Interview mit dem Bruchsaler Pfarrer Dr. Jörg Sieger zur Benennung des Platzes bei SEPA und Stadtkirche

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Mittwoch, 9. März 2011 - 19:15

 

Dr. Jörg Sieger

Mittlerweile wird quer über den Erdball kritisch beäugt, wie die Stadt Bruchsal mit dem Andenken an eine Bruchsaler Familie umgeht, die 1938 vor dem Nazi-Terror aus Deutschland fliehen musste: The city of Bruchsal continues to debate over the naming of a square after a former Jewish resident. Zu dieser Angelegenheit hat bruchsal.org mit dem "Peterspfarrer" Dr. Jörg Sieger gesprochen.

bruchsal.org: Vielen Dank Herr Dr. Sieger, dass Sie sich zu diesem kleinen Interview in Zusammenhang mit der Benennung des Platzes zwischen Sparkasse, SEPA und Stadtkirche bereit gefunden haben.

Die Befürworter einer Platzbenennung „Marienplatz" verweisen auf die große Tradition der Marienverehrung in Bruchsal. Wie sehen Sie diese Tradition und die hieraus abgeleitete Forderung, diesen Platz unbedingt Marienplatz zu benennen?

Dr. Jörg Sieger: Ich denke, dass es hier nicht darum geht, ob in Bruchsal Marienverehrung eine große Tradition hat oder nicht. Eine solche Tradition steht - unabhängig von der Benennung des Platzes - außer Frage. Die Stadtkirche selbst als Marienkirche ist hierfür bedeutendstes Zeugnis.

bruchsal.org: Die Volkskirche ist auf dem Rückzug, zumindest in einer Krise. Ist in einer weitgehend säkularen Gesellschaft eine solche Manifestation noch angebracht?

Dr. Jörg Sieger: Hier geht es meines Erachtens nicht um die Frage danach, ob Kirchen Volkskirchen sind oder nicht. Auch hat ein Straßenschild wenig mit solch einer Manifestation zu tun. Wenn man so argumentieren würde, dann müsste man gleich die Frage stellen, ob Kirchen in Städten stehen dürfen oder nicht, denn die sind die stärkste Manifestation einer christlichen Tradition in unserer Gesellschaft.

bruchsal.org: In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschien kürzlich ein Artikel unter der Überschrift „Jesus war ein Jude. Er las die Thora und predigte wie ein Rabbiner. Das sollten Christen akzeptieren." Wie ist Ihre Meinung zu dieser Aussage?

Dr. Jörg Sieger: Das ist keine Neuigkeit, dazu brauchen wir keine Frankfurter Allgemeine Zeitung. Wer nicht darum weiß, dass Jesus Jude war und dies nie in Abrede gestellt hat, der hat herzlich wenig von ihm verstanden. Auch ist es für Christen unabdingbar notwendig, um die Wurzeln unseres Glaubens im Judentum zu wissen. Ich kann das Neue Testament nur vom Alten, vom Ersten Testament her verstehen.

bruchsal.org: Die Familie Oppenheimer hat sehr viel für Bruchsal getan. Louis Oppenheimer war zusammen mit Ferdinand Keller und dem katholischen Pfarrer Josef Kunz Miterbauer des St. Josefshauses in der Peter-und-Paul-Straße, heute eine Einrichtung der Caritas. Jakob Oppenheimer war wie sein Vater Louis über viele Jahre im Vorstand des katholischen „Krankenvereins". Warum können sich Christen nicht mit der jüdischen Familie Oppenheimer anfreunden, trotzdem diese so große Wohltäter gerade auch christlicher Einrichtungen waren?

Dr. Jörg Sieger: Bitte hier nicht verallgemeinern. Ich hoffe, dass alle Bruchsaler um die Bedeutung der Familie Oppenheimer für diese Stadt wissen und der Familie die entsprechende Hochachtung zollen. Den jüdischen Familien dieser Stadt ist großes Unrecht widerfahren und Bruchsal hat sich mit diesem Teil seiner Geschichte in der Vergangenheit recht schwer getan. Hier gilt es noch viel aufzuarbeiten. Von daher kann ich nur hoffen, dass gerade Christen keine Vorbehalte gegenüber der Familie Oppenheimer haben.

bruchsal.org: Das Thema Platzbenennung war bereits im Gemeinderat; die zunächst dem Namen Oppenheimer kritisch gegenüberstehende CDU-Fraktion hat später in der Bruchsaler Rundschau erklärt, dass sie den Namen Oppenheimerplatz oder Otto-Oppenheimer-Platz unterstützen würde. Damit hätten sich alle Fraktionen für diesen Namen ausgesprochen. Mittlerweile wurde „von interessierter Seite" das Thema wieder aufgegriffen und erneut an die Stadtverwaltung zur erneuten Diskussion getragen. Warum diese Dealerei und Lobby-Arbeit hinter den Kulissen? Schadet dies nicht letztendlich auch der katholischen Kirche sowie dem Ansehen der Stadt Bruchsal?

Dr. Jörg Sieger: Ich persönlich halte eine Benennung des Platzes nach Otto Oppenheimer für sehr sinnvoll. Gerade in jüdischen Kreisen wird in dieser Frage auf Bruchsal geschaut und darauf geachtet, wie man heute mit dem Thema in dieser Stadt umgeht. Christen steht es gut an, bei allen Möglichkeiten, wie man einen solchen Platz nennen könnte, hier der Ehre des jüdischen Andenkens den Vorzug vor anderen zu geben.

bruchsal.org: Welchen Rat würden Sie gerne den Gegnern und Befürwortern einer Benennung des Platzes nach der Familie Oppenheimer mit auf den Weg geben?

