Jugendfreunde in schweren Zeiten

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Der in die USA ausgewanderte Walter Bernkopf und Wilhelm Weber teilen Wormser Kindheitserinnerungen
Sonntag, 19. Oktober 2014 - 14:23

Wer sich in Bruchsals Geschichte ein wenig auskennt weiß, dass der Autor des Brusler Dorscht, Otto Oppenheimer, einen Bruder namens Jacob hatte, der, wie der Bruchsaler Bote anlässlich dessen Tod im September 1933 schrieb, „hilfreich und gut“ war. „In der Tat gehörte Jacob Oppenheimer wie sein jüngerer Bruder Otto zu den großen Wohltätern Bruchsals in den Jahrzehnten vor der NS-Herrschaft". So schreibt dies Jürgen Stude in dem Buch „Oppenheimer – Eine jüdische Familie aus Bruchsal“. Jacob Oppenheimer war aktiv tätig in zahlreichen sozialen Vereinigungen, war beispielsweise Gründer der Bruchsaler Ortsgruppe der „Badischen Heimat“ oder auch angesehener Ehrensenator im Großen Rat der „Großen Karnevalsgesellschaft Bruchsal“. „Jacob Oppenheimer verstand sich als Teil des städtischen Gemeinwesens und sah sich als Bürger dieser Stadt zur Mitarbeit verpflichtet“, wie Jürgen Stude weiter schreibt.

Weniger bekannt ist, dass Jacob Oppenheimer und dessen Ehefrau Hedwig zwei Töchter hatten, Gertrude und Bertha (Bertel). Tochter Bertel kam am 20. Oktober 1941 im Ghetto Lodz ums Leben, Hedwig verstarb am 11. Oktober 1942 im Ghetto Theresienstadt. Von der Familie überlebte nur Gertrude den Holocaust. Zusammen mit ihrem Ehemann Siegfried Bernkopf und dem gemeinsamen Sohn Walter gelang es ihr, vor der drohenden Ermordung der Familie aus Deutschland in die USA zu fliehen.

Der mittlerweile 88-jährige Walter Bernkopf war bereits 2011 als Ehrengast der Stadt anlässlich der Einweihung des Otto-Oppenheimer-Platzes in Bruchsal, war er doch oft bei Großvater Jacob und Großmutter Hedwig zu Besuch in unserer Stadt. Noch heute erinnert er sich lebhaft an leckeren Zwetschgenkuchen, den es bei den Oppenheimers gab, ans Kirschenpflücken im Garten in der Bahnhofstraße, an aufregendes Ostereiersuchen mit den Ettlinger-Buben oder an gemeinsame Spaziergänge zum Schloss und zum Belvedere.

Nun hatte er sich kurzfristig dazu entschlossen, im Herbst 2014 nochmals nach Deutschland zu kommen, zusammen mit seinen beiden Söhnen Mark und Paul. Unter anderem plante er einen nochmaligen Besuch von Bruchsal wo er, wie er 2011 nach den Feierlichkeiten zur Platzeinweihung mit strahlenden Augen sagte, „einen der allerschönsten Tage meines Lebens“ erlebte. Anlässlich dieser Deutschlandreise wollte er auch, erstmals nach seiner Flucht in die USA, seine damalige Heimatstadt besuchen, die Stadt Worms am Rhein.

Am 14. Oktober 2014 war es dann so weit. Zusammen mit seinen Söhnen machte sich Walter Bernkopf auf den Weg in die „Nibelungenstadt“ Worms, wo er die frühere Wohnung seiner Familie sowie seine ehemalige Schule besichtigte. Mit einem kleinen Empfang im Rathaus wurde er auch vom Wormser Oberbürger- meister Michael Kissel herzlich begrüßt - und durfte danach diese nahezu unglaubliche Geschichte erleben, die die Wormser Journalistin Ulrike Schäfer in bewegenden Worten schildert.

Der nachstehende Beitrag wurde zuerst in der Wormser Zeitung veröffentlicht, die Veröffentlichung bei bruchsal.org erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Autorin Ulrike Schäfer.

