Kindheitserinnerungen. Im Schatten des Bruchsaler Schlosses: Bilder, Gerüche, Farben. Namen. Lachen oder Tränen.

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Von Emma Guntz, geboren in Bruchsal als Emma Linnebach
Freitag, 25. Oktober 2013 - 15:34

Emma Guntz wurde am 30. August 1937 in Bruchsal als Emma Linnebach geboren und wuchs in der Schlossstraße 23 bei Vater und Mutter, dem Schulrektor Karl Linnebach und dessen Ehefrau Emma, auf. Um Emma vor den Kriegsgefahren zu schützen, wurde sie von ihren Eltern im Dezember 1944 zu den Großeltern in ein Dorf im Odenwald verschickt. Bei ihrer Rückkehr nach Bruchsal im Sommer 1945 waren 80 Prozent der Stadt zerstört, teilweise auch das Beamtenwohnhaus in der Schlossstraße 23.

Emma Linnebach besuchte in Bruchsal das Schönborn-Gymnasium, wo sie 1956 ihr Abitur ablegte. Danach studierte sie an der Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg Englisch, Latein und Geschichte. Nach Abschluss ihres Studiums heiratete sie den Straßburger Arzt Antoine Guntz. In Straßburg ist sie seit 1962 wohnhaft. Aus der Ehe gingen drei Kinder hervor.

Emma Guntz

Emma Guntz. Foto: privat

Emma Guntz wirkte seit den 1970er Jahren als Rundfunk- journalistin, wobei sie bestrebt war, den Elsässern die deutschsprachige kulturelle Tradition näher zu bringen. In einer von 1984 bis 1996 ausgestrahlten wöchentlichen Lyriksendung stellte sie zeitgenössische französische, deutsche und elsässische Dichtung vor.

Ihr erster eigener Lyrikband „In Klarschrift“ erschien 1996, weitere Lyrikbände folgten, zuletzt 2009 „Späte Widmung“.

Emma Guntz ist gesell- schaftlich und sozial engagiert; so bekleidete sie von 1986 bis 2001 das Amt der Präsidentin des Vereins zur Resozialisierung von Jugendlichen und Langzeitarbeitslosen.

Neben anderen Ehrungen erhielt Emma Guntz für ihr Werk 1987 den René Schickele Medienpreis, 1997 die Hebelplakette der Gemeinde Hausen im Wiesental und 2000 den Johann-Peter-Hebel-Preis des Landes Baden-Württemberg.

2001 wurde Emma Guntz Turmschreiberin in Deidesheim. Die Jury der „Stiftung zur Förderung der Literatur in der Pfalz“ wählt alle zwei Jahre eine deutschsprachige Schriftstellerpersönlichkeit beliebiger Nationalität, die im Deidesheimer Turm mindestens vier Wochen residieren und für alle Besucher Sprechstunden abhalten muss. Die Autorin bzw. der Autor ist dabei dem Bürgermeister „als oberstem Dienstherrn unterstellt“, wofür ein Deputat von 2 Liter Wein pro Tag gewährt wird. Der Stipendiat soll ein Manuskript liefern, dessen Thema freisteht, aber im weitesten Sinne mit der Pfalz, ihrer Landschaft, ihren Menschen zu tun hat.

Emma Guntz ist sowohl in der deutschen, als auch in der französischen Sprache vollkommen zuhause, dazu kommt noch die elsässische Mundart. Sie bezeichnet sich selbst nicht als echte Elsässerin, sondern als „gute Baschtard“ - aber man dürfe Elsässer werden, auch wenn man nicht da geboren sei.

In ihren Gedichten in der im Jahre 2000 erschienenen zweisprachigen Sammlung „Hasen sterben lautlos - couleur fraise, couleur framboise“, thematisiert sie das Kindheitsparadies mitten in den Schrecken des Zweiten Weltkriegs, Hunger und Angst, Freundschaft und Eifersucht, dörfliche Lebensgemeinschaft mit Mensch und Tier, die Rätsel von Leben und Tod.

Zum 250-jährigen Jubiläum des Schönborn-Gymnasiums im Jahre 2005 war Emma Guntz als Festrednerin geladen. In ihrer Festansprache setzte sie sich mit der Geschichte der Schule auseinander und betonte, der größte Wunsch ihrer Generation sei „nie wieder Angst“ gewesen.

