Jusos Bruchsal unterstützen Streiks der Psychotherapeuten in Ausbildung (PiA) und fordern eine angemessene Vergütung

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Dienstag, 13. Dezember 2011 - 1:40

Unter dem Motto „Psychotherapeuten in Ausbeutung“ finden derzeit vielerorts Streiks der betroffenen Psychologinnen und Psychologen statt. Hintergrund dieser Streiks ist das Psychotherapeutengesetz von 1999, welches zwar den Begriff des Psychologischen Psychotherapeuten als geschützten Beruf eingeführt hat, jedoch erkennbare Mängel aufweist. So schreibt dieses Gesetz keine geregelte Vergütung für die eineinhalbjährige praktische Tätigkeit während der postgradualen Weiterbildung vor. Zur Folge hat diese Gesetzeslücke, dass die ausbildenden Kliniken die Vergütung selbst regeln. Im Schnitt erhalten die Psychologinnen und Psychologen etwa 500 Euro im Monat bei einer Vollzeitbeschäftigung, die Hälfte aller Weiterbildenden arbeitet sogar zum Nulltarif (Quelle: Deutsche Gesellschaft für Verhaltenstherapie e.V.). Was weiterhin unbekannt sein dürfte, ist die Tatsache, dass eine postgraduale Weiterbildung im Bereich Psychotherapie privat finanziert werden muss und man als Psychologin und Psychologe in Weiterbildung mit mehr als 10.000 Euro zusätzlichen Kosten allein für die Weiterbildung rechnen muss. Lebenshaltungskosten sind hier nicht eingerechnet.

Die Jusos Bruchsal solidarisieren sich mit den PiAs und unterstützen die Streiks: „Wir können beobachten, dass der Bedarf an qualifizierten Therapeutinnen und Therapeuten in den letzten Jahren deutlich zugenommen hat. Wenn wir weiterhin dafür sorgen, dass derartige Barrieren im Rahmen der Weiterbildung von Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten erhalten bleiben und sich diese Menschen in teilweise prekären Lebensverhältnissen befinden, kann auf Dauer nicht garantiert werden, dass der Bedarf an Psychotherapie gedeckt wird. Wir fordern daher eine angemessene Vergütung innerhalb der Ausbildung, die jener entspricht, welche Psychologinnen und Psychologen im öffentlichen Dienst erhalten. Man muss bedenken, dass es sich um qualifiziertes Personal mit abgeschlossenem Universitätsstudium handelt. Daher sollte uns als Gesellschaft die Arbeit dieser Menschen auch entsprechend wert sein“, sagte Marko Vidakovic, Pressesprecher der Jusos Bruchsal und seinerseits selbst Psychologe.

Weiterhin fordern die Jusos Bruchsal die Abschaffung der horrenden Weiterbildungsgebühren: „Aus unserer Sicht bewirken diese Gebühren eine Selektion nach soziodemographischen Kriterien, die vor allem in diesem Berufsfeld schädlich ist. Wir benötigen dieses Personal dringend und sollten die Hürden auf dem Berufsweg abbauen. Wir können es uns nicht leisten, dass Menschen mit kleinem Geldbeutel diesen Berufswunsch nicht verwirklichen können, aber andererseits die Wartelisten bei Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten mancherorts so lang sind, dass man ein halbes bis ein Jahr auf einen Therapieplatz warten muss“, teilte Fabian Verch, Vorsitzender der Jusos Bruchsal, mit.

Die Jusos Bruchsal haben beschlossen, stärkeren Druck auf die Politik auszuüben. So sollen alle Fraktionen im Bundestag angesprochen werden mit der Bitte um Gesetzesänderung. Gleichzeitig werden die Jusos Bruchsal selbst einen Antrag zur Gesetzesänderung an geeigneter Stelle einbringen und die künftige SPD-geführte Bundesregierung zur Unterstützung auffordern.

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Kommentare

Streik?

Was hier von den Jusos unterstützt wird, ist das ein sogenannter "wilder Streik", oder handelt es sich um einen von der Gewerkschaft autorisierten Streik? Ich habe nämlich gar nichts vom Scheitern der Tarifverhandlungen gehört. Ein Streik wäre demnach erst nach Ablauf der Friedenspflicht zulässig.

