Interview mit SPD-Stadtrat Jürgen Schmitt zur Innenstadtgestaltung

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Jürgen Schmitt gab bruchsal.org exklusiv ein Interview zu den Themen Stadtplanung, Innenstadtgestaltung und insbesondere zur Wiederbelebung der Innenstadt durch das Modehaus Jost.
Montag, 12. Juli 2010 - 13:33

Jürgen Schmitt

Der Bruchsaler Gemeinderat Jürgen Schmitt hat, wie Bruchsals Oberbürgermeisterin Petzold-Schick sowie der Geschäftsführer der Jakob Jost GmbH, Herr Steffen Jost, ausdrücklich bemerkten, die Ansiedlung des Modehauses Jost in Bruchsal in die Gänge gebracht.

Jürgen Schmitt ist Mitglied des Bruchsaler Gemeinderates seit nunmehr über 20 Jahren. Er ist Mitglied der SPD Bruchsal, Mitbegründer des Umweltschutzverbandes AGNUS und der Streuobstinitiative. Ältere Bruchsaler können sich vielleicht noch an sein Engagement zur Nordumgehung der B 35 erinnern. Aus seiner Selbstdarstellung anlässlich der letztjährigen Gemeinderatswahl:

„Ich kümmere mich um nachhaltige Stadtentwicklung. Ich will mithelfen, die Innenstadt attraktiver und lebenswerter zu machen. Durchsetzen will ich die Schaffung einer Gastronomie-Meile zwischen Schloss und Innenstadt - ohne PKW. Mir liegt der Umwelt- und Naturschutz am Herzen und ich will den Flächenfraß eindämmen, damit unsere Nachkommen noch eine Chance haben. Grundlage meiner Aktivitäten sind solide Finanzen. Deshalb setze ich mich sehr stark für die sinnvolle Verwendung unserer Steuergelder ein."

Das selbstgewählte Motto von Jürgen Schmitt: "Gib niemals auf!"


bruchsal.org: Herr Schmitt, anlässlich der Pressekonferenz der Stadt Bruchsal zur Neuvermietung und Neugestaltung des Kaufhaus Schneider, erwähnte die Oberbürgermeisterin Cornelia Petzold-Schick, dass der Vorschlag an die Stadtverwaltung, sich mit dem Modehaus Jost in Verbindung zu setzen, von ihnen kam. Wie kam es dazu?

Jürgen Schmitt: Die Stadtplanung ist meine politische Leidenschaft und als Steuerberater verstehe ich etwas von Unternehmen, auch und gerade vom Handel. Deshalb habe ich als Stadtrat und Bürger dieser Stadt beschlossen, mich um die Ansiedlung zu kümmern.

Nach meiner Überzeugung konnte nur eine Top-Besetzung im Schneider die Innenstadt aus dem tiefen Tal holen. Wahllose Ansiedlungen um die Stadt herum haben die Innenstadt in eine tiefe Krise gestürzt. Die Kundenfrequenz ist total abgestürzt und die Aufenthaltsqualität in Bruchsal ist von bescheidender Qualität, ein attraktives Angebot für das Umland existiert schon lange nicht mehr. Das SEPA-Projekt hat leider nur örtliche Bedeutung und führt zu keinem nennenswerten Kaufkraftzufluss. Deshalb war die Shop-in-shop-Planung der Schneider Grundstücksgesellschaft katastrophal, denn auch sie hätte nur Binnenkaufkraft umverteilt: das Zentrum wäre danach kaum noch revitalisierbar gewesen und die Rückerlangung der alten Bruchsaler Magnetfunktion auf das Umland wäre auf unabsehbare Zeit unmöglich gewesen.

Deshalb habe ich nach einem großen Modeanbieter gesucht, der allein eine Magnetfunktion für das Umland entwickeln kann. Modepark Röther hatte mir schon vor langem abgesagt und später entdeckte ich in Neustadt/Weinstraße das Modehaus Jacob und versuchte dieses nach Bruchsal zu locken. Der Inhaber sagte mir - nach Beratung mit seiner Familie - leider ab und nach einer kurzen Resignationsphase habe ich ihn wieder angerufen und gefragt, welche Player denn noch in seiner Liga spielen. Denn klar ist, dass man seine leistungsfähigen Mitwettbewerber kennt. Da bekam ich von ihm den Tipp „Jost".

