Ein Interview mit Regisseur Mehdi Moinzadeh und Ausstatter Igor Maier

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„Deportation Cast“ am 24. und 25. Januar als Gastspiel an der BLB / mit Publikumsgespräch
Donnerstag, 23. Januar 2014 - 16:38
Deportation

Gastspiel an der Badischen Landesbühne: Deportation Cast von Björn Bicker

Ein Interview mit Regisseur Mehdi Moinzadeh und Ausstatter Igor Maier im Rahmen des Gastspiels Deportation Cast von Little Black Fish Colletive an der Badischen Landesbühne am 24. und 25. Januar 2014 (jeweils 19.30 Uhr im Hexagon). Im Anschluss: Publikumsgespräch mit Ensemblemitgliedern und Frau Fürüzan Kübach vom Integrationsbüro Bruchsal.

Nach Illegal gastiert das Little Black Fish Collective erneut mit einer Inszenierung von Mehdi Moinzadeh an der Badischen Landesbühne. In dem mit dem „Deutschen Jugendtheaterpreis 2012“ ausgezeichneten Stück von Björn Bicker spielt für Elvira ihre Herkunft als Roma nach der Flucht aus dem Kosovo nach Deutschland keine Rolle. Doch dann folgt plötzlich die Ausweisung der Familie in die alte Heimat, in der sie von Armut und Diskriminierung bedroht sind. Mehdi Moinzadeh inszeniert Deportation Cast als ein vielschichtiges Panorama unserer Gesellschaft, die in grundsätzlichen Fragen wortwörtlich an ihre Grenzen stößt.

Dementsprechend handelt es sich um ein Stück, das auch in Bruchsal von hoher Aktualität ist. Immer wieder wurde in den letzten Monaten über Asylunterkünfte diskutiert und gestritten. Oftmals wirkte es bei diesen Gesprächen, als würde vergessen werden, dass es um Menschen geht, die dringend Hilfe benötigen und keinesfalls freiwillig ihre Heimat verlassen haben.

Um sowohl über diese Aktualität als auch über die Inszenierung zu reden, bietet die Badische Landesbühne im Anschluss an beide Vorstellungen ein Publikumsgespräch an, bei dem die Beteiligten der Produktion sowie als Gast Frau Fürüzan Kübach vom Integrationsbüro Bruchsal teilnehmen werden.

Bereits im Vorfeld des Gastspiels standen uns Mehdi Moinzadeh und Ausstatter Igor Maier für ein Gespräch zur Verfügung.

Herr Moinzadeh, mit Deportation Cast inszenieren Sie nach Illegal bereits zum zweiten Mal ein Stück von Björn Bicker. Wie kamen Sie auf dieses Stück und was haben Sie in Ihrer Inszenierung fokussiert?

Mehdi Moinzadeh: Ja, das ist richtig, Deportation Cast ist das zweite Stück, das wir von Björn Bicker umsetzten. Die Auswahl dafür war sehr einfach; ich interessierte mich nach meiner Inszenierung von Illegal für sein neues Stück und der Verlag SchaefersPhillippen sendete uns das Stück zu. Ich war begeistert vom Inhalt und der Form. Glücklicherweise wurde unser Antrag für die Inszenierung des Stückes gewährt und ich konnte mich mit meinem Team in Berlin an die Arbeit machen. Unser Fokus war die Komplexität der Dramaturgie mit ihrer Dreifach-Besetzung, das heißt alle Schauspieler müssen drei sehr verschiedene Figuren spielen und „sich selbst“ als Schauspieler/Menschen in der vierten Figur. Dies ist zwar eine große Herausforderung für die Spieler und für das Publikum, aber beide Seiten kommen dadurch nicht in die Versuchung sich in eine vermeintliche „Harmonie“ einer klaren Rollenverteilung hinzugeben, weder auf der Bühne noch im wahren Leben.

Sie arbeiten regelmäßig mit Igor Maier zusammen. Wie verläuft diese Zusammenarbeit und, ganz konkret, wie ist das Bühnenbild zu Deportation Cast entstanden?

Mehdi Moinzadeh: Igor Maier ist seit unserer ersten Zusammenarbeit bei Illegal ein festes Mitglied im Collective und aufgrund seiner vielfältigen Begabungen und Berufungen unser Artdirektor, Bühnenbildner und – was mich als Regisseur besonders freut – auch ein Schauspieler! Darüber hinaus ist Igor auch im Vorstand unseres kleinen Vereins und somit einfach unersetzbar für das Little Black Fish Collective.

Igor Maier: Die Entwicklung und konkrete Arbeit am Bühnenbild ging einher mit der Spielweise und Inszenierungsform und wurde parallel zur Probenarbeit entwickelt. Ich komme ja eigentlich aus der Bildenden Kunst und so ist es immer sehr spannend, einen Raum oder eben Bühnenbild für eine Inszenierung zu schaffen. Wir versuchten aus den Bedürfnissen des Stücks und des Bühnenraums ein „Bild“ zu finden, das die verschiedenen Ebenen und Orte des Stücks eigenständig interpretiert. Das Ergebnis ist eine Spielfläche, die zwischen Farben, Flächen und Formen eine Kohärenz zwischen den Welten herstellen will.

