Jungsteinzeit im Umbruch

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Die ‚Michelsberger Kultur' und Mitteleuropa vor 6.000 Jahren
Freitag, 19. November 2010 - 22:05

Im Badischen Landesmuseum Karlsruhe wurde heute Abend eine große Sonderausstellung zum zweiten Abschnitt der Jungsteinzeit eröffnet.


 Regierungspräsidium Karlsruhe

Bruchsal-Untergrombach: Luftbild des Michaelsbergs, dem Namen gebenden Fundplatz der jungneolithischen Michelsberger Kultur. Foto: Regierungspräsidium Karlsruhe

Gefäßensemble mit typischen Formen der Michelsberger Kultur vom Michaelsberg bei Bruchsal-Untergrombach 3.800 - 3.700 v. Chr.

Gefäßensemble mit typischen Formen der Michelsberger Kultur vom Michaelsberg bei Bruchsal-Untergrombach 3.800 - 3.700 v. Chr.

Grobes Gewebe aus Bast- oder Binsengeflecht vom Bodensee, Jungsteinzeit

Grobes Gewebe aus Bast- oder Binsengeflecht vom Bodensee, Jungsteinzeit

Holzkamm aus Bodman-Ludwigshafen, 4. Jt. v. Chr.

Holzkamm aus Bodman-Ludwigshafen, 4. Jt. v. Chr.

Jadeitbeile aus Mainz-Gonsenheim, 5.000 - 4.000 v. Chr., Landesmuseum Mainz

Jadeitbeile aus Mainz-Gonsenheim, 5.000 - 4.000 v. Chr., Landesmuseum Mainz

Goldscheibe aus Transdanubien, um 4.000 v. Chr., Landesmuseum Württemberg

Goldscheibe aus Transdanubien, um 4.000 v. Chr., Landesmuseum Württemberg


Seit Archäologen begannen, in Südwestdeutschland nach prähistorischen Spuren zu suchen, wurden immer wieder bedeutende Funde zu ur- und frühgeschichtlichen Perioden gemacht. Der Michaelsberg bei Bruchsal wurde als Ort einer jungsteinzeitlichen Besiedlung Namen gebend für die ‚Michelsberger Kultur' (4.300 bis 3.500 v. Chr.): Charakteristisch für diese Kultur sind die so genannten „Erdwerke" - mit Wall und Graben eingefasste Anlagen von einem halben bis zu 100 Hektar Innenfläche. Bis heute geben diese „Erdwerke" der Forschung Rätsel auf: Handelte es sich um befestigte Siedlungen, Viehkrale, Fluchtburgen oder Kultplätze?

„Jungsteinzeit im Umbruch. Die ‚Michelsberger Kultur' und Mitteleuropa vor 6.000 Jahren" heißt die neue große Sonderausstellung, mit der das Badische Landesmuseum seine Besucher nicht nur in rätselhafte Erdwerke, sondern auch in eine spannende Zeit voller Neuerungen entführt. Technische Innovationen wie die Erfindung von Rad, Wagen und Pflug sowie das Aufkommen der Metallurgie bedingten im 4. Jahrtausend v. Chr. einen Wandel der Gesellschaft und ihrer geistigen Vorstellungswelt, der sich in neuen Kultpraktiken und einem veränderten Bestattungswesen niederschlug.

In Europa setzte um 4.200 v. Chr. ein zweiter Landnahmeprozess ein. Die bäuerliche Lebensweise drang in neue Räume vor, erstmals wurden die Ufer der Voralpenseen besiedelt. In den neuen Landschaften veränderten sich die Arbeits- und Lebensweisen der Menschen. Es wurden modernere Anbaumethoden eingesetzt, Haustiere als Milch- oder Wolllieferanten entdeckt und regelrechte Dorfanlagen gebaut. Die intensive Nutzung der Umwelt lässt sich auch an der Suche nach Rohstoffen ablesen, die zu ersten größeren Abbaustellen von Silex (Feuerstein) in Europa führte. Der Abbau mineralischer Rohstoffe sowie die einsetzende Produktion von Kupfer setzten zugleich eine Gesellschaft voraus, die in der Landwirtschaft so viel erwirtschaftete, dass sie auch jene Mitglieder ernähren konnte, die im Metallsektor tätig waren. Es entstanden verschiedene Berufsgruppen mit Spezialwissen und unterschiedlich reiche Gesellschaftsschichten. Zugleich verstärkte sich die Mobilität der Menschen und ihre überregionale Kommunikation.

Die Karlsruher Ausstellung schildert in drei klar gegliederten Bereichen - „Michelsberger Kultur", „Nachbarkulturen" sowie „Kulturgeschichte" - und anhand von 400 erstklassigen Exponaten aus Frankreich, Dänemark, Deutschland, der Schweiz, Tschechien, Ungarn, Rumänien, Polen und Österreich, wie sich die Welt vor 6.000 Jahren in Mitteleuropa darbot. Im ersten Teil zeigt sie neben charakteristischer Keramik, Gehörnen vom Urrind und menschlichen Überresten aus Siedlungsgruben die eindrucksvolle Inszenierung der Eingangssituation eines „Erdwerks". Ein anschauliches Modell vermittelt einen Eindruck von seiner Größe und erläutert die verschiedenen Nutzungsmöglichkeiten einer solchen Anlage. Im zweiten Teil stellt sie das phänomenale Fundgut aus Feuchtbodensiedlungen des Alpenvorlandes vor. Gezeigt werden Textilien, Holzgefäße, Schuhe und sogar eine Holztür aus der Schweiz. Da organisches Material in der prähistorischen Archäologie normalerweise nicht überliefert wird, gibt die Ausstellung hier einzigartige Einblicke in den jungsteinzeitlichen Alltag.

Nicht nur kostbar, sondern auch sehr kunstvoll sind die Metallarbeiten, die im dritten Teil der Ausstellung in einer Art „Schatzkammer" präsentiert werden: Fein gearbeitete Scheiben aus Gold und Silber sowie aus Kupfer, glattgeschliffene Jadeitbeile und Goldschmuck illustrieren die hohe Kunstfertigkeit in der Jungsteinzeit sowie ein offensichtlich stark ausdifferenziertes Sozial- und Prestigedenken.

Abgerundet wird die Ausstellung durch einen Exkurs zur Rezeption der Jungsteinzeit im späten 19. Jahrhundert im Foyer. Prägend für die Vorstellung von Urgeschichte war hier das Genre der „Pfahlbauromantik", das in der Malerei des 19. Jahrhunderts beliebt war.

Kuratiert wurde die große Sonderausstellung, die bis zum 15. Mai 2011 im Karlsruher Schloss zu sehen ist, von Dr. Clemens Lichter unter Mitarbeit von Kathrin Weber M.A., für die Gestaltung zeichnet das Büro Raumeinsichten (Karlsruhe/ Oberstenfeld) verantwortlich.

Mehr Informationen zur Ausstellung und dem umfangreichen Begleitprogramm für Erwachsene, Jugendliche und Kinder finden Sie unter www.jungsteinzeit2010.de.

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