Interview mit Carsten Ramm, Intendant der Badischen Landesbühne

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Mittwoch, 24. September 2014 - 19:18

Auf bruchsal.org war kürzlich in einem Beitrag zu lesen, dass der Vertrag mit dem Intendanten der Badischen Landesbühne, Herrn Carsten Ramm, um weitere vier Jahre verlängert wird bis 2020. Im Jahre 2020 wird Carsten Ramm dann die Geschicke der Badischen Landesbühne 22 Jahre gelenkt haben.

Ein Anlass, für bruchsal.org mit Carsten Ramm über die Badische Landesbühne im Allgemeinen aber auch Besonderen zu sprechen.

Ramm

Carsten Ramm

Bruchsal.org: Herr Ramm, zunächst möchte ich Ihnen im Namen der Herausgeber von bruchsal.org ganz herzlich zu der Verlängerung Ihres Vertrag als Intendant der Badischen Landesbühne bis 2020 durch den Vorstand der Badischen Landesbühne gratulieren. Wo sehen Sie die Badische Landesbühne in sechs Jahren?

Carsten Ramm: In der Mitte der Stadt, in der Mitte der Region, als kraftvolles kulturelles Herz. Von der Politik in Stadt und Land geschätzt, gewollt und solide finanziert. Und am liebsten natürlich in einem eigenen Haus.

Bruchsal.org: Sie sind jedoch nicht nur als Intendant der Badischen Landesbühne tätig, sondern inszenieren auch Theaterstücke, wie jetzt beispielsweise den Mephisto von Klaus Mann. Dieser Tage haben Sie auch ein Buch herausgegeben, 'Es wird schon nicht so schlimm!' von Hans Schweikart. Wie kam es dazu?

Carsten Ramm: Bei der Recherche zu einer einzelnen Rolle im 'Mephisto', die von Ariane Mnouchkine, der Autorin der Bühnenfassung, dem Romantext von Klaus Mann hinzugefügt wurde, habe ich den Film 'Ehe im Schatten', eine Defa-Produktion von 1947, gesehen. Der Film thematisiert das Schicksal des Schauspielers Joachim Gottschalk und seiner jüdischen Frau Meta. Beide gingen 1941 zusammen mit ihrem Sohn in den Freitod, weil die Nazis sie zur Trennung zwingen wollten und der Frau und dem Sohn die Deportation nach Theresienstadt drohte. Im Vorspann des Films gab es den Hinweis „Nach einer Novelle von Hans Schweikart“. Diesen Text wollte ich lesen, musste aber erfahren, dass er bis heute nicht veröffentlicht wurde. Als wir nach einigem Suchen dann an das Manuskript gekommen sind und die Erzählung lesen konnten, war uns schnell klar, dass dieser Text an die Öffentlichkeit gehört. Im Berliner Verbrecher Verlag, seit der Uraufführung von „Otto der Großaktionär“ ein enger Partner des Theaters, ist er jetzt in Buchform erschienen. Und die Besucher unserer „Mephisto“-Inszenierung erhalten das Buch dank des Engagements der Sparkasse Kraichgau zu einem stark ermäßigten Preis.

Bruchsal.org: Die Badische Landesbühne führte im November 2010 das Stück „Die Geschichte vom Herrn Rat“ von Paul J. Schrag erstmals auf. der Rechtsanwalt und Schriftsteller Schrag beschrieb in seinem Theaterstück das Schicksal seiner jüdischen Verwandtschaft aus Bruchsal zu Zeiten des Nationalsozialismus. Sehen Sie Parallelen in diesen beiden Lebens- und Leidensgeschichten?

Carsten Ramm: Ja, auf jeden Fall. Sowohl Schrag als auch Schweikart werfen Schlaglichter auf die dunkele Seite dieses Landes. Jedes einzelne Schicksal muss erzählt werden. Nur in den Einzelschicksalen können wir die ungeheuerliche Dimension des braunen Terrors begreifen, der dieses Land überzogen hatte. Nur anhand von Einzelschicksalen können wir uns selber befragen: Wie hätten wir gehandelt? Wie würden wir handeln, wenn wir in einer ähnlichen Situation wären? Wir sollten wachsam sein und uns nicht mit dem Gedanken „Es wird schon nicht so schlimm!“ betäuben.

Bruchsal.org: Die Badische Landesbühne hat in den vergangenen Jahren mit szenischen Lesungen wie 'Die Geschichte vom Herrn Rat' (2010), 'Otto Oppenheimer' (2013) oder 'Ludwig Marum' (2014) an die jüdische Vergangenheit Bruchsals und den Nationalsozialismus erinnert.

Carsten Ramm: Mit der Café-Europa-Reihe „1914-1945-Heute“ setzen wir in dieser Spielzeit die Auseinandersetzung mit unserer Vergangenheit fort. Es wird Lesungen zu Anne Frank, Wolfgang Borchert sowie zur Stunde Null geben. Und mit Stücken wie dem „Törleß“, dem „Mephisto“ und „Draußen vor der Tür“ ist das Thema auch auf der Bühne präsent.

Bruchsal.org: In der Spielzeit 1977/78 führte die Badische Landesbühne „Die Bauernoper“ von Karsunke/Janssens auf. Das Stück spielt im Bauernkrieg, der Untergrombacher Joss Fritz spielt eine wichtige Rolle. Das Stück erhielt großen Zuspruch aus der Bevölkerung, wurde jedoch von „amtlicher Seite“ eher abgelehnt. Denkt oder dachte die BLB an eine Wiederaufnahme dieses Stückes anlässlich der Heimattage?

Carsten Ramm: Ich habe im Laufe der Zeit immer wieder Gutes über die 'Bauernoper' gehört. Aber für die Heimattage steht sie bei uns nicht auf dem Spielplan. Da blicken wir in die Zukunft. Im April und Mai 2015 veranstalten wir das Zukunftsfestival 'Utopolis' im ganzen Stadtgebiet. Da soll es an den unterschiedlichsten Ort Theater und Kleinkunst geben, die BLB, die Bruchsaler Amateurtheater, die Muks und viele Vereine, Künstler und Musiker werden mitmachen – und die Zuschauer sollen durch die Stadt spazieren und ihr Bruchsal ganz neu erleben können.

Bruchsal.org: Seit 2011 gibt es den Freundeskreis Badische Landesbühne.

Carsten Ramm: Es hat mich sehr gefreut, als auf Initiative von Professor Wacker der Freundeskreis entstanden ist. Nicht nur, dass man mit den Freundinnen und Freunden des Theaters gut feiern kann – wie beispielsweise nach der „Mephisto“-Premiere bei einer öffentlichen Premierenfeier im Foyer. Nein, dieses deutliche Zeichen Bruchsaler Bürgerinnen und Bürger, das sagt „Wir wollen dieses Theater!“ ist auch in der politischen Diskussion um die Theaterfinanzierung ein starker Rückhalt für uns. Und der direkte Austausch über unsere künstlerische Arbeit ist inspirierend!

Bruchsal.org: Herr Ramm, wir danken Ihnen für das Gespräch und wünschen Ihnen auch weiterhin viel Erfolg bei der Badischen Landesbühne.

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