Björn Bicker wurde für Deportation Cast mit dem „Deutschen Jugendtheaterpreis 2012“ ausgezeichnet, was die hohe Qualität des Textes unterstreicht. Aber handelt es sich hierbei um ein typisches Jugendstück oder ist es auch für Erwachsene relevant?

Mehdi Moinzadeh: Der Protagonist und gleichzeitiger Erzähler im Stück ist der 11-jährige Egzon. Er spricht seit seinem vierten Lebensjahr kein Wort mehr, so dass noch nicht einmal seine Familie sicher sagen kann, welche Sprache er eigentlich versteht. Oder ob er überhaupt eine Sprache versteht. Zudem haben wir mit Elvira und ihrem Klassenkameraden Bruno, der gleichzeitig ihre erste Liebe ist, zwei weitere junge Figuren im Stück. Hierdurch können sich junge Zuschauer sehr gut mit der Lebenswirklichkeit von Elvira und Bruno identifizieren. Aber es gibt natürlich auch viele Erwachsene und hinsichtlich der Thematik ist es ganz klar kein reines Jugendstück. Bei uns in Berlin kam überwiegend erwachsenes Publikum, die diesen Abend als sehr intensiv erlebt haben.

Little Black Fish ist ein Kollektiv aus unterschiedlichen Künstlern. Wie setzt sich das Team für Deportation Cast zusammen?

Mehdi Moinzadeh: Wir haben für Deportation Cast ein Schauspiel-Ensemble, das in dieser Konstellation das erste Mal zusammen arbeitet und eine sehr spannende Zusammensetzung von Künstlerpersönlichkeiten und Erfahrungswerten mit sich bringt. Gleichzeitig ist es ein sehr internationales Ensemble, was auch nochmals die Arbeit beeinflusst. Die Rolle des Roma Vaters/deutschen Pilots/Anwalts wird übernommen von Tony De Maeyer. Er ist ein aus Belgien stammender Schauspieler und Lehrer für Biomechanik. Die im Iran geborene Tänzerin Yalda Moinzadeh, die ihre ersten Bühnenerfahrungen als Schauspielerin an der Badischen Landesbühne machte, kehrt für das Projekt wieder ins „Sprechtheater“ zurück. Ihre Erfahrungen als Tänzerin bringt sie fruchtbar in diese Zusammenarbeit mit ein und spielt die Elvira/Lehrerin/Sachbearbeiterin. Jana Goller, die deutsch-griechische Schauspielerin, Spielleiterin und Dozentin für Theaterpädagogik aus Berlin, spielt die Rollen Roma Mutter/Freundin des Piloten/Beobachterin. Igor Maier, deutsch-russischer Abstammung, ist Illustrator, Bühnenbildner und Schauspieler und spielt Egzon/Bruno/Arzt. Live auf der Bühne begleitet den Abend als „fünfter Spieler“ unser musikalischer Leiter, der Cellist und Komponist Thilo Thomas Krigar. Er studierte Cello sowie Musikwissenschaft. Von 1986 bis 1988 lehrte er in Kolumbien und befasste sich intensiv mit lateinamerikanischer Musik. Als Solist und Kammermusiker konzertierte er in über dreißig europäischen, nord- und südamerikanischen Staaten, in nahezu allen wichtigen deutschen Städten und im Rahmen internationaler Festivals. Als Komponist schrieb Thilo Krigar Kammermusikwerke und schuf Musiktheaters. Seit 1999 beschäftigt er sich mit DNA-in-Concert, einer wissenschaftlich exakten Umsetzung des Flusses der genetischen Information als Sinfonie des Lebens. Er ist Gründer der PYTHAGORAS STRINGS und konzipiert die Programme des Ensembles.

Igor Maier: Und inszeniert wurde das Stück von Mehdi Moinzadeh, den man in Bruchsal wohl keinem mehr vorstellen muss. Bundesweit wurde er ja als Kieler Tatort-Kommissar bekannt, aber bereits nach seiner Schauspielausbildung an der Otto-Falckenberg-Schule arbeitete er als Schauspieler unter anderem an den Münchner Kammerspielen. Gegenwärtig ist er auch wieder als Schauspieler an der Badischen Landesbühne in Das Bildnis des Dorian Gray. Und seit seinem Regiedebüt 2008 am Berliner Ballhaus Naunynstraße inszenierte er regelmäßigt für das Little Black Fish Collective und führte diese Spielzeit Regie bei Danton! Tod? an der Badischen Landesbühne.

Karten für die Vorstellungen am 24./25. Januar 2014 um 19.30 Uhr im Hexagon des Stadttheaters gibt es bei der Badischen Landesbühne unter Telefon 07251.72723 oder an der Abendkasse.

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