Ich habe mir das Landauer Modehaus Jost angesehen und fand das Konzept perfekt für Bruchsal. Daraufhin habe ich den Kontakt zu Jost aufgenommen, der mir allerdings erklärte, dass das Thema Schneider für ihn schon erledigt sei - die Schneider-Leute hatten ihm schon lange vor mir vergeblich ihre Immobilie zur Anmietung angeboten - allerdings offenkundig ohne ausreichende Standortfakten.

bruchsal.org: Herr Steffen Jost von der Modehaus Jost GmbH führte aus, dass er eigentlich zunächst gar nicht interessiert gewesen wäre am Standort Bruchsal, sie seien jedoch sehr überzeugend am Telefon gewesen. Wie und womit konnten Sie Herrn Jost von Bruchsal überzeugen?

Jürgen Schmitt: Da ich wusste bzw. weiß, dass Bruchsal und sein Umland eine sehr gute, sogar deutlich überdurchschnittliche Kaufkraft hat, gab ich mich mit der Antwort bzw. der Information, dass das Thema für Jost durch sei, nicht zufrieden. Ich habe ihm die Vorteile des Standortes genannt und ihn mit allen verfügbaren Marktforschungs-Daten versorgt, die das enorme Kaufkraftpotential und die Versorgungslücken dokumentieren. Schließlich beträgt die anteilige Modefläche in der Bruchsaler Innenstadt gerade einmal 8 %, gegenüber 25 % im Bundesdurchschnitt bei vergleichbaren Zentren. Es war also kein unüberwindliches Problem Jost zu vermitteln, dass er sich mit der Ansiedlung in einen aufnahmefähigen Markt begibt. Jost ist auch jemand, der zuhören kann und neue Argumente aufzunehmen versteht. Und ich als Steuerberater weiß natürlich, wie man Unternehmer interessiert und was Unternehmer interessiert bzw. interessieren muss.

Witzig ist das Detail, dass sich Jost mit mir in Bruchsal zu verabreden suchte, mich nicht erreichte und sich dann ausgerechnet zu dem Zeitpunkt das Schneidergebäude auf eigene Faust ansah, als dort das Fassaden-Opening in Anwesenheit der Oberbürgermeisterin Petzold-Schick stattfand. Immerhin konnte Jost erkennen, dass das Gebäude, wie von mir geschildert, im kommunalpolitischen und städtebaulichen Fokus steht.

bruchsal.org: Die Fassade des Modehauses Jost wird mit Landes- und Stadtmitteln energetisch saniert und dabei ästhetisch aufgewertet. Die Förderung beträgt mehrere 100.000 Euro. Sehen Sie die Verwendung der öffentlichen Mittel für diese Maßnahme als sinnvoll an?

Jürgen Schmitt: Natürlich. Wer die Bruchsaler Rundschau regelmäßig liest wird wahrgenommen haben, dass ich schon „unter Doll" vorgeschlagen habe, den „Schneider" in das Sanierungsgebiet Nord-West aufzunehmen, um Einfluss auf Nutzung und Fassadengestaltung zu bekommen. Die Stadt hat das - meinem Antrag folgend - frühzeitig aufgenommen und konnte jetzt damit operieren.

Im übrigen handelt es sich rechtlich gesehen nicht um eine einzelbetriebliche Subvention, sondern um einen Zuschuss im Rahmen der Gebäudesanierung, mit Regeln, die grundsätzlich für die Eigentümer im Sanierungsgebiet „soziale Stadt" gelten.

bruchsal.org: Derzeit entstehen im Rathaus neben H+M weitere Modegeschäfte, im früheren Keilbach bzw. Kissel hat erst vor wenigen Monaten ein Modegeschäft eröffnet, der C&A scheint mittlerweile etabliert zu sein. Sehen Sie nicht einen Überbesatz an Textilhändlern in Bruchsal?

Jürgen Schmitt: Überhaupt nicht. Auf die Flächenanteile habe ich ja bereits hingewiesen. Sehen Sie sich zum Beispiel Landau oder andere Mittelzentren an. Nur ein hoher Besatz im Textilbereich erzeugt eine zentrale Funktion der Stadt. Mit einer um das Mehrfache erhöhten Kundenfrequenz bleibt für jeden mehr - viel mehr - als vorher übrig.

bruchsal.org: Wie sehen Sie die derzeitige Situation des Bruchsaler Einzelhandels, wie entstand diese und wie ist Ihre Meinung zur Bruchsaler Werbegemeinschaft?

Jürgen Schmitt: Ich bin in Bruchsal als ewiger Feind des Alt-OB Bernd Doll apostrophiert. Zu Recht, was dessen zahllosen falschen Entscheidungen anlangt. Doll hat wahllos Einzelhandel an allen Ecken und Enden der Stadt zugelassen, vor allem im Außenbereich, und damit die zentrale Funktion der Innenstadt zerstört. Dadurch ist die Situation entstanden, dass durch ständig zurückgehende Umsätze im Handel zwangsläufig Neid, Missgunst und Eigennutzdenken zwischen den Händlern entstand. Motto: Jeder gegen jeden, rette sich wer kann. Dieser Mechanismus ist normal und in vergleichbar (schlechten) Zentren gang und gäbe und beileibe keine Bruchsaler Spezialität.