Ein wenig streift Emma Guntz die Themen Krieg, Hunger und Angst auch in der nachstehend veröffentlichten Kurzgeschichte „Im Schatten des Bruchsaler Schlosses“. Sie erzählt von sich als „kleines Mädchen im Kindheitsparadies“ und ihrer Rückkehr ins zerstörte Bruchsal nach Kriegsende.

Die Publikation dieses Beitrages erfolgt mit freundlicher Genehmigung der „Dernières Nouvelles d’Alsace“ (Elsässische Neueste Nachrichten). Veröffentlicht wurde das Essay von Emma Guntz in der deutschen Beilage der Dernières Nouvelles d’Alsace und l’Alsace: http://www.dna.fr/

 

 

Erinnerungssplitter.

Im Schatten des Bruchsaler Schlosses

von Emma Guntz


Kindheitserinnerungen: Bilder, Gerüche, Farben. Namen. Lachen oder Tränen. Sie überfallen uns, ehe wir es uns versehen. Drängen sich auf. Wollen ins Leben, ins Wort gerufen werden…

Ist es der Herbst, der mit Blätterrascheln und kühlen oder kalten Regenschauern das Ende des Sommers ankündigt? Ist es der öfters wiederkehrende Traum, in dem die Mutter mich bei meinem Kindernamen ruft? Ist es der Telefonanruf aus meiner Heimatstadt, der den Tod eines ehemaligen Spielkameraden ankündigte? Oder sind es die Enkelkinder, die immer wieder nach einer Geschichte verlangen, als «Ita noch klein war»? Oder ist es einfach die Tatsache, im Herbst des Lebens zu stehen, die an die Anfänge zurückdenken lässt? Wie es war, wie es kam, wie es geworden ist. Wie es weitergeht?

Späte Widmung

Vielleicht ist dieser plötzliche Drang des Zurückdenkens, des sich Zurückversetzens auch dem kurzen Gedicht zuzuschreiben, einer späten Widmung für Walter Benjamin, die ich vor einigen Jahren schrieb, in ein Buch legte und zufällig wiederentdeckte.

«Buchstabenregen / Wörterschnee und Satzgestöber / den Anfang der Geschichte / in Spiel und Ernst erhaschen / ihn verfolgen / durch das Labyrinth und ihn / im Leben und im Traum / zu Ende weben / wie hab ich mich gemüht / wie müh ich mich…».

Der Anfang der Geschichte

«Ich bin im Schatten des schönsten – nein, des zweitschönsten – deutschen Rokokoschlosses geboren und aufgewachsen.» Das ist der Satz, den Brünchen und Julchen immer wieder hören wollen. Er klingt für sie wie das märchenhafte: «Es war einmal». Und die Geschichte geht so weiter: Es war einmal ein kleines Mädchen, das wohnte in einem großen L-förmigen Mietshaus mit zwölf Wohnungen und zwei Eingängen in der kleinen badischen Stadt Bruchsal.

Bruchsaler Schlossgarten

Schloss Bruchsal. Foto: R. Schmitt

Der eine Eingang mündete auf die «Wilderichstraße» und der andere auf die «Schlossstraße», und beide Namen wiesen auf die prächtige Residenz hin, die sich die Speyerer Fürstbischöfe in den Jahren 1719 bis 1743 in meiner Heimatstadt errichtet hatten. Warum in Bruchsal?

Etwas Geschichte

Wie ich in der Schule in der Heimatkunde erfuhr, wurde Bruchsal zum ersten Mal 976 in einer Urkunde genannt und zwar als «Königshof». Es gehörte seit 1056 dem Stift Speyer und erlangte im Jahr 1248 das Stadtrecht. Vierhundert Jahre später wurde die kleine Stadt im Zug des pfälzischen Erbfolgekriegs 1676 und 1689 von französischen Truppen niedergebrannt. Dasselbe Schicksal hatte der bischöfliche Palast in Speyer erlitten. Und weil die protestantische Freie Reichsstadt Speyer dem Fürstbischof Kardinal Damian Hugo Reichsgraf von Schönborn untersagte, innerhalb der Speyerer Stadtmauern einen weitläufigen Palast mit Parkanlagen zu errichten, entschloss dieser sich kurzerhand, seine Residenz nördlich der kleinen Stadt Bruchsal bauen zu lassen.