Dr. Jörg Sieger: Ich bin nicht derjenige, der anderen Ratschläge zu geben hat. Wichtig ist, dass es eine sachliche Diskussion bleibt und man eine Lösung findet, die am Ende gut für Bruchsal ist.

© Rolf Schmitt

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Kommentare

Deal

Bisher war ich der Ansicht, die katholische Kirche hätte höchstwahrscheinlich einen Deal mit der Stadt Bruchsal gemacht: Der Konsumtempel darf recht nahe an die Kirche heranrücken, dafür muß der entstehenden Platz jedoch Marienplatz benannt werden. Dem scheint so doch nicht gewesen zu sein.

Wenn es der Gemeinderat nicht

Wenn es der Gemeinderat nicht schafft, dann übernehmen es die Narren!

Und das haben sie am letzten Tag nochmals deutlich gezeigt:

http://www.grokage-bruchsal.de/pages/bilder.php?action=showgallery&pfad=17

Otto-Oppenheimer-Platz

 

Das freut nicht nur die Narren

Dealer

@ Waldemar Z.:
Wenn gedealt wurde - was ich nicht ausschließe - dann aber nicht zwischen "der Stadt" und "der katholischen Kirche" sondern zwischen zwei orts- und amtsbekannten Dealern.

Das Leo Baek Institute hat heute veröffentlicht:

http://digifindingaids.cjh.org/?pID=121505

 

das kam heute über Twitter. Die Geschichte der  Bruchsaler Familien Oppenheimer und Baer.

Die Dokumente sind zum Teil sehr interessant.

Firma Oppenheimer -

Firma Oppenheimer - Geschichte eines Uniformtuchhauses

Dies sollten sich mal die Befürworter des Marienplatzes, Stiftplatz und Bernd-Doll-Platzes durchlesen. Und wenn es nur die letzten Seiten sind.  Ich schäme mich, dass manche nach 70 Jahren noch immer nicht einen Bruchsaler Bürger ehren können dem diese Ehre gebührt. So was ist Scheinheilig.

Auch wäre es ein Zeichen gegenüber der jüdischen Gemeinde in Deutschland, dass die Generationen, die nach dem schrecklichen Verbrechen an unseren jüdischen Mitbürgern geboren wurden, sich ihrer Verantwortung voll bewusst sind und den Holocaust nicht vergessen möchten bzw. können. Und diese Gelegenheit sollte man beim Schopf ergreifen und mit diesen neu gestaltetem Platz einen Bruchsaler Bürger ehren, der durch den Holocaust seine Existenz und das seiner Vorfahren verloren hat.

Dieser Gemeinderat?

Nein - eigentlich möchte ich nicht mehr, dass dieser Gemeinderat über die Platzbenennung entscheidet - auch nicht für Oppenheimer-Platz. Dieser Gemeinderat hat es nicht verdient.
Es wäre nur noch peinlich.

Ein mobiles Plätzchen

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... haben sich die Brusler da mit dem "Oppenheimer" erworben.

Angedacht zwischen Stadtkirche, Sparkasse und John-Bopp-Straße sollte er zunächst im vergangenen Frühsommer auf den oberen Weiherberg verbannt werden.

Nachdem er zwischenzeitlich am Rendezvous-Platz Station gemacht hatte, wurde er dem Vernehmen nach zuletzt am Siemens-Kreisel gesichtet.

Ich hoffe, dass es Ihnen nicht wie mir geht, denn ich finde dieses unwürdige Geschiebe zum Speien.

Wissen Sie noch:

"Demokratie verkommt, wenn sie nicht geführt wird."

Nie hätte ich mir träumen lassen, dass ich mich an diesen Satz mal mit einem Anflug von Nostaigie erinnern würde.

Zumal dann, wenn diese Führungsverweigerung jeglichen Anschein der vollmundig angkündigten Transparenz meidet und die relevanten Gespräche wie in alten Zeiten in Hinterzimmern - wenn nicht gar in Beichtstühlen - geführt werden.

@aramis

Nicht nur am Siemens-Kreisel oder an der Bushaltestelle in der Bahnhofstraße wurde der "Oppenheimer" gesichtet. Die Planspielchen der Stadtverwaltung machten auch vor dem oberen Teil der Friedrichstraße zwischen Sport-Schlenker und Feuerwehrhaus nicht halt, einer der unattraktivsten Ecken in Bruchsals Innenstadt. Ein schäbiges Bubenstück wird da aufgeführt - unter der Ägide einer Oberbürgermeisterin die ihr Amt antrat mit dieser Aussage: „Ich möchte, dass die Identität von Bruchsal erlebbar wird. Tradition, Wurzeln, Geschichte Bruchsals, wesentliche Menschen, die sie geprägt haben, sind wichtig. Denn ohne das Verständnis des Wohers wird auch ein Wohin nur schemenhaft“. Bereits Bernd Doll ließ den jüdischen SPD-Politiker Ludwig Marum, der in Bruchsal aufgewachsen ist und im KZ Kislau ermordet wurde, an den äußersten Rand des Baugebiets Silberhölle verbannen. Insofern ist das Geschachere um den "Oppenheimer" eigentlich nur konsequent. TEMPORA MUTANTUR?

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