. Als vor über einem Jahr BRUCHSAL.ORG OB Petzold-Schick in einem Gespräch vorschlug, mit der Benennung des neuen Plätzchens bei der Stadtkirche 65 Jahre nach Ende des Naziterrors ein Zeichen zu setzen, rannte man offene Türen ein. Die Oberbürgermeisterin unterstützte von Beginn an die Benennung des SEPA-Plätzchens. Nach anfänglichen Irritationen im Gemeinderat schien der Vorschlag dann auch dort mehrheitsfähig zu sein. Inzwischen jedoch, so viel ist klar, darf ungefähr jeder Platz in Bruchsal nach Otto Oppenheimer benannt werden, nur eben nicht jener Platz vor der Stadtkirche, für den man nach letzter Lesart entweder Marienplatz oder Am Königspalast vorgesehen hat. Warum ist das so? Wer steckt dahinter, dass der ursprüngliche Vorschlag - ohne jede Begründung - passé ist. Wer übt hinter den Kulissen solch massiven Druck aus, dass die Stadtverwaltung und insbesondere die Oberbürgermeisterin umschwenkt und in Kauf nimmt, dass die vielbeschworene Bürgerbeteiligung bei der Namensfindung zur Farce verkommt, und was sind seine Interessen?

Antworten auf diese Fragen sind kaum zu erwarten und so bleibt nur die traurige Gewissheit, dass es in Bruchsal auch im Jahr 2011 leichter ist ein Einkaufszentrum an eine Kirche anzudocken als einem Platz neben derselben Kirche einen jüdischen Namen zu geben.

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Kommentare

Kasperletheater

Ich denke, es geht den Gegnern des ursprünglichen Vorhabens (Vorschlag der Verwaltung) weniger um die Sache als um Rechthaberei, Machtdemonstration und letztlich Gesichtswahrung. Anders ist das irrationale und kleinkarierte Vorgehen der betreffenden Provizpolitiker nicht zu erklären. Ärgerlich ist natürlich in diesem Zusammenhang, dass die OBin einzuknicken scheint.

Kuhhandel

Na, wer denn wohl? Ich habe an dieser Stelle schon mehrmals aus meiner Meinung keinen Hehl gemacht, daß schon im Vorfeld zwischen Kirche und dem damaligen Hauptantreiber ein Deal gemacht worden sein muß nach dem Motto: "Wir sind mit dem SEPA-Klotz einverstanden und auch damit, daß dieser bis auf wenige Meter an die Kirche ranrückt, wir dafür aber einen 'Marienplatz' bekommen." Denn wer sonst als die Kirche könnte an einer solchen Namensgebung interessiert sein? Man will neben der Kirche eben keinen Vertreter des Volkes geehrt sehen, das angeblich am Tod von Jesus Schuld hat. Aber alle, die dieser Meinung sind, auch im Gemeinderat, sollten mal das neue Buch des Papstes lesen, das die Juden als Volk von dieser Schuld freispricht. Vielleicht hat sich das bisher nicht in Bruchsal herumgesprochen.

Hört das denn in Bruchsal nie auf?

Es ist wirklich hanebüchen, diese unendliche Namensgebungsprozedur für den neuen Platz in unserem Provinzstädtchen. Da war doch vor 1 Jahr dieser plausible Vorschlag Oppenheimer-Platz ins Spiel gebracht und alles schien gelaufen. Was ist denn inzwischen in die OBin gefahren, jetzt einen unnötigen neuen Vorschlag der Holzmarktz-Umbenennung zu präsentieren und hinter den Kulissen noch diverse Zustimmungen einzuholen? Wenn da die Kirche dahintersteckt - so wie es aussieht - kann man nur sagen, daß diese mittelalterlichen Herrschaftsstrukturen schleunigst beseitigt werden müssen und zwar bei der Abstimmung der Stadträte am kommenden Dienstag. Wenn dieser Stadtrat noch eine Legitimation hat, dann soll er hier einmal mutig und offen entscheiden, über Parteigrenzen hinweg. Aber das ist nur ein frommer Wunsch eines genervten Bürgers, der im Jahre 2009 durch die Neuwahl der OBin eine neue Zeit in Bruchsal mit offener, ehrlicher und kompetenter Führung - auch gegen die wohl immer noch Mächtigen hinter den Kulissen - erhofft hatte. Aber diese Hoffnung ist inzwischen schon bitter enttäuscht worden. Ein neuer Aufbruch hat m.E. nicht stattgefunden. Kuhhandel eben immer wieder, denn "Kuhhandel steht für einen durch undurchsichtige Abläufe, insbesondere den Einbezug von Neben- und Zusatzvereinbarungen geprägten Tausch." Und diese Kuhhandelpolitik haben wir alle satt. Bürger empört Euch weiter.

