Ist Göttingen überall?

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Samstag, 28. Juli 2012 - 11:29

Die Totenpflege beinhaltet den Schutz der Toten und der Trauernden, was im Recht auf Totenruhe verankert ist und den Schutz der Angehörigen, denen ein pietätvolles Totengedenken als Rechtsgut zusteht. Über diese Rechte und Bräuche muss sich die Transplantationsmedizin  hinwegsetzen.

Die medizinische Ethik und das Tötungsverbot werden durch die Organgewinnung über Bord geworfen. Eine Verpflichtung ethischer Art zur Organspende gibt es daher nicht. Es sind zwei sich widersprechende Ethiken die hier in Konkurrenz treten: einerseits die potenzielle Lebensrettung, andererseits der Umgang mit sterbenden beziehungsweise sogenannten „toten“ Menschen.

Im Jahr 1956 brachte der "Gloria"-Filmverleih den Film "Weil du arm bist mußt du früher sterben" in die Kinos. Dieser Titel ist heute noch so wahr wie damals. Selbst Politiker geben heute zu, dass wir eine Zweiklassen-Medizin, wenn nicht gar eine Dreiklassen-Medizin haben.

Der Film „Fleisch“ von Rainer Erler löste 1979 bei Teilen des Publikums einen regelrechten Schock aus und führte in der Folge zu vehementen Protesten aus der Ärzteschaft, die Stimmungsmache witterte und wilde Vorurteile genährt sah.

Dass solche Dinge wie in „Fleisch“ auch heute noch in Realität geschehen, halte ich für sehr wahrscheinlich. Wir wollen es nur nicht hören. Der Göttinger Organspende-Skandal ist doch hier nur Pipifax und wird von den Medien aufgeblasen.

Hier von Tötung zu sprechen, wie die Staatsanwaltschaft sich äußert, ist doch wirklich an den Haaren herbeigezogen. Ein Mensch stirbt doch nicht, weil er keine Organspende bekommt, sondern weil er todkrank oder verletzt ist. Im besten Fall kann er selbst als Spender herangezogen werden. Das mag momentan herzlos klingen, aber es berührt uns doch auch nicht, wenn Menschen in Entwicklungsländern sterben müssen, weil sie nicht einmal die einfachste medizinische Grundversorgung bekommen.

Und Hand aufs Herz: Wenn ein Wirtschaftsmagnat und ein Harz-IV-Empfänger bei gleicher Diagnose und Dringlichkeit ein Organ bräuchten, wer hätte wohl die bessere Chance?

Man wundert sich vielleicht, wie denn der „Göttinger Skandal“ überhaupt aufgedeckt wurde. Es war ein anonymer Hinweis über einen Patienten aus Russland, der über eine private Vermittlungsorganisation zu einer Lebertransplantation nach Göttingen gekommen war. In der Folge wurden Patientenakten überprüft und Unregelmäßigkeiten festgestellt.

Es stellt sich auch die Frage: Kann man es einem Arzt verdenken, wenn er seinem Patienten Vorteile verschafft, indem er ihn kränker darstellt als er ist? Ist die Transplantationsmedizin wirklich so ethisch hochstehend?

Man fragt sich dann, ist hier vielleicht Geld geflossen? Muss gar nicht direkt sein. Wenn ein Arzt, wie in diesem Fall, in seinem Arbeitsvertrag neben seinem Gehalt auch noch Prämien für jede Lebertransplantation erhält, dann kann man sich ausrechnen, was bei 40 Transplantationen pro Jahr und je 2000 Euro pro Transplantation dies an Zusatznutzen für den Arzt bedeutet (Quelle: Hans Lilie, Chefprüfer im Transplantationswesen).

Nein, mit Moral und Ethik hat die Transplantationsmedizin nichts zu tun, auf jeden Fall aber mit Geld.

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