Kein Grund zur Entwarnung:

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Paritätische Studie belegt dramatische Kinderarmut durch Hartz IV
Mittwoch, 29. Februar 2012 - 17:22

H4

Hartz IV-Aufnäher

Vor einer Verhärtung der Kinderarmut in Deutschland auf hohem Niveau warnt der Paritätische Wohlfahrtsverband in einer neuen Studie. Der Verband fordert eine arbeitsmarktpolitische Kehrtwende, die bessere Unterstützung von Alleinerziehenden sowie eine Totalreform der Hartz IV-Leistungen für Kinder. 

„Es gibt keinen Anlass zum Jubel. Wir haben in Deutschland nach wie vor eine skandalös hohe Kinderarmut. Die gute Arbeitsmarktentwicklung kommt bei Kindern in Hartz IV kaum an“, so Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen. Zwar zeichne sich in allen ostdeutschen Bundesländern ein deutlich positiver Trend ab, doch verharre der Anteil armer Kinder bundesweit seit Einführung von Hartz IV auf fast gleichbleibend hohem Niveau: Jedes siebte Kind unter 15 Jahre lebe von Hartz IV, in Ostdeutschland sogar jedes vierte. Besonders besorgniserregend sei die Entwicklung im Ballungsraum Ruhrgebiet, wo die Kinderarmut seit Jahren stetig ansteigt. „Die Hartz IV-Quote im Revier liegt mit 25,6 Prozent mittlerweile höher als in Ostdeutschland, Gelsenkirchen steht mit einer Quote von 34,3 Prozent schlechter da als Berlin“, warnt Schneider. Die Entwicklung in Städten wie Mülheim oder Hamm mit Zuwächsen von bis zu 48 Prozent in fünf Jahren komme einem armutspolitischen Erdrutsch gleich, der nicht länger ignoriert werden dürfe.

Nach der Studie, die auch Ländertrends abbildet, sind kinderreiche Familien und Alleinerziehende besonders gefährdet, und zwar unabhängig von ihrem Wohnort oder wirtschaftlichem Umfeld. Selbst im wirtschaftsstarken Baden-Württemberg lebe jede dritte Alleinerziehende mit ihren Kindern von Hartz IV. Scharfe Kritik übt der Verband in diesem Zusammenhang an der Arbeitsmarktpolitik der Bundesregierung: „Durch die aktuellen Kürzungen drohen insbesondere auch Alleinerziehende und ihre Kinder zu Opfern einer neuen Zwei-Klassen-Arbeitsmarktpolitik zu werden. Der Fokus auf den Ausbau der Kinderbetreuung greift zu kurz. Die Hälfte der Frauen hat keinen Berufsabschluss. Ohne passgenaue Hilfen bei der Qualifizierung und ohne öffentlich geförderte Beschäftigungsangebote wird man den meisten Alleinerziehenden im Hartz IV-Bezug nicht helfen können“, so Schneider.

Neben einer arbeitsmarktpolitischen Kehrtwende fordert der Paritätische eine Reform des Kinderzuschlags sowie der Hartz IV-Leistungen selbst: „Wir brauchen eine kräftige Erhöhung der Kinderregelsätze, eine echte schulische Bildungsoffensive sowie einen Rechtsanspruch für einkommensschwache Kinder auf Teilhabe – vom Sportverein über die Musikschule bis zur Ferienfreizeit mit dem Jugendclub.“

Statement von Dr. Ulrich Schneider: Arme Kinder, arme Eltern: Familien in Hartz IV (mit Grafiken, Schaubildern und Ländervergleichen).

Details finden Sie im Internet unter: www.der-paritaetische.de/armekinder

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Kommentare

Anreize

Aber selbst dem streitbaren Herrn Schneider ist klar, dass eine Erhöhung der Kinderregelsätze insbesondere bei Alleinerziehenden/Personen ohne Schulabschluss keinen Anreiz zum Verlassen des Hartz IV-Systems bietet. Eher mögen erhöhte Regelsätze zu Verkrustungen innerhalb des Systems führen (die ideologiegeladene Diskussion über Ursachen der geringen Nachfrage nach Bildungsgutscheinen lässt grüßen...)

Als Lösung aus der Hartz IV-Falle bieten sich höhere Regelsätze nur bedingt an; zwar bringen sie eine gewünschte bessere Absicherung, allerdings führt dies dann eben auch zur Verstetigung der Anreize innerhalb der Hartz IV-Strukturen, also nachdem das Kind sozusagen schon in den Brunnen gefallen ist.

Grundsätzliche Fragen, weshalb das Kind ursächlich in den Brunnen fiel, stellen sich dann erst gar nicht mehr...

Herrn Schneider ist dieser/s Zielkonflikt/Dilemma natürlich bekannt, es vermarktet sich allerdings weitaus schlechter.

Vor einer Diskussion der grundlegenden Sachverhalte scheut sich die Politik allerdings!

Denn die gesellschaftpolitische Sprengkraft wäre enorm. Links wie rechts, wenngleich aus diametral unterschiedlichen Gründen, deckelt man daher eine Debatte.

Hier würde dennoch ein Blick über den Tellerrand in andere Länder nützen.

Reizende Anreize

"Selbst im wirtschaftsstarken Baden-Württemberg lebe jede dritte Alleinerziehende mit ihren Kindern von Hartz IV.", schreibt Schneider. Aber dazu gibt es doch meist gar keine Alternative. Alleinerziehend kann selten einen Ganztagsjob annehmen. Und wenn, dann ist der Verdienst so niedrig, dass es müßig ist.

Von Ihrem Verdienst muß die Alleinerziehende die Betreuung des Kindes und die Miete bezahlen. Dann bleibt nichts mehr viel übrig. Also Harz IV: Optimale Betreuung fürs Kind, Wohnung, Heizung und Essen bezahlt.

Vielleicht sollte man 'mal drüber nachdenken, was Niedriglöhne bedeuten. Selbst der angedachte Mindestlohn von 8 Euro ist ein Witz! Das gibt bei 170 h/Monat brutto 1360 Euro und ca 1110 Euro netto.

Dieselbe Alleinerziehende (Beispiel) bekommt Regelsatz 374 +251 Kind, + 500 für Miete (60 m²) macht zusammen 1125. Dazu kommen noch Eintrittsvergünstigungen, und nicht zu vergessen das großartige Bildungspaket von der Leyen und die Regelversorgung beim Zahnarzt.

Arbeit muss sich lohnen!

Niedriglöhne sind eine Unverschämtheit. Sie sind der Grund, weshalb Harz IV bereits vererbbar ist. Man richtet sich ein.

Und in den Talkshows sitzen Politiker und andere Gäste mit dickem Einkommen, die über Löhne und ALG II locker plaudern. Dazu noch eine Quoten-ALG- II-Frau, die noch fleißig einen 1 Euro-Job macht, der dann alle Anwesenden ihren Respekt zollen.

Arbeit muss sich lohnen! Nehmt Euch ein Beispiel an Wullf!
Mit 53 in Rente und jeder Zuverdienst offen!  Man kann nur hoffen, dass er seine Ministerpräsidentenversorgung und seine Abgeordnetenversorgung zu gegebener Zeit auch noch einfordert.

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