 

 

Von Ulrike Schäfer

Jugendfreunde in schweren Zeiten

Der in die USA ausgewanderte Walter Bernkopf und Wilhelm Weber teilen Wormser Kindheitserinnerungen

WORMS - Am Dienstagmorgen ging bei Wilhelm Weber das Telefon. Am Apparat: Dr. Gerold Bönnen, Leiter des Instituts für Stadtgeschichte. Bönnen war beim Empfang des ehemaligen Wormsers Walter Bernkopf und seiner Söhne Mark und Paul im Rathaus anwesend gewesen (wir berichteten) und stutzig geworden, als der alte Herr einen Jugendfreund namens Wilhelm Weber erwähnt hatte. Das konnte doch nur „der“ Wilhelm Weber sein, der seit Jahren ehrenamtliche Arbeit im Stadtarchiv leistet! Bönnen lag mit seiner Vermutung richtig, und wenig später hielten sich die Jugendfreunde in den Armen.

Willi und Walter

Wilhelm Weber und Walter Bernkopf

Es ist eine fast unglaubliche Geschichte, die Wilhelm Weber und Walter Bernkopf verbindet. Sie lernten sich 1932 kennen, als Walters Eltern, Siegfried Bernkopf und Trude, geb. Oppenheimer, aus Heidelberg nach Worms zogen. Die Väter der Jungen waren beide bei der Deutschen Bank in Worms tätig, und so kam es, dass Walter und Willi häufig in Bernkopfs Haus in der Mozartstraße miteinander spielten.

Weil Siegfried Bernkopf Jude war, wurde er 1936 zwangspensioniert, die Bernkopfs zogen nach Köln. „Meine Eltern und ich besuchten die Familie, als Walters Ausreise nach Amerika gerade kurz bevorstand“, erinnert sich Wilhelm Weber, der damals 13 Jahre alt war. Beim Abschied übergaben Walter Bernkopfs Eltern, denen 1938 im letzten Moment die Flucht nach Kuba gelang, Wilhelms Vater ein Ledersäckchen mit einem Teil des Familienschmucks, Brillanten und eine Uhr, zu treuen Händen.

„Während des Krieges ist es uns nicht gut gegangen, wir wurden völlig ausgebombt“, erzählt Wilhelm Weber, „mein Vater hat den Schmuck jedoch nie angetastet und immer bei sich getragen, selbst bei den Luftangriffen.“ 1946, als alles vorüber war, kam dann eine Anfrage von Bernkopfs, die mittlerweile in den Vereinigten Staaten lebten, ob die Familie den Krieg heil überstanden hätte und noch im Besitz des Schmucks sei. Allerdings hatte die Sûreté, die den Briefwechsel zwischen Deutschland und Frankreich damals kontrollierte, den Brief abgefangen und falsche Schlüsse daraus gezogen. „Mein Vater wurde von den Franzosen verhört und inhaftiert. Wenig später klärte sich das Missverständnis glücklicherweise auf. Meine Eltern brachten dann den Schmuck nach Heidelberg zu Verwandten der Familie Bernkopf“, berichtet Wilhelm Weber.

Willi und Walter

Im Hintergrund die Wormser Filiale der Deutschen Bank um 1936. Foto: privat

Eine Zeit lang habe man sich noch geschrieben, dann sei der Kontakt allmählich eingeschlafen. „Ende der 60er Jahre habe ich Walter Bernkopf dann durch Zufall bei der Deutschen Bank in Mannheim wieder getroffen. Er war ja Anwalt bei General Electrics und machte hier Station, um Pensionsansprüche für seinen Vater geltend zu machen.“

Über viele, viele Jahre hörten die Freunde dann nichts mehr voneinander, bis am Dienstag nun das Telefon klingelte. Die Wiedersehensfreude war so groß, dass die geplante Stadtführung drastisch gekürzt werden musste, denn „Walter und Willi haben weder den Dom noch das Luther-Denkmal wahrgenommen, sie haben nur geredet und geredet“, erzählt Rolf Schmitt aus Bruchsal, der die Tour nach Worms organisiert hatte. Was Walter Bernkopf allerdings unbedingt sehen wollte, war die Deutsche Bank, vor dem Krieg ein schönes Gebäude mit einem Balkon, auf dem die beiden Jungen oft gespielt hatten. Heute gibt es ihn nicht mehr, aber Wilhelm Weber konnte seinem Freund in einem der Geschäftsräume die von ihm selbst zusammengetragene Ausstellung über die Geschichte der Bank zeigen.

Beim Auseinandergehen tauschten die beiden Freunde Adressen und Telefonnummern aus. „Dieses Mal werden wir uns nicht mehr aus den Augen verlieren“, ist sich Wilhelm Weber ganz sicher.

Willi und Walter

Im Eiscafé nach dem Stadtrundgang. Foto: privat

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