Artikel

Als Aussenstehender und Nichteinwohner von Bruchsal frage ich mich manchmal: Haben wir keine dringendere Probleme, die zu lösen sind?

Immer dann, wenn versucht

Immer dann, wenn versucht wird, im Kleinen aufzuzeigen, wie wir Bürger manipuliert werden und man sich versucht zu wehren, kommen solche Sprüche: Haben wir keine dringenderen Probleme?

Ja, eigentlich schon. Aber die meisten dringenderen Probleme haben halt ihren Ursprung in dieser Vetternwirtschaft.

 

@Frieda

Im grunde genommen haben Sie recht, die Bürger werden manipuliert und versucht für dumm zu verkaufen.
Die wahren Gründe - sind in der Vetternwirtschft zu suchen. Nur, dafür muss man erst mal die Ursachen einer solchen herausfinden und beseitigen. Dann wird ein Schuh daraus.
Damit sollten sich die Bürger mal beschäftigen und nicht welchen Namen eine Strasse oder ein Platz erhält. Wer sind die verantwortlichen Strippenzieher? Und wer hat ihnen zur Macht verholfen?

macht im staat

hier kann man mal wieder sehen, wo die wirkliche macht im staat ist, bei der kir che. man fragt sich, ob es sich nicht in wirklichkeit um eine mafiöse vereinigung handelt, denn die macht im staat geht nicht vom volke, sondern von der kirche und der wirtschaft aus.

Kuhhändler

Alle Interessierte können ja am Dienstag zur GR-Sitzung kommen und schauen ob und welche Gemeinderäte sich an dem Kuhhandel beteiligen. Ich komme auch....

Öffentlichkeit?!

Nachdem eine Behandlung in nichtöffentlicher Sitzung leider, leider nicht möglich ist, denken einige unserer Mandatsträger sicherlich schon seit Wochen darüber nach, wie man zumindest eine geheime Abstimmung herbeiführen könnte.

unglückliche Verwechslung möglich...

Nicht ungeachtet der Tatsache, dass Herr Otto Oppenheimer als Bruchsaler Bürger im dritten Reich schweres erlitten hat - denke ich persönlich, dass der Name "Oppenheimer" für einen öffentl. Platz unglücklich gewählt ist. Jeder Auswärtige würde hier zunächst an eine Verbindung zum gleichnachnamigen Erfinder der Atombombe denken.

Es sollte allerdings das Recht der Bruchsaler Bürger sein, über den Namen des Platzes ggf. in einer Abstimmung zu befinden. Dies sollte nicht nur einigen wenigen "Auserwählten" vorbehalten sein.

Wenn tatsächlich eine Merhheit den Otto-Oppenheimer-Platz will, so sollte dies dann auch so kommen (müssen)!!!

Sehe da kein Problem

Es gibt viele berühmte Personen, die den Namen Oppenheimer tragen. Weshalb sollte jetzt ein Auswärtiger denken, dass man in Bruchsal ausgerechnet nach Julius Robert Oppenheimer, dem Erfinder der Atombombe, einen Platz benennt? Zudem gibt es ja bei zahlreichen Straßennamenschildern ein erläuterndes Zusatzschildchen, das auf die genannte Person verweist. Könnte man in diesem Fall genauso machen.
Sonst dürfte auch die Variante "Kirchplatz" Makulatur sein, weil sonst jemand denken könnte, dass man in Bruchsal einen Platz nach dem Filmmogul Leo Kirch benennt.

Pfarrfest und "Platzfest" - BNN Nr. 102/4.5.2011, S. 17

"Die Stadtpfarrei freue sich über die Namensgebung des Platzes mit dem Bezug zur Stadtkirche, ... Nur der Kirchplatz gebe den Blick auf den ganzen Turm und auf einen Teil des besonders schönen Satteldachs der Kirche frei."

Zwei Fragen, die mich nachdenklich machen:

1. Wer genau ist "die Stadtpfarrei"?
2. Hätte ein Otto-Oppenheimer Platz den Blick auf den ganzen Turm und auf einen Teil des besonders schönen Satteldachs der Kirche nicht freigegeben?

Dumme Fragen

!. "Die Stadtpfarrei ist Stadtpfarrer Neidinger
2. Nein bzw. nur eingeschränkt. Denn: Das Straßennamensschild "Otto-Oppenheimer-Platz" ist deutlich größer als das jetzt benötigte mit "Kirchplatz"!
Host mi?!

@Gästle

Wenn ein Leser eine Frage stellt, weil er die Hintergründe nicht kennt oder ironisierend auf etwas hindeuten will, so ist dies niemals "dumm" und es sollte auf Bruchsal.org unterlassen werden, solche Art von Kommentaren abzusondern. Host mi?!

Witzle g'macht

@ W. Zimmermann:
Net g'merkt...?!

Witzle

Das kann man hinterher leicht behaupten. "Witzle" sehen anders aus.

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