Das Kaiser's Kaffeegeschäft

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Freitag, 2. Juli 2010 - 18:41

Passend zur Schließung des Tengelmanns in der Martin-Luther-Straße, der früher unter "Kaiser's Kaffeegeschäft" firmierte, und die Eröffnung eines REWE in der SEPA, die Erinnerungen von Barbara Mitteis, die ihre allerersten Einkaufserlebnisse jedoch beim Herrgottsmüller und im Tratschladen Auch hatte.

Wer schon länger in Bruchsal lebt, kann sich sicher noch an die vielen Einzelhandelsgeschäfte in der Innenstadt erinnern, die nach und nach verschwanden: Der Tengelmann in der Kaiserstraße, heute ein Sonnenstudio, der Supermarkt an der Ecke Friedrich-, Pfeilerstraße, heute ein Geschäft für Bastelbedarf, der Supermarkt in der Wilderichstraße, später Videothek, heute leer stehend, ein Supermarkt (nur kurze Zeit) in der Styrumstraße, oder mein heimlicher Favorit, der Supermarkt der Gebrüder Heneka im Untergeschoss des Kaufhaus Schneider, mit - zumindest im Rückblick - gut sortierter Fleisch- und Fischtheke.

Einer Aufarbeitung bedarf es sicher auch der unzähligen Bäckereien, Metzgereien oder Milchläden, die früher - inhabergeführt - das Stadtbild Bruchsals bereicherten.

(RS)

 

Das Kaiser's Kaffeegeschäft

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Über dem Kaiser's Kaffeegeschäft hing eine dickbauchige lachende Kaffeekanne, die mir ungemein gefiel. Oft schaute ich hoch zu ihr und glaubte, dass sie jederzeit zu sprechen anfangen könnte. Aber sie sprach nur mein kindliches Gemüt an, ohne ein Wort zu sagen. Mama sagte, das sei die Werbekanne für den Lebensmittelladen, und zum ersten Mal erfuhr ich, was eine Werbung ist.

Als das Kaffeegeschäft eröffnet wurde und ich mit Mama durch den Laden gehen durfte, bestaunte ich ehrfürchtig die schön verpackten Artikel, besah sehnsüchtig die Apfelsaftflaschen und die bunten Bonbons, und stellte mich artig mit Mama in die Schlange . Damals waren die Leute noch nicht so giftig und bissig, hatten mehr Zeit und waren geduldiger. Ach, alles war so interessant in dem neuen Geschäft und ganz hinten roch es nach frisch geröstetem Kaffee.

Mit den Jahren ging ich immer weniger zum Herrgottsmüller und in den Tratschladen Auch, sondern ich lief mit einem roten Einkaufsnetz zu Kaiser's und freute mich jedesmal auf die freundliche Kaffeekanne und die freundlichen Bedienungen. Ja, sie wirkten nicht wie Verkäuferinnen, sondern wie Bedienungen, hatten sie doch wie in den schönen Cafés braunglänzende Kleiderschürzen an.

Die größte Freude war, wenn ich Apfelsaft holen durfte. Und damals trug man diese Kostbarkeit in ein paar Flaschen heim. An heißen Tagen stand auf dem Einkaufszettelchen noch Sprudel, und so durften wir zum Abendessen Apfelsaftschorle trinken. Welch ein Vergnügen, statt kalter Milch oder kaltem Tee.

In der armen damaligen Zeit gab es keine Umweltmüllprobleme, weil es keine Milchtüten und Alubecher und Wegwerfgläser gab. Man ging mit der Milchkanne zum Milchmann und man trug die Sprudelflaschen in den Laden zurück und ist deshalb auch nicht unterwegs gestorben. Alles war einfach und gediegen, und es war ein Feiertag, wenn zum Käse noch jeder eine Scheibe gekochten Schinken auf den Teller bekam.

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Wie gerne ging ich immer wieder zur Kaffeekanne, holte alles artig ein und rechnete auf Heller und Pfennig zu Hause ab. Das Angebot im Laden wurde immer größer, die Verkaufsfläche immer kleiner, es wurde um- und ausgebaut, die Verpackungen wurden glänzender, und meine Augen wurden das auch. Eines Tages hing ein großes Schild an der Ladentür: WIR ZIEHEN UM. Die lustige Kaffeekanne wurde abmontiert und wahrscheinlich landete sie auf der Müllhalde.

Da stand ich, halberwachsen, vor der Schaufensterscheibe und sah ins Leere. Die Regale waren herausgerissen, die Scheiben weiß verschmiert, und alte Schachteln lagen auf dem verstaubten Fußboden. Lauter weiße Fragezeichen, die eigentlich ein umgedrehtes S bedeuteten, waren auf die Schaufenster gemalt, und sehr traurig ging ich mit meinem roten Einkaufsnetz wieder nach Hause.

Etliche Zeit später stand mitten im Zentrum ein Supermarkt mit dem gleichen Namen und ohne das fröhliche Markenzeichen.

Hektik, Überangebot und Kaffeegeruch beherrschten den riesengroßen Raum, und die Leute strebten nach den Billigartikeln. Sonderangebot hieß das neue Reizwort, und der alte Reiz des Einkaufens und Betrachtens verschwand mit der alten armen Zeit.

Ich freue mich ja, dass wir alles nach Herzenslust kaufen können. Ich freue mich, dass wir die Auswahl haben, aber all das Übermaß, das Zuviel erdrückt mich. Und so denke ich gerne an jenen bescheidenen Abschnitt in meinem Leben, wo die Scheibe gekochten Schinkens und der Apfelsaft und der Sprudel eine Ausnahme im Alltag machten.

Ich betrachte heute oft die langen Theken, die schlechtgelaunten Supermarktverkäuferinnen, die aufdringlichen Werbungen, die eindringlichen Mikrofonansagen und vermisse die dickbauchige, lachende Kaffeekanne. Aber der ganze Wohlstand bringt halt nur ein MACHEN, aber kein LACHEN hervor.

© Barbara Mitteis

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