Zitat:"So schreibt dieses Gesetz keine geregelte Vergütung für die eineinhalbjährige praktische Tätigkeit während der postgradualen Weiterbildung vor."

Zur Zeit wird doch groß und breit erklärt, dass die Regelung von Löhnen, Gehältern und Ausbildungsvergütungen ureigene Rechte der Tarifparteien sind. Weshalb sollte also hier etwas im Gesetz stehen?

Zur PiA-Situation bzgl. Streikrecht

Hallo Filou,

PiAs die, von Gesetz wegen, innerhalb ihrer Ausbildung von Gesetz wegen eine anderthalb jährige Praxisphase absolvieren müssen, befinden sich in den allermeisten Fällen nicht in tarifrechtlich geschützten Arbeitsverträgen, sondern werden von den Kliniken meist in Praktikanten- oder schlimmer noch sogenannten Duldungsverträgen beschäftigt. Dies ist nur deshalb möglich, weil im Psychotherapeutengesetz nicht festgeschrieben ist, dass der praktische Anteil der Ausbildung im Rahmen einer regulär bezahlten Anstellung zu erfolgen hat.

Dieser Missstand wird von den meisten Klinikleitungen auf schamlose Art und Weise ausgenutzt. Während PiAs meist genauso eingesetzt werden wie ausgebildete PsychotherapeutInnen, erhalten Sie nur extrem niedrige Löhne. Dies kann soweit gehen, dass sie sogar vollkommen ohne Lohn abgespeist werden, wie im Zentralinstitut für seelische Gesundheit in Mannheim der Fall.

Mit den oben angesprochenen Verträgen geht im übrigen kein gesetzlich geregeltes Streikrecht einher, was dazu führt, dass die Klinikleitungen angestellte PiAs jederzeit wegen Arbeitsniederlegung entlassen können. Du hast in sofern also Recht: Es handelt sich bei dem Streik tatsächlich um einen "wilden Streik", aber eben auch nur weil die PiAs keine andere Wahl haben.

Aus diesem Grund unterstützen auch die Berufsverbände VDP, BDP und die Gewerkschaft ver.di die bundesweiten Streiks.

Eine Gesetzesänderung ist schon deshalb dringend erforderlich, damit gewährleistet werden kann, dass PiAs in anständigen Arbeitsverhältnisen beschäftigt werden. Erst dann können sie auch im Rahmen von Tarifverhandlungen gleichberechtigt mit anderen Beschäftigtengruppen mit den Klinikleitungen verhandeln.

Ich hoffe, dass hat deine Fragen beantworten können.

Mit solidarischen Grüßen,

Stefan

PS: weitere Infos findest du übrigens unter: http://www.pia-im-streik.de/

Riesiger Bedarf

Tatsächlich scheint der Psychotherapeuten-Mangel ein Riesenproblem zu sein. Ich diskutiere dazu im Forum der e-Petitionen mit Petenten und Gegnern der Petition und die geradezu sagenhafte Zahl der Mitzeichner der Eingabe spricht für die Notwendigkeit einer Novellierung.

Bei der genannten Petition geht es um die Neuberechnung der Zahl zugelassener Psychotherapeuten im Verhältnis zur Bevölkerung, die derzeit erheblich zu gering ist. Es werden Wartezeiten sogar bis zu einem Jahr genannt.

Was mich befremdet, sind Statements mancher Beitragsschreiber, die das "Burn-Out-Syndrom" für eine Mode"krankheit" oder Ausrede für Simulanten und Arbeitsscheue halten. Dieses Burn-out ist heute sehr viel stärker verbreitet, als offensichtlich ist und manifestiert sich oft genug zu spät in körperlichen oder seelischen Schäden. Es ist einer der wichtigsten Gründe, weshalb die Nachfrage nach Psychotherapie derart angestiegen ist

Soweit ich die Position der Piraten zu dem Thema überblicken kann, haben die Jusos und die PiA hier unsere Unterstützung.

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