Man kennt sogar das genaue Datum, an dem er sich für den Bruchsaler Standort des Schlosses entschied. Es war der neunte März 1720. «Ich hab mein tag kein schönere situation von allem gesehen», schrieb Schönborn an seinen Bruder. Es gab hier Holz, Kalk und Steine zuhauf, und das Klima erschien dem kränkelnden Fürstbischof ausgesprochen angenehm.

Wie alle Schönborns, die aus einem fränkischen Adelsgeschlecht stammten, war auch Damian Hugo von einem «bauwurmb» besessen, und der Schlossbau wurde zu seiner «lebens arbeydt». Der eigenwillige Bauherr, der sich an Schlossbauten in Italien, Frankreich und Holland inspirierte, ließ sich in allen wichtigen und schwierigen Baufragen von dem berühmten Baumeister Balthasar Neumann beraten, dem unter anderem die einzigartige Doppeltreppe des Corps de Logis zu verdanken ist.

Doppeltreppe

Treppenhaus im Schloss Bruchsal. Foto: privat

«Eine separierte Anlage»

Die Nähe zu Frankreich und die immer neu umkämpfte Rheingrenze ließen erneute Kriegsschauplätze in der Bruchsaler Gegend befürchten. Ein gebranntes Kind scheut bekanntlich das Feuer… Und so entstand – aus Brandschutzgründen – eine Schlossanlage aus rund 50 einzeln stehenden Gebäuden. Der Schlossgarten mit einer Mittelachse und einer Orangerie, deren Zitrusbäumchen im Sommer in Kübeln auf den «mehrfach abgetreppten Seitenbereichen» der mit Bassins versehenen Schlossterrasse aufgestellt wurden, entstand erst nach und nach. Die Fassadendekorationen in illusionistischer Architekturmalerei, das Zusammenwirken von Stuck und Malerei in den drei Sälen im Zentrum des Schlosses schufen ein vielbewundertes Gesamtkunstwerk. An den begnadeten Stuckateur Johann Michael Feichtmeyer und die gefeierten Maler Johann Zick und seinen Sohn Januarius erinnern bis heute die nach ihnen benannten Straßen im Schlossbereich.

Das kleine Mädchen

Schlossstraße

Emma mit Gisela im Hof der Schlossstraße 23. Foto: Emma Guntz

Doch zurück zu dem kleinen Mädchen, das in der Schlossstraße 23 wohnte und das Schloss und den Schlossgarten als eine selbstverständliche Nachbarschaft betrachtete. Es wusste noch nicht, dass am ersten März 1945 das Schloss und fast die ganze kleine Stadt in Schutt und Asche sinken sollten. Und es konnte auch nicht ahnen, dass das Schloss und sein geliebter Schlossgarten in den sechziger Jahren im alten oder vielmehr neuen Glanz wiederauferstehen würden: Stein für Stein, Stuckatur für Stuckatur und Freske für Freske…

Das kleine Mädchen durfte allein zum Spielen auf die Straße gehen, seit es am 30. August 1942 fünf Jahre alt geworden war. Es spielte mit Elfriede und manchmal mit Ruth Lämmle (1), deren Eltern eine Milchhandlung hatten und die an ihrem Geburtstag ihre beste Freundin – aber nicht das kleine Mädchen – zum Essen von Schlagsahne einlud. In Kriegszeiten war das etwas genauso Märchenhaftes wie Gold und Silber, wie Samt und Seide… Dann war da Wilfried, der ihr bester Freund war, bis Gisela ihn ihr wegnahm. Die hatte nämlich einen Roller mit Gummirädern. Da konnte der Puppenküchenherd des kleinen Mädchens nicht mithalten. Und da waren noch Ute und Helmut, deren Eltern eine Kohlenhandlung mit schwarz glänzenden Briketts und schön geformten Eierkohlen betrieben.