Wenn es immer weniger zu verteilen gibt, wird der (Handels-)nachbar zum Feind. Ich würde da niemandem einen Vorwurf machen - schlussendlich geht es jedem um sein wirtschaftliches Überleben.

Nur wurde dadurch der Standort noch schlechter in der Außenwirkung. Die Werbegemeinschaft hat sich sicher nicht mit Ruhm bekleckert, konnte sie in dieser misslichen Situation wohl auch nicht.

bruchsal.org: Welche weitere Entwicklung für die Einzelhandelssituation sehen Sie für Bruchsal, welche Maßnahmen schlagen Sie vor, damit dieser Weg auch gegangen werden kann?

Jürgen Schmitt: Es klingt ironisch, ist aber ehrlich gemeint: Die Innenstadt ist soweit unten, dass es nur noch eine Richtung gibt: nach oben. Und das ist eine Chance. Eine Verdreifachung oder Vervierfachung der Passantenfrequenz schafft positives Denken und unternehmerische Chancen für viele. Damit ist das notwendige Miteinander möglich, damit kann man und muss man Bruchsal als positiven Corporate-Identity-Kern auffassen.

bruchsal.org: Welche Prioritäten für die weitere Innenstadtgestaltung sehen Sie in Hinblick auf die Einzelhandelslandschaft?

Jürgen Schmitt: Wichtig ist die völlige Neubebauung des alten Tengelmann-Areals bis zur Handelsschule, vielleicht unter Einbeziehung des derzeitigen Feuerwehrareals, durch eine mehrgeschossige Bebauung mit Wohnungen und - natürlich - Handel im Erdgeschoss. Der Jost liefert jetzt die notwendigen Frequenz-Chancen für weitere Geschäfte an diesem Standort. Hier gibt es bereits Gespräche.

Ebenso wichtig ist ein Lebensmittelmarkt mit überörtlicher Bedeutung in der Prinz-Wilhelm-Straße, mit einer Sortimentstiefe von mindestens 30.000 Artikeln (zum Vergleich: ein 1.500 qm-Markt verfügt über ca. 13.000 Artikel). Auch damit kann sich Bruchsal als Einkaufsstadt profilieren und ins Bewusstsein des Umlandes gerückt werden. Wer in Bruchsal hochwertige Lebensmittel kauft, wird die Stadt neu beurteilen können und müssen.

Auch die Nebenflächen von Jost müssen attraktiv genutzt werden - auch hier gibt es bereits sehr weitgehende Gespräche. Damit wäre der Handel in Bruchsal voll positioniert!

Was fehlt ist natürlich Gastronomie, Gastronomie und nochmals Gastronomie. Obere Kaiserstraße, Kübelmarkt und „Schlossmeile" sind die nächsten Pflichtaufgaben.

bruchsal.org: Das Thema SEPA kann natürlich nicht ausgespart werden. Die SEPA ist im Werden, die Mehrheit des Bruchsaler Gemeinderates hat die Bedenken der Bruchsaler Bevölkerung nicht geteilt. Welche Hoffnungen haben Sie zur SEPA und zur Rathausgalerie, welche Erwartungen sehen Sie als nicht erfüllt bzw. nicht erfüllbar?

Jürgen Schmitt: SEPA steht demnächst und ein Zurück geht nicht. Das SEPA-Projekt selbst ist in seiner Handelszusammensetzung kein überörtlicher Reißer - das wissen die Verantwortlichen selbst. H & M ist wichtig, Müller bringt schon auch was, verteilt allerdings in hohem Umfang örtliche Kaufkraft um. Am positivsten ist die Tatsache zu sehen, dass in der Innenstadt sichtbar etwas geschieht und die städtebaulich dringend notwendige Marktplatz-Bebauung sowie die Bebauung der restlichen Kriegslücken in der John-Bopp-Straße endlich angegangen wurden.

SEPA hat nicht von ungefähr die gleichen Nachfolgenutzungshoffnungen für den alten Schneider wie ich. Denn nur mit neuen Kunden, mit einer Frequenz, die derzeit noch Geschichte ist, funktioniert das alles.

Oder anders ausgedrückt: Ohne das Modehaus Jost hätte das SEPA-Projekt - und damit die Stadt - ein Problem. Deshalb nahm ich auch gerne die Glückwünsche des SEPA-Chefs zur Jost-Ansiedlung entgegen.

bruchsal.org: Herr Schmitt, wir danken Ihnen für das Gespräch.

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