Im Kindheitsparadies

Mir, dem bewussten kleinen Mädchen, war nicht immer nach gemeinsamem Spielen zumute. Ich war auch gerne allein. Dann setzte ich mich auf die Treppe unseres Eingangs und schaute. Und wenn ich nach links blickte, sah ich den Campanile der Schlosskirche, der hoch und schlank über die Dächer ragte. Auch in den Schlossgarten ging ich am liebsten ohne die anderen. Wie ich die Leute beneidete, die in den ehemaligen niedrigen Stallgebäuden zu beiden Seiten der kurzen Straße wohnten, die in den Schlossgarten einmündete!

Drachen

Schlossdrache. Foto: R. Schmitt

Das Schloss – das war mehr als ein Gebäude für mich. Das war eine eigene märchenhafte Welt, in dem Gebautes, Gemaltes, Bäume und Rabatten, Bassins, kleine Wasserfälle, rote Goldfische und weiße Schwäne, überlebensgroße Figuren aus Stein in eine Einheit verschmolzen, die mich glücklich machte. Mich verzauberte.

Die mit rotem Stein abge- setzten Fenster in den mit goldenen Punkten und Mustern übersäten Fassaden befriedigten meinen Schönheitshunger. Die vergoldeten Säulen der Balkone und vor allem die geflügelten, schön zise- lierten Drachen, die als goldene Wasserspeier von den Dächern drohten, stammten für mich aus dem Zauberreich von Tausendundeiner Nacht.

Vier Jahreszeiten

Detail aus der Statue "Winter" der Vier Jahreszeiten. Foto: R. Schmitt

Wenn ich Gänseblümchen rupfend neben den Statuen der vier Jahreszeiten kauerte, träumte ich davon, sie mit einem Kuss zum Leben erwecken zu können. Besonders den kleinen Jungen, der nur mit einer Decke bekleidet zu Füßen des Winters ein Feuer zu entfachen suchte. Da hatten es die Putten des fröhlichen Herbstes besser. Die hatten Trauben und Äpfel, ließen es sich schmecken und waren guter Dinge.

Dieser Duft nach Jasmin und verblühenden Kastanienkerzen im späten Frühjahr! Und nach Maiglöckchen und Waldmeister roch es, und da waren die Maikäfer, die ich in durchlöcherte Schachteln setzte und mit Gras und Salatblättern fütterte. Ich liebte den verschnörkelten Goldfischteich, auf dessen Umrandung ich herzklopfend balancierte. Und immer diese köstliche Angst, die Balance zu verlieren, ins Wasser zu fallen und vielleicht sogar zu ertrinken. Wie man dann weinen würde!

Am ersten März 1945 war ich nicht in Bruchsal. Ich lebte seit Dezember 1944 in einem Odenwalddorf bei meinen Großeltern. Als ich im Sommer 1945 zurückkehrte, war der Schlossstraßenteil unseres Wohnhauses zerstört. Meine Freundin Elfriede und Ruth Lämmle waren tot. Das Schloss lag in Schutt und Asche. Den Goldfischteich gab es immer noch. Die vier Jahreszeiten standen unbeschädigt auf ihrem Platz, und der kleine Junge fror wie immer. Weidenröschen blühten in den stillen Trümmern. «Kinder gewöhnen sich an alles», sagte meine Mutter. Ich war fast acht Jahre alt. Das Leben ging weiter…

Schloss zerstört. Foto: Stadtarchiv Bruchsal

Links der seines barocken Helmes beraubte Campanile der Schlosskirche. Foto: Stadtarchiv Bruchsal

par Emma Guntz, publiée le 14/10/2012

(1) Hier irrt Emma Guntz wohl. In der Wilderichstraße 7 betrieb Justine Lämmchen (nicht Lämmle) eine Milchhandlung. Von einem nahen Verwandten (Bruder?) der in diesem Bericht erwähnten Ruth Lämmle, dem kleinwüchsigen Seiltänzer Fritz Lämmchen, ist in diesem Beitrag von bruchsal.org die Rede: http://www.bruchsal.org/story/erinnerungen-alt-bruchsal

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Kommentare

Ja, aber die Ruth Lämmle

Ja, aber die Ruth Lämmle (Lämmchen) war nicht tod! Der Fritz war ihr Onkel, der son